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Katharina Motzke: Soziale Arbeit als Profession

Cover Katharina Motzke: Soziale Arbeit als Profession. Zur Karriere "sozialer Hilfstätigkeit" aus professionssoziologischer Perspektive. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 263 Seiten. ISBN 978-3-8474-0154-4. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Thema

Katharina Motzke legt eine theoretische Untersuchung vor, in der sie die Entwicklung der Sozialen Arbeit als Profession in Deutschland rekonstruiert und dafür eine professionssoziologische Analyseperspektive nutzt. Als Material dient ihr der Professions- und Professionalisierungsdiskurs in der Sozialen Arbeit von den 1970er Jahren bis heute. Vorläufer dieses Diskurses ist die Debatte um die Verberuflichung der Sozialen Arbeit, die Motzke ihrer Analyse des Professions- und Professionalisierungsdiskurses voranstellt.

Autorin und Entstehungshintergrund

Prof. Dr. phil. Katharina Motzke ist Professorin für Theorien und Konzepte der Sozialen Arbeit im Fachbereich Sozialwesen an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Das vorliegende Buch stellt die Veröffentlichung von Motzkes Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn dar, die von Prof. Dr. Doris Mathilde Lucke und Prof. Dr. Werner Schönig betreut wurde.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin beginnt ihre Einleitung mit dem Begriff der „sozialen Hilfstätigkeit“ nach Alice Salomon und der Gründung der ersten sozialen Frauenschule 1908 in Berlin durch Salomon, die als ein Startpunkt für die Karriere der Sozialen Arbeit als Beruf und Profession angesehen werden kann. Auf diesen Einstieg folgt eine Beschreibung der Anlage der Untersuchung. Motzke möchte ihrem Thema, der Rekonstruktion der Entwicklung der Sozialen Arbeit als Profession, mittels der Professionssoziologie als Analyseinstrument nahe kommen. Die Rekonstruktion erfolgt über die Analyse des Professions- und Professionalisierungsdiskurses in der Sozialen Arbeit, den Motzke in zwei Etappen einteilt. Die erste Phase siedelt sie von 1970 bis 1985 an, die zweite von 1985 bis heute. Die Autorin grenzt ihren Gegenstand auf die Soziale Arbeit in Deutschland ein und wählt aus den Professionstheorien besonders prominente Ansätze aus. Sie möchte mit ihrer Arbeit sowohl einen Beitrag zur Soziologie, insbesondere zur Berufs- und Professionssoziologie, als auch zur Sozialen Arbeit, hier vor allem zur Professionalisierungsdebatte, leisten.

In Kapitel 1 wird der Gegenstand der Untersuchung beschrieben: die Soziale Arbeit als wissenschaftlich fundierte Praxis. Motzke geht ausführlich auf die Soziale Arbeit als Wissenschaftsdisziplin (genauer: als integrative Handlungswissenschaft) im Gefüge der Wissenschaften ein. Als Wissenschaft muss die Soziale Arbeit ihren Gegenstand definieren, Erkenntnismethoden benennen und ihre Erkenntnisse in Theorien bündeln. Neben dem Element der (Wissenschafts-)Disziplin stehen die Elemente der Profession und der Praxis. Der Dreischritt Disziplin – Profession – Praxis bildet für Motzke eine Gesamtperspektive auf die Soziale Arbeit. Theorien der Sozialen Arbeit können dementsprechend in Disziplintheorien, Professionstheorien und Praxistheorien untergliedert werden, wobei sich Motzkes Untersuchung auf Professionstheorien stützt. Die Profession Soziale Arbeit wird näher beschrieben über das Konzept der Handlungskompetenz und über den Berufsethos und Berufskodex.

Kapitel 2 stellt die professionssoziologische Perspektive als Analyseinstrument vor. Dafür werden zunächst die soziologische Professionsforschung im deutschsprachigen und im anglo-amerikanischen Raum einander gegenübergestellt. In einem zweiten Schritt werden zentrale Begriffe der Professionssoziologie definiert: Beruf und Verberuflichung, Profession und Professionalisierung, Professionelle (in Abgrenzung zu Experten und Spezialisten) sowie das professionelle Handeln. Professionen werden generell als Berufe begriffen, die sich durch bestimmte Merkmale von anderen Berufen unterscheiden. Den größten Teil des Kapitels bildet ein Überblick über Theorien der Professionssoziologie. Mit diesen Theorien werden unterschiedliche Verständnisse von Professionen, Professionalisierung und professionellem Handeln dargelegt und Paradigmenwechsel in der Professionssoziologie nachgezeichnet. Die Theorien der Professionssoziologie werden deshalb so ausführlich dargestellt, weil sie die Basis für die Analyse des Professionalisierungsdiskurses in der Sozialen Arbeit in Kapitel 3 bilden und weil es enge Verbindungen zwischen dem professionssoziologischen Diskurs und dem Professionalisierungsdiskurs der Sozialen Arbeit gibt.

Kapitel 3 bildet den Hauptteil der Arbeit mit der Rekonstruktion der Entwicklung der Sozialen Arbeit als Profession anhand ihres Professions- und Professionalisierungsdiskurses. Motzke beginnt mit einem kurzen Abriss der Professionsgeschichte und der Phasen der Theorieproduktion in der Sozialen Arbeit, um die Diskurse historisch einzubetten. Es folgt ein Überblick über die Phase der Verberuflichung und die beiden Etappen des Professionalisierungsdiskurses, in dem Motzke die Gesamtentwicklung und Chronologie der Diskurse darlegt, die sie in den nächsten Unterkapiteln genauer ausführt. Sie beginnt mit der Verberuflichung Sozialer Arbeit (ca. 1900-1970) und den wichtigsten Protagonistinnen dieser Zeit: Alice Salomon, Mary Richmond, Jane Addams und Gertrud Bäumer. Vor allem im Werk Salomons sieht Motzke eine frühe Professionstheorie, da diese sich mit Fragen eines besseren, das heißt eines professionelleren Handelns in der Sozialen Arbeit beschäftigt hat. Insgesamt werden die theoretischen Ansätze dieser frühen Sozialarbeitswissenschaftlerinnen als Vorläufer der Debatte um Professionalisierung betrachtet. Der klassische Professionalisierungsdiskurs (ca. 1970-1985) entstand dann in der Folge der Veränderungen des Ausbildungswesens in den 1970er Jahren (Einrichtung der Studiengänge Sozialpädagogik und Sozialarbeit an den neu gegründeten Fachhochschulen und des universitären Diplomstudienganges Pädagogik mit Studienrichtung Sozialpädagogik). In dieser ersten Phase der Debatte wurde die Soziale Arbeit vor allem am Kriterienkatalog der klassischen Professionen (z.B. Arzt, Jurist, Priester) gemessen. Dies führte dazu, dass der Sozialen Arbeit eine misslungene Professionalisierung attestiert wurde und das Konzept der Semi-Profession für die Soziale Arbeit große Popularität erlangte. In der ersten Phase wurde aber auch eine Versachlichung der Debatte durch Bezugnahme auf empirische Studien über die tatsächlichen Probleme und Widersprüche in der Praxis der Sozialen Arbeit versucht. Den Übergang zwischen erster und zweiter Diskursphase bildet Olks Modell einer alternativen Professionalität, die nach Olk notwendig sei, da sich die Soziale Arbeit aufgrund ihrer Abhängigkeit von wohlfahrtsstaatlichen Arrangements und Organisationsformen nicht am Modell der klassischen Professionen orientieren kann. Im neuen Professionalisierungsdiskurs (ab 1985) erfolgte eine Umorientierung hin auf die Eigenlogik des Handelns in der Sozialen Arbeit und den Begriff der Handlungskompetenz. Die Autorin stellt Theorieansätze vor, die das Verständnis Sozialer Arbeit als Profession bis heute prägen: die Alltagsorientierung in der Sozialen Arbeit (Thiersch), Soziale Arbeit als stellvertretende Deutung (Oevermann), Sozialarbeit als bescheidene Profession (Schütze), die reflexive Professionalität (Dewe/Otto) und einige weitere aktuelle Ansätze.

Kapitel 4 fasst die Erkenntnisse der vorangegangenen Kapitel in einem Resümee zusammen. Die Autorin kommt dabei zu dem Schluss, dass die Entwicklung der Sozialen Arbeit zum Beruf und darauf aufbauend zur Profession als eine Karriere betrachtet werden kann, innerhalb derer ein für die Soziale Arbeit angemessenes Professionsverständnis entwickelt wurde. Die Paradoxien des professionellen Handelns, die erst als Makel der Sozialen Arbeit („Semi-Profession“) aufgefasst wurden, avancierten zu ihrem eigentlichen Kennzeichen. Die Soziale Arbeit nimmt aus dieser Sicht sogar eine Vorbildfunktion für andere Professionen ein, welche in der Postmoderne auf die Probleme stoßen, mit denen die Soziale Arbeit immer schon zu tun hatte.

Kapitel 5 bietet einen Ausblick auf die Zukunft der Sozialen Arbeit als Profession. Die Autorin stellt die These auf, dass der Professionalisierungsdiskurs aktuell in eine neue, dritte Etappe eintritt. Diese dritte Etappe steht vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen (Wissensgesellschaft, Neoliberalismus, Bologna-Prozess etc.)

Diskussion

Das Buch bietet eine Zusammenschau, Systematisierung und Analyse der wichtigsten Theorieansätze der Professionalisierungsdebatte in der Sozialen Arbeit. Dazu kommt ein ausführlicher Überblick über relevante Theorien der Professionssoziologie. Damit liefert die Autorin einen Einblick in Teilbereiche gleich zweier Wissenschaften: in die Soziale Arbeit (speziell: ihre Professionalisierungsdebatte bzw. ihre Professionstheorien) und in die Soziologie (speziell: die Professionssoziologie). Die enge Verbindung dieser beiden wissenschaftlichen Diskursfelder wird in der Arbeit gut aufgezeigt.

Das Buch ist vor allem für Studierende und Lehrende der Sozialen Arbeit interessant, die sich mit dem Themenkomplex Profession / Professionalisierung / Professionalität auseinandersetzen. Es bezieht sich dabei nicht auf die individuelle Dimension von Professionalität im Sinne der Herausbildung eines professionellen Habitus. Vielmehr geht es der Autorin um Professionalisierung auf einer überindividuellen Ebene, verstanden als Entwicklung eines Berufes hin zu einer Profession. Aufgrund der anspruchsvollen Sprache (die aber dem Gegenstand angemessen ist), empfiehlt sich das Buch im Studium vor allem für Studierende etwas fortgeschrittener Semester.

Fazit

Das Buch „Soziale Arbeit als Profession“ liefert eine theoretische Untersuchung unterschiedlicher Professionsverständnisse und -konzepte in der Sozialen Arbeit im historischen Verlauf. Es zeigt Paradigmenwechsel im Professionalisierungsdiskurs auf und bietet eine Zusammenschau relevanter Professionstheorien. Ein solch fundierter Überblick fehlte bislang für die Soziale Arbeit.


Rezension von
Julia Wiesinger
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Zitiervorschlag
Julia Wiesinger. Rezension vom 18.02.2015 zu: Katharina Motzke: Soziale Arbeit als Profession. Zur Karriere "sozialer Hilfstätigkeit" aus professionssoziologischer Perspektive. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-8474-0154-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18166.php, Datum des Zugriffs 31.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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