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Claudia Schuh, Heidi Werder: Die Muse küsst - und dann?

Cover Claudia Schuh, Heidi Werder: Die Muse küsst - und dann? Lust und Last im kreativen Prozess. Karger (Basel, Freiburg, Paris, London, New York, New Delhi, Bangkok) 2014. 3., Auflage. 200 Seiten. ISBN 978-3-318-02658-0. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 23,00 sFr.

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Thema

Was ist Kreativität? Ist es eine Charaktereigenschaft? Ist Kreativität angeboren oder erworben? Kann man Kreativität lernen? Ist Kreativität eine Kompetenz? Welche Menschen sind kreativ? Und wovon hängt es ab, dass sie kreativ sein können? Sind alle Menschen kreativ? Oder sind es die besonders Begabten, die Künstler und die Talentierten? Und wie gestaltet sich ein kreativer Prozess?

In dem Buch von Schuh und Werder werden viele Fragen aufgeworfen, doch was einen von Beginn an mit auf den Weg nimmt ist, die Anschaulichkeit und die erlebnisnahe Beschreibung von kreativen Prozessen und Menschen. Die Autorinnen lassen sich dabei von Bildern, Märchen, Metaphern und Geschichten leiten und nehmen den Begriff der Kreativität immer wieder von einer anderen Seite auf, was das Buch sehr lebendig macht und die Lesenden einlädt, dem Weg der Kreativität immer weiter zu folgen. Kreativität wird dabei angesiedelt zwischen Charaktereigenschaft und prozesshaftem Erleben.

Die Autorinnen entwickeln in Anlehnung an Fritz Riemann (die Grundformen der Angst) eine Typologie von kreativen Menschen. Sie stellen der Typologie ein Phasenmodell des kreativen Prozesses zur Seite. Die Frage, ob Kreativität also nun eher Struktur oder Prozess sei, beantworten die Autorinnen vermutlich mit einem sowohl als auch. Apropos: Die Autorinnen schreiben gerne, und das macht das Lesen des Buches an vielen Stellen informativ und unterhaltsam zugleich. Die Wissenschaft tut sich schwer mit Kreativität – schon allein die Definition ist nicht einfach. Daraus resultieren auch Probleme bei der Operationalisierung des Begriffs und der Messung von Kreativität. In einem Phasenmodell der Kreativität unterscheiden die Autorinnen eine Abfolge von sechs Sequenzen. Diese sind die Vorbereitungszeit, die Inkubations- und Reifungsphase, die Einsicht oder das Aha Erlebnis, die Zeit der Arbeit, die Bewertung oder Evaluation der „Erkenntnis“ und die Erholungsphase. Bildhaft finden die Autorinnen die Phasen von Kreativität in den Bildern von Angelika Kaufmann wieder. Wenn auch nicht alle der aufgeworfenen Fragen um das Themengebiet der Kreativität beantwortet werden, so erhält man dennoch vielfältige Einsichten in die Entstehung kreativer Prozesse.

Autorinnen und Entstehungshintergrund

Claudia Schuh und Heidi Werder erarbeiteten auf dem Hintergrund als Lehrende an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich ein Buch, das sich detailliert mit dem Phänomen kreativer Prozesse auseinandersetzt. Der Fokus der Autorinnen liegt auf der Untersuchung kreativer Prozesse bei den angehenden Kunstschaffenden. Gleichwohl ordnen sie ihre Beiträge und ihre Schlussfolgerungen zum Thema Kreativität in einem grösseren Rahmen ein und versuchen, ein allgemeingültiges Modell für kreative Prozesse zu beschreiben. Die Autorinnen präsentieren sich als Co-Autorinnen und in der Beschreibung fliessen künstlerische Aspekte und psychologische Theorien zusammen zu einem Modell des kreativen Prozesses.

Aufbau und Inhalt

Im Buch wird der kreative Prozess anhand eines Phasenmodells beschrieben. Um den Prozess aus verschiedenen Blickwinken zu beleuchten, beziehen die Autorinnen Quellen unterschiedlicher Qualität mit ein. Dies sind zum einen Befunde aus der Forschung; hier stützen sie sich auf Chikzentmyhali ab. Sein Konzept des kreativen Prozesses, aber auch das Phänomen der Flow-Handlung spielen eine Rolle, ebenso das Aha-Erlebnis von Bühler und so begeben sich die Autorinnen auf Spurensuche bei den Studierenden der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich und nehmen damit auch qualitative Aspekte in den Fokus. Viele der psychologischen Erwägungen stützen sie auf den Schriften von C.G. Jung ab.

Erfahrungswelten des kreativen Prozesses in den unterschiedlichen Phasen werden erlebensnah und metaphorisch beschrieben. Das liest sich gut und lädt ein, das vorgestellte Modell des kreativen Prozesses auch bildlich und räumlich zu erkunden. Jede Phase hat ihr eignes Zentrum, den eigenen Inhalt, welcher von Bedeutung ist. Sei es die Suche, das nicht Wissen, das Finden, das Umsetzen oder die Bewertung, sich trauen zu zeigen und Fehler zu machen.

Die Autorinnen stellen dem Phasenmodell eine Typologie der Kreativität zur Seite in Anlehnung an die Typologie von Fritz Riemann. Sie beschreiben und charakterisieren unterschiedliche Umgehensweisen mit Kreativität anhand des eigenständigen Typus, des methodisch oder strukturierten Typus, des impulsiven oder spontanen Typus und des einfühlsamen Typus. Die Beschreibung dieser Kategorien wird mit Beispielen aus dem Alltag ergänzt, so dass man sich deren Handlungsweisen sehr gut vorstellen kann und anhand der Situation quasi zum Miterleben eingeladen ist.

Fazit

Das Buch beinhaltet Aspekte zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kreativität, ohne allerdings auf neurowissenschaftliche Befunde einzugehen. Es erarbeitet ausführlich ein Phasenmodell als idealtypischen Verlauf von Kreativität und gestaltet die Beschreibung des Modells so, dass man als Lesender sehr gerne folgt und sich gut informiert fühlt. Insgesamt ist der metaphorische Bereich des Buches sehr gut ausgebaut. Bisweilen spielen die Künste eine sehr weit im Vordergrund stehende Rolle, was durch den Hintergrund der Autorinnen gut erklärbar ist, aber zu Lasten der Alltagsnähe geht. Dennoch: Das Buch macht Freude gelesen zu werden und ist damit wirklich empfehlenswert für diejenigen, welche Freude an künstlerischen Perspektiven und deren Vielfältigkeit haben. Wer an neuen und überraschenden Erkenntnissen kreativer Prozesse, die erfahrungsnah beschrieben sind, interessiert ist und sich Gedanken machen möchte über das Phänomen von Kreativität, hat in diesem Buch vielfältige Möglichkeit, Neues zu finden.


Rezensent
Prof. Dr. Günther Wüsten
Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, Diplom Sozialpädagoge FH Prof. am Institut für Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Nordwestschweiz. Tätigkeitsfelder: Methoden und Konzepte der Psychosozialen Beratung, ressourcenorientierte Beratung in psychosozialen Arbeitsfeldern, ressourcenorientierte und soziokulturelle Verfahren in der Psychosozialen Praxis, Selbstmanagement.
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Zitiervorschlag
Günther Wüsten. Rezension vom 29.05.2015 zu: Claudia Schuh, Heidi Werder: Die Muse küsst - und dann? Lust und Last im kreativen Prozess. Karger (Basel, Freiburg, Paris, London, New York, New Delhi, Bangkok) 2014. 3., Auflage. ISBN 978-3-318-02658-0. Studienausgabe. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18145.php, Datum des Zugriffs 28.05.2017.


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