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Martin Kipp, Klaus Struve u.a.: Tradition und Innovation [...] (berufliche Bildung)

Cover Martin Kipp, Klaus Struve, Tade Tramm, Thomas Vollmer: Tradition und Innovation. Impulse zur Reflexion und zur Gestaltung beruflicher Bildung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2004. 200 Seiten. ISBN 978-3-8258-7318-9. 19,90 EUR.

Reihe: Hamburger Beiträge zur beruflichen Aus- und Weiterbildung - Band 4.
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Thema

Die Publikation wurde herausgegeben im Rahmen der Reihe "Hamburger Beiträge zur beruflichen Aus- und Weiterbildung" und enthält die überarbeiteten Vortragsskripte der Antrittsvorlesungen der vier Autoren, die im Sommersemester 2002 am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg gehalten wurden. Die Wahl des Publikationstitels erweist sich dabei (a) zum einen als gelungenes Abbild des paradoxen und zugleich produktiven Zustandes von Tradition und Fortschritt, dem sich die Erforschung beruflicher Bildung allgemein gegenüber sieht und (b) zum anderen als eleganter und treffender Querschnitt, der die forschungsthematische Breite und berufsfeldspezifische Differenz der einzelnen enthaltenen Aufsätze zusammenfasst

Aufbau und Inhalt

Die Publikation unterteilt sich in die überarbeiteten Vorlesungstexte der vier Autoren und thematisiert Forschungs- und Handlungsschwerpunkte unterschiedlicher berufs- und wirtschaftspädagogischen Teildisziplinen.

  • Martin Kipp widmet sich in seinem Text Erkenntnissen einer historisch angelegten Untersuchung von Berufsbildungsprogrammen im Zeitraum von 1896 bis 2001, in welcher er die Leitthemen und Programme aller Deutschen Fortbildungsschul- (bis 1924) und Berufsschultage (ab 1926) auswertet. Aus der Analyse der Dokumente schließt Kipp auf einen Wandel der geführten Diskurse, während er aber zugleich "[...] doch eine beachtliche Kontinuität in der Bestimmung der pädagogischen Aufgabe der Berufschule [...]" (S. 59) feststellt.
  • Die berufsbildungspolitische und sozialhistorische Einordnung der beruflichen Bildung im Berufsfeld Bauwirtschaft respektive einer grundlegenden Bestimmung der zugehörigen Berufsfelddidaktik ist Gegenstand des Aufsatzes von Klaus Struve. Der Text verweist u. a. auf die berufsfeldspezifischen didaktischen Konsequenzen, die sich aus der Differenzierung von Bauhandwerk und Bauindustrie ergeben und bezieht sich dabei vor allem auf Veränderungen und Entwicklungen in der berufsförmigen Tätigkeit von Maurern in Norddeutschland.
  • Tade Tramm analysiert und reflektiert das übergreifend aktuelle Thema der Lernfeldorientierung, das er in den Diskursrahmen von überfälliger Reform vs. endgültiger Bankrott stellt. Er erörtert mögliches Innovationspotential der damit verbundenen bildungspolitischen und didaktischen Intentionen und legt in der Erläuterung einen besonderen Akzent auf die Umsetzung des Prinzips der Arbeits- und Geschäftsorientierung im Bereich neu gestalteter kaufmännischer Curricula.
  • Letztlich diskutiert Thomas Vollmer Aspekte gestaltungsorientierter Berufsbildung, die sich aus den neuen Rahmenlehrplänen im elektro- und metalltechnischen Gewerbe hinsichtlich der Entwicklung und Förderung der Befähigung zur Mitgestaltung der Arbeitswelt und gesellschaftlichen Lebenswelt in sozialer und ökologischer Verantwortung ergeben und diskutiert darüber hinaus Konsequenzen und Folgen für den Alltag beruflichen Lernen und Lehrens.

Am Ende der Publikation findet sich darüber hinaus ein ausführlicher Autorenspiegel, der vor allem für den berufsbiographisch interessierten Leser eine wesentliche Zusatzinformation darstellt.

Fazit

Aus der Publikation lassen sich ansatzweise Facetten der inhaltlichen und methodischen Breite der berufsbildenden Forschung erkennen. Alle Autoren widmen sich jeweils spezifischen Themen aus den berufs- und wirtschaftspädagogischen Fachbereichen, die sie qua Lehrstuhltitel auch in universitärer Forschung und Lehre vertreten. Deutlich wird jedoch, dass sich der überwiegende Teil der Aufsätze mehr oder weniger direkt mit den Folgen des Prozesses der Neugestaltung der Curricula in der beruflichen Bildung auseinandersetzt. Der Themenfokus variiert dabei von der Diskussion möglicher Gestaltungsspielräume, die sich berufsfeldspezifisch daraus ergeben, bis hin zu einer kritischen Analyse des Lernfeldkonzeptes als strukturelles Reformmuster an sich. Eine forschungsthematische Ausnahme bildet nur der Aufsatz von Martin Kipp. Dessen einführende historische Analyse eignet sich jedoch sehr gut, um die nachfolgenden inhaltlichen Aussagen dieser Publikation als weitere Bausteine einer kontinuierlichen Diskursentwicklung in der beruflichen Bildung zu klassifizieren.

Als nachteilig erweist sich m. E. der relativ große Zeitraum zwischen den jeweiligen Antrittsvorlesungen bzw. deren Veröffentlichung, der die Aktualität der aufgerissenen Forschungs- und Problemfelder nicht unbedingt schmälert (z. B. hinsichtlich der Lernfeldforschung), aber aktuellste Erfahrungen nicht einbindet.

Zielgruppen

Die Publikation richtet sich stärker an Klienten wissenschaftlicher Forschungen zur Berufsbildung und weniger an Praktiker. Zugleich könnte es Vertretern anderer Forschungseinrichtungen als gutes Vergleichsmaterial dienen, um die Aktualität eigener Untersuchung zu reflektieren oder themenspezifische Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu überprüfen. Die Bemühung zur 'interuniversitären' und 'interdisziplinären' Transparenz, die sich über diese Publikation (und der Hamburger Reihe allgemein) zeigt, wäre an allen wichtigen Forschungsbereichen und -einrichtungen wünschenswert, da sie den Experten und den Laien ermöglichen, Forschungsstand und -interesse verschiedenster Disziplinen und Einrichtungen kennen zu lernen und individuell zu systematisieren.


Rezension von
Dr. Andreas Neubert
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur Allgemeine Erziehungswissenschaft am Institut für Pädagogik und Philosophie (IPP) Philosophische Fakultät der TU Chemnitz


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Zitiervorschlag
Andreas Neubert. Rezension vom 10.05.2005 zu: Martin Kipp, Klaus Struve, Tade Tramm, Thomas Vollmer: Tradition und Innovation. Impulse zur Reflexion und zur Gestaltung beruflicher Bildung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2004. ISBN 978-3-8258-7318-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1813.php, Datum des Zugriffs 21.02.2020.


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