Petra Wagner: Gemeinsam Vielfalt und Fairness erleben
Rezensiert von Prof. Dr. Christiane Vetter, 06.02.2015
Petra Wagner: Gemeinsam Vielfalt und Fairness erleben. [was Kinder stark macht]. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2014. 96 Seiten. ISBN 978-3-589-24824-7. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 26,30 sFr.
Autorin
Die Autorin des Buches „Gemeinsam Vielfalt und Fairness erleben“, Petra Wagner ist die Direktorin des Instituts für den Situationsansatz in Berlin (ISTA) und sie leitet die Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung. Das Thema des Buches wird vor dem Hintergrund des Situationsansatzes entfaltet.
Thema
Der Situationsansatz ist ein pädagogisches Konzept, dass Kinder unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft unterstützt, ihre Lebenswelt zu verstehen und verantwortlich zu gestalten. Er gilt als ein pädagogischer Ansatz, nach dem Fachkräfte angeleitet werden, ihre Arbeit mit Kindern didaktisch/methodisch zu gestalten und zu reflektieren, um kindliche Bildungsprozesse anzuregen. Der Situationsansatz entstand bereits vor 40 Jahren, um den Lebensweltbezug mit Bildung zu verbinden und durch das Curriculum zum sozialen Lernen in Kindertageseinrichtungen einen eigenständigen Bildungsauftrag für den Elementarbereich zu formulieren. Bis heute wird die Kita als Bildungseinrichtung weiterentwickelt. Das Buch „Gemeinsam Vielfalt und Fairness erleben“ folgt den zentralen Arbeitsschritten im Situationsansatz. Dazu gehören: Erkunden – Situationen analysieren, Orientieren – Ziele festlegen, Handeln – Situationen gestalten, Reflektieren – Erfahrungen auswerten. Das Buch ist Teil der Praxisreihe „Was Kinder stark macht“ (S. 8). Die zentrale Fragestellung des Buches, welche Gesellschaft Kinder brauchen, damit sie ihre vielfältigen Potenziale entwickeln, welche Erwachsenen und welche Kompetenzen helfen, ein eigenverantwortliches Leben sinnerfüllt zu gestalten, zieht sich wie der rote Faden durch das Buch.
Unter Vielfalt versteht die Autorin alles, was Menschen durch unterschiedliche Lebenslagen, -stile und Lebensführungen unterscheidet. Die soziokulturellen Unterschiede konfrontieren Kinder mit vielfältigen Möglichkeiten, einen Platz in der Gesellschaft zu finden und ihre Identität zu entwickeln (S. 10). Unter Fairness versteht sie die soziale Kompetenz eines fairen Umgangs miteinander und Bildungsgerechtigkeit, die im Sinne der Umsetzung der UN-Kinderrechte Bildungs-Barrieren abbaut und Inklusion anstrebt (S.13).
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt, die den vier Planungsschritten im Situationsansatz entsprechen.
In Kapitel 1 steht die Erkundung der heutigen Lebenswelt im Vordergrund, deren Kennzeichen eine vielfältige Familienkultur ist. Die Erfahrung der Inklusion und Exklusion im Sinne sozialer Ungleichheiten betrifft bereits Kinder und persönliche Unterschiede im Geschlecht, in den körperlichen Möglichkeiten und durch Migrationserfahrungen, erleben Kinder bereits im Vorschulalter. „Gesellschaftliche Ungleichverhältnisse und Spannungen machen vor der Kita-Tür nicht halt“ (S.41). Um Strategien zum Umgang mit Vielfalt zu entwickeln und Fairness zu entfalten, komme es, so die Autorin, darauf an, Unterschiede nicht zu leugnen und Kinder zu beobachten, wie sie diese Differenzen wahrnehmen. „Kinder geben mit ihren Fragen und Äußerungen Hinweise, wie sie versuchen, sich einen „Reim“ auf Beobachtungen zu machen“ (S. 47). Das, so die Autorin, entlässt Fachkräfte nicht aus der Verantwortung, darüber nachzudenken, welche Unterschiede toleriert, welche kritisiert, welche Umgangsweisen kultiviert werden, und welche noch nicht weiter entwickelt wurden. Die Beobachtung und das Wahrnehmen von Vielfalt gehören zum ersten Schritt, gemeinsam Vielfalt und Fairness zu erleben. Fachkräfte gestalten Erziehung und Bildung.
In Kapitel 2
geht es um die Lernchancen einer Praxis der Vielfalt und Fairness.
Wer Vielfalt und Fairness als wichtig erachtet, beginne, so Wagner,
Vielfalt wertzuschätzen. Damit wird ermöglicht, dass Kinder sich
zugehörig und in der Kita wohlfühlen können. Des Weiteren sollten
Lernanregungen daraufhin geprüft werden, ob sie Vielfalt
widerspiegeln, damit Kinder sich damit identifizieren können. Beim
Spielzeug, bei der Auswahl der Bilderbücher bei den
geschlechtsspezifischen Angeboten erleben Kinder nicht nur den
respektvollen Umgang miteinander, sondern auch, dass ihre Vielfalt
eine Bereicherung darstellt. Petra Wagner stellt den
Zusammenhang zum Konzept der vorurteilsbewussten Pädagogik her (54).
Fairness zeigt sich im Umgang mit Partizipation, Fürsorge und
Gesprächen über humanistische Werte, die Kinder sensibilisieren,
achtsam mit ihrer Lebenswelt umzugehen. So gestalten Fachkräfte eine
Lernkultur. Mit Hilfe der Selbst- und Praxisreflexion im Team
beziehen sie Positionen, mit denen sich Eltern und Kinder
auseinandersetzen können (S. 58).
In Kapitel 3 stehen das Handeln und die Gestaltung von Situationen im Vordergrund, die sich auf Gender, das Alter, Behinderte und Familienkulturen beziehen. Die Überprüfung der eigenen Praxis folgt den Fragen, ob Kinder entsprechend ihren Bedürfnissen und Interessen gefördert werden. Was kann getan werden, damit Menschen sich selbstwirksam und selbstbestimmt entfalten können. In diesem Kapitel schildern Erzieherinnen einige Praxisbeispiele.
In Kapitel 4 geht es um die Analyse von Aktivitäten zu Vielfalt und Fairness. Die Ziele können, so die Autorin, mit Hilfe einer Ist-Analyse verglichen und mögliche Veränderungen benannt werden. Auf diese Weise erkennen Fachkräfte den Bedarf, um gemeinsam Vielfalt und Fairness zu erleben. „Schieflagen“ zeigen sich in persönlicher Unzufriedenheit und Erschöpfung. Danach kann geklärt werden, ob die Rahmenbedingungen, die Haltung, oder das Angebot verändert werden können (S. 94). Im Anhang finden Fachkräfte weitere Literaturhinweise zum Thema.
Diskussion und Fazit
Der Inhalt dieses Buches thematisiert die zwei Seiten der Inklusion, die nur dann verwirklicht werden können, wenn Vielfalt erlebt und Fairness eingeübt wird. Inklusion wird vermutlich dann gelingen, wenn sie in unseren Köpfen angekommen und zum selbstverständlichen Gut erklärt ist. Dass unsere Gesellschaft auf den Umgang mit Vielfalt und mit Fairness angewiesen ist, wenn sie als freie und an den Idealen der Aufklärung orientierte demokratische Gesellschaft überleben will, ist ein Gebot der Stunde. Der Situationsansatz hat von Anfang an versucht, die gesellschaftliche und individuelle Perspektive im Rahmen von Erziehung und Bildung zu thematisieren. Das Buch „Gemeinsam Vielfalt und Fairness erleben“ bietet in knapper Form Hintergründe zu gesellschaftlichen Ungleichheiten und zu Gerechtigkeitsfragestellungen.
Das Buch liest sich nicht immer flüssig und der Text appelliert an die Reflexionskompetenz der Fachkräfte. Außer Frage steht, dass die soziologische Dimension im Kontext von Frühpädagogik diskutiert werden muss, und Erziehung und Bildung im Elementarbereich auch als Sozialisationsinstanz thematisiert werden sollte, was mit Hilfe des Buches geschieht.
Rezension von
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
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