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Georg Feuser, Birgit Herz u.a. (Hrsg.): Emotion und Persönlichkeit

Cover Georg Feuser, Birgit Herz, Wolfgang Jantzen (Hrsg.): Emotion und Persönlichkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. 397 Seiten. ISBN 978-3-17-019639-1. 59,99 EUR.

Band 10 Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik.
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Thema

Das hier rezensierte Buch bildet den zehnten Band der Reihe „Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik.“ Somit ist der Band zwar in einem spezifischen Themenfeld, jenem der behinderten Entwicklung, angesiedelt. Gleichwohl aber lassen sich Behinderungen, so der Tenor der Herausgeber, nicht sinnhaft defekt- und individuumszentriert beschreiben. Stattdessen bedarf es differenzierter humanwissenschaftlicher Perspektiven auf menschliche Entwicklung. Letztere wird nur aus ihren sozialen Zusammenhängen heraus nachvollziehbar. Die Analyse der vielfältigen Bedingungsfelder (behinderter) Entwicklung ermöglicht die Neujustierung des Verhältnisses von Normalität und Abweichung.

Herausgeber und Herausgeberin

Georg Feuser war von 1978 bis 2005 Professor für Behindertenpädagogik an der Universität Bremen, anschließend Gastprofessor an der Universität Zürich. Birgit Herz ist Professorin für Pädagogik bei Verhaltensstörungen an der Leibniz Universität Hannover. Wolfgang Jantzen war von 1974 bis 2006 Professor für Behindertenpädagogik an der Universität Bremen.

Entstehungshintergrund

Im nunmehr zehn Bände umfassenden Enzyklopädischen Handbuch (hrsg. von Iris Beck, Georg Feuser, Wolfgang Jantzen und Peter Wachtel), werden aktuelle Fragen der Heil- und Sonderpädagogik behandelt. Zentrale Termini des Fachs, auf die auch bandübergreifend verwiesen wird, werden in Form von insgesamt etwa 20 Haupt-, 100 mittleren und 300 kürzeren Beiträgen aufgegriffen. Beginnend mit wissenschaftstheoretischen und -methodischen Fragestellungen in Band I und der grundlegenden Thematik von Behinderung und Anerkennung (Band II) widmen sich auch die folgenden Bände thematisch geschlossenen, gleichwohl über den Gegenstand der Bandreihe verbundenen Themenfeldern.

Aufbau

„Emotion und Persönlichkeit“ gliedert sich in drei große Abschnitte.

  1. In Teil I werden in ausführlicheren Beiträgen grundlegende innerpsychische (demnach emotionale Prozesse betreffende) sowie soziale (Beziehung und Bindung fokussierende) Aspekte von menschlicher Entwicklung thematisiert.
  2. Teil II behandelt in neun Stichworten zentrale Fragestellungen im Kontext von Persönlichkeitsentwicklung aus differenten wissenschaftlichen Perspektiven.
  3. In Teil III („Einzelprobleme“) werden in 30 kürzeren Artikeln nunmehr stärker auf erschwerte, teils nachhaltig behinderte Entwicklung bezogene aktuelle Fragestellungen aufgegriffen und diskutiert. Die Vielfalt der theoretischen Bezüge spiegelt sich unter anderem in folgenden Bezugswissenschaften der Beiträge: Neuropsychologie, Kriminologie, Politikwissenschaft, Psychiatrie, Psychoanalyse, (Reform-) Pädagogik, Verhaltenstherapie.

Inhalt

Mit den namensgebenden Termini „Emotion und Persönlichkeit“ umreißen die HerausgeberInnen ein breites Feld der Pädagogik unter erschwerten Bedingungen, postulieren gleichwohl ein Paradigma, das „in ersichtlichem Widerspruch zu defektorientierten, biologistisch-psychiatrischen Normen und Zuschreibungen“ (Vorwort, S. 9) steht. Subjektiver Sinn von Erleben und Verhalten einerseits und soziale Interaktion im Kontext von Beeinträchtigung andererseits bilden demnach die Rahmenthemen der Analysen. Somit liegt ein Band vor, der trotz einer großen inhaltlichen Breite eine klare Linie aufweist: das Interesse an individuellen und sozialen Zusammenhängen von behinderter Entwicklung, gleichsam sozialer Teilhabe und Ausgrenzung. An dieser Stelle können zwar nicht alle Einzelartikel inhaltlich dargestellt, jedoch sollen exemplarisch einige der zentralen Aussagen aufgegriffen werden.

Zu Teil I: Grundlegung

„Emotion und Persönlichkeit“ ist auch der Titel des einführenden Beitrags von Birgit Herz, der, analog zum Paradigma des ganzen Bandes, interdisziplinäre Perspektiven auf das namensgebende Thema aufzeigt. Ausgehend von differenten Persönlichkeitstheorien, unter ihnen psychoanalytische wie sozial-kognitive, zeichnet die Autorin in der Folge relevante bindungs- und neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse nach. Schließlich wird auch die Kultur- und Gesellschaftsbezogenheit von Emotion und Persönlichkeit gewürdigt. Soziale Ausgrenzung, hochgradig flexibler Arbeitsmarkt, Selbstvermarktung – auch diese sozialen, hoch aktuellen Themen liefern demnach Kennmarken für die Ausprägung individueller emotionaler Stabilität oder Instabilität und prägen so die unverwechselbare, gleichwohl auf soziale Teilhabe orientierte Persönlichkeit.

Georg Feuser und Wolfgang Jantzen verbinden in ihrem Beitrag „Bindung und Dialog“ zwei zentrale Konzepte zum Verständnis menschlicher Entwicklung miteinander. Einerseits das Konzept der Bindung (John Bowlby u.v.a.), andererseits das der Objektbeziehungen (René Spitz), in dem der Dialog den Kern von menschlichem Leben bildet. Behindertes Leben wird so reflektierbar als Ergebnis schwieriger Bindungserfahrungen wie auch entgleisender Dialoge, teils als Folge von traumatisierenden Diagnosen. Neben einer elaborierten theoretischen Vertiefung, die eine solche Sichtweise (nicht nur) in der Heil- und Sonderpädagogik ermöglicht, hat das Nachdenken über gestörte dialogische und bindungsbezogene Prozesse auch vielerlei Folgen für die Praxis. Denn – dies ist ein hoch aktueller Einwand der Autoren – inklusive schulische und außerschulische Praxis kann nicht erfolgreich sein, wenn sie die grundlegenden Bindungs- und Dialogsbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen vernachlässigt.

Zu Teil II: Zentrale Fragestellungen

Günther Opp diskutiert im Beitrag „Psychische Gesundheit und Resilienz“ wichtige Ergebnisse der Resilienzforschung. Die Leitfrage ist demnach: Was ermöglicht Kindern eine gelingende Entwicklung trotz multipler Risikolagen? Der Autor plädiert für eine differenzierte Sichtweise auf die weitgehend bekannten Ergebnisse der Forschung. Denn gerade komplexe Risikolagen lassen fast nie lineare Schlüsse zu, Unterstützungsangebote müssen demnach stets multimodal und lebensweltorientiert angelegt sein.

Manfred Gerspach legt im Beitrag „Übertragung/Gegenübertragung und die gesellschaftliche Institution der Verhaltensstörung“ zunächst eine gut verständliche, demnach auch für die Ausbildung hilfreiche Darstellung psychoanalytischer Theorie des im Titel genannten Themas vor. Im weiteren Verlauf des Beitrags erweitert er diese „klassische“ Sichtweise um eine Darstellung von institutionellen Abwehrvorgängen, die zur Manifestierung von so genannten Verhaltensstörungen beitragen. Der Beitrag zeigt auf, dass eine kritische Analyse aktueller institutioneller und gesamtgesellschaftlicher Zustände notwendig ist, um die Entwicklung hoch beeinträchtigter Erlebens- und Verhaltensmodi bei den Betroffenen sinnhaft nachvollziehen zu können.

Zu Teil III: Einzelprobleme

Eine gesellschaftspolitisch hoch relevante Frage behandelt der Beitrag „Neuropsychologie von Gewalt“ von Daniel Strüber. Ausgehend von aktuellen medizinischen Untersuchungen beschreibt der Autor verschiedene hirnorganische und soziale Bedingungsfelder von massiver Gewalt, nennt aber gleichwohl auch die Grenzen der Aussagekraft bisheriger Untersuchungen. Die pädagogisch relevanteste Frage, dies bestätigt der Autor selbst, muss offen bleiben: Wie stehen ererbte und in sozialer Interaktion erworbene Schädigungen des Gehirns, insbesondere der neuronalen Struktur miteinander in Beziehung?

Aktuelle Fragen der Partizipation thematisieren zwei Beiträge von Norbert Störmer und Andrea Dlugosch mit den Titeln „Netzwerkbildung und Kooperation“ bzw. „Professionelles Handeln“, die den Abschluss des vorgestellten Buchs bilden. Fragt Störmer kritisch nach den dialogischen Möglichkeiten von Menschen mit erschwerten Entwicklungsbedingungen in inklusiven und separierenden Settings, nimmt Dlugosch ähnliche Überlegungen für die Seite der Professionellen vor. Welche Rahmenbedingungen, welche Kooperationen benötigen Lehrkräfte, um den differenzierten Anforderungen moderner Pädagogik gerecht werden zu können?

Diskussion und Fazit

Mit dem hier rezensierten Band liegt eine umfassende Darstellung zentraler Aspekte menschlicher Persönlichkeit vor, mit einem besonderen Augenmerk auf innerpsychische, emotional beeinflusste Prozesse. Die sehr fundierte, demnach auf grundsätzliche Fragen fokussierende Analyse der Stichworte mag, dies betrifft einige wenige Beiträge, die unmittelbare Zugänglichkeit der Texte erschweren. An jenen Punkten wäre eine vereinfachte Abhandlung wünschenswert gewesen, gleichwohl aber ist die fachliche Tiefe auch ein sehr positiv herauszuhebendes Kernmerkmal des Bandes. So gelingt es, ein hoch relevantes Thema interdisziplinär und in der angemessenen Breite zu behandeln und dennoch einen Leitgedanken, der die verschiedenen Stichworte inhaltlich verbindet, zu verfolgen. Dies unterscheidet den vorliegenden Band von einer Vielzahl (vorgeblich) interdisziplinär angelegter Veröffentlichungen.

Für all jene, die erschwerte Entwicklung unter einer kritischen, aktuellen und horizonterweiternden Perspektive analysieren möchten, stellt dieser Band demnach ein wichtiges Handbuch dar. Viele der Beiträge können darüber hinaus als Grundlagentexte auch für die Aus- und Weiterbildung von PädagogInnen dienen.


Rezensent
JProf. Dr. David Zimmermann
Juniorprofessor für Pädagogik bei Verhaltensstörungen, Leibniz Universität Hannover, Institut für Sonderpädagogik
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Zitiervorschlag
David Zimmermann. Rezension vom 19.01.2015 zu: Georg Feuser, Birgit Herz, Wolfgang Jantzen (Hrsg.): Emotion und Persönlichkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-019639-1. Band 10 Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18105.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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