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Manfred Bönsch: Heterogenität ist Alltag - Differenzierung ist die Antwort

Cover Manfred Bönsch: Heterogenität ist Alltag - Differenzierung ist die Antwort. Pädagogik und Didaktik für heterogene Lerngruppen. Dr. Josef Raabe Verlags-GmbH (Stuttgart) 2014. 170 Seiten. ISBN 978-3-8183-0720-2.
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Autor und Adressaten

Der Verfasser Manfred Bönsch ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hannover. Adressaten dieses Buches sind LehrerInnen und SchulleiterInnen aller Schulen der Sekundarstufe I.

Aufbau

Der Verfasser unterscheidet zwei Qualitätsmerkmale guten Unterrichts: die täglich gelebte Pädagogik, die sich in der Qualität der Interaktionen mit den Schülerinnen zeigt und die Gestaltung des Lernens in heterogenen Lerngruppen. Letztere wird als „Binnendifferenzierung“ systematisch entwickelt.

Der Band ist in folgende Kapitel gegliedert:

  • Guter Unterricht braucht gute Lerner – die Pädagogik einer guten Schule pädagogische Grundlegung
  • Zur Verbesserung der Lehrer-Schüler-Beziehungen
  • Lernarrangements für differenzierte Lernwege
  • Die Ausgestaltung einzelner Differenzierungsansätze
  • Lernwelten und Aufgabenkultur
  • Differenziertes Lernen im kompetenzorientierten Unterricht
  • Differenzierte Leistungsfeststellung und-Beurteilung.

Zur Verbesserung der Lehrer-Schüler-Beziehungen

Guter Unterricht bedeutet Pflege der Beziehungen, gute Vermittlung und Förderung von Selbständigkeit. Insbesondere die Beziehungsdimension, die sich auch in der Vorbildfunktion von LehrerInnen manifestiert, gehört zu den eher vernachlässigten Gelingensbedingungen einer guten Pädagogik. LehrerInnen müssen Vorbild sein, Verantwortung wahrnehmen, Vertrauen geben, Authentizität leben, Engagement zeigen und Wertschätzung praktizieren (9). „Transportmittel“ hierzu sind u. a. ein interessanter Unterricht, Regeln, Rituale und Verabredungen.

Der personale Faktor ist wahrscheinlich für die Ausschöpfung von Begabungen wichtiger als alle methodischen Arrangements. Wichtige Erwartungen an die Lehrperson sind: Aufmerksamkeit gegenüber jedem Einzelnen, Wertschätzung der Person des Schülers auch dann, wenn Verhaltensdefizite auftreten sowie ständig etwas mehr fordern um Wachstumspotenziale herauszufordern (14). Wenn Lehrer individuell und authentisch agieren wollen, sind persönliche Angebote kommunikativer und geselliger Art eine wichtige Ergänzung unterrichterlicher Interaktion: Gespräche über außerunterrichtliche Themen, AG-Angebote mit eigenen Hobbys (z.B. Filmen), eine Lesenacht gestalten oder in den Ferien gemeinsam schwimmen gehen.

Wenn der Blick zu den SchülerInnen wechselt, ist auf der Basis einer guten zwischenmenschlichen Beziehung die Förderung von Selbstkompetenz von großer Bedeutung, damit diese sich selbstbestimmt steuern und organisieren können. Hierzu zählt neben organisatorischen Kompetenzen wie Zeitmanagement auch der Umgang mit Emotionen. Für den Umgang mit Angst ist es wichtig, mit einer Vertrauensperson sprechen zu können, weil sonst die Gefahr von Vermeidungs-und Fluchtverhalten besteht.

Je älter SchülerInnen sind, desto mehr Verantwortung sollten sie für die Planung ihres Lernens übernehmen. PädagogInnen können dies u.a. durch gemeinsame Festlegung von Tages-und Wochenplänen fördern.

Für eine positive Persönlichkeitsentwicklung brauchen SchülerInnen Aufmerksamkeit und Zuwendung. Bei 25 und mehr Kindern oder Jugendlichen in der Klasse ist dies durch eine Lehrkraft allein nicht zu leisten. Als Möglichkeiten bieten sich unterschiedliche Formen des Teamteachings an: Jahrgangsteam, Klassenlehrer-/Fachlehrer-Kooperation, Doppelinstruktion mit oder ohne Rollendifferenzierung beider Betreuer oder bilinguales Teamteaching, wenn bei Kindern mit Migrationshintergrund Kompetenzen in der deutschen Sprache fehlen oder Gebärdensprache bei Hörgeschädigten oder tauben Kindern erforderlich ist.

Eine Verbesserung der Lehrer-Schüler-Beziehungen ist auch möglich, wenn eine Lehrkraft ihre pädagogischen Aktivitäten so differenziert, dass alle Schülerinnen genügend Beachtung und Zuwendung erhalten. Dies kann durch ein gezieltes Planen beabsichtigter Zuwendungen geschehen, in welchen die unterschiedlichen Bedürfnisse der SchülerInnen berücksichtigt werden, z.B. solchen mit viel oder wenig elterlicher Unterstützung oder Einzelbetreuung in der Freiarbeit. Beziehungsarbeit kann auch dadurch geleistet werden, dass differenzierte Programme zur Verbesserung der Beziehungsstrukturen entwickelt werden. Hier sind feste Familien-/Tischgruppen oder die Einrichtung von Paten- und Tutorensystemen denkbar.

Negative Befindlichkeiten von Schülerinnen wie mangelndes Selbstwertgefühl und daraus resultierendes Störverhalten können durch Aufzeigen von Verhaltensalternativen oder durch Zuteilung von Ämtern (z.B. Anwesenheitsliste führen) verbessert werden. Besonders wichtig sind auch kooperatives Lernen, das häufig in der Projektarbeit erforderlich ist oder besondere Herausforderungen wie z.B. Nachtwanderungen oder mehrtägiges Zelten in der Natur.

Zur Binnendifferenzierung

Die Möglichkeiten von Differenzierung im Unterricht sind zahlreich und z.T. schon gut elaboriert: Zieldifferentes Lernen (wichtig zur Vermeidung von Misserfolgen) ist ebenso möglich wie gemeinsame Zielerreichung auf unterschiedlichen Wegen. Ein strukturiertes Angebot für selbständige Arbeit ist das Modell des Stationslernens: unterschiedliche Angebote zu einem Thema wie Arbeitsblätter und Bücher, Spielangebote, Computerprogramme oder Experimentalangebote können angelaufen werden. Sehr stark individualisiert sind vor allem solche Computerprogramme, die in differenzierter und kommunikativer Weise durch das Programm führen.

Durch Differenzierung entstehende Probleme wie wachsende Heterogenität in der Klasse lassen sich dadurch beheben, dass schnell lernende SchülerInnen ein Fach früher abschließen und sich anderen Fächern widmen oder durch altersheterogen zusammengesetzte Gruppen, in denen diese Unterschiede ohnehin selbstverständlich sind.

Mit einer Fülle von praktischen Beispielen werden unterschiedliche Differenzierungsformen veranschaulicht: Bearbeitungsdifferenzierung, nachgehende Differenzierung, Förder-und Forderdifferenzierung, Säulendifferenzierung und Feindifferenzierung. Für alle Ansätze gilt, dass SchülerInnen immer der persönlichen Unterstützung und Beratung bedürfen.

Differenzierte Lernwelten lassen sich auf vielfältige Art gestalten. So können kleine Info-/Mediotheken in einer Klasse zur Förderung der freien Arbeit eingerichtet werden oder auf schulischer Ebene ein Selbstbildungszentrum mit Bibliothek, strukturierten Lernmaterialien, Spielen, technischen Geräten und Medien sowie Werkmaterialien. Dadurch wird die Schule interessant gemacht und es entsteht eine positive Lernatmosphäre.

Die präzise Definition von Kompetenzen ist eine wesentliche Voraussetzung für die Verbesserung der Unterrichtsqualität. Inzwischen gibt es gute Konzepte für einen kompetenzorientierten Unterricht, die auch das Thema Differenzierung enthalten, weil nur so Lernen erfolgreich sein kann.

Da die Variabilität von Lerngruppen und -typen nicht zu Homogenität führt, ist es problematisch, differenzierte Lernstände an Schulen mit einer für alle gleichen Lernkontrolle zu überprüfen. Die/der Lernende sollte sich dann der Überprüfung unterziehen können, wenn sie/er den Zeitpunkt selbst für gekommen hält.

Ein einfaches Umsetzungsmodell kann so aussehen, dass z.B. bei einem Diktat die SchülerInnen zwischen drei Schwierigkeitsgraden wählen können und sie dann bei guter Bewältigung der Langfassung eine 1 oder 2 erhalten, für die mittlere Fassung eine 3 und für die Kurzfassung eine 4 erhalten. In anderen Modellen ist auch die Berücksichtigung individueller Lernfortschritte möglich. Wichtig es in jedem Falle die Transparenz der Bewertungskriterien.

Diskussion

Schon im Aufbau des Bandes macht der Verfasser deutlich, welche Prioritäten er für eine Qualitätsverbesserung in der Schule setzt: die Verbesserung der Lehrer-Schüler-Beziehungen steht vor didaktischen Differenzierungsmaßnahmen im Umgang mit Heterogenität. Das ist eine notwendige Konsequenz aus der Anerkennung individueller Unterschiede. Kinder und Jugendliche unterscheiden sich nicht nur in Begabung und Lernverhalten. Sie zeigen auch in ihrer Persönlichkeit und ihrem Sozialverhalten sehr unterschiedliche Züge. Deren Wertschätzung durch die Lehrenden ist eine Voraussetzung für ein positives Lernklima und damit auch für die vom Verfasser vorgeschlagenen sehr umfangreichen Differenzierungsmaßnahmen, die durch viele und anschauliche Beispiele ergänzt werden. Etwas inkonsequent sind jedoch Bönschs Vorschläge zur Leistungsbeurteilung, die noch sehr stark dem Notensystem verhaftet sind. Zahlreiche Beispiele im in-und Ausland (vor allem den skandinavischen Ländern) zeigen jedoch dass man auch in der Sekundarstufe I auf vergleichende Bewertung verzichten kann. Selektion ist erst am Ende der Sekundarstufe I erforderlich, wenn es um Empfehlungen für die weitere schulische oder berufliche Laufbahn geht. Differentielle Notengebung ist immer mit Selbstwert-und Motivationsproblemen für diejenigen verbunden, die keine guten Noten erhalten. Sinnvoller ist deswegen eine Beurteilung des individuellen Lernfortschrittes in verbaler Form.

Fazit

Der Band gibt eine Fülle von Anregungen zur Gestaltung der Lehrer -Schüler- Beziehungen und des leistungsdifferenzierten Unterrichts in der Sekundarstufe I, für die bisher weniger Überlegungen zum Umgang mit Heterogenität vorliegen als für Grundschule oder Kindergarten. Die Lektüre kann deswegen den Adressaten LehrerInnen und SchulleiterInnen ohne Einschränkung empfohlen werden.


Rezensent
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 16.04.2015 zu: Manfred Bönsch: Heterogenität ist Alltag - Differenzierung ist die Antwort. Pädagogik und Didaktik für heterogene Lerngruppen. Dr. Josef Raabe Verlags-GmbH (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-8183-0720-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18113.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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