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ifa EUNIC (Hrsg.): Europa. Festung oder Sehnsuchtsort. Kultur und Migration

Cover ifa EUNIC (Hrsg.): Europa. Festung oder Sehnsuchtsort. Kultur und Migration. Steidl (Göttingen) 2015. 200 Seiten. ISBN 978-3-86930-953-8. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Migration – Ein dramatischer Prozess des Wandels

Vom „Jahrhundert der Migration“ wird gesprochen. Wanderungsbewegungen von Menschen werden sowohl als Chance (Mehmet Gürcan Daimagüler, Kein schönes Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration www.socialnet.de/rezensionen/12723.php), als Kampf (Forschungsgruppe „Staatsprojekt Europa“, Hrsg., Kämpfe um Migrationspolitik. Theorie, Methode und Analysen kritischer Europaforschung, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16505.php), wie als lokale und globale Herausforderung verstanden (Ulrich Schmidt-Denter, Die Deutschen und ihre Migranten. Ergebnisse der europäischen Identitätsstudie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12676.php), als historische und aktuelle Ereignisse analysiert (Jochen Oltmer, Globale Migration. Geschichte und Gegenwart, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14206.php), bilanziert (Leo Lucassen / Jan Lucassen, Gewinner und Verlierer. Fünf Jahrhunderte Immigration – eine nüchterne Bilanz, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17239.php), als Grenz- und Entgrenzungsphänomene betrachtet (Gertraud Marinelli-König / Alexander Preising, Hrsg., Zwischenräume der Migration. über die Entgrenzung von Kulturen und Identitäten, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12559.php) und als ökonomische Entwicklungsmotoren bezeichnet (Niklas Reese / Judith Welkmann, Hrsg., Das Echo der Migration. Wie Auslandsmigration die Gesellschaften im globalen Süden verändert, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10775.php). Damit wird schon deutlich, dass Migrationsprozesse auf individuellen, gesellschaftlichen, politischen und moralischen Grundlagen beruhen.

Natürlich auch auf kulturellen. Es ist die kulturelle Vielfalt, die in der sich immer interdependenter und entgrenzender sich entwickelnden (Einen?) Welt Wanderungsbewegungen bewirkt, die neue Dimensionen der Existenz der Menschheit aufzeigt. Das European Union National Institutes for Culture (EUNIC) in Berlin tritt für die europäischen Werte ein und will durch eine intensive Zusammenarbeit und Vernetzung der europäischen Kulturinstitute auf die kulturelle Vielfalt Europas innerhalb und außerhalb der EU aufmerksam machen. EUNIG gibt alljährlich einen themenbezogenen Kulturreport heraus. Das siebte Jahrbuch widmet sich dem Thema „Kultur und Migration“. Rund 30 Autorinnen und Autoren nehmen Bezug zu der europäischen und weltweiten Migrationsentwicklung (laut UN-Statistiken gibt es rund 232 Millionen Migrantinnen und Migranten auf der Erde). Die Autorinnen und Autoren setzen sich im Sammelband mit Fragen auseinander, wie: „Wie geht eine Gesellschaft mit diesem Wandel um?“ – „Wie können wir die Akzeptanz von Einwanderern und Flüchtlingen in der Bevölkerung erhöhen?“ – „Wie kann kulturelle Vielfalt zum Vorteil der Herkunfts- und Zielländer, aber auch der Migranten genutzt werden?“.

Aufbau und Inhalt

Der stellvertretende Generalsekretär und Leiter der Abteilung Medien des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa), Sebastian Körber, führt in den Sammelband ein, der in vier Kapitel gegliedert wird: Das erste Kapitel wird betitelt: „Inklusion statt Ausgrenzung – Europa im Zeitalter von Flucht, Terror und Globalisierung“; im zweiten Kapitel geht es mit der Nachschau „Wo wir sind und wo wir hin wollen“ um „Kultur und Migration in Europa“; im dritten mit der Vision „Mehr Heimat, weniger Hysterie“ um den „Einwanderungskontinent Europa“; im vierten Kapitel werden die Zielsetzungen, Entwicklungen und Perspektiven von EUNIC vorgestellt, sowie über Kooperationen mit den beteiligten nationalen Kulturinstituten berichtet.

Der Politikwissenschaftler und Friedensforscher vom Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen, Jochen Hippler, beginnt im ersten Kapitel mit einer Bestandsaufnahme: „Dschihadismus, Integration und Kultur“, indem er mit der Frage „Was läuft falsch in Europa?“ politische, gesellschaftliche und kulturelle Probleme thematisiert, die sich als Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Salafismus und Dschihadismus zeigen und zu Freund-Feind-Zurechnungen und kollektiven Feindbildern gerinnen. Nur eine Reduzierung von gesellschaftlichen, sozialen und ökonomischen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten und „Aufklärung über Minderheiten, über religiöse oder ethnische Gruppen und Dialoge zum Abbau von Konflikten“ können einen wirksamen Beitrag leisten, um das zu verwirklichen, was Grundlage für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt ist: Menschenwürde!

Der politische Ökonom von der Johns Hopkins Universität in Baltimore/USA, Francis Fukuyama, fragt mit seinem Beitrag: „Wer sind wir?“. Er ist der Überzeugung, dass die sich als radikaler Islamismus und Dschihadismus entwickelten, terroristischen Formen als Reaktionen auf die Identitätssuche von im Westen lebenden Muslimen erkannt werden sollten: „Das Dilemma von Immigration und Identität hängt nicht zuletzt mit dem größeren Problem der Wertelosigkeit der Postmoderne zusammen. Die Verbreitung des Relativismus hat es dem postmodernen Menschen viel schwerer gemacht, noch positive Werte zu behaupten – und damit auch, von den Migranten gemeinsame Überzeugungen als Voraussetzung für die Staatsbürgerschaft einzufordern“.

Der Kommunikationswissenschaftler von der Universität Erfurt, Kai Hafez ( vgl. dazu auch die Rezensionen zu seinen an- und aufregenden Publikationen in www.socialnet.de ) verweist mit seinem Beitrag „Freiheit, Gleichheit und Intoleranz“ darauf hin, dass in den europäischen Lebenswelten, kulturellen und weltanschaulichen Auffassungen islamische Wertvorstellungen weder erkannt noch anerkannt werden; was bedeutet, dass islamfeindliche Einstellungen in der Mehrheit der europäischen Bevölkerung verbreitet sind: „Es dominiert ein fundamentaler Wahrheitsanspruch“.

Kenan Malik, britischer Publizist und Journalist, stellt mit seinem Beitrag „Europas Gespür für Menschlichkeit“ fest, dass die europäische Mehrheitsbevölkerung durch existentielle Ängste und Befürchtungen vor Einwanderung so verunsichert seien, „dass Migranten… weniger als lebende, atmende Menschen gesehen werden (sondern) eher als Ballast und Treibgut, das man von Europas Stränden fegen muss“.

Bassam Tibi steuert zwei Beiträge bei: Er fragt: „Brauchen wir eine neue Aufklärung?“, indem er daran erinnert, dass es neben der europäischen auch eine islamische Aufklärung gegeben habe: „Würden die Muslime sich ihrer Aufklärung erinnern, (könnte) es Brücken zwischen Muslimen und Europäern geben“, und damit auch eine gute Chance, den Fundamentalisten ihre Ideologie zu nehmen. Im zweiten Beitrag entwirft er mit dem Text „Heimischwerden des Islam“ eine Vision: „Euro-Islam“, als eine „euro-islamische Wertegemeinschaft“; denn „Europa ist in der Tat mehr als eine Wirtschafts- und Handelsgemeinschaft“.

Der Politikwissenschaftler von der Universität Südflorida in Tampa/USA, Bernd Reiter, plädiert für einen „Pakt mit dem demokratischen Gemeinwesen“, wenn er feststellt, dass Kultur eine Art von Vereinbarung ist, die man eingeht, um in einem demokratischen Gemeinwesen leben zu können: „Wichtig sollte sein, ob jemand die Werte und Normen teilt, über die sich die Gruppe, der man angehören möchte, demokratisch geeinigt hat“.

Der Soziologe von der Universität Leeds/Großbritannien, Zygmunt Bauman, verweist mit seinem Beitrag auf die „Ausgegrenzten der Moderne“. Er stellt den in vielen Anzeichen unmenschlichen, traditionellen Ghettos, in denen die Ausgesonderten und Überflüssigen der Gesellschaft vegetieren, die neue, lokale und globale Ghettoisierung gegenüber, in der „Asylbewerber und ‚Wirtschaftsmigranten‘ … kollektive Ebenbilder … der neuen Machtelite in einer globalisierten Welt (sind), die allgemein (und zu Recht) als wahrer Schurke des Stückes verdächtigt wird“.

Die jüdisch-türkisch-amerikanische Politikwissenschaftlerin Seyla Benhabib ( siehe auch Rezensionen zu ihren weiteren Publikationen in www.socialnet.de ) zeigt mit dem Beitrag „Menschenrechte und ihre Kritik der ‚Humanitären Vernunft‘“ auf, dass „Asylbewerber, Staatenlose und Flüchtlinge ( ) zu Metaphern wie auch Symptomen einer viel tiefer greifenden Malaise der politischen Moderne geworden (sind)“. Sie plädiert für einen moralischen und rechtlichen Kosmopolitismus, als Grundlage der Menschenrechte und Grundfreiheiten. „Wir verdienen Respekt nicht nur, weil wir Vernunftwesen sind, die in der Lage sind, im Einklang mit dem Moralgesetz zu handeln, sondern auch, weil wir verwundbare Wesen sind mit einer körperlichen Existenz, die potentiell dem Erleiden von Folter, Vergewaltigung, Sklaverei, Leibeigenschaft und Gewalt ausgesetzt sind und daher beschützt werden muss“.

Der Berner Soziologe Christian Joppke beginnt das zweite Kapitel mit der Frage: „Das Ende des Multikulturalismus in Europa?“. Er thematisiert die verschiedenen Aktions- und Reaktionsmuster von integrativen Modellen: Der zivilen Integration, bei der die Verantwortung für Anpassung beim Neuankömmling liegt; und die offizielle, die antidiskriminierende Verpflichtungen gegenüber Einwanderern und ihren Nachkommen der Aufnahmegesellschaft zuweist. Der Autor ist überzeugt: „Wichtig für eine erfolgreiche Integration sind umfassende Bildungssysteme… (und) einwanderungsspezifische Einrichtungen sind für die Integration von Einwanderern wesentlich wichtiger als die beste Integrationspolitik“.

Der Redakteur und Leiter des Ressorts Innenpolitik der „Süddeutschen Zeitung“, Heribert Prantl, ist überzeugt, dass „Integration bedeutet, Migranten eine neue Heimat zu geben“. Mit seinem Text „Reise nach Jerusalem“ setzt er sich dafür ein, dass Integration „in den Lehrplänen aller Schularten, in den Schulbüchern…, auf den Spielplänen der Theater und auch in der Art und Weise, wie wir über die Integration diskutieren“ stattfindet: „Europa soll ein großes Haus sein, ein Haus für verschiedene Völker, verschiedene Religionen, verschiedene Kulturen, ein Haus, in dem eine gewaltige Geschichte ihren Platz hat – und in dem diese Geschichte auch Mahnung ist“.

Die Sozialwissenschaftler vom Centre for Trust, Peace and Social Relations von der britischen Coventry University, Aurelie Broeckerhoff, Phoebe Griffith und Mike Hardy, bringen einen „Prost auf den Cocktail der Identitäten“ aus. Sie sind überzeugt, dass – trotz der deutlich erkennbaren und beunruhigenden, fremdenfeindlichen Entwicklungen – „Menschen im Allgemeinen kulturelle Vielfalt begrüßen, ihre Potentiale erkennen und möchten, dass es gut funktioniert“. Sie ermuntern dazu, „Vielfalt als natürliche und fortlaufende Evolution innerhalb moderner Gesellschaften (zu erkennen, und) unvermeidliche Unzulänglichkeiten zu akzeptieren anstatt das ganze Projekt aufgrund der Schwierigkeiten und Kosten kurzerhand aufzugeben“.

Der Sozial- und Politikwissenschaftler von der Universität Pompeu Fabra in Barcelona, Ricard Zapato-Barrero, bringt ebenfalls zwei Beiträge in den Sammelband ein: „Mehr Teilhabe, mehr Interaktion“, in dem er aufzeigt, , „dass Beteiligung Bürgerschaft verbessert und Integration fördert“ und dies am Forschungsprojekt „Kulturelle Bürgerschaft“ verdeutlicht; und im zweiten „Für ein gerechtes Mobilitätsregime“ eintritt. Bei der notwendigen und dringenden Herausforderung, für die Bürger Europas eine europäische Identität zu entwickeln, kommt es nicht unwesentlich darauf an, eine (neue) „Kultur der Mobilität“ zu initiieren, „nichtdiskriminierende Prinzipien gegenüber allen EU-Migranten zu verbreiten, eine Politik zu entwickeln, die alle administrativen Hürden für die Ausübung der EU-Bürger beseitigt und alle Spannungen und Bedenken aufzulösen, die mit der Freizügigkeit junger Menschen innerhalb des europäischen Arbeitsmarktes zusammenhängen“.

Die in Paris lebende und beim öffentlich-rechtlichen Fernsehsender France Télévisions tätige Journalistin Hela Khamarou, ist überzeugt, dass Kultur ein Mittel ist, um (gebildete) Menschen zusammen zu bringen. Mit ihrem Beitrag „Schwieriger Spagat“ diskutiert sie die Probleme von radikalisierten, muslimischen jungen Menschen, die sich Hasspredigern anschließen und in den „heiligen Krieg“ ziehen. „Die Flucht in religiöse Gemeinschaften innerhalb von Europas größtenteils säkularen Gesellschaften ist ein Symptom gescheiterter Integrationspolitik“.

Isabel Schäfer, Politikwissenschaftlerin von der Berliner Humboldt-Universität, mahnt mit ihrem Beitrag „Einwanderungskontinent Europa“ an, eine deutlichere, öffentliche Aufmerksamkeit auf die zunehmenden Anti-Islam-Demonstrationen, rechtsradikalen und rassistischen Aktionen zu richten. Sie fragt: „Wie kann Europa von der Wirtschafts- und Finanzkrise zu einer inklusiven Zuwanderungspolitik und einem neuen europäischen Narrativ kommen?“. Ihre Antwort: „Es bedarf eines Ansatzes, der darauf zielt, gemeinsame Interessen zwischen den europäischen Gesellschaften und denen Nordafrikas und des Nahen Ostens herauszufiltern statt eines abgrenzenden, antiislamischen, neorealistischen Sicherheitsdiskurses“.

Die Migrationsexperten bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Genf, Bernd Hemingway, Florian Forster und Lisa Wortmeyer, rufen zu „Mehr Mut zu einer ganzheitlichen Politik“ auf und argumentieren: „Integration bedeutet Teilhabe an der Gesellschaft“, was bedeutet, „einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Erwerbsarbeit, sozialen Sicherungssystemen und Gesundheitsversorgung“ zu gewährleisten. Sie plädieren für eine „Willkommenskultur, die das Potential der Migranten anerkennt und fördert und auf der Überzeugung beruht, dass Einwanderung im Interesse Deutschlands und Europas ist“.

Die Erfurter Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Anne Grüne, thematisiert mit ihrem Beitrag „Die Macht der Medien“ die Chancen und Möglichkeiten von Unterhaltungssendungen, mit denen Migranten eine Plattform zur künstlerischen Artikulation geboten wird (Marie-Hélène Gutberlet / Sissy Helff, Hrsg., Die Kunst der Migration. Aktuelle Positionen zum europäisch-afrikanischen Diskurs, Material - Gestaltung – Kritik, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11665.php).

Louis Reynolds vom britischen Think Tank Demos diskutiert mit seinem Beitrag „Hebel oder Hemmschuh“ die Vor- und Nachteile von Sozialen Medien, indem sie einerseits Zugänge und Wirkungsmöglichkeiten für Migranten anbieten, jedoch andererseits auch nicht die Barrieren beseitigen können, die Menschen voneinander trennen. Die Hoffnungen, die in die Sozialen Netzwerke gesetzt werden, werden nur annähernd zu realisieren sein, wenn wir dabei „das menschliche Element“ nicht vernachlässigen.

Richard Sennet ( siehe dazu auch die Rezensionen zu seinem Werk in www.socialnet.de ) erinnert mit seinem Beitrag „Anregende Verstörungen“ an die wichtige (europäische) Tugend der Toleranz und stellt den „Zusammenhang von Stadtplanung und dem Zusammenleben der Kulturen“ her. Er wünscht sich einen „wirklich offenen, städtischen Raum …voller Menschen, die wirtschaftlich, ethnisch, politisch, sexuell und in ihren Lebensweisen verschieden sind und zusammenleben“.

Grant Jarvie von der University of Edinburgh und Hector Mackie von der University of Toronto fragen mit ihrem Beitrag „Quelle der Hoffnung“ danach, wie der Sport seine Wirkungen als Werkzeug für Integration entfalten kann. „Sport hat die Macht, die Welt zu verändern, er hat die Macht zu inspirieren. Er hat die Macht, Menschen zu verbinden… Er spricht mit der Jugend in einer Sprache… Sport kann Hoffnungen schaffen, wo vorher nur Verzweiflung war…“.

Die Migrationsforscherin von der Aston University in Birmingham, Christin Hess, untersucht mit ihrem Beitrag „Die Rückkehr der Landsleute“ die Situation von repatriierten Minderheiten, die vor Jahrhunderten als Deutsche oder Griechen in Russland siedelten und nach dem Ende der Sowjetunion in die Länder ihrer Vorfahren zurückgekehrt sind. Sie stellt dabei sowohl zahlreiche migrationsrelevante Gemeinsamkeiten bei den verschiedenen Minderheiten fest, als auch (gefühlte und tatsächliche) Einstellungen und Mentalitäten für vertrauenserweckende und verbindende gemeinsame Herkunft und Kultur. Dabei ermittelt sie einerseits eine Reihe von (mentalen) Integrationsschwierigkeiten, die insbesondere zahlreiche griechische Rückwanderer zu einer regen Hin-und-her-Wanderung veranlasst, andererseits stellt sie fest, „wie stark Integration doch von der Wahrnehmung von Kultur abhängt, wie viel stärker als von Kultur“.

Die in Südtirol lebende Mitarbeiterin des interdisziplinären kanadischen Forschungszentrums für Diversität und Demokratie, Stéfanie Lévesque, fragt mit ihrem Beitrag „Multikulturalismus à la Kanada“, ob das Land „mit der Betonung von Vielfalt und einem Punktesystem Vorbild sein“ kann. Sie zeigt zwar eine Reihe von Mängeln und diskriminierungserzeugenden, bevorzugenden wie benachteiligenden Regelungen in der kanadischen Migrationspolitik auf; summiert jedoch insgesamt, dass die Mehrheit der kanadischen Bevölkerung eher überzeugt ist, dass Einwanderung für das Land nützlich ist und sie die Multikulturalismuspolitik befürworten.

Der Wissenschaftler des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen und Politikwissenschaftler an der Universität Gießen, Claus Leggewie, beschließt das zweite Kapitel mit dem Beitrag „Zwischen Kontrolle und Tabu“ die Auseinandersetzungen über die Skandalgeschichten der Ausbeutung und Zwangsarbeit in der europäischen Arbeitsgesellschaft, deren hässliche Seite sich wieder bei den Nützlichkeitsaspekten und der unnützen Kehrseite im Diskurs um die nationalsozialistischen Deportationen von Millionen ausländischer Arbeiter aus den besetzten Gebieten zeigt. „Im Licht dieser … Wanderungsdimensionen wird die Migration von einem scheinbar peripheren zu einem ganz zentralen Gebiet im europäischen Erinnerungsraum“.

Carl Zuckmayer hat in seinem Drama „Des Teufels General“ (1973) auf die Nöte und scheinbaren Ungewissheiten in der Ahnenforschung und arischen Abstammungsnachweise seines Leutnants Hartmann eine Antwort gegeben, die im dritten Kapitel „Einwanderungskontinent Europa“ ebenso thematisiert wird: „Denken Sie doch – was kann da nicht alles vorgekommen sein in einer alten Familie. Vom Rhein – noch dazu. Vom Rhein. Von der großen Völkermühle. Von der Kelter Europas! Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt…“.

Der italienische Schriftsteller, Philosoph und Medienwissenschaftler Umberto Ecco steuert mit seinem Beitrag „Nichtkontrollierbares Naturphänomen“ ein Essay zu den großen Ost-West-Migrationen bei. Er sieht in der ideologisch aufgeheizten und gesteuerten Intoleranz und im Fundamentalismus jeder Couleur die größte Gefahr. „Die rohe Intoleranz muss an der Wurzel bekämpft werden, durch eine permanente Erziehung, die im zartesten Alter beginnt, bevor sie in einer Doktrin gerinnt und bevor sie eine zu dicke und harte Verhaltenskruste wird“.

Die Berliner Schriftstellerin Tanja Dückers ist überzeugt, dass sich eine humane, demokratische und freie europäische Identität nur bilden kann, wenn es gelingt, auch die Zugewanderten und Zuwanderungswilligen stärker als bisher zu integrieren und inkludieren. Mit ihrem Beitrag setzt sie sich deshalb für „Inklusion statt Hysterie“ ein.

Die in Deutschland 2014 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnete Publizistin und politische Kolumnistin Mely Kiyak äußert empört und ärgerlich: „Bekloppte Welt – ich distanziere mich“, mit einem Text aus einer ihrer für das Berliner Maxim Gorki Theater veröffentlichten Theaterkolumnen. Sie spießt darin die Zumutung auf, dass sich Muslime vor islamistischen Tätern und Ideologen distanzieren sollten; „denn Muslime sind Gläubige, und Islamisten sind politische Terroristen, also Kriminelle“.

Die kroatische Schriftstellerin und Journalistin Slavenka Drakuliç hat sich im ehemaligen Auswanderungsland Italien umgeschaut und vergleicht historische Ereignisse mit den aktuellen Einwanderungssituationen im Land: „Über das Mare nostrum zum gelobten Kontinent“. Es sind deprimierende und aufrüttelnde Schilderungen über quälend lange, bürokratische Asyl- und Einwanderungsverfahren, über katastrophale Unterbringung und Versorgung, und über Kriminalisierung von Flüchtlingen und Migranten. Sie spart nicht mit beinahe karikaturistischen Darstellungen, etwa über die chinesische, investorische „Inbesitznahme“ Venedigs, erzählt aber auch von positiven, humanen Beispielen, aus denen, trotz des pessimistischen Tenors, deutlich wird: „Außer Frage steht, dass die nichteuropäischen Einwanderer etwas ganz Eigenes nach Europa mitbringen und wir uns in zunehmendem Maße mit einer Hybridkultur auseinandersetzen müssen, die auch vor europäischen Kulturheiligen nicht Halt machen wird“.

Der mit seiner Familie in Stuttgart lebende kosovoalbanische Schriftsteller Bequë Cufaj berichtet mit seinem Beitrag „Wovon reden wir, wenn wir von uns reden“ über seine „Reise ins 20. Jahrhundert…, über die Schlachtfelder Westeuropas zu den Orten des Grauens in Ex-Jugoslawien“. Sein „Europatrip endete in der bitteren Gegenwart seiner alten Heimat Kosovo“. Bei der schmerzhaften wie gleichzeitig befreienden, gegenwartsverwurzelten und zukunftshoffenden Existenzsuche nach „Heimat“ bleibt seine Erkenntnis: „Ich weiß nur, dass, wenn wir sprechen und das Leben leben, wir einander leben müssen, auch wenn wir laufen und auch wenn wir rasten. Weil wir eins als Menschen, als Menschheit sind – und wir sind wir!“.

Der Geschichtenerzähler, Moderator und Unternehmer Rindert de Groot, und der Zeitgeist- und Trendforscher Farid Tabarki, beide aus den Niederlanden, setzen sich mit ihrem Beitrag „Ein Europa mit zwei Gesichtern“ mit der skurril anmutenden, jedoch in ihrem Land hochemotionalen, rassistisch wie antirassistisch dominierten Kontroverse auseinander, ob Sankt Nikolaus, Sinterklaas, der am Vorhabend des 6. Dezember brave Kinder beschenkt, vom Zwarte Piet, vom Schwarzen Peter, begleitet werden solle. Die Autoren schlagen als Ausweg aus dem Dilemma eine in den Niederlanden auch in Mode gekommene „Sinterklaas-Feier für Erwachsene“ für ganz Europa vor – „sie passt gut zu einem gereiften, aber sich verändernden Europa mit zwei Gesichtern: Das eine Gesicht blickt mit Respekt auf die Vergangenheit, das andere schaut optimistisch in die Zukunft“.

Der französische Schriftsteller und Chefredakteur der deutsch-französischen Literaturzeitschrift „La mer gelée“, Alban Lefranc, reflektiert mit dem Beitrag „Keine neue Welt ohne neue Sprache“ die Situationen, wie sie sich in vermehrtem Maße Für und Wider Meinungsfreiheit (Charlie Hebdo, u.a.) darstellen. Anhand von literarischen, philosophischen und eschatologischen Beispielen verweist er auf die Widersprüche: „Indem sie über eine anthropologische Fatalität eine andere Welt konstruiert, reduziert sie diese andere Welt auf die unsere“.

Die in Berlin lebende chinesische Künstlerin Jia plädiert mit ihrem Beitrag „Made in Europe“ dafür, Kunst als universelle Sprache zu verstehen: „Wenn Künstler migrieren, entsteht aus dieser Erfahrung kreative Energie“. Mit ihren „Schriftzeichen“ verbindet sie einverleibte kulturelle Identitäten mit neu gefundenen, entdeckten und verbundenen „fremden“ Mentalitäten: „Wenn ich über China nachdenke und zwar von Mitteleuropa aus, hilft mir das Zurückschauen, die Kluft zwischen der traditionellen chinesischen Zivilisation und dem Tsunami an westlichen Trends, der über China hinweg gespült ist, besser zu verstehen“.

Der bei Wismar lebende Journalist und Wissenschaftspublizist Michael Gleich verweist auf die alltäglichen und intellektuellen Herausforderungen, wie es gelingen kann, den weiten Weg vom Ich zum Wir zu gehen. Es gilt, in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt eine interkulturelle Kompetenz zu erwerben. Eine humane Integration von Zuwanderern muss und kann gelingen, wenn sich ein Bewusstsein entwickelt, „die ganze Welt als wir“ zu begreifen. Dazu ist es notwendig, zwei (scheinbar) entgegengesetzte Entwicklungen zusammen zu denken: „Einerseits zeigt sich der Planet Erde als zerrissen, voller Konflikte, aufgespalten in Partikularinteressen. Andererseits lebten noch nie so viele Erdenbewohner mit einem klaren Bewusstsein, dass die großen Herausforderungen der Zeit wie Energieverknappung, Umweltzerstörung oder Gewaltkonflikte nur von einer funktionierenden Weltgemeinschaft bewältigt werden können“.

Im vierten und letzten Kapitel wird gefragt, wie EUMIC in besonderer Weise in besonderer Weise dazu beitragen kann, dass Integration gelingt: „Auf jedem Fall sollte sich EUMIC dort engagieren, wo Integrationspolitik an ihre Grenze stößt“. Der österreichische Botschafter in Großbritannien und vormalige Leiter der Kulturpolitischen Sektion im Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres, Martin Eichtinger, zeigt „Möglichkeiten der Integration“ auf. „In Europa muss das gemeinsame Handeln bei der Integration von Migranten auf die Agenda gesetzt werden“.

Die Koordinatorin des italienischen Sprachenprogramms PLIDA (Progetto Lingua Italiana Dante Alighieri), Constanza Menzinger, verweist auf die Notwendigkeit, bei Migrationsverfahren und Integrationsprozessen das Erlernen der jeweiligen Landessprache zu fördern.

Die Generaldirektorin des Schwedischen Kulturinstituts und Präsidentin von EUNIC, Annika Rembe, stellt mit ihrem Beitrag „Die Welt in Europa, Europa in der Welt“ die Zielsetzungen und Arbeitsweisen von EUNIC dar und postuliert: „Das Ziel des Europäischen Netzwerks der Nationalen Kulturinstitute (EUNIC), den Dialog und Kulturaustausch in Europa sowie zwischen den Ländern Europas und der Welt zu stärken, ist so aktuell wie nie“.

Fazit

Der EUNIC-Jahresbericht 2014/2015 bietet eine Vielzahl von Informationen, Diskussionen und Perspektiven an, wie es gelingen kann, die Phänomene der Migration in Theorie und Praxis als gemeinsame, individuelle und institutionelle Herausforderung bewusst und wirksam werden zu lassen. Ist Universalität eine europäische Vision? (UNESCO-Kurier 7/8/1992), Der Sammelband „Europa: Festung oder Sehnsuchtsort?“ beantwortet diese Frage eindeutig und eindringlich mit JA! Das EUNIC-Jahrbuch 2014/2015 ist ein wichtiger Baustein, der dazu beitragen kann, das humane HAUS EUROPA gemeinsam zu errichten!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.08.2015 zu: ifa EUNIC (Hrsg.): Europa. Festung oder Sehnsuchtsort. Kultur und Migration. Steidl (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-86930-953-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18154.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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