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Jens Friebe, Bernhard Schmidt-Hertha u.a. (Hrsg.): Kompetenzen im höheren Lebensalter

Cover Jens Friebe, Bernhard Schmidt-Hertha, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Kompetenzen im höheren Lebensalter. Ergebnisse der Studie "Competencies in later life" (CiLL). W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2014. 181 Seiten. ISBN 978-3-7639-5479-7. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Die große Restzeit des Lebens nach der Erwerbstätigkeit ruft die Geropädagogik bereits seit geraumer Zeit auf den Plan. Dass Bildung zur Vorbereitung auf den beruflichen Ernst und wegen der schnellen Wandlung der Arbeitsanforderungen auch während der Erwerbstätigkeit vonnöten ist, wird von niemandem mehr bestritten. Doch je mehr gesellschaftliche Ressourcen von den nachberuflich Freigesetzten eingefordert und angenommen werden, desto gründlicher gilt es darüber nachzudenken, wie die nach ihrem Erwerbsleben in Nachberuf, Pflege und Ehrenamt Tätigen auf dem Laufenden bleiben können. Die Pädagogen Jens Friebe, Bernhard Schmidt-Hertha und Rudolf Tippelt legen dazu bei Bertelsmann ihre Studie „Kompetenzen im höheren Lebensalter“ vor, aus der sie Vorschläge für die nachberufliche Erwachsenenbildung generiert haben.

Autoren

  • Dr. Jens Friebe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Programm „Systeme und Politik“ des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V. DIE – in Bonn.
  • Professor Dr. Bernhard Schmidt-Hertha ist Direktor des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen.
  • Professor Dr. Rudolf Tippelt ist Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung der Universität München.

Aufbau und Inhalte

Die Studie „Kompetenzen im höheren Lebensalter“ CiLL (Competencies in Later Life) misst ausgehend von der OECD-Erwachsenen-Untersuchung PIAAC (Programme for the International Assessment of Adults Competence) in einer Anschluss-Exploration die Lese-, Rechen- und Technik-Fertigkeiten von 66- bis 80jährigen in Deutschland lebenden Älteren. Zugrunde liegt die Beobachtung, dass sich diese Altersgruppe in Nachberuf, Ehrenamt, Pflegetätigkeit und Migrationsbemühungen noch vielfach aktiv betätigt und dazu Kenntnisse benötigt. Leseverständnis, Alltagsmathematik, Technologienutzung und Sozialintegration sollten diesen älteren Menschen dienlich sein, um ihre Selbstständigkeit zu erhalten, ihre Eigenständigkeit zu behaupten und ihr Wohlbefinden zu gewährleisten.

Im Forschungsdesign wird untersucht, was von der internationalen PIAAC-Studie für die vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung DIE mitgetragene CiLL-Untersuchung an Fragestellungen auf die 1.392 einbezogenen Probanden übertragbar ist. Neben quantitativen empirischen Erhebungen wurden bei 42 Befragten zusätzlich qualitativ noch Expertengespräche, Einzelinterviews und Gruppendiskussionen durchgeführt und ausgewertet.

Die Grundkompetenzen der befragten Älteren wurden daraufhin ermittelt, ob sie zu einer adäquaten aktiven sozialen Lebensführung mit autonomem Handeln und sozialer Integration hinreichen. Die Lesekompetenz wurde in fünf Kompetenzstufen untersucht. Komplexere, informationsdichte Texte vermochten nur 16 Prozent der Befragten zu verstehen, Texte kritisch hinterfragen konnte nur 1 Prozent. 76 Prozent vermochten aber Texte geringerer Komplexität zu verstehen. Mathematische Grundfertigkeiten, um alltägliche Preise und Kosten zu übersehen, beherrschte die Hälfte der Befragten, ohne indes Diagramme oder Schaubilder verstehen zu können. Komplexere interpretative Berechnungen beherrschte weniger als ein Viertel der Älteren. Bei der digitalen Problemlösekompetenz sind Ältere gegenüber Jüngeren im Hintertreffen. Sie nutzen elektronische Daten nur zu 46 Prozent gegenüber 77 Prozent altersunabhängig. Eine hohe Kompetenz in der Verarbeitung elektronischer Daten erreichte niemand, eine mittlere 2,6 Prozent und eine einfache Fertigkeit 10,9 Prozent.

In Adressaten-Fallstudien wurde die spezifische Nützlichkeit der Grundkompetenzen ermittelt. Erwerbstätige erwerben die nötigen Kompetenzen durch Anlesen und E-Learning. Ehrenamtler eignen sich ihr Wissen im Vollzug ihrer Arbeit im Learning by doing an, da auch Einfühlungsvermögen, Organisationstalent und Teamfähigkeit erforderlich sind; jedoch ist in vielen Fällen wie der Hospizarbeit auch Weiterbildung unerlässlich. Für Pflegende sind Anleitung und Austausch wesentlich und entlastend; erforderlich werden quasi-professionelle Fertigkeiten, soziale Kompetenz und Selbsteinschätzung. Pflegekurse sind hier hilfreich wie eine Kette mehrerer unterschiedlicher Lernvermittlungen (wie etwa im Krankenhaus, der Rehabilitationseinrichtung, dem Pflegestützpunkt, den ambulanten Diensten und via Internet als Selbstlern-Angebot). Für Migranten ist der Spracherwerb in einer homogenen Gruppe der eigenen Ethnie bedeutsam.

Die Herausforderungen an die Weiterbildung aktiver Älterer bestehen darin, an situativen Momenten (wie Gesunderhaltung, Hobby, Reisen, Lebenskrise, Anforderungen im Ehrenamt) anzusetzen, um ein selbstmotiviertes Lernen mit Anwendungshorizont und Transfermöglichkeiten auszulösen. Intergenerative Bezüge unter den Lernenden werden als förderlich erachtet. Mediengestütztes Vorgehen ist hilfreich. Auch haben sich Vernetzungen als günstig erwiesen (so etwa zwischen Erwachsenenbildung, Sozialpädagogik und Gesundheitsberatung).

Diskussion

Die Studie „Kompetenzen im höheren Lebensalter“ gibt in einer Gesellschaft des langen Lebens wichtige Fingerzeige auf das Aufrechterhalten und Erweitern der Kenntnisse und Fertigkeiten für altersspezifische Aufgaben. Die Studie ruft auf zu einer Abkehr von einem Lernstoff-orientierten Vorgehen und plädiert für eine auf den Betätigungs-Anlass und eine auf die Teilnehmer bezogene Fortbildung mit durchaus auch altersgemischten Teilnehmerkreisen.

Die Variablen Niveau der Erstausbildung und Dauer der Erwerbstätigkeit der Probanden schlagen als Ursachen für die augenblicklichen Kompetenzen der Älteren immer wieder so grundlegend durch, dass die Schlussfolgerung, Weiterbildung im hohen Alter könne die Kompetenzen ausgleichend wirken, fragwürdig erscheint. Doch jenseits solcher Niveau-nivellierender Ziele erscheinen zumindest Befähigungen zur Meisterung augenblicklicher Zustände vor Ort erreichbar.

Die äußere Darstellung der Studie ist typografisch lesefreundlich, der gewählte Schriftgrad zumindest für Ältere aber zu klein. Insofern ist die Untersuchung mehr für Erwachsenenbildner aller Altersstufen gedacht als für lernwillige alte Endverbraucher selbst. Positiv hervorzuheben ist, dass sich die qualitativen Interviewauszüge in Anzahl und Umfang sehr begrenzt halten und so den Lesefluss so gut wie gar nicht oder doch kaum beeinträchtigen.

Die Balkengrafiken springen vor allem in den Kapiteln 4.1 und 4.2 in ihren grau-schwarz-Stufungen für die jeweils sechs Qualifikations- und Kompetenz-Niveaus kaum mehr prägnant ins Auge. Der Aufwand an Prüfstatistik und Transkribtionsmethodik ist erheblich und im niedergeschriebenen Ausmaß gerade noch tolerabel.

Viele Ergebnisse beruhen nach der Erhebungsmethode als Momentaufnahmen auf Querschnittsuntersuchungen und wären in erweiterten Untersuchungen per Längsschnittbetrachtung ergänzbar.

Fazit

In ihrer vermehrt langen Ruhestandszeit kommen viele Ältere nicht umhin, Aufgaben zu erfüllen. Wie sie dazu besser befähigt werden können, hat die Studie „Kompetenzen im höheren Lebensalter“ zielgerichtet untersucht und gibt dazu umsetzbare, erwachsenenbildnerische Vorschläge zu Erhöhung und Festigung der Fertigkeiten älterer Menschen.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 19.01.2015 zu: Jens Friebe, Bernhard Schmidt-Hertha, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Kompetenzen im höheren Lebensalter. Ergebnisse der Studie "Competencies in later life" (CiLL). W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-7639-5479-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18144.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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