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Christiane Landgrebe: "Ich bin nicht käuflich". Das Leben des Jean Jacques Rousseau

Cover Christiane Landgrebe: "Ich bin nicht käuflich". Das Leben des Jean Jacques Rousseau. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2004. 340 Seiten. ISBN 978-3-407-85784-2. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Das Thema

Es handelt sich um eine Biographie des berühmten Franzosen, der sowohl als Komponist, Verfasser eines Wörterbuchs der Musik, Schriftsteller, Philosoph und Pädagoge weltberühmt wurde.

Zur Autorin

Christiane Landgrebe ist studierte Romanistik, Theologie und Philosophie. Sie arbeitet als Lektorin und Übersetzerin sowie als Herausgeberin literarischer und politischer Anthropologien.

Aufbau und Inhalt

Das Leben von Jean Jacques Rousseau (1712 - 1778) wird im vorliegenden Buch in 28 Abschnitten vorgestellt.

Mit seinen autobiografischen "Bekenntnissen" (1766 - 1769) hat Rousseau der Nachwelt ein Werk hinterlassen, dass auch Landgrebe als Kompass für ihre Arbeit über Rousseau diente. Die Autorin schildert in den ersten vier Abteilungen anschaulich Kindheit und Jugendzeit des Mannes, der nach seinem Tod als einer der ideellen Vordenker der Französischen Revolution verehrt und gefeiert werden wird. Er wird als 2. Sohn des Uhrmachers Isaac Rousseau, eines angesehenen Genfer Bürger, geboren. Das Leben in seiner Geburtsstadt ist von Religion und Sittenstrenge calvinistischer Denkart geprägt. Obwohl er Genf sehr früh verlassen muss und er dort nie wieder richtig Fuß fassen kann, unterzeichnet er seine Werke viele Jahrzehnte mit dem Zusatz "Bürger von Genf". Seine Mutter stirbt kurz nach seiner Geburt. Da ihn der Vater auch seinen Kummer deutlich spüren lässt, entwickelt sich bei Jean-Jacques ein tiefes Schuldgefühl, was seine späteren Beziehungen zu Frauen maßgeblich beeinflussen wird.

Obwohl Rousseau nie eine Schule besucht hat, wird er auf Basis der Förderung durch seinen Vater und anderer Personen sowie durch umfangreiche autodidaktische Studien in Naturwissenschaften, Sprachen, Geschichte und Philosophie ein für seine Zeit universell gebildeter Mann. Bereits mit zehn Jahren verliert er über Nacht die Fürsorge und Nähe seines Vaters, als dieser aus politischen Gründen ins Exil gehen muss. Er wird Pflegekind. Mit zwölf Jahren wird er in eine Lehre als Gerichtsschreiber gegeben, wo er bald wegen angeblicher Dummheit verjagt wird. Er beginnt dann eine Lehre als Graveur, wo er häufig misshandelt wird. Mit knapp 16 Jahren flieht er ins katholische Savoyen, wo er um des Überlebens willen zum Katholizismus konvertiert. Damit verliert er automatisch sein Bürgerrecht in Genf, welches er erst 1754 durch eine Rekonvertierung zurück gewinnt. In Annecy kommt er unter die Fittiche von Madame de Warens, die für ihn Ersatzmutter und später auch Geliebte wird. Von dort aus beginnt eine lebenslange Odyssee, die ihn für kürzere oder längere Zeit unter anderem nach Turin, Annecy, Lausanne, Paris, Lyon, Genf, Venedig und England führen wird.

Landgrebe gelingt es gut, die ganze Breite von herausragenden Fähigkeiten, die außerordentlichen Widersprüche, die Palette von Sehnsüchten und die radikale Selbstreflexion dieses außergewöhnlichen Mannes herauszuarbeiten. Mit seinen beiden "Diskursen" "Über Künste und Wissenschaften" (1750) sowie "Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen" (1755) wird Rousseau zu einer öffentlichen Person, an dem sich die Geister scheiden. Er wird einerseits von Anhängern gefeiert und bewundert, von Gönnern gefördert und geschützt, andererseits von Gegnern bekämpft, verachtet und sogar verfolgt. Seine Romane "Julie oder Die neue Héloise" (1756) und "Emile oder über die Erziehung" (1762) zählen zu den meist gelesenen Werken der damaligen Zeit. Da sich die politischen Fronten im vorrevolutionären Frankreich verhärten, wird der zeitgleich mit "Emile" erscheinende "Gesellschaftsvertrag" (Contrat Social) ebenso wie der Roman auf dem Scheiterhaufen in Paris verbrannt. Einer Verhaftung durch die Behörden entgeht Rousseau nur durch die Flucht ins schweizerische Yverdon bzw. in das zu Preußen gehörende Neuchtel. Hier ist es Friedrich der Große, der, obwohl er nichts von Rousseaus Ideen hält, einem Exil zustimmt und damit Rousseau das Leben rettet.

Zu den großen Widersprüchlichkeiten des bedeutenden Mannes gehören sicherlich sein Verhältnis zu Frauen und der Umgang mit seinen eigenen Kindern. Rousseau unterhält viele Liebschaften, die häufig zu Turbulenzen und Problemen führen. 1745 lernt er Thérèse Levasseur kennen, bei der er Geborgenheit und Fürsorge findet. Thérèse, die kaum Lesen und Schreiben kann, entspricht überhaupt nicht seinen Vorstellungen, aber er bleibt letztlich mit ihr bis an sein Lebensende zusammen. Zwischen 1746 und 1755 gebiert sie ihm fünf Kinder, die alle nach der Geburt in ein Findelhaus gegeben werden, wo sich jede Spur von ihnen verliert. Im späten Alter quälen daher Rousseau massive Schuldgefühle.

Ebenso interessant wie zwiespältig ist, was die Autorin über Rousseaus Verhältnis zu den Persönlichkeiten seiner Zeit beschreibt. Er verkehrte freundschaftlich mit den sog. Enzyklopädisten (Diderot, d'Alembert), stritt mit Voltaire und überwarf sich mit David Hume. Dabei lässt die Biografie sehr gut nachempfinden, welche tragische Figur Rousseau auch hier war.

Gleichzeitig wird aber auch deutlich, welche Größe dieser so polarisierende Mann hatte. Als einer der ersten Personen in der Neuzeit verbindet er sein Werk mit Reflexionen über sich selbst, greift der Moderne vor. Einige Male hätte er sich finanziell erfolgreich etablieren können, aber jedes Mal ließen ihn die Ansprüche an sich selber stattdessen zu neuen Projekten greifen. Der von Landgrebe vorangestellte Titel "Ich bin nicht käuflich" findet in vielerlei Hinsicht Bestätigung. Rousseaus Ideenreichtum bietet bis heute für viele Disziplinen einen wertvollen Schatz. Landgrebe gelingt es dabei, seine Facetten als Komponist, Romancier, Theoretiker der Pädagogik und politischer Philosoph trefflich herauszustellen.

Abgerundet wird dieses Buch durch ein Glossar zu den wichtigsten handelnden Personen, einem Personenregister, einer Zeittafel, vierzig historischen Abbildungen sowie einer umfassenden Bibliografie.

Zielgruppen

Das Buch wird eine Lesefreude für alle Menschen sein, die sich für philosophische und pädagogische Fragen interessieren. Speziell gilt das für jene, die etwas von Rousseau gehört haben und nun den Wunsch verspüren, ein vertieftes Wissen erwerben zu wollen.

Fazit

Das Buch ist sehr lesenwert. Christiane Landgrebe schreibt in einem schönen, flüssigen Stil. Ihre Sprache ist klar und verständlich. Sie hat es verstanden, ein zugleich informatives wie auch unterhaltsames Buch zu verfassen. Das Bild, was man möglicherweise von Rousseau hatte, wird nach der Lektüre um viele Facetten reicher sein.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 21.12.2004 zu: Christiane Landgrebe: "Ich bin nicht käuflich". Das Leben des Jean Jacques Rousseau. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2004. ISBN 978-3-407-85784-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1816.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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