Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Peter Wißmann: Nebelwelten (Demenz-Szene)

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 12.11.2015

Cover Peter Wißmann: Nebelwelten (Demenz-Szene) ISBN 978-3-86321-235-3

Peter Wißmann: Nebelwelten. Abwege und Selbstbetrug in der Demenz-Szene. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. 144 Seiten. ISBN 978-3-86321-235-3. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 23,90 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Die Thematik Demenz und auch die Thematik Demenzversorgung ist seit einigen Jahren in die Mitte der Gesellschaft gedrungen. Tausende Buchtitel mit Demenzthemen, viele Filme und Fernsehspiele mit der Demenzthematik und immer neue Versorgungsangebote für die Demenzkranken verdeutlichen den wachsenden Stellenwert dieser Hirnerkrankung in einer alternden Gesellschaft. Da eine Heilung in absehbarer Zeit trotz der immer wieder propagierten Erfolgsmeldungen seitens der pharmakologischen Forschung nicht zu erwarten ist, liegt der Schwerpunkt gegenwärtig auf den Feldern der Betreuung und Pflege. Die vorliegende Streitschrift setzt sich kritisch mit den Gegebenheiten der augenblicklichen Versorgungsangebote auseinander.

Autor

Peter Wißmann ist Sozialpädagoge. Seit 2006 arbeitet er als Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der Demenz Support Stuttgart. Des Weiteren wirkt er zusammen mit Michael Gauß als Herausgeber der Zeitschrift „demenz. DAS MAGAZIN“. Peter Wißmann hat bereits demenzspezifische Fachbücher veröffentlicht bzw. herausgegeben: „Werkstatt Demenz“ (2004) (siehe Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/2212.php), „Demenz und Zivilgesellschaft – eine Streitschrift“ (zusammen mit Reimer Gronemeyer 2008), „Auf dem Wege mit Alzheimer“ (zusammen mit Christian Zimmermann 2011). Vorher war er in Berlin als Sozialarbeiter in Sozialstationen und später in Koordinierungsstellen für häusliche Perspektiven für ältere und pflegebedürftige Menschen tätig.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben einem Vorwort in 14 Abschnitte unterteilt, die jeweils einen Themenkomplex aus dem Bereich Demenzversorgung kritisch beleuchten.

Zu Beginn wird Kritik an den oft angewandten Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien bei den Desorientierungsphänomenen geäußert, die der Autor als „Lug und Trug“ bezeichnet. Ebenso wendet er sich gegen Formen einer Scheinweltgestaltung wie „Bushaltestellen“, „Bahnabteile“ und „Geschäfte“ in den Pflegeheimen, die dort teils recht wirksam als Milieu- und Einbindungselemente Verwendung finden.

Wißmann lehnt des Weiteren die Entstehung von Betreuungs-, Pflege- und Freizeitangebote für Demenzkranke nach dem Homogenitätsprinzip ab: u. a. Wohngemeinschaften und Wohnbereiche für Demenzkranke und die Demenzdörfer in den Niederlanden und in Deutschland, die als „Anderwelten“ und „Paralleluniversen“ klassifiziert werden und die seiner Ansicht nach nicht im Einklang mit dem Inklusionsgebot stehen würden.

In den folgenden Abschnitten stellt der Autor die zahlreichen meist unspezifischen Aktivierungs- und Betreuungsmaßnahmen in Frage, die überwiegend im stationären und teilstationären Bereich Anwendung finden und als „Therapien“ für Demenzkranke teils mit Trademark und mehrstufigen Schulungen angeboten werden. Anschließend sieht er in Begriffen wie „Demenzkranke“ oder „Demenzbetroffene“ („vergiftete Worte“) tendenziell Formen der Diskriminierung und Stigmatisierung. Es folgen Überlegungen des Autors, ob die Demenz nicht eher ein natürliche Form der Hirnalterung und somit keine Krankheit im engeren Sinne sei, wobei er sich auf eine Veröffentlichung von Peter J. Whitehouse und Daniel George („Mythos Alzheimer“) bezieht (siehe Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/7643.php ). In diesem Kontext verweist Wißmann auf einen seines Erachtens allgemeinen Trend zur „Pathologisierung“ des Alltags, der alle Bevölkerungsgruppen erfasst hat und letztlich nur den einschlägigen Berufsgruppen und Einrichtungen nütze.

Die letzten Abschnitte dieser Streitschrift befassen sich u. a. mit sozialpolitischen und versorgungstechnischen Aspekten wie der Pflegeversicherung und den stets guten Noten bei den Qualitätsprüfungen. Des Weitern bemängelt er die politischen Bemühungen, mit „Runden Tischen“ und Allianzen bisher vergeblich richtungsweisende Strukturen aufzubauen. Der Autor moniert auch den zunehmenden Wandel der Pflege hin zu einem Pflegemarkt, der letztlich nach den Regeln der Renditeoptimierung und nicht an den Bedarfen der Schutzbefohlenen ausgerichtet ist. Zum Schluss unterbreitet Wißmann einige Vorschläge zur Verbesserung der Lage: Abkehr vom „Versorgungsdenken“ und Hinwendung zu einem „Teilhabedenken“, Verzicht auf „Parallelwelten“ (demenzspezifische Versorgungseinrichtungen) und Schaffung eines großen „Think Tank“, einer „Denkfabrik“, die ohne Rücksicht auf Träger, Lobbyverbände und Anbieter alles Bisheriges im Bereich Demenzversorgung auf den Prüfstand zu stellen hat, um hierauf aufbauend angemessene Strukturgefüge für die Demenzkranken zu entwickeln.

Diskussion und Fazit

Die vorliegende Publikation ist Ausdruck einer regelrechten Realitätsverdopplung im Bereich Demenz, denn unvereinbar stehen hier zwei Positionen einander gegenüber: die Sichtweise, dass es sich bei der Demenz und eine normale Hirnalterung handelt (Konzepte der so genannten „personenzentrierten Pflege“), und die konträre Einschätzung, dass Demenzen Hirnerkrankungen sind (Neurologie und Demenzforschung). Wenn nun der Autor als Vertreter der so genannten „personenzentrierten Pflege“ die bestehenden Versorgungseinrichtungen und Vorgehensweisen im Bereich Demenz betrachtet, dann entstehen u. a. die folgenden teils verwirrenden Bewertungen:

  • Die Diskreditierung der täglich praktizierten Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien als „Lug und Trug“ ohne hierbei praktikable Alternativen aufzuzeigen.
  • Die Klassifizierung demenzspezifischer Versorgungseinheiten wie Demenzwohnbereiche und Demenzdörfer als „Anderwelten“ und „Paralleluniversen“ ohne sich mit der wissenschaftlich nachgewiesenen Wirksamkeit dieser Lebenswelten auseinander gesetzt zu haben.
  • Das Insistieren auf die Inklusion der Demenzkranken in alle gesellschaftlichen Bereiche ohne Begründung, wie dies für diese Personengruppe im mittelschweren und schwersten Stadium praktiziert werden könnte.

Es bleibt das betrübliche Fazit zu ziehen, dass es dem Autor aufgrund seiner letztlich dogmatischen und realitätsfernen Einstellung zur Demenz nicht gelungen ist, Licht in diese scheinbaren „Nebelwelten“ zu bringen. Dem Buch sind somit keine konkreten Anregungen zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen zu entnehmen.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Website
Mailformular

Es gibt 220 Rezensionen von Sven Lind.

Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Rezension 17804

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 12.11.2015 zu: Peter Wißmann: Nebelwelten. Abwege und Selbstbetrug in der Demenz-Szene. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-86321-235-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18161.php, Datum des Zugriffs 03.12.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht