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Sabine Maschke, Ludwig Stecher (Hrsg.): Fragen an die Pädagogik

Cover Sabine Maschke, Ludwig Stecher (Hrsg.): Fragen an die Pädagogik. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2014. 277 Seiten. ISBN 978-3-7800-4813-4. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Thema

Das Buch stellt eine Sammlung von Antworten auf einen fünfschrittigen Fragenkatalog zu aktuellen Themen der Pädagogik dar: Es geht um

  • Zukunftsaufgaben der Pädagogik,
  • ihr Potential, die Welt zu verändern,
  • um Moral- und Werteerziehung,
  • um Qualität und Professionalität in Erziehung und Bildung sowie
  • um ihre Grenzen.

Vorgelegt wurde der Fragenkatalog renommierten Wissenschaftler_innen aus Lehre und Forschung im bundesdeutschen Sprachraum. Im Ergebnis entstanden neunzehn Autor_innen-Beiträge, die sowohl Einblicke in persönliche Zugänge zur Pädagogik als Wissenschaftsdisziplin geben als auch Theorien, Konzepte und Positionen beleuchten.

Herausgeberin und Herausgeber

Die Initiative zur Entstehung der Publikation geht auf Sabine Maschke, Privatdozentin am Institut für Erziehungswissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen, und Ludwig Stecher, Professor für Empirische Bildungsforschung, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, ebenfalls der Justus-Liebig-Universität, zurück. Beide beschreiben ihre Publikation als ein „Text-Experiment“ (Maschke/Stecher 2014: 23). Damit spielen sie nicht zuletzt auf das eher ungewöhnliche Format einer dialogischen Frage-Antwort-Struktur der einzelnen Beiträge an.

Entstehungshintergrund

Zielleitend für das Buchprojekt war die Idee, durch eine Fokussierung auf wenige, zuvor als zentral identifizierte, Themenbereiche eine Standortbestimmung der Pädagogik sowie Klärung ihrer Positionen zu initiieren. Bewusst sollte dies, so Maschke und Stecher, nicht in Form einer fachwissenschaftlichen Abhandlung, sondern im Sinne eines „lebendigen Gespräch[s]“ (2014: 7) erfolgen. Als Ausgangspunkt dafür dient der klar umrissene Fragenkatalog, der um selbst gewählte Fragen durch die Autor_innen ergänzt oder in der Reihenfolge variiert wurde.

Aufbau

Nach einer in die Thematik einführenden Einleitung von Maschke und Stecher, die einzelne Beiträge pointiert mit selektiven Zitaten skizziert, folgen die Ausarbeitungen der Autor_innen in alphabetischer Reihenfolge.

Den Auftakt bildet Sabine Andresen, Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Universität Frankfurt. Den Abschluss formt der Beitrag von Jochen Wissinger, Professor für Erziehungswissenschaft, Schwerpunkt Schulpädagogik, an der Universität Gießen.

Zwischen Andresen und Wissinger bewegen sich weitere renommierte, zum Teil emeritierte Professor_innen wie Benner, Brumlik, Faulstich-Wieland, Giesecke, Gogolin, Horstkemper, Krüger, Rauschenbach, Thole und andere. Das Buch versammelt folglich einen breiten Ausschnitt der Prominenz des Faches. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die Antworten seiner Repäsentant_innen.

Inhalt

Folgende Fragen waren impulsgebend für die inhaltlichen Ausführungen:

  1. „Durch welche Vorbilder aus der Pädagogik bzw. Untersuchungen oder Schriften sind Sie in ihrer eigenen Arbeit beeinflusst worden?
  2. Was hat sich aus Ihrer Sicht durch die Pädagogik oder den Einfluss von Pädagog(inn)en in der Welt zum Besseren gewandelt? Wo liegen die „Grenzen“ der Pädagogik?
  3. Was sind die wichtigsten Zukunftsaufgaben der Pädagogik? Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Zukunft der Schule oder außerschulischer Bildungsinstitutionen und -angebote?
  4. Was zeichnet einen guten Pädagogen/eine gute Pädagogin aus? Und: Was kann eine professionelle Ausbildung dazu beitragen bzw. wie sollte sie gestaltet sein?
  5. Welche Bedeutung hat die Moral- und Werteerziehung in der Pädagogik heute, bspw. bezogen auf die Medien und deren Nutzung?“

Dass sich die nur auf den ersten Blick einfach anmutende Aufgabenstellung nicht für alle Autor_innen gleichermaßen bruchlos umsetzen ließ, geht aus den sehr unterschiedlichen Textproduktionen hervor. Während einige Beiträge in hoch verdichteter Form Wissensbestandteile und Referenztheorien sowie eigene Verortungen und Rückblicke auf die Wirkungsperiode als Lehrende und Forschende enthalten, leben andere Repliken von der Freiheit, Fragestellungen zu hinterfragen, sich von ihnen zu distanzieren oder sie als nicht schlüssig beantwortbar zu erklären. So merkt Klaus-Jürgen Tillmann kritisch an, dass sich der Fragenkatalog vorrangig auf „normative Aspekte im Feld von Bildung und Erziehung“ bezieht und entwickelt daraus eigene Überlegungen dazu, wie normativ die Erziehungswissenschaft überhaupt sein dürfe. Weitere, von Autor_innen selbst formulierte Fragen, wie bspw. nach dem Beitrag qualitativ-rekonstruktiver Biografieforschung für die Erziehungswissenschaft (Heide von Felden) oder nach einem pädagogischen, noch nicht erschienenen Buch, das der Autor selbst gerne geschrieben hätte (Thomas Rauschenbach), ergänzen das Themengerüst um sehr lebendige und individuelle Perspektiven. Dazu gehören auch die Überlegungen von Hermann Giesecke, was eine „moderne“ Pädagogik sei, die Betrachtungen „Zum Abschluss - offener Ausgang“ von Manuela du Bois-Reymond sowie die Selbsterkundungen von Hans Brügelmann dazu, was er in der Erziehung der eigenen Kinder heute anders machen würde. Mit der aktuellen Situation der universitären Studiengänge in den Erziehungswissenschaften befasst sich Ludwig Duncker und bescheinigt dieser aufgrund von Überfüllung, mangelnder Betreuungsmöglichkeiten und Anonymität eine „Verwahrlosung universitärer Ansprüche und Ideale“.

Alle Buchbeiträge stehen als isolierte Entitäten seriell nacheinander gereiht. Einen gegenseitigen Bezug der Autor_innen untereinander oder auf bereits Dargestelltes im Sinne eines Diskurses oder in Form von Querverweisen findet sich nicht. Dennoch ergeben sich an manchen Stellen inhaltliche Verbindungen: So taucht Siegfried Bernfelds „Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung“ (1925) gleich in mehreren Ausführungen auf. Eine weitere Parallelität ergibt sich bei der Beschreibung von Kriterien für eine gute Pädagogin, einen guten Pädagogen. Die größte Schnittmenge liegt hier in der Identifizierung einer Handlungs- und Reflexionskompetenz, die auf fundiertem Fachwissen beruht und sich für die ständige Erweiterung und Weiterentwicklung offen hält. Für die Tätigkeitsfelder der Sozialpädagogik unverzichtbar werden fallverstehende und fallanalytische Kompetenzen benannt.

In Fragen der wichtigsten Zukunftsaufgaben der Pädagogik konzentrieren sich die Antworten auf einen von ökonomischen Zwängen und Nutzendenken abstrahierten Bildungsbegriff, der der Reduktion des Menschen auf einen konkurrenzfähigen Leistungsträger der Gesellschaft widerspricht und eine Lanze für Subjektivitätsentwicklung bricht. Bildungsgerechtigkeit, Heterogenität und Inklusion werden hierbei als unhintergehbare Bestimmungsgrößen pädagogischer Prozesse in einer globalisierten Welt definiert. Inklusion und „sozial inklusive Schulen“ (Micha Brumlik) erscheinen vorwiegend unter den Dimensionen sozialer Herkunft und Ethnie. Die Dimension ‚Behinderung‘ findet expressiv verbis lediglich in den Ausführungen von Marianne Horstkemper Berücksichtigung – ein Phänomen, das angesichts der ubiquitär geführten Inklusionsdebatte verwundern mag. Moral- und Werteerziehung interpretiert Peter Fauser im Sinne einer Demokratiepädagogik und erinnert damit an die Notwendigkeit politischen Denkens und Handelns in der pädagogischen Praxis. Schule und formale Bildungsorte bilden bei der Mehrzahl der Autor_innen denSchwerpunkt der Überlegungen. Außerschulische pädagogische Arbeit und informelle Aspekte von Bildung werden nur punktuell thematisiert (insbes. Sabine Andresen, Hermann Giesecke, Thomas Rauschenbach und Werner Thole).

Eine ausdrücklich internationale Perspektive auf Fragen an die Pädagogik fehlt; hier stellen die Beiträge von Manuela du Bois-Reymond und Arnd-Michael Nohl, die eigene Auslandserfahrungen in den USA, Niederlanden und der Türkei in ihre Erörterungen mit einflechten, sowie die inhaltlichen Bezüge von Hans Merkens auf die Educational Psychology aus den USA punktuelle Ausnahmen dar.

Diskussion

Wer sich von dem Buch Antworten und Orientierung im Dickicht der Pädagogik erhofft, dessen Erwartung bleibt unerfüllt. Geradezu paradox stellt sich vielmehr ein gegenteiliger Effekt ein: Zurück bleibt ein quasi babylonisches Gefühl: Im Klangteppich der vielen Stimmen verblassen Konturen und Linien. Gemeinsames und Trennendes, Essentielles und Spezifisches sind in der Textur neunzehn unterschiedlicher Antworten auf identische Fragestellungen nicht einfach zu identifizieren. War den Herausgeber_innen die „Vergleichbarkeit der Antworten“ (Maschke/Stecher 2014: 8) zwar besonders wichtig, stellt sich diese jedoch nicht automatisch ein. Ein sortierender und orientierender Vergleich würde ein systematisches Analysieren der Inhalte auf Parallelen und Unterschiede, Widersprüche und Paradoxien erfordern. Dies verlangt einen sorgfältigen und vermutlich mühsamen Auswertungsprozess, dem sich wahrscheinlich nur wenige Leser_innen stellen werden.

Alternativ dazu kann das Buch jedoch unter einer biografischen Perspektive wesentlich entspannter gelesen werden: Unter dem Blickwinkel des Gewordenseins der Wissenschaftler_innen und der Genese der von ihnen vertretenen Positionen stellen sich interessante Verbindungslinien her. Abstrakte Theorien und komplexe Methoden verlieren so ihre Unnahbarkeit: Gefiltert durch die Augen der Betrachter offenbaren sie persönliche Bezüge einer akademischen Sozialisation und Profession. So gelesen entfaltet sich bei der Lektüre ein vielschichtiger Spannungsbogen, der von „A wie Andresen“ bis „W wie Wissinger“ durch trägt und unerwartete Überraschungen bereit hält. Wiederentdeckt werden können dabei zuweilen vergessene Territorien, die zu erschließen und erkunden sich lohnt: Mit Hermann Giesecke gesprochen ist dies beispielweise die „politische Reformulierung der Pädagogik“, die unter Rekurs auf die Vergangenheit die Zukunft neu entwerfen könnte.

Fazit

Das Buch empfiehlt sich als Einblick in die Vielschichtigkeit pädagogischer Referenztheorien, geisteswissenschaftlicher Herkunftstraditionen und aktueller Diskurse. Der Schwerpunkt der inhaltlichen Beiträge bezieht sich auf den Kontext von Schule und formeller Bildung. „Fragen an die Pädagogik“ sind daher in erster Linie Fragen an die Schulpädagogik. Dies mag der Auswahl der Autor_innen geschuldet sein, die vorwiegend Lehrstühle in diesem Schwerpunkt inne haben oder hatten. Für Leserinnen mit spezifischem Interesse an Fragen der Kindheitspädagogik, Inklusionspädagoik oder Sozialpädagogik bieten die Texte nur vereinzelt Anknüpfungspunkte. Für eine breite Leserschaft besonders interessant sind die Überlegungen zu Zukunftsaufgaben der Pädagogik sowie die Ausführungen über Qualitätsmerkmale und Kompetenzen „guter“ Pädagog_innen. Wen Biographien renommierter Erziehungswissenschaftler_innen interessieren, wird das Buch ebenfalls gerne zur Hand nehmen. Gerade vor dem Hintergrund persönlicher Zugänge zum Fach Pädagogik entstehen lebendige Zeugnisse akademischer Lebenswege. Literaturangaben im Anschluss an die einzelnen Beiträge stellen eine ergiebige Fundgrube für vertiefende Studien dar.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Baldus
Hochschule Mannheim
Homepage baldusm.twoday.net
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Zitiervorschlag
Marion Baldus. Rezension vom 21.04.2015 zu: Sabine Maschke, Ludwig Stecher (Hrsg.): Fragen an die Pädagogik. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2014. ISBN 978-3-7800-4813-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18139.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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