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Jan Skrobanek: Ethnisierung von Ungleichheiten

Cover Jan Skrobanek: Ethnisierung von Ungleichheiten. Disparitäten, Benachteiligungswahrnehmung und Selbstethnisierungsprozesse im Übergang Schule – Ausbildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 320 Seiten. ISBN 978-3-7799-2462-3. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Wenn Jugendliche mit Migrationshintergrund, die die Hauptschule abschließen, die Erfahrung machen, dass sie schlechtere Chancen als ihre Altersgenossen haben, einen Ausbildungsplatz nach Wunsch zu finden, liegt es nahe, dass sie sich oder/und ihre ethnische Bezugsgruppe als benachteiligt wahrnehmen. Verschiedentlich ist als Folge Selbstethnisierung erwartet worden.

Autor

Der Autor war einige Jahre am Deutschen Jugendinstitut, auch als Leiter der Außenstelle in Halle/S., tätig, ist derzeit Professor für Jugendsoziologie an einer norwegischen Hochschule. Der vorliegende Band baut auf einige frühere Veröffentlichungen auf und ist, wenn man einem Hinweis im Text folgt, von der Jacobs Foundation unterstützt worden.

Aufbau

Die vorliegende Studie ist in acht Kapitel gegliedert.

Nach der Einführung in die Thematik skizziert der Autor seine Handlungstheorie (II). Sodann wird erklärt, wie sich die Probleme im Übergang von der Schule zur Ausbildung auf Jugendliche auswirken können (III).

In Kapitel IV und V entfaltet der Autor die möglichen Zusammenhänge zwischen Benachteiligung, Diskriminierungswahrnehmung und Selbstethnisierung.

Das methodische Vorgehen wird im Kapitel VI erläutert, im Kapitel VII folgen die Ergebnisse, die schließlich noch einmal zusammengefasst werden (XIII).

Inhalt

Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund nach Abschluss der Hauptschule vergleichsweise seltener als ihre Altersgenossen einen betrieblichen Ausbildungsplatz finden, dafür häufiger in schulischer Ausbildung oder im Übergangssystem, oft auch sog. Warteschleifen unterkommen. Die Frage, die sich nun stellt, ist die, wie die Jugendlichen mit dieser Situation umgehen. Finden sie dies ungerecht? Denken sie, dass sie selbst oder ihre ganze Herkunftsgruppe benachteiligt werden? Ist bei ihnen der Bezug zu ihrer Herkunft deutlicher ausgeprägt als bei denjenigen, die ihr Ausbildungsinteresse unmittelbar realisieren können? Neigen diese Jugendlichen mehr zu Selbstethnisierung, ja schwächt diese vielleicht sogar das Interesse an beruflicher Integration?

Jan Skrobanek untersucht diese Hypothesen für zwei Gruppen, nämlich für Jugendliche mit türkischem Hintergrund (erste oder zweite Generation) und junge Aussiedler. Die empirische Basis bilden telefonische Interviews, die vor Hauptschulabschluss und zweimal nach (Nicht-)Platzierung im Ausbildungssystem mit jeweils um die 300, insgesamt also über 600 Jugendlichen durchgeführt wurden, nämlich durch zusätzliche Fragen im DJI-Übergangspanel im November 2004, 2005 und 2006.

Aus dem umfangreichen Datenmaterial arbeitet der Autor zunächst überraschende Ergebnisse heraus. So findet er kaum Hinweise darauf, dass die hier befragten Jugendlichen mit Migrationshintergrund insgesamt weniger Zugang zum Ausbildungssystem wahrnehmen und sich somit diskriminiert fühlen. Ein Grund dafür mag allerdings darin liegen, dass die Jugendlichen mit Migrationshintergrund ihre Berufspläne bereits zum Ende der Hauptschule hin, in Kenntnis der Lage auf dem Ausbildungsmarkt, anpassen oder zurücknehmen.

Es gibt indes eine Teilgruppe, etwa 30% der türkischstämmigen Jugendlichen, ca. 10% bei den jungen Aussiedlern,die sich benachteiligt und diskriminiert fühlen, aber nicht ihre eigene Unzulänglichkeit dafür verantwortlich machen. Wenn Jugendliche mit Migrationshintergrund sich nicht individuell, sondern ihre gesamte Herkunftsgruppe als benachteiligt einstufen, so geschieht dies unabhängig von der aktuellen und persönlichen Situation, gewissermaßen änderungsresistent. In diesem Fall neigen die Jugendlichen auch dazu, die eigene Herkunftsgruppe höher zu bewerten und sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen.

Die gängigen Hypothesen zur Selbstethnisierung werden empirisch nicht bestätigt. Selbst wenn Jugendliche mit Migrationshintergrund die kulturellen Unterschiede gegenüber ihren Altersgenossen betonen und ihre Herkunftskultur aufwerten, geben sie das Interesse an Ausbildung und Beruf keineswegs auf.

Die Hinwendung zur Eigenkultur könnte, so der Autor, allenfalls auf lange Sicht zur Desintegration führen, wenn sich Diskriminierung und Abwertung einerseits, der beschränkte, ja verweigerte Zugang zum Ausbildungssystem andererseits verfestigen.

Diskussion

„Unter Selbstethnisierung soll …der Prozess der Aufwertung und/oder positiven Bewertung herkunftsspezifischer Kapitalien und die Wahl von… ‚kreativen‘ Handlungen gegen die dominante Kultur als Substitution für subjektiv wahrgenommene blockierte Chancen verstanden werden” – Diese Definition gehört noch zu den lesbaren und leichter verständlichen Sätzen, ansonsten ist der soziologische, u.a. von Bourdieu inspirierte Jargon alles andere als benutzerfreundlich, ja eigentlich ungenießbar.

Die Tests der Hypothesen sind statistisch-methodisch überaus solide und präzise. Im Text wird ab und an „Bedingen” mit „Bewirken” verwechselt. Die ca. 350 Angaben im Literaturnachweis und 29 Tabellen unterstreichen die Solidität der Publikation.

Zwar geht es um die grundlegende Frage der Selbstethnisierung, doch wünschte man sich doch, dass die Befragungen nicht schon Jahre zurückliegen.

Fazit

Wenn der Autor die Studie auf 20 Seiten gut lesbar zusammenfasst, wäre diese Lektüre zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 01.04.2015 zu: Jan Skrobanek: Ethnisierung von Ungleichheiten. Disparitäten, Benachteiligungswahrnehmung und Selbstethnisierungsprozesse im Übergang Schule – Ausbildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2462-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18134.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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