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Kristina Dietz: Der Klimawandel als Demokratiefrage

Cover Kristina Dietz: Der Klimawandel als Demokratiefrage. Sozial-ökologische und politische Dimensionen von Vulnerabilität in Nicaragua und Tansania. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2011. 320 Seiten. ISBN 978-3-89691-880-2. 29,90 EUR.
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Thema

Der Klimawandel bringt zum Teil bereits heute absehbare Folgen für die Lebensgrundlagen der Bevölkerung in einigen Weltregionen mit sich, wobei das Ausmaß der Gefährdung stark abhängig ist von der sozialen Lage, dem Informationsstand der Menschen und ihren politischen Partizipationsmöglichkeiten, so die leitende Annahme der Autorin, die sie an zwei Fallbeispielen überprüft. Das dafür herangezogene Konzept der Vulnerabiltät (wörtlich Verwundbarkeit) dient in der Geographischen Entwicklungsforschung der erweiterten Sicht auf Armut und in der Katastrophenforschung der Berücksichtigung der jeweiligen Schutzmöglichkeiten.

Autorin

Kristina Dietz ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lateinamerika-Institut der FU Berlin. Arbeitsschwerpunkte sind Entwicklungstheorien, Umweltpolitik, Nord-Süd-Beziehungen und Global Governance.

Entstehungshintergrund

Bei der Untersuchung handelt es sich um die Dissertation der Vf., die 2010 vom Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel angenommen wurde.

Aufbau und Inhalt

Die Vf. knüpft gleich am Beginn der Einleitung an den Bericht des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) von 2007/08 an, in dem festgestellt wurde, dass „die armen Länder und deren Einwohner […] am bittersten für den Klimawandel bezahlen müssen“ (10). Sodann geht sie auf verschiedene Konzepte von Vulnerabilität und entsprechende Bewältigungsstrategien ein. Schon auf den ersten Seiten wendet sie sich kritisch gegen dualistische Vorstellungen einer von Vergesellschaftung unabhängigen Natur. Für entscheidend hält sie „die Frage nach der demokratischen Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse zur Natur“ (13). Nach der kritischen Würdigung verschiedener sozialwissenschaftlicher Zugänge zu Vulnerabilität formuliert sie die leitende Annahme der Untersuchung, „dass die Vulnerabilität marginalisierter Bevölkerungsgruppen maßgeblich davon beeinflusst wird, ob es diesen Akteuren gelingt, ihre Interessen und Ansprüche in politische Aushandlungsprozesse einzubringen und durchzusetzen“ (20). Dabei geht die Vf. davon aus, dass dies nicht nur von formalen Mitwirkungsrechten abhängt, sondern von materiellen Verhältnissen, Wissen, ökonomischer und diskursiver Macht. Sie hält daher die sozialökologische, die soziale und die politische Dimension für relevant (ebd.). Dies ist eine Konsequenz aus dem Konzept der Gesellschaftlichen Naturverhältnisse (Görg 1999), das sie als für ihren Ansatz grundlegend kennzeichnet (21, ausführlicher 76ff.), d.h. eine dialektische Sicht von Natur und Gesellschaft. Außerdem sieht sie die Notwendigkeit, entsprechend dem Politics-of-scale-Ansatz die verschiedenen Handlungskontexte von der lokalen Ebene aufwärts zu berücksichtigen (21, 84). In Abschnitt 1.3 der Einleitung begründet sie die Auswahl der zwei Fallstudien – es handelt sich um je eine Region in Nicaragua und in Tansania – und ihr Untersuchungsziel, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu prüfen und so zu einer „analytischen Generalisierung“ zu gelangen (23). Daran anschließend wird das methodische Vorgehen erläutert.

Nach dieser einleitenden Klarstellung setzt sich die Vf. in Kapitel 2 mit der einschlägigen wissenschaftlichen Diskussion auseinander. Das Fragezeichen in der Überschrift „‚Globaler‘ Klimawandel? Zur Kritik aktueller Problemkonstellationen und Lösungsansätze“ verrät bereits entscheidende Kritikpunkte, nämlich „sozial ungleiche Vulnerabilitäten“, Wissensasymmetrien, „Machtverhältnisse in der internationalen Klimapolitik“, so einige Zwischenüberschriften. In Kapitel 2.2 werden die in der internationalen Klimapolitik und in der Entwicklungspolitik diskutierten und empfohlenen Strategien der Anpassung an den Klimawandel vorgestellt und anschließend bewertet (2.3).

In Kapitel 3 erläutert die Vf. ausführlicher das Konzept der Gesellschaftlichen Naturverhältnisse, befasst sich mit der Multidimensionalität von Armut und ungleichen Zugangsrechten, nimmt eine demokratietheoretische Bestimmung von Partizipation vor und erörtert „Räume der Partizipation“ unter Machtverhältnissen. Das Kapitel schließt mit „Vulnerabilität erklären: Analytisch-methodische Schlüsse“ (3.4). Nachdem so der Rahmen der Untersuchung abgesteckt ist, wendet sich die Vf. den Fallstudien zu, wobei sie von „komplexen Vulnerabilitäten“ spricht.

Kapitel 4 enthält die Ergebnisse der ersten Fallstudie über zwei Provinzen oder departamentos im Nordwesten von Nicaragua. Zunächst informiert die Vf. über die ökonomischen Wandlungsprozesse seit 1990, d.h. seit dem Ende der sandinistischen Reformphase, und über die politischen Veränderungen, wobei sie die „formale Demokratisierung“ hervorhebt. Nach den ökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen werden die Klimavariabilitäten und die möglichen Folgen des Klimawandels für die Region behandelt. Dabei betont die Vf., wie unterschiedlich der Hurrikan Mitch 1998 das Leben der verschiedenen sozialen Gruppen betraf. Im dritten Unterkapitel geht es dann speziell um die sozial-ökologischen, sozialen und politischen Dimensionen der Vulnerabilität in der Region. Hier wird deutlich, wie die Folgen des traditionellen Latifundismus, also von Großgrundbesitz, durch neoliberale „Reformen“ verschärft werden. Die kleinbäuerliche Bevölkerung schlägt sich mit einem Mix aus Subsistenzlandwirtschaft und Saisonarbeit durch. Gesundheits- und Bildungswesen sind für sie schwer zugänglich, ebenso wie Telekommunikation. Politisch können sich die Subalternen nach Darstellung der Vf. kaum Gehör verschaffen. Denn trotz formeller Dezentralisierung präge eine „zentralistische Politikgestaltung“ das politische Leben (145). Die Vf. schildert jedoch sehr gewissenhaft auch „Strukturen, Mechanismen und Räume der Partizipation auf lokaler Ebene“ (147f.). In den weiteren Unterkapiteln werden „lokale“, zum Teil individuelle „Spielräume und Strategien“ im Umgang mit neuen klimatischen Bedingungen, z.B. ausbleibenden Niederschlägen, sowie die nationale „Anpassungspolitik“ kritisch beleuchtet. Großen Deklarationen steht demnach eine eher ernüchternde Praxis gegenüber.

Nach demselben Schema werden in Kapitel 5 die Ergebnisse der Fallstudie vorgestellt, welche die Vf. in zwei Distrikten von Tansania durchgeführt hat. Neben den Spezifika, der Kolonialherrschaft bis ins vorige Jahrhundert, der stärker kleinbäuerlichen Wirtschaftsweise und den regionalspezifischen Auswirkungen des Klimawandels (Abschmelzen der Gletscher am Kilimanjaro, Ausbreitung der Tsetsefliege), lassen sich viele Parallelen feststellen. Auch hier folgte auf eine (in Tansania schon in den 1960er und 70er Jahren) sozialistisch orientierte Reformpolitik eine immer stärker auf neoliberalen Kurs gebrachte Politik.

Die bei aller Differenz feststellbaren Gemeinsamkeiten sind Gegenstand des Kapitels 6, wobei die Vf. die Untersuchungsergebnisse mit theoretisch-konzeptionellen Reflexionen verbindet. Diskutiert werden: die Planungsunsicherheit in der Landwirtschaft durch die Verschiebung von Niederschlägen, besonders folgenreich für Kleinbauern, die trotz sozialistischer Reformphasen bestehenden Erblasten kolonialer Naturaneignung, die soziale Desintegration durch neoliberale Strukturanpassungsprogramme, der Stadt-Land-Unterschied hinsichtlich infrastruktureller Erschließung (247), die geringen Partizipationschancen der Landarmen. Diese wurden durch Modelle des Good Governance nicht verbessert (253). Die jeweiligen Eliten bleiben unter sich (255). Die politische Dimension der Klimafrage wird nur jeweils auf nationaler Ebene programmatisch bearbeitet (259). Schlussfolgerung der Vf.: Fragen der Demokratisierung sind entscheidend. Vorläufig kann nicht davon gesprochen werden, dass die Weltgemeinschaft durch den Klimawandel auf gleiche Art betroffen sei.

Diskussion

An sich ist es trivial, dass Bevölkerungsgruppen mit geringer formaler Bildung, geringem Zugang zu Informationen, geringen ökonomischen Ressourcen und ohne Einfluss auf politische Entscheidungen schnellen Veränderungen ihrer Lebenssituation, eben auch klimatischen, eher ausgeliefert sind oder, in der Fachsprache der Vf., stärker vulnerabel sind. Ihr Verdienst ist es, dieses Bedingungsgefüge mit größter Gründlichkeit an zwei Regionen in Mittelamerika und Ostafrika aufgezeigt zu haben. Dass ihre Ausführungen über weite Strecken eigentlich entwicklungspolitische Fragen behandeln, entspricht ihren Grundannahmen. Kehrseite der Akribie, mit der die Vf. ihr Thema angeht, sind gewisse Redundanzen. Diese sind, ebenso wie die teilweise verklausulierte Sprache, eine Konsequenz der gegenwärtigen akademischen Kultur. Dies ist umso bedauerlicher, als die Vf. eine wichtige politische Botschaft hat.

Fazit

Eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die mit Entwicklungs- oder Umweltpolitik oder Fragen der Globalisierung befasst sind.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 04.03.2015 zu: Kristina Dietz: Der Klimawandel als Demokratiefrage. Sozial-ökologische und politische Dimensionen von Vulnerabilität in Nicaragua und Tansania. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2011. ISBN 978-3-89691-880-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18137.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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