Wolf-Rüdiger Wagner: Medienkompetenz revisited
Rezensiert von Prof. Dr. Lothar Mikos, 11.01.2005
Wolf-Rüdiger Wagner:Medienkompetenz revisited. Medien als Werkzeuge der Weltaneignung. Ein pädagogisches Programm. kopaed verlagsgmbh (München) 2004. 206 Seiten. ISBN 978-3-935686-84-6. 16,80 EUR.
Einführung in die Themenstellung
Der Begriff Medienkompetenz ist in der letzten Zeit zu einem politischen Schlagwort geworden. Gleichzeitig hat er damit einen Teil seines Inhalts eingebüßt. Denn die öffentliche Diskussion über die Fähigkeiten, die ein Subjekt haben soll, um kompetent mit Medien umgehen zu können, wird zunehmend geschichts- und kontextlos geführt. Gegen diesen Trend richtet sich der vorliegende Band, der das Konzept nicht neu entwickelt, sondern wieder aufbereitet, um daraus ein pädagogisches Programm vor allem für die Schule abzuleiten. Daher richtet sich das Buch vor allem an Pädagogen aller Art, mögen sie sich nun als Medienpädagogen verstehen oder nicht. Grundlegend geht der Autor jedoch davon aus, dass angesichts der Mediatisierung der Gesellschaft jeder Pädagoge fast zwangsläufig auch Medienpädagoge ist.
Inhalt
Das Buch ist als fortlaufender Essay verfasst. Die 16 Kapitel sind so eher als Zwischen-Überschriften zu sehen. Der Autor geht davon aus, dass Medienbildung und informationstechnische Bildung nicht als zwei verschiedene Dinge gesehen werden sollten, sondern im Konzept einer umfassenden Medienlese- und Medienschreibkompetenz zusammengeführt werden müssten. Dieses Anliegen entwickelt er im Kapitel "Mediendefinition aus pädagogischer Perspektive". Dabei erinnert er unter anderem an den 1995 beschlossenen Orientierungsrahmen zur Medienerziehung in der Schule der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) und beurteilt die seither zu beobachtende Entwicklung kritisch. Sein Fazit: Der Gegenstand der Medienbildung ist für die schulische Bildung bisher nicht handhabbar aufbereitet.
Die folgenden Kapitel möchten diese Lücke schließen. Auf den folgenden 150 Seiten versucht der Autor diese Aufbereitung der Medienbildung für die Schule. Dabei räumt er mit eingefahrenen Mustern der Medienkritik auf, die derzeit noch stark in den Schulen bzw. unter Pädagogen verbreitet sind. Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang das Kapitel, das sich mit dem Mythos der so genannten Primärerfahrung auseinandersetzt: "Topoi der Medienkritik können zu Wahrnehmungsbarrieren gegenüber der gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeit werden: In besonderem Maße trifft dies auf den Topos vom 'Verschwinden der Wirklichkeit' bzw. auf die abwertende Bezeichnung von Medienerfahrungen als 'Erfahrungen aus zweiter Hand' zu. Bezugspunkt dieser oberflächlich und unscharf bleibenden Medienkritik sind die Massenmedien. Die darin zum Ausdruck kommende Einstellung zu Medien und der Mediengesellschaft trägt jedoch im Bereich von Schule entscheidend dazu bei, Medienbildung auf Medienerziehung im Sinne einer Immunisierung gegen Medien zu reduzieren. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Mythos 'Primärerfahrung' erscheint von daher notwendig, um einen Perspektivwechsel in der pädagogischen Diskussion herbeizuführen" (S. 107). Der Autor macht dies anschließend an den Themen Globalisierung, Naturerfahrung und Landschaftswahrnehmung deutlich. Daraus leitet er dann auch die Feststellung ab, "dass die Vermittlung von Medienkompetenz nur auf der Grundlage einer allgemeinen kommunikativen Kompetenz vorstellbar ist" (S. 125).
Die Ausführungen münden schließlich in der "Entwicklung schuleigener Medienkonzepte". Dabei ist nach Ansicht des Autors von einem erweiterten Textbegriff auszugehen, der auch mediale Texte einbezieht, sowie von einem Verständnis von Medien als Werkzeugen der Weltaneignung. "Bei der Beschäftigung mit Fragen der Medienbildung aus der didaktischen Perspektive einzelner Fächer zeigt sich auch, dass hier nicht vorrangig zusätzliche Aufgaben und Anforderungen an Schule herangetragen werden. In vielen Bereichen handelt es sich vielmehr darum, Themen und Ziele, die nicht neu für Schule sind, aus der Perspektive 'Medienbildung' neu zu gewichten und systematischer im schulischen Curriculum zu verorten und dabei den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung zu tragen" (S. 192). In der Diskussion um Medienbildung unterscheidet der Autor anschließend vier Handlungsebenen, die sich jedoch in der Unterrichtspraxis überschneiden und überlagern:
- Analyse- und Reflexionskompetenz,
- Methodenkompetenz,
- Lernkompetenz,
- Handhabungskompetenz.
Letztendlich beginnt die Vermittlung von Medienkompetenz in der Schule jedoch bereits mit dem ebenso kritischen wie kreativen Umgang mit Medien im Unterricht selbst.
Fazit
Wolf-Rüdiger Wagner leistet als erfahrener Praktiker mit dem Buch einen wichtigen Beitrag zu einem Konzept schulischer Medienbildung. Vor allem seine Aufarbeitung der weit verbreiteten oberflächlichen Medienkritik ist gelungen, auch wenn er sich die eine oder andere Polemik vielleicht hätte verkneifen können. Verwunderlich ist jedoch, dass er in der Behandlung des Konzepts der Medienkompetenz zwar auf neuere Literatur eingeht, den "Gründervater" des Konzepts, Dieter Baacke, jedoch nicht erwähnt. Eine kritische Aufarbeitung von dessen Konzept hätte dem vorliegenden Buch gut zu Gesicht gestanden. Insgesamt sollte der Band zur Pflichtlektüre für Pädagogen und vor allem auch für Bildungsplaner gemacht werden. Dem Anspruch, ein pädagogisches Programm der Medienbildung zu entwickeln, ist der Autor voll und ganz gerecht geworden.
Rezension von
Prof. Dr. Lothar Mikos
Professor für Fernsehwissenschaft
Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf", AV-Medienwissenschaft
Es gibt 16 Rezensionen von Lothar Mikos.




