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Armin Bernhard, Lothar Böhnisch: Männliche Lebenswelten

Rezensiert von Armin Eberli, 18.08.2015

Cover Armin Bernhard, Lothar Böhnisch: Männliche Lebenswelten ISBN 978-88-6046-072-1

Armin Bernhard, Lothar Böhnisch: Männliche Lebenswelten. Bozen-Bolzano University Press (Bozen) 2014. 300 Seiten. ISBN 978-88-6046-072-1. 24,00 EUR.

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Thema

Dieses Buch präsentiert Ergebnisse verschiedener Studien, welche einen detaillierten Einblick in die aktuelle Lebenswelt von Männern, vor allem in der Provinz Südtirol, geben und stellt diese in einen internationalen, vergleichenden Rahmen. Dabei wurden sowohl die ausführlichen Daten einer repräsentativen Männerstudie als auch die zuvor durchgeführten qualitativen Erhebungen weiter aufbereitet und interpretiert. Der Band enthält zudem qualitative Einzelstudien zu den Männerdomänen Auto, Pornografie, Kampfsport und Schützen sowie Beiträge zur Männerberatung und Jungenarbeit. (vgl. Klappentext)

Autoren

  • Armin Bernhard ist Lehrbeauftragter für Soziale Arbeit und Sozialpädagogik an der Freien Universität Bozen
  • Dr. rer, soz. habil. Lothar Bönisch ist Professor emeritus an der Technischen Universität Dresden und lehrt Soziologie an der Freien Universität Bozen

Verfasser der Kommentare zur Südtiroler Männerstudie:

  • Dr. phil. Johannes Huber ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung der Universität Insbruck
  • Artur Obexer ist Psychologe und Männerberater in Bozen

Verfasser und Verfasserinnen der qualitativen Teilstudien:

  • Miriam Kirchler ist Sozialpädagogin (B.A.) und in der Jugendarbeit tätig
  • Benjamin Schwarzer ist Sozialpädagoge (B.A.) und arbeitet in der ambulanten Jugendhilfe
  • Lisa-Maria Tappeiner ist Sozialpädagogin (B.A.) und Heimerzieherin

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch verdankt seine Entstehung dem „Glücksfall der Förderung einer repräsentativen Männerstudie (n=1500) durch die Provinz Bozen und das Landesinstitut (ASTAT)“. Im Zusammenhang mit dieser Männerstudie „sind verschiedene Vor- und Folgestudien sowie kleinere qualitative Projekte zu einzelnen Männerdomänen entstanden.“ (vgl. S. VII)

Aufbau

Der vorliegende Band ist in fünf Kapitel unterteilt.

Zu Kapitel 1

Kapitel 1 beschäftigt sich einleitend mit Männerdiskursen und Männerforschung. Lothar Böhnisch weist darin darauf hin, dass sich in den europäischen Industriegesellschaften vermehrt die Frage nach der Situation des Mannes gestellt wird. Dies, nachdem über 30 Jahre die Lage der Frau im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion stand. (vgl. S. 1). Der Autor thematisiert die Auswirkungen des „neuen Kapitalismus“ auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und stellt fest, dass sich diese Entwicklungen auf die „Männer in ihrer Fixierung auf die Arbeitsrolle“ am stärksten auswirken. (vgl. S. 2) Er weist auf die „Ausdifferenzierung in verschiedene Forschungsbereiche“ der Männerforschung hin. Auf „den gemeinsamen Tenor der gegenwärtigen Männerforschung“ fokussiert stellt der Autor fest, „dass sich hegemoniale Männlichkeit flexibilisiert hat und ihre Ränder unscharf geworden sind.“ (vgl. S. 6) Die Männerforschung muss aber aufpassen, „dass sie in Zukunft nicht die inzwischen schon fast eingebürgerte Tendenz, Männer als Problemgruppe zu sehen, verstärkt“. (vgl. S. 6) Abschließend weißt der Autor auf die sogenannte „Modularisierung von Männlichkeit“ hin. Denn, Männlichkeit in verschiedenen Lebensbereichen (Arbeit, Freizeit, Partnerschaft usw.) wird unterschiedlich interpretiert.

Zu Kapitel 2

Die im Kapitel 2 Die Südtiroler Männerstudien vorgestellten qualitativen und quantitativen Erhebungen wurden zwischen 2008 und 2013 durchgeführt.

Im ersten Unterkapitel werden die Resultate der qualitativen Vorstudie aus dem Jahre 2008 vorgestellt. „Per Leitfadeninterview wurden insgesamt 128 Männer befragt, davon die Hälfte jüngeren Alters (18-45 Jahre), die andere Hälfte höheren Alters (45-65 Jahre).“ (S. 9) „Erreicht wurde so ein breites Spektrum von Lebenskonstellationen und Berufen Südtiroler Männer.“ (S. 9) Der Interviewleitfaden wurde in verschiedene Itemgruppen eingeteilt. Dazu gehören, Arbeit, Beziehung/Partnerschaft, Vaterschaft, Arbeitsteilung der Geschlechter, Mannsein und Öffentlichkeit/Politik.

Das zweite Unterkapitel stellt in der Folge die Ergebnisse der qualitativen Väterstudie vor. Diese Studie wurde durch Studierende der Universität Bozen, Fachbereich für Bildungswissenschaften, durchgeführt. Befragt wurden Väter aus der Umgebung der Interviewer mit denen diese nicht enger verwandt waren. Untersucht wurden 16 Fragestellungen wie z.B. „Welche Bedeutung hat der Vater für die Kinder?“, „Welche Bedeutung hatte Ihr Vater in Ihrer Kindheit für Sie und wie ist das heute?“

Im Unterkapitel 3 wird die repräsentative Männerstudie Lebenswelten der Männer in Südtirol vor- und dargestellt. Dabei handelt es sich um eine gekürzte Fassung der vom ASTAT (Landesinstitut für Statistik der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol) 2010 durchgeführten und 2012 veröffentlichten Männerstudie. Im Rahmen dieser Studie wurden mehr als 1000 Männer zu ihren Lebensgewohnheiten befragt.

Unterkapitel 4 widmet sich der, im Anschluss an die Südtiroler Männerstudie durchgeführten, korrektiven Frauenbefragung. Dabei ging es darum, zu erfahren, ob die befragten Frauen die Sichtweisen der Männer teilen oder ob sie die Situationen anders wahrnehmen.

Im Unterkapitel 5 beleuchtet Johannes Huber die Südtiroler Männerstudie im Lichte der Männerforschung.

Im abschließenden sechsten Unterkapitel wird die Studie Männer in der Erwachsenenbildung vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine sowohl qualitative wie auch quantitative Erhebung.

Zu Kapitel 3

Kapitel 3 beschäftigt sich mit vier unterschiedlichen Männerdomänen.

In Unterkapitel 1 mit Männer und Autos und im Unterkapitel 2 mit dem männlichen Hang zur Pornografie.

Benjamin Schwarzer geht im 3. Unterkapitel auf die Domäne Kampfsport als Arena der Männlichkeit ein, während dem sich Lisa Maria Tappeiner mit den Südtiroler Schützen beschäftigt.

Zu Kapitel 4

Kapitel 4 mit dem Titel Junge Männer beschäftigt sich mit

  • der Männlichen Sozialisation: Wie Jungen aufwachsen (Unterkapitel 1),
  • mit der Pubertät (Unterkapitel 2),
  • mit Homosexualität als hartnäckiges Tabu (Unterkapitel 3) und
  • der Jungenarbeit (Unterkapitel 5).
  • Im Unterkapitel 4 thematisiert Miriam Kirchler das Thema Coming-out.

Zu Kapitel 5

„Vieles am männlichen Bewältigungsverhalten – vor allem in kritischen Lebenskonstellationen – ist nach außen abgespaltene innere Hilflosigkeit. Da in unserer Gesellschaft Hilflosigkeit nicht als positives soziales und kulturelles Gut anerkannt ist, sondern vielmehr als Schwäche gilt – gleichsam als soziale Impotenz –, ist sie in der männlichen Gesellschaft ein Tabu.“ (S. 231) Mit diesen Zeilen leiten die Autoren ins fünfte und letzte Kapitel Muster männlicher Lebensbewältigung und Männerberatung ein. Nebst der Lebensbewältigung (Unterkapitel 1) und der Männerberatung (Unterkapitel 2) wird im dritten und letzten Unterkapitel die die Frage nach der Männlichkeit in der Krise? gestellt.

Diskussion und Fazit

Der vorliegende 251seitige Band bietet einen spannenden und gut verständlichen Einblick in die Lebenswelten von Männern in Südtirol. Leserinnen und Leser außerhalb des Südtirols könnten sich nun fragen, weshalb der Inhalt dieses Buches auch für sie interessant sein könnte. „Südtirol, eine der reichsten Provinzen Italiens, liegt auf der mitteleuropäischen Entwicklungsachse Hamburg-Mailand (…) die sich durchaus mit anderen kleinstädtisch-ländlich strukturierten, aber hoch entwickelten europäischen Regionen vergleichen lässt.“ (vgl. S. 6-7) Die aus den beschriebenen Studien gewonnenen Befunde lassen sich deshalb problemlos in den europäischen Vergleich miteinbeziehen.

Für Interessierte die sich mit Themen wie Männerforschung, Männer- und Jungenberatung, Jungenarbeit usw. beschäftigen sind die Erkenntnisse aus den qualitativen und quantitativen Erhebungen äußerst aufschlussreich.

„Männlichkeiten und Mannsein werden heute im Arbeitsalltag, wo eine Kultur des Entgegenkommens der Geschlechter verlangt wird, anders gelebt als dort, wo Männer unter sich sind, und anders in der Partnerschaft, in der Aushandlungsmodelle angesagt sind. Dennoch bleibt (…) die einseitige Abhängigkeit des Mannes und der männlichen Identität von der (Erwerbs-)Arbeitsrolle und die unter dem Druck der modernen Arbeitsorganisation anhaltende Erschwerung des Zugangs zur inneren Familie“ (S. 6) So lautet eine der durch die Autoren gezogene Schlussfolgerung. In der Männer- und Jugendberatung ist es von entscheidender Bedeutung, Kenntnisse darüber zu haben, wie Männer und Jungen ihre Lebenswelten erleben und wie es ihnen mit den unterschiedlichsten und zum Teil widersprüchlichen Anforderungen der Gesellschaft an das Mann-Sein, an das Konzept der Männlichkeit, geht. Das vorliegende Buch bietet dafür sehr wertvolle und fachlich fundierte Hinweise und Erkenntnisse.

Rezension von
Armin Eberli
dipl. Sozialpädagoge/Sozialarbeiter, MAS Leadership und Change-Management. Dozent, Standortleiter Zürich und Mitglied Leitung HF von Agogis, www.agogis.ch
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Es gibt 14 Rezensionen von Armin Eberli.

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Zitiervorschlag
Armin Eberli. Rezension vom 18.08.2015 zu: Armin Bernhard, Lothar Böhnisch: Männliche Lebenswelten. Bozen-Bolzano University Press (Bozen) 2014. ISBN 978-88-6046-072-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18155.php, Datum des Zugriffs 14.07.2024.


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