Armin Castello (Hrsg.): Entwicklungsrisiken bei Kindern und Jugendlichen
Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 26.05.2015
Armin Castello (Hrsg.): Entwicklungsrisiken bei Kindern und Jugendlichen. Prävention im pädagogischen Alltag. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. 180 Seiten. ISBN 978-3-17-023953-1. 26,99 EUR.
Herausgeber
Armin Castello ist Professor für Psychologie und Diagnostik an der Europa-Universität Flensburg und Psychologischer Psychotherapeut.
Thema
Kinder und Jugendliche sind in unserer Gesellschaft vielfältigen Entwicklungsrisiken ausgesetzt. Die Kinder verbringen einen Großteil des Alltages in pädagogischen Institutionen. Präventives Handeln der Pädagogen ist deshalb von großer Bedeutung, um die Entwicklung positiv zu beeinflussen.
Aufbau
In elf Kapiteln werden elf zentrale Präventionsthemen für die Kindheit und Jugendzeit behandelt. Diese sind:
- Bindungserfahrungen (Birte Hoffmann, Armin Castello)
- Schutz des Kindeswohls (Armin Castello, Torsten Schutzbach)
- Neurologisch-motorische Entwicklung (Michael Dördelmann)
- Ernährungsgewohnheiten (Simone Gebhard)
- Soziale Integration (Steffen Siegemund)
- Sozialverhalten (Steffen Siegemund)
- Konzentration und Aufmerksamkeit (Simone Gebhard)
- Lern- und Leistungsmotivation (Jürgen Wilbert)
- Schulabsentismus (Heinrich Ricking)
- Stressbewältigung (Armin Castello)
- Suchtverhalten (Christian Tilgner)
Alle Kapitel haben einen ähnlichen Aufbau. Es beginnt mit der Beschreibung der normalen Entwicklung und sonstigen wichtigen Fakten und Begriffen. Es werden Prävalenzzahlen und Risikofaktoren für die Entwicklung einer Störung im jeweiligen Bereich sowie entsprechende Schutzfaktoren berichtet. Für die Praxis werden eventuell vorhandene Präventionsprogramme vorgestellt sowie Maßnahmen für den pädagogischen Alltag, oft aufgegliedert in Maßnahmen auf der Ebene des Individuums, der Ebene des Umfeldes und der Ebene der Institution. Jedes Kapitel wird mit einer Fallschilderung begonnen, die dann am Ende des Kapitels weitergeführt und abgeschlossen wird.
Ausgewählte Inhalte
Auf drei Kapitel soll im Folgenden exemplarisch etwas näher eingegangen werden.
- Bindungserfahrungen: Die Ausführungen zu diesem grundlegenden Präventionsbereich sind eingebettet in das Beispiel von einem extrem anhänglichen sechsjährigen Mädchen. Es werden Bindung, Bindungsqualität und – repräsentationen erläutert und der Einfluss der Eltern-Kind-Interaktion und anderer Risikofaktoren herausgearbeitet. Präventiv wirken die erwähnten gängigen Programme zur Erhöhung der elterlichen/mütterlichen Feinfühligkeit (diese Liste ist nicht vollständig, so fehlt z.B. die „Entwicklungspsychologische Beratung EPB). Abschließend werden Handlungsmöglichkeiten an Schulen und Kindertagesstätten erläutert, eingehend auf unterschiedliche Bindungsqualitäten. Wichtig dabei ist auch die Reflexion der eigenen Bindungserfahrungen.
- Sozialverhalten: Hier dienen zwei Jungen in der zweiten Klasse einer Grundschule als Beispiel. Es wird die Entwicklung aggressiver und prosozialer Verhaltensweisen beschrieben, um dann auf Störungen des Sozialverhaltens einzugehen und Häufigkeit, Verlauf und Erklärungsansätze zu thematisieren. Es werden Maßnahmen zur Vorbeugung und Intervention auf der Ebene der Eltern, Erzieher und Lehrer, der jeweiligen Institution sowie der Kinder und Jugendlichen besprochen und Grundsätze professionellen Handeln in Krisensituationen herausgearbeitet.
- Suchtverhalten: Hier wird als Beispiel die Konzeptualisierung des Umgangs mit Fragen der Sucht nach einer Klassenfahrt mit Jugendlichen einbezogen. Es werden die vielen Arten von Sucht (von Alkohol und Tabak bis Medien und Glücksspiel) erläutert. Möglichkeiten der Prävention beginnend mit der Vorbildrolle von Erzieherinnen im Kindergarten bis hin zur Schule besprochen.
Diskussion
Das gesunde Aufwachsen der Kinder und Jugendlichen ist ein zentrales gesellschaftliches Thema. Neben den Eltern kommt den Pädagoginnen und Pädagogen, die tagtäglich mit den Kindern zusammen sind, sie betreuen, lehren und fördern, eine besondere Bedeutung zu. An diese wendet sich das Buch.
Die Vielfalt der angesprochenen Bereiche macht die Vielfalt der Risiken deutlich. Einige der Bereiche werden schon in der Säuglingszeit grundgelegt und behalten ihre Bedeutung mindestens bis ins die Adoleszenz, andere kommen im Laufe der Entwicklung erst hinzu, wobei Präventionsmaßnahmen schon im Kindergarten begonnen werden können und sollen (z.B. beim Thema Sucht).
In den einzelnen Kapiteln werden die relevanten Entwicklungsbedingen, etablierte Präventionsprogramme und Handlungsmöglichkeiten im Alltag kurz und prägnant dargestellt. Hilfreich ist die Aufgliederung der Handlungsperspektiven für verschiedene Ebenen.
Zielgruppen
Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen, Sonderpädagogen und andere pädagogische Fachkräfte sowie Studierende.
Fazit
In elf Kapiteln werden zentrale Bereiche angesprochen, in denen die Kinder und Jugendlichen Entwicklungsrisiken ausgesetzt sind. Entstehungsbedingungen, jeweilige Risiko- und Schutzfaktoren und alltagstaugliche Handlungsoptionen werden verständlich, aber prägnant dargestellt. Mit seiner Informationsdichte kann das Buch allen pädagogischen Fachkräften und den Studierenden der jeweiligen Fachrichtungen empfohlen werden.
Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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