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Joachim Merchel: Handbuch Allgemeiner Sozialer Dienst

Cover Joachim Merchel: Handbuch Allgemeiner Sozialer Dienst. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2015. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-497-02529-9.
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Thema

Die Öffentlichkeit weiß zwar nicht so ganz genau, was das eigentlich ist, der „Allgemeine Soziale Dienst“, und ihr ist meist auch unklar, was denn das Jugendamt mit dem ASD zu tun habe, aber sie sieht allen Grund, Beidem mit gehörigem Misstrauen zu begegnen. Sie muss dazu nicht etwa ein reißerisches Machwerk wie „Deutschland misshandelt seine Kinder“ (Tsokos & Guddat, 2014; zur Kritik: Heekerens, 2014) lesen, es genügt ein Blick in die Tageszeitung. So berichtet etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) am 22.1.2015 unter der Überschrift „Alessio wird misshandelt“ vom Tod eines Dreijährigen. Dort heißt es u. a.: „Alessios Familie war dem Sozialen Dienst (ASD) des Landsratsamtes seit Geburt des Sohnes 2011 bekannt.“ Und später wird referiert, wie sich die Leiterin des zuständigen Jugendamtes zur Sache erklärt habe: „Vor einem Familiengericht zu erwirken, dass das Sorgerecht entzogen wird oder gegen den Willen der Eltern das Kind in Obhutnahme geht, hätte keine Aussicht auf Erfolg gehabt. Das liegt daran, dass die Eltern kooperativ waren.“

Diese Erklärung stößt bei dem im vorliegenden Falle beteiligten Pädiatrischen Kinderschutzzentrum (KIZ) der Klinik für allgemeine Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Freiburg (www.uniklinik-freiburg.de) auf Widerspruch. Und Leser(innen) der regionalen Zeitung „Schwäbisches Tageblatt“ vom 20.1.2015 dürften mit Kopfschütteln reagiert haben, als sie lasen:„‚Wir wurden von dem tödlichen Vorfall völlig überrascht‘, sagt Eva-Maria Münzer, Leiterin des Jugendamts im Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald. Die Familie des Dreijährigen, der am Freitag getötet worden ist, sei in einem engmaschigen Betreuungsverfahren gewesen. Die Dorfhelferin sei an dem Tag bis 12 Uhr in der Wohnung gewesen. Fünf Stunden später war der Junge tot.“ (www.tagblatt.de/)

Alessios Tod wirft viele Fragen auf. Soweit und sofern dies Anfragen an Arbeitsweise, Aufgaben und Organisation von Jugendamt und ASD sind, finden sich im vorliegenden Buch Informationen, die beim Verstehen helfen. Genannt seien einmal nur die in vorliegender Angelegenheit „einschlägigen“ Beiträge (mit deren Nummern): „Organisatorische Verortung des ASD“ (2), „Familienrecht und familiengerichtliches Verfahren (FamFG)“ (8), „Zwischen Hilfe und Kontrolle – der ASD im Spannungsfeld zwischen Dienstleistung und Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung“ (10), „Hausbesuche“ (19), „Krisenintervention und Inobhutnahme“ (20), „Einschätzung von Gefährdungsrisiken im Kontext möglicher Kindeswohlgefährdung“ (22) – und: „Jugendamt und ASD in den Medien – zwischen Überforderung und Untätigkeit?“ (35).

Nicht nur in der Öffentlichkeit, also bei Laien, sondern auch unter Fachleuten herrscht keine klare Vorstellung davon, was denn „der ASD“ eigentlich sei. Das muss nichts mit mangelnder Kenntnisnahme zu tun haben, sondern rührt daher, dass das, was hierzulande mit „der ASD“ bezeichnet wird, eine von Kommune zu Kommune verschiedene Gestalt haben kann und faktisch oft hat. Es liegt aber auch daran, dass manchen Teilen der Disziplin Soziale Arbeit der ASD schlichtweg nicht erwähnenswert scheint. Nehmen wir als markantes Beispiel das zeitgleich erschienene „Handbuch Soziale Arbeit“ (Otto & Thiersch, 2015). Mit einem eigenen Artikel – es gibt deren dort bald 190 - ist der ASD dort nicht vertreten, ein Beitrag wie „Familienhilfe“ kommt ohne jegliche Erwähnung des ASD aus, und das Stichwortverzeichnis weist ihn nur für eine einzige Seite aus. Dort heißt es: „In der Kinder- und Jugendhilfe beispielsweise wird der ASD in seiner Zuständigkeit für allgemeine Hilfen vor aller Spezialisierung als zentrales Steuerungselement gesehen.“ (S. 939) Das war´s.

Der ASD – der große Unbekannte. Um für den vorliegenden Zusammenhang ein erhellendes Verständnis herzustellen, sei die Arbeitsdefinition (S. 4; im Original kursiv) des Herausgebers zitiert. „Der ASD ist ein bezirklich organisierter Dienst innerhalb der Kommunalverwaltung, der als eine erste Anlaufstelle bei schwierigen Lebenssituationen von Bürgern einen Hilfebedarf analysiert und den Betroffenen einen zielgerichteten Zugang zu sozialen Hilfen verschafft. In seinem Aufgabenschwerpunkt der Kinder- und Jugendhilfe nimmt der ASD die dem staatlichen Wächteramt entsprechenden Aufgaben der Kontrolle des Eingriffs und der Unterstützung zur Abwendung einer Gefährdung des Wohls von Kindern / Jugendlichen wahr. Seine Aufgaben bestehen vor allem in der einzelfallbezogenen Steuerung von Hilfen, die ergänzt werden durch Aktivitäten, die eine angemessene Infrastruktur von Hilfemöglichkeiten bewirken sollen.“

Entstehungshintergrund / Änderungen gegenüber der 1. Auflage

Das vorliegende Buch ist die 2., aktualisierte und erweiterte Auflage der 2012 erschienenen Erstausgabe. Die Erweiterung besteht in der Aufnahme des Beitrags „Krisenintervention und Inobhutnahme“ (womit eine wahrlich „empfindliche“ Lücke geschlossen wird). Die übrigen Beiträge sind weitgehend die gleichen wie in der 1. Auflage; allfällige kleine Fehler wurden getilgt sowie hie und da Aktualisierungen vorgenommen.

Herausgeber

Der Diplom-Pädagoge Prof. Dr. phil. Joachim Merchel, ist am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster zuständig für das Lehr- und Forschungsgebiet „Organisation und Management“. Er hat in den letzten Jahren zwei einschlägige Forschungsprojekte durchgeführt: „Personalmanagement im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD)“ (gefördert von der Stiftung Deutsche Jugendmarke; Laufzeit 9/2009 bis 8/2011) und „Personalentwicklung im Allgemeinen Sozialen Dienst - ein Praxisentwicklungsprojekt“ (gefördert von den Landesjugendämtern Westfalen-Lippe, Rheinland und Schleswig-Holstein sowie von 15 teilnehmenden Jugendämtern; Laufzeit 9/2011 bis 8/2013). Projektergebnisse sind nachzulesen in „Personalmanagement im Allgemeinen Sozialen Dienst“ (Merchel, Pamme & Khalaf, 2012).

Autor(inn)en

Die der Herausgeber-Einleitung folgenden 37 einzelnen Beiträge sind von 31 Autor(inn)en verfasst; sieben Artikeln stammen von einem Autor(inn)en-Duo.

Mit drei Artikeln zu juristischen Fragen vertreten sind Sybille Nonninger und Tomas Meysen. Reinhold Schone, wie der Herausgeber Professor am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster, hat ebenfalls drei Artikel beigetragen und acht Beiträge stammen vom Herausgeber selbst. Damit werden drei der acht Themengebiete des Buches stark vom Herausgeber geprägt: Von ihm stammen zwei der drei Artikel im Themengebiet „Organisation / Organisationsformen“, die beiden Artikel zu „Qualität und Qualitätsentwicklung im ASD“ sind aus seiner Feder und schließlich steuert er zwei der vier Artikel zu „Mitarbeiter im ASD“ bei; die beiden anderen stammen aus der Feder seiner Mitarbeiter(innen) Hildegard Pamme und Adam Khalaf. Überhaupt fällt als institutionelle Konzentration auf, dass acht Autor(in)en am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster tätig sind und diese insgesamt 17 Beiträge und damit bald deren Hälfte beisteuern.

Blickt man auf die berufliche Verortung der Autor(inn)en, so fällt der große Unterschied zur Autor(inn)enschaft des zeitgleich erschienenen „Handbuch Soziale Arbeit“ (Otto & Thiersch, 2015) auf. Dominieren dort Vertreter(innen) der deutschen universitär verfassten Sozialpädagogik (Heekerens, 2015), so sind hier Autor(innen), die an universitären (sozial-)pädagogischen Einrichtungen arbeiten (ganze drei) die Ausnahme. Es dominieren – in der sozialarbeiterischen Traditionslinie verortete – Vertreter(innen) der Sozialen Arbeit an (fach-)hochschulischen Ausbildungsstätten für Soziale Arbeit neben Mitarbeiter(inne)n von Instituten außerhalb der Hochschule (wie etwa dem Deutschen Jugendinstitut) und markanten Einzelpersönlichkeiten wie Hubertus Schröer, München oder Marie-Luise Conen, Berlin; die sich unlängst mit einem engagierten Plädoyer zur Veränderung der ASD-„Kultur“ zu Wort gemeldet hat (Conen, 2014).

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch enthält zwischen einer voran stehenden Einleitung des Herausgebers, die eine Konzeption des Handbuchs sowie dessen Inhaltsangabe enthält, sowie Literaturverzeichnis, Kurzdarstellungen der Autor(inn)en und Sachregister am Ende 36 Einzelbeiträge, die acht Teilen (Themengebieten) zugeordnet sind. Man erhält einen guten Eindruck von dem Buch, wenn man die Titel der 36 Einzelbeiträge, ihre Autor(inn)en sowie die Teile-Bezeichnungen wieder gibt; Nummerierungen wurden weggelassen.

Geschichte des ASD

  • Zur Entstehungsgeschichte des ASD – von den Anfängen bis in die 1970er Jahre (Peter HammerschmidtundUwe Uhlendorff)

Organisation / Organisationsformen

  • Organisatorische Verortung des ASD (Benjamin Landes und Eva Keil)
  • Organisationsgestaltung im ASD (Joachim Merchel)
  • Teamstrukturen und Leitung im ASD (Joachim Merchel)

Rechtliche Grundlagen für die Arbeit im ASD

  • ASD-Arbeit und Verwaltungsverfahren (Dirk Waschull)
  • Kinder- Und Jugendhilfe (SGB VIII) (Sybille Nonninger und Thomas Meysen)
  • Grundsicherungsrecht und Sozialhilfe (Britta Tammen)
  • Familienrecht und familiengerichtliches Verfahren (FamFG) (Thomas Meysen und Sybille Nonninger)
  • ASD-Tätigkeit und strafrechtliche Verantwortung (Thomas Meysen und Sybille Nonninger)

Methodische Anforderungen und Arbeitsweisen im ASD

A Übergreifende methodische Anforderungen

  • Zwischen Hilfe und Kontrolle – der ASD im Spannungsfeld zwischen Dienstleistung und Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung (Reinhold Schone)
  • ASD als interkultureller Sozialer Dienst (Hubertus Schröer)
  • ASD und Gender (Kerstin Feldhoff und Luise Hartwig)

B Methodische Anforderungen in spezifischen Handlungsbereichen des ASD

  • Hilfeplanung (Joachim Merchel)
  • Sozialpädagogische Diagnosen und sozialpädagogisches Fallverstehen (Christian Schrapper)
  • Case Management im ASD (Ingrid Gissel-Palkovich)
  • Beratung im Allgemeinen Sozialen Dienst (Renate Zwicker-Pelzer)
  • Trennungs- und Scheidungsberatung sowie Zusammenarbeit mit dem Familiengericht gemäß FamFG (Wolfgang Rüting)
  • Begleiteter Umgang (Jutta Möllers)
  • Hausbesuche (Ulrike Urban-Stahl)
  • Krisenintervention und Inobhutnahme (Christine Gerber)
  • Berichte / Dokumentation / Aktenführung (Hans-Jürgen Schimke)
  • Einschätzung von Gefährdungsrisiken im Kontext möglicher Kindeswohlgefährdung (Reinhold Schone)
  • „Unmotivierte“ und unfreiwillige Klienten im ASD (Marie-Luise Conen)
  • Fachkonzept Sozialraumorientierung: Grundlagen und Methoden der fallunspezifischen und fallübergreifenden Arbeit (Maria Lüttringhaus)
  • Unterstützung des beruflichen Handelns durch den Einsatz von Informationstechnologien (Wolfgang Tenhaken)
  • Fachliches Handeln und Finanzsteuerung (Joachim Merchel)

ASD als Teil der kommunalen Infrastruktur

  • Der ASD im Kontext kommunaler Sozialpolitik (Peter-Ulrich Wendt)
  • ASD und Sozialraumkonzepte (Herbert Schubert)
  • Kooperation im ASD (Eric van Santen und Mike Seckinger)
  • ASD und Jugendhilfeplanung – der Allgemeine Sozialdienst als Subjekt und Objekt der Planung kommunaler Hilfen (Reinhold Schone)

Mitarbeiter im ASD

  • Anforderungen und Belastungen der Fachkräfte im ASD (Joachim Merchel)
  • Personalmanagement und Qualität der Arbeit des ASD (Joachim Merchel)
  • Personalbemessung im bzw. für den ASD (Adam Khalaf)
  • Personalentwicklung im ASD (Hildegard Pamme)

Der ASD im Licht der Öffentlichkeit

  • Jugendamt und ASD in den Medien – zwischen Überforderung und Untätigkeit? (Sonja Enders)

Qualität und Qualitätsentwicklung im ASD

  • Qualitätsmanagement und Organisationslernen: Zur Förderung von Lernbereitschaft und Entwicklungsfähigkeit im ASD (Joachim Merchel)
  • Qualitätskriterien: Was macht einen „guten ASD“ aus? (Joachim Merchel)

Diskussion

Buchveröffentlichungen zum ASD gab es Anfang der 1990er und dann (erst) wieder – als Reaktion auf die zunehmende öffentliche Kinderschutzdebatte? – Anfang dieses Jahrzehnts. Zu nennen sind da neben den beiden Auflagen des vorliegenden „Handbuchs“ zwei andere Bücher: das vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (2010, 2011) heraus gegebene Werk „Der Allgemeine Soziale Dienst“, das als erster Überblick gut dienen kann, und Ingrid Gissel-Palkovichs (2011) „Lehrbuch Allgemeiner Sozialer Dienst“, dessen Gestaltung dem Charakter eines „Lehrbuchs“ Rechnung trägt. Die Frage, welche Darstellung denn nun die beste sei, stelle man besser nicht, da die Beantwortung voraus setzt, man wüsste (schon), wie eine „gute ASD-Darstellung“ auszusehen habe – wo doch noch nicht einmal klar ist, was einen „guten ASD“ ausmacht.

Fragen kann man, worin denn das Besondere einer jeweiligen Darstellung besteht. Dazu ist für das hier vorliegende zu sagen: Es ist die sowohl umfangreichste als auch differenzierteste Darstellung mit der größten Autor(innen)zahl. Und dann gibt es noch eine Besonderheit: „Der Herausgeber verfolgt mit diesem Handbuch neben dem zentralen Motiv – Beitrag zur Profilierung und Professionalisierung des ASD durch einen umfassenden Überblick – einen Nebenzweck: Das Handbuch kann (und sollte) auch als ein Beitrag zu einem fachlich profilierten Sozialmanagement gelesen werden.“ (S. 7)

Schließlich versteht sich die vorliegende Darstellung als „Handbuch“. Diese literarische Gattung erhebt den Anspruch, eine (im vorliegenden Fall nach thematischen Gesichtspunkten) geordnete Zusammenstellung eines Ausschnitts menschlichen Wissens zu bieten – und als Nachschlagewerk zu dienen. Aber gerade als Nachschlagewerk beurteilt, offenbart das Buch Schwächen. Nehmen wir mal an, jemand läse in der Anfrage an die Bezirksversammlung Hamburg-Bergedorf vom 31.1.2013 (http://www.gruene-bergedorf.de/uploads/media/XIX_1031_GA_ASD.pdf), ein Senator der Hansestadt Hamburg habe angesichts von eklatanten Gefährdungen des Kindeswohls unter den Augen des ASD erklärt, hier läge „eklatantes Führungsversagen“ vor. Diese(r) Jemand möchte sich nun ein eigenes Bild von den ASD-Führungskräften, deren Führungsqualifikationen und -stilen, der Führungskultur im ASD usw. machen – und sucht im Stichwortverzeichnis vorliegenden Buches unter „Führung“. Zu seiner großen Verwunderung muss sie / er feststellen: Außer „Führungszeugnis“ weist dieses nichts zu „Führung“ aus.

Es kann ihre / seine Verwunderung nur steigern, erfährt sie / er, weil die Lektüre des Beitrags „Personalentwicklung im ASD“ (S. 408 – 416) verheißungsvoll scheint, dass im Buch sehr wohl von „Führung“ die Rede ist: Auf nur drei Seiten (413 – 415) wird vier Mal von „Führungskraft“ gesprochen und je ein Mal von „Führungsebene“, „Führungskonzept“ und „Führungskräftecoaching“. Es mindert den Grad der Verwunderung etwas, wenn vertiefte Lektüre des genannten Beitrags offenbart, mit „Führungskräften“ seien mögliche Vorgesetzte (ich benutze bewusst diesen ältlichen, aber der Sache nach neutralen Begriff) „irgendwo da draußen“, wo es sogar Dinge wie „Führungskräftetrainings“ (vgl. etwa Felfe & Franke, 2014) gibt, gemeint, nicht aber solche des ASD. Diese werden „Leitungskräfte“ (so auf den S. 408 – 410 drei Mal) genannt.

Also sucht die / der Interessierte im Stichwortverzeichnis nun nach „Leitungskraft“. Vergeblich. Das Stichwortverzeichnis weist zwar „Leitung“ und verschiedene „Leitungs-“Komposita aus, nicht aber „Leitungskraft“ – und auch nicht „Leitungsperson“ (vgl. dazu S. 182). Nicht verzagen! War da nicht auf den Seiten 408 – 410, wo drei Mal „Leitungskräfte“ vorkommen, nicht auch sechs Mal von deren Mitarbeiter(inne)n in Gestalt des Wortes „Fachkraft“ die Rede? Aber auch diese Spur führt nicht weiter: Das Stichwortverzeichnis weist unter „Fach…“ nur „Fachaufsicht“ aus; sonst nichts. Auch nicht „Fachkraft“, wo von denen im Buch doch immer wieder die Rede ist und ihnen gar ein eigens Kapitel – „Anforderungen und Belastungen der Fachkräfte im ASD“ – gewidmet ist. Spätestens jetzt wird klar, dass es sich hier nicht um zufällige Einzelfälle handeln kann. Dahinter steckt System; und das lässt sich in salopper Redeweise so formulieren: „Der Laden“ ist wichtiger als die Leute. Dem Phänomen bin ich immer wieder bei „Management“-Ansätzen – mit und ohne die Vorsilbe „Sozial“ – begegnet.

Damit ist der Hinweis auf formale Schwächen verlassen. Wir befinden uns jetzt auf dem Gebiet der inhaltlichen kritischen Anfragen an das Buch. Ich bin der Ansicht, dass es mit dem ASD nur dann voran gehen kann, wenn sich nicht nur bei dessen Strukturen und Prozessen etwas zum Besseren wendet, sondern auch bei den dort tätigen Personen. Was das auf der Ebene der ASD-Sozialarbeiter(innen), den „Fachkräften“ dieses Buches, heißen kann, hat unlängst Marie-Luise Conen (2014) beispielhaft ausgeführt. Ich möchte ergänzend dazu den Blick auf die ASD-Führungskräfte, den „Leitungskräften“ des vorliegenden Buches, lenken.

Der Herausgeber hält offensichtlich nichts von Führungskonzepten, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten v. a. in der Tradition von Peter Drucker (http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Drucker) entwickelt haben. Erkennbar ist das nicht nur daran, dass er den Begriff „Führungskraft“ vermeidet wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser. Nein, er erteilt der Druckerschen Konzeption auch eine explizite Absage. Ich weise zur Illustration nur auf jene zentrale Stelle hin, wo er vom „Bild vom ‚guten ASD‘“ spricht, um gleich anzufügen: „aber nicht als ‚Leitbild‘ oder ‚Vision‘“ (S. 4). Ich hingegen bin der Ansicht, dass der ASD nur weiter kommen kann, wenn sich auch auf der Ebene der ADS-Führungsebene etwas bewegt – und dies im Druckerschen Dreieck von Führungskraft, „Mission“ und „Vision“. Dies weiter auszuführen, würde den Rahmen einer Rezension sprengen; eine kurze Standortbestimmung muss hier genügen. Ich gebe hierzu zwei mir markant erscheinende Statements von Peter Drucker (2009) wieder.

  1. „Jede Institution im sozialen Sektor dient der Aufgabe, etwas zu bewegen, sowohl im Leben des Einzelnen als auch in der Gesellschaft. Etwas zu bewegen, das ist die Mission – der Sinn und Zweck der Organisation und der Grund ihres Daseins. Jede der Millionen von gemeinnützigen Organisationen mag eine sehr unterschiedliche Mission haben, aber das Leben der Menschen zu verändern, ist dabei immer Ausgangspunkt und Ziel. Eine Mission kann nicht unpersönlich sein; sie muss eine tiefe Bedeutung haben, etwas sein, woran Sie glauben – etwas, von dem Sie wissen, dass es richtig ist. Eine grundlegende Führungsverantwortung ist es, sicherzustellen, dass jeder die Mission kennt, sie versteht und lebt.“ (S. 39)
  2. Und später: „Die effektive Bekundung einer Mission, das Leitbild (oder Vision; der Rez.), ist kurz und klar umrissen. Es sollte auf ein T-Shirt passen. Das Leitbild sagt, warum Sie das tun, was Sie tun, nicht, mit welchen Mitteln Sie es tun. Die Mission ist umfassend und dauerhaft, sie bringt Sie dazu, heute die richtigen Dinge zu tun und führt sie in die Zukunft, so dass jeder in der Organisation sagen kann: ‚Was ich tue, trägt zur Erreichung des Ziels bei.‘ Also muss das Ziel eindeutig sein und es muss inspirieren.“ (S. 41)

Die Identifizierung einer Mission des ASD und die Formulierung einer dazu gehörenden Vision halte ich für unverzichtbare Ziele jeder künftigen verschränkten Organisations- und Personalentwicklung beim ASD. Es ist ein SMARTHes Ziel: spezifisch, messbar/objektiv überprüfbar, akzeptabel und aktiv beeinflussbar, terminiert und terminierbar, herausfordernd. Oder in der Druckerschen Kurzform: ein eindeutiges und inspirierendes Ziel.

Fazit

Das Buch gehört in mindestens zwei Exemplaren in die Bibliotheken von hochschulischen Ausbildungsorten in Sozialer Arbeit; mindestens zwei deshalb, damit eines in der Präsenzabteilung jederzeit als Nachschlagewerk greifbar ist. Und wer sollte es lesen? Zuerst und in erster Linie die Lehrenden, die es als Aufgabe haben oder es sich zu ihrem Anliegen machen, Studierenden ein hinreichend umfassendes wie differenziertes Bild des ASD zu zeichnen – und die Student(inn)en dafür begeistern können, sich diesen oder jenen Buchbeitrag durch vertiefte Lektüre zu eigen zu machen. Kritisches Mitdenken beim Lesen halte ich für selbstverständlich.

Literaturnachweis

  • Conen, M.-L. (2014). Kinderschutz. Kontrolle oder Hilfe zur Veränderung? Freiburg: Lambertus (socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/18152.php).
  • Drucker, P. (2009). Die fünf entscheidenden Fragen des Managements. Weinheim: WILEY-VCH (Original: The five most important questions you will ever aks about your organization. San Francisco: Jossey-Bass, 2008).
  • Felfe, J. & Franke, F. (2014). Führungskräftetrainings. Göttingen: Hogrefe (socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/18170.php).
  • Gissel-Palkovich, I. (2011). Lehrbuch Allgemeiner Sozialer Dienst – ASD. Rahmenbedingungen, Aufgaben und Professionalität. Weinheim: Juventa (socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/12225.php).
  • Heekerens, H.-P. (2014). Rezension vom 02.04.2014 zu Tsokos, M. & Guddat, S. (2014). Deutschland misshandelt seine Kinder. München: Droemer Knaur. Socialnet Rezensionen (www.socialnet.de/rezensionen/16475.php).
  • Heekerens, H.-P. (2015). Rezension vom 06.01.2015 zu Otto, H-U. & Thiersch, H. (Hrsg.). (2015). Handbuch Soziale Arbeit (5. erweiterte Aufl.). München: Reinhardt. Socialnet Rezensionen (www.socialnet.de/rezensionen/18129.php).
  • Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (Hrsg.) (2011). Der Allgemeine Soziale Dienst - Aufgaben, Zielgruppen, Standards (2., durchges. und aktual. Aufl.). München: Reinhardt, 2011 (socialnet Rezension der 1. Aufl. von 2010: www.socialnet.de/rezensionen/9800.php).
  • Merchel, J., Pamme, H. & Khalaf, A. (2012): Personalmanagement im Allgemeinen Sozialen Dienst. Standortbestimmung und Perspektiven für Leitung. Weinheim - Basel: Beltz Juventa (socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/13820.php).
  • Otto, H-U. & Thiersch, H. (Hrsg.). (2015). Handbuch Soziale Arbeit (5. erweiterte Aufl.). München: Reinhardt.
  • Tsokos, M. & Guddat, S. (2014). Deutschland misshandelt seine Kinder. München: Droemer Knaur.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 20.02.2015 zu: Joachim Merchel: Handbuch Allgemeiner Sozialer Dienst. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2015. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-497-02529-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18130.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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