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Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit

Cover Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2015. 5., erweiterte Auflage. 1939 Seiten. ISBN 978-3-497-02496-4. D: 79,90 EUR, A: 82,20 EUR, CH: 103,00 sFr.

Unter Mitarbeit von Klaus Grunwald, Karin Böllert, Gaby Flösser und Cornelia Füssenhäuser.
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Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die 5. Auflage des 1984 erstmals erschienen „Handbuchs“. Gegenüber der 4. Auflage von 2011, die damals als „völlig neu bearbeitete Auflage“ heraus kam (Rezensionen: www.socialnet.de/rezensionen/10712.php und www.socialnet.de/rezensionen/11417.php) ist die neuste Auflage lediglich eine„erweiterte“: es finden sich zehn (im Buch mit Stern gekennzeichnete) Beiträge mehr.

Wie schon bei der 4. Auflage gibt es auch hier einen Internetauftritt des „Handbuchs“: (www.handbuch-soziale-arbeit.de/). Jede(r) kann dort das Vorwort lesen, das Alphabetische Verzeichnis der Beiträge (Inhaltsverzeichnis) einsehen, sehr detaillierte Angaben zu Autor(inn)en finden (im Buch beschränken sich die Angaben auf Titel, Name und Tätigkeitsort) und im Sachregister (identisch mit dem des Buches) suchen. Jedes Exemplar des neuen „Handbuchs“ enthält einen Code, mit dem man, ohne dass (noch einmal) Kosten anfielen wie bei der 4. Auflage, Weiteres einsehen kann: jeden einzelnen Beitrag und eine (mit dem Text verlinkte) Gesamtbibliographie, d.h. Zusammenstellung aller Biographien der Einzelbeiträge (im Buch selbst nicht vorhanden).

Anliegen

Das vorliegende Buch gehört zur Gattung der Spezialenzyklopädien; das sind umfangreiche Nachschlagewerke, die einen bestimmten Wissensbereich mit großer Detailtiefe darstellen. Das „Handbuch“ ist nicht das einzige Werk, welches den Anspruch erhebt, in einem Buch enzyklopädisches Wissen zur Sozialen Arbeit zu bieten. Zu denken hat man an zwei andere Herausgeber-Werke:

Herausgeberkreis

Hans-Uwe Otto ist seit seiner Pensionierung als Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Universität Bielefeld keineswegs im Ruhestand; er ist derzeit Senior Research Professor, Sprecher der NRW-Forscherschule „Education and Capabilities“ der Universität Bielefeld und Technischen Universität Dortmund, Sprecher des Bielefeld Center for Education and Capability Research der Universität Bielefeld und Adjunct Professor an der School of Social Policy and Practice der University of Pennsylvania in Philadelphia (kurz „Penn“), der für die Entwicklung der Sozialen Arbeit wohl weltweit bedeutsamsten Hochschuleinrichtung (vgl. Cnaan, Dichter & Draine, 2008).

Hans Thiersch ist seit 2002 emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik an der Universität Tübingen; das von ihm entwickelte Konzept der „Lebensweltorientierung“ hat seinen festen Platz in Theorie und Praxis der deutsch(sprachig)en Sozialen Arbeit – und das entsprechende Buch gehört zu den meist zitierten Schriften des vorliegenden „Handbuchs“.

Die beiden Vorgenannten sind – noch immer, möchte man sagen – Herausgeber der „neuen praxis“, der bedeutendsten deutschsprachigen Zeitschrift für Soziale Arbeit. Sie haben die an Fachhochschulen und Universitäten sich ab den frühen 1970ern entwickelnde Disziplin der Sozialen Arbeit in (West-)Deutschland über lange Zeit entscheidend mitgeprägt; Hans-Uwe Otto wurde 1974 Professor, Hans Thiersch 1970. Wer wird, diese Frage darf man jetzt stellen, denn sie stellt sich, wer wird ihre Nachfolge in der Herausgeberschaft künftiger Auflagen des „Handbuchs“ antreten? Es könnten Personen sein, die hier – wie schon bei der vierten Auflage – als Mitarbeiter(innen) aufgeführt sind.

Der Diplom-Pädagoge und frühere Thiersch-Mitarbeiter Klaus Grunwald, ist seit 2006 Studiengangsleiter Soziale Arbeit in Pflege und Rehabilitation an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart, an der er seit 2001 Professor ist.

Die Diplom-Pädagogin Karin Böllert, ist nach einer Professur in Sozialpädagogik an der Universität Rostock seit 2001 Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Die Diplom-Pädagogin und frühere Otto-Mitarbeiterin Gaby (Gabriele) Flösser ist Professorin für Sozialpädagogik an der Universität Dortmund.

Die Sozialarbeiterin, Sozialdiakonin, Diplom-Pädagogin und frühere Thiersch-Mitarbeiterin Cornelia Füssenhäuser, ist nach einer Professur in Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Kärnten, Klagenfurt seit 2008 Professorin in Sozialer Arbeit an der Hochschule RheinMain, Wiesbaden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält zunächst ein zweiseitiges Vorwort, danach folgt ein Alphabetisches Verzeichnis der Beiträge (von „Abenteuer- und Erlebnispädagogik“ bis „Zivilgesellschaft“) sowie ein Systematisches Verzeichnis, in dem die Beiträge 17 Themenbereichen (wie „Theorieansätze“ oder „Gesellschaftstheorie und Gesellschaftspolitik“) zugeordnet werden. Dann kommen auf knapp 1900 Seiten die nach ihren Titeln alphabetisch geordneten bald 190 Einzelbeiträge von rund 200 Autor(inn)en. Den Abschluss bilden ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren (lediglich Angaben zu Titel, Name und Tätigkeitsort) und ein umfangreiches Sachregister (Stichwortverzeichnis).

Mit Ausnahme der zehn neuen Beiträge sind alle übrigen identisch mit jenen der 4. Auflage von 2011; deren Literaturverzeichnis endet in der Regel mit dem Jahre 2010 als jüngstem Datum. Die zehn neuen Beiträge sind auf dem Stand von 2013 mit Quellen, deren jüngste auf 2012 datieren.

Die zehn neuen Beiträge sind:

  • Abenteuer- und Erlebnispädagogik (Jochem Schirp)
  • Agency (Eberhard Raithelhuber & Wolfgang Schröer)
  • Anwaltschaft (Ulrike Urban-Stahl)
  • Freiheit (Karin Lauermann)
  • Governance (Paul Stefan-Roß & Günter Rieger)
  • Kinderschutz (Reinhold Schone & Norbert Struck)
  • Leid(en) (Matthias Koch & Benedikt Reusch)
  • Nachhaltigkeit (Susanne Elsen)
  • Soziale Arbeit in den USA (Michael Reisch)
  • Vertrauen (Sabine Wagenblass)

Eine Gesamtdarstellung des Inhalts verbietet sich angesichts der Zahl von bald 190 Einzelbeiträgen. Diese hier zumindest dem Titel nach aufzulisten, halte ich für ein wenig sinnvolles Unterfangen; wer das „Handbuch“ nach Beiträgen absuchen möchte, sei auf die o. g. Internetseite verwiesen. Die beiden Kollegen, die für socialnet die 4. Auflage rezensierten, haben den Versuch unternommen, so etwas wie „den ganzen Inhalt“ zu veranschaulichen; da der Unterschied zur 5. Auflage gering ist, mag sich der Blick in deren Rezensionen (s. o.) lohnen. Was ich nicht für sinnvoll halte: Die von den Herausgebern im Vorwort abgegebenen Erklärungen darüber, was das Handbuch leisten soll, als deren realisierten Inhalt anzusehen; ob sich hier Wille und Tat wirklich decken, wäre erst noch auszumachen.

Diskussion

Fällt schon eine Darstellung des Buches schwer, so umso mehr dessen Bewertung. Man könnte, um bei einer bloßen Binnenkritik zu bleiben, der Länge und der Breite nach darüber diskutieren, ob bestimmte Einzelbeiträge denn nicht besser aufgeteilt würden (etwa „Familienpolitik, Soziale Arbeit mit Familien und Familienbildung“ in drei Beiträge mit je eigenem Akzent) oder die Zuordnung von bestimmten Artikeln zu anderen Themenbereichen erfolgen sollte (etwa „Bildungsforschung“ zu „Methodologische Grundfragen“) oder bestimmte Themengebiete nicht zu teilen wären (etwa „Geschichte und Theorie“) oder überhaupt ganz andere Themengebiete zu benennen wären oder, oder, oder. Aber eine solche Kritik hätte den Charakter der Beliebigkeit, da die Soziale Arbeit als Disziplin noch keine Normen ausgebildet hat, welche bei der Frage nach dem „notwendigen“ Beitrag, der „passenden“ Überschrift, dem „richtigen“ Themenbereich oder der „gelungenen“ Zuordnung weiter hülfe.

Kommen wir damit zur externen Kritik. Auch da muss man sich vor Augen halten, dass Bewertungen wie „überflüssig“ da und „fehlend“ hier als Beurteilungsgrundlage einen verbindlichen Kanon voraus setzen, den die Disziplin Soziale Arbeit bislang noch nicht entwickelt hat (und ich enthalte mich bewertender Zusätze wie „verständlicherweise“, „leider“ oder „sträflicherweise“). Die einzelnen Aufsätze kann man sehr wohl jeden für sich beurteilen; sie sind, um das in aller Kürze zu sagen, von unterschiedlicher Qualität – und dies in jedem von knapp 190 Fällen vernünftig zu begründen, würde selbst den Rahmen eines größeren Artikels sprengen. Aber was heißt das nun für eine Gesamtbeurteilung des vorliegenden Herausgeberwerkes? Soll man bald 190 Mal Noten geben und dann eine „Durchschnittsnote“ errechnen? Ich wähle einen pragmatischen Weg.

Zunächst eine Globaleinschätzung. Seit 1984 haben mich “Otto&Thiersch“ mein ganzes Berufsleben als Hochschullehrer für Sozialarbeit/Sozialpädagogik (die Denomination „Pädagogik“ kam erst später dazu) begleitet – hilfreich begleitet. Aber ich war nie ein „“Otto&Thiersch„-Gläubiger; die beiden anderen o. g. Versuche einer Spezialenzyklopädie der Sozialen Arbeit standen stets ebenso griffbereit. Und das wäre denn meine Insgesamteinschätzung: Die neuste Auflage des „Handbuchs“ gehört weiterhin zu den Standardwerken der Sozialen Arbeit – neben und in Ergänzung zu bedeutsamen anderen. Dieser insgesamt positiven Globaleinschätzung gesellen sich kritische Anmerkungen zu, die am fruchtbarsten wären, würden sie als Veränderungen („Verbesserungen“) Eingang in künftige Auflagen des (hoffentlich langlebigen) „Handbuchs“ finden.

Die erste Gruppe kritischer Anmerkungen betrifft die Gesamtanlage des „Handbuchs“ – und ist nicht originell; Gregor Husi (2012), Professor an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit hatte an der 4. Auflage bemängelt, es sei – von mir pointiert formuliert – weitgehend das Werk provinziell denkender deutscher Universitäts-Sozialpädagog(inn)en. Wer neben dem Herausgeberkreis die Autor(inn)en in den Blick nimmt, kann unschwer feststellen: die ganz überwiegende Mehrzahl wird gestellt von an deutschen Universitäten in Sozialpädagogik Ausgebildeten und dort Tätigen. Autor(innen), die anderswo, etwa an Fachhochschulen tätig sind und/oder ein anderes Hochschulstudium absolviert haben, sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Und die „Provinzialität“ im Kopf? Die ist nach Gregor Husis Analyse des Beitrags „Soziale Arbeit in der Schweiz“ so ausgeprägt, dass noch nicht einmal die Grenzen des deutschsprachigen Teils der Schweiz gedanklich überschritten werden.

Ich möchte hier in den Punkten „Sozialpädagogik stark – Sozialarbeit schwach“ und „Provinzialität“ nachlegen. Virginia Robinson (1883 - 1977) und Jessie Taft (1882 – 1960), die Begründerinnen der „Funktionalen Schule“ des Social Casework an der o. g. „Penn“, ohne deren Erwähnung eine Darstellung zumindest der Sozialarbeit nur als „mangelhaft“ zu bewerten ist; werden im ganzen Buch nicht ein einziges Mal zitiert. Das könnte (und müsste) sich ändern, wenn die beiden 2012 erschienenen Bücher, die deren historische Bedeutung und gegenwärtige Relevanz einem breiteren deutschsprachigen Publikum erschlossen haben, rezipiert sein werden; ich spreche von den Werken Kurt Fallands (2012; vgl. www.socialnet.de/rezensionen/16977.php) und Burkhard Müllers (2012; vgl. www.socialnet.de/rezensionen/17368.php). Dass man (und frau) vor diesen Büchern nichts von der „Funktionalen Schule“ gewusst haben könne, ist eine blanke Schutzbehauptung (vgl. Ohling & Heekerens, 2004).

Ist der Blick über den Atlantik irgendwie zu schwer und der auf Sozialarbeit ebenfalls irgendwie zu ungewohnt, so darf sich andererseits ein deutscher (Sozial-)Pädagoge allgemeiner Aufmerksamkeit erfreuen: einer der Hauptvertreter der deutschen geisteswissenschaftlichen Pädagogik Herman Nohl (1879-1960). Er wird, meist als Einzel-, gelegentlich als Coautor, mit unterschiedlichen Schriften gleich in einem Dutzend der Beiträge bald 30 Mal zitiert. Bei allem Respekt vor Herman Nohl, den auch ich ihm zolle (Heekerens, 2012), externe Beobachter müssen zu dem Eindruck kommen, ein prägender Teil der Autor(inn)en des „Handbuchs“ sei weiterhin allein oder vornehmlich der „Klassikerexegese“ verpflichtet, bewege sich im Hinterweltlerischen und wolle die Soziale Arbeit vor allen sozial- oder gar naturwissenschaftlichen „Übergriffen“ schützen. Dass (Fach-)Hochschullehrer(innen), zumal „Nicht-Diplom-Pädagog(inn)en, vom „Handbuch“ weitestgehend ferngehalten werden, passt in dieses Gesamtbild.

Aber werfen wir doch auch ein paar Blicke auf Details. Ich nehme dazu, aus Gründen, die im Nachhinein einsichtig sein sollten, vier der zehn neu hinzu gekommenen Beiträge näher in den Blick.

  1. Zunächst den zu „Abenteuer- und Erlebnispädagogik“. Nachdem in dem 2009 vorgelegten 13. Kinder- und Jugendbericht, in dem die Förderung der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen als Ziel fachlichen Handelns in der Kinder- und Jugendhilfe propagiert wurde, die Erlebnispädagogik aus fachlich unverständlichen Gründen noch nicht einmal erwähnt wurde (ausf. Heekerens, 2009, 2010), erfreut es, dass die (moderne) Erlebnispädagogik, die seit rund drei Jahrzehnten zu den Methoden der Sozialen Arbeit gezählt wird und deren Ausbildung seit einem Viertel Jahrhundert an vielen (Fach-)Hochschulen verankert ist, einen Artikel wert ist. Der allerdings hat zwei Schwachpunkte: zum einen erfährt man fast gar nichts über Entwicklung und Stand der Erlebnispädagogik außerhalb Deutschlands (v. a. in den dafür bedeutsamen angelsächsischen Ländern) und zum anderen wird die solide Prozess- und Ergebnisforschung auf diesem Gebiet (vgl. zusammenf. Heekerens, 2013) nicht einmal erwähnt.
  2. Zum Zweiten. Mit „Soziale Arbeit in den USA“ wird ein grober Mangel behoben, den Gregor Husi (2012) noch beklagen musste. Allerdings ist dieser von Michael Reisch, derzeit Daniel Thursz Distinguished Professor of Social Justice an der University of Maryland, verfasste (und Hans-Uwe Ottoübersetzte) Beitrag extrem einseitig: Er handelt fast nur von Social Policy und Social Welfare, nahezu gar nicht aber von Social Work. Über die relativ große Bedeutung der US-amerikanischen Clinical Social Work beispielsweise erfahren Leser(innen) überhaupt nichts (und müssen sich weiterhin mit den allzu knappen Angaben im Artikel „Klinische Sozialarbeit“ begnügen).
  3. Gregor Husi (2012) hatte bemängelt: „das Thema der Anwaltschaftlichkeit findet kaum je Erwähnung, obgleich es, auch in Anbetracht der Geschichte der Professionalisierung, sogar einen eigenen Eintrag verdiente“. Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit lässt auf der Startseite seiner Homepage (beim Stand vom Dezember 2014) wissen, er sehe sich „in der Sozialpolitik als ‚Anwalt der Menschen‘ für das Soziale“ (http://www.dbsh.de/). Das Konzept der „Anwaltsfunktion“ hat eine lange Tradition in der deutschen Sozialarbeit – aber eben nicht in der Sozialpädagogik. Und das mag erklären, weshalb die empfindliche Lücke erst jetzt geschlossen wurde: mit dem Artikel „Anwaltschaft“ von Ulrike Urban-Stahl.
  4. Eine mit Blick auf die Außenwirkung noch peinlichere Lücke geschlossen wurde mit dem Beitrag „Kinderschutz“. Das Bundeskinderschutzgesetz trat zwar erst mit Jahresbeginn 2012 in Kraft, aber der Kinderschutzauftrag der deutschen Kinder- und Jugendhilfe ist doch ein alter und die Klage, die Kinder- und Jugendhilfe nähme den Kinderschutzauftrag nicht ernst und handhabe ihn unprofessionell, besteht doch schon seit Jahren. Wann immer ein Fall von Kindesmissbrauch, -misshandlung oder -vernachlässigung, in den die Kinder- und Jugendhilfe in irgend einer Weise involviert war, in den Medien dargestellt wurde, konnten doch die „Gebildeten unter ihren Verächtern“ immer auch darauf verweisen, die Soziale Arbeit nehme den Kinderschutz überhaupt nicht ernst – Beweis: von ihm sei in einem, ja dem Standardwerk der Sozialen Arbeit noch nicht einmal die Rede.

Es wurde bislang viel über Inhalt gesprochen, vergessen wir aber die Form nicht. Ein Werk, das den Namen „Handbuch“ zu Recht trägt, ist eines, das man (und frau) in der Hand halten kann. Das erfordert bei vorliegendem Buch allerdings schon eine kräftige Hand, und besagter Handbuch-Standard wird auch nur dadurch erreicht, dass das Buch auf dünnem Papier gedruckt ist und in kleiner Schrift gesetzt ist. Das erste dürfte bei Bibliotheksexemplaren zur Sorge von Bibliotheksmitarbeiter(inne)n gereichen, und das zweite erfordert eine Konzentration, die alle in längerem konzentrierten Lesen weniger Geübte allzu schnell ermüden dürfte. Und dann gibt es noch einen zweiten Grund, der vielen die Lust am Lesen verderben könnte: „Die Beiträge sind … allzu oft in einem zähen, schlecht verständlichen, forciert akademischen Stil geschrieben, der das Lesen zur Mühsal verkommen lässt. Insbesondere Studierende Sozialer Arbeit werden vor manch einem Text zurückschrecken.“ (Husi, 2012)

Der erste Mangel ließe sich beheben, entschlösse sich der Verlag, das „Handbuch“ künftig nur noch im elektronischen Format zu vertreiben. Zur Linderung der zweiten Beschwernis gibt es gleich mehrere Ideen: eine Herausgeberschaft, die klar macht, dass das „Handbuch“ nicht (nur) dem üblichen Insider-Gespräch dienen soll, ein Lektorat, das – gerne aus Gründen der Auflagensteigerung – auf ein Maß an Lesbarkeit achtet, wie es etwa bei Lehrbüchern zur Psychotherapie schon lange Standard ist, und unter den Autor(inn)en eine – auch aus anderen Gründen sinnvolle – Erhöhung von (Fach-)Hochschullehrer(inne)n; denen haben ihr Studierenden nämlich meist schnell beigebracht „auf gut Deutsch“ zu reden.

Eine letzte Bemerkung noch: Es ist unverständlich, weshalb in der Internetdarstellung der Autor(inn)en (sehr) viele Angaben fehlen, ohne dass dies angemerkt würde. Nur zur Illustration: Von den Autor(innen) mit auf A oder B beginnenden Nachnamen sind nur die Hälfte vertreten.

Fazit

Das „Handbuch“ ist in die Jahre gekommen. Ob es sich zu einer Institution entwickeln wird, müssen die nächsten Auflagen entscheiden. Im Moment wirkt es etwas „ältlich“, was v. a. damit zu tun hat, dass es die engen (Ursprungs-)Bande der deutschen geisteswissenschaftlich orientierten und universitär verfassten Sozialpädagogik noch immer nicht gelockert – geschweige denn gelöst -hat. Um als Spezialenzyklopädie für Soziale Arbeit (das Wort ernst genommen und nicht nur als „chice“ Deckchiffre, unter der sich altbackene Sozialpädagogik verbirgt, verstanden) Bestand zu haben, muss es sich ändern – in einem Maße und in einer Richtung, die oben skizziert wurden.

Fürs Erste mag man auch an (Fach-)Hochschulen die vorliegende 5. Auflage des „Handbuchs“ in die Bibliotheken stellen. Hochschullehrer(innen), die sich mit dem Anliegen der Sozialen Arbeit identifizieren (und nicht nur irgendwo und irgendwie am Rande stehend dazu irgend etwas „beitragen“ sollen), mögen sich das Buch als Handexemplar sichern. Studierenden der Sozialen Arbeit an (Fach-)Hochschulen ist die Lektüre (einzelner Beiträge) des Buches nur dann zu empfehlen, haben sie sich der wohlwollenden Unterstützung einer Dozentin / eines Dozenten, die / der sich im „Verdeutschen“ von Textsorten, wie den hier meist vorliegenden, auskennt, versichert.

Literaturnachweis

  • Cnaan, R. A., Dichter, M. E. & Draine, J. (2008). A century of social work and social wellfare at Penn. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
  • Falland, K. (2012). Caroline Newton, Jessie Taft, Virginia Robinson: Spurensuche in der Geschichte der Psychoanalyse und Sozialarbeit. (Schriftenreihe zur Geschichte der Sozialarbeit und Sozialarbeitsforschung Bd. 3). Wien: Löcker.
  • Heekerens, H.-P. (2009). Erlebnispädagogik nach dem 13. Kinder- und Jugendbericht – Teil I. Erleben&Lernen, 17(6), 29-31.
  • Heekerens, H.-P. (2010). Erlebnispädagogik nach dem 13. Kinder- und Jugendbericht – Teil II. Erleben&Lernen, 18(1), 56-60.
  • Heekerens, H.-P. (2012). Beziehungsgestaltung in der Erlebnispädagogik. Erleben&Lernen, 2012, 20(3&4), 54-57.
  • Heekerens, H.-P. (2013). Ergebnis- und Prozessforschung in der Erlebnispädagogik: Was man weiß, was man wissen sollte. Erleben & Lernen, 21(3&4), 41-45.
  • Husi, G. (2012). Rezension vom 10.04.2012 zu: Hans-Uwe Otto, H.-U. & Hans Thiersch, H. (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit. München: Reinhardt, 2011. 4., Socialnet Rezension (www.socialnet.de/rezensionen/11417.php).
  • Müller, B. (2012). Professionell helfen: Was das ist und wie man das lernt. Die Aktualität einer vergessenen Tradition Sozialer Arbeit. Ibbenbüren: Münstermann.
  • Ohling M. & Heekerens, H.-P. (2004). Otto Rank und die Soziale Arbeit. Neue Praxis, 34, 355-370.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 06.01.2015 zu: Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2015. 5., erweiterte Auflage. ISBN 978-3-497-02496-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18129.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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