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Reinhard Lindner, Daniela Hery u.a. (Hrsg.): Suizidgefährdung und Suizidprävention bei älteren Menschen

Cover Reinhard Lindner, Daniela Hery, Sylvia Schaller, Barbara Schneider, Uwe Sperling (Hrsg.): Suizidgefährdung und Suizidprävention bei älteren Menschen. Eine Publikation der Arbeitsgruppe „Alte Menschen“ im Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland. Springer (Wiesbaden) 2014. 185 Seiten. ISBN 978-3-662-44011-7. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema und Autoren

Die vorliegende Publikation setzt sich mit der Suizidgefährdung und Suizidprävention älterer Menschen auseinander. Der Suizid trage die Handschrift des Alters, denn jedes Jahr sterben durch Selbsttötung fast 10 000 Menschen, wobei darunter überproportional viele alte Menschen sind, insbesondere Männer über 75 Jahre. Die Herausgeber sind Reinhard Lindner, PD Dr. med. von der Medizinisch – Geriatrischen Klinik in Hamburg, Daniela Herry, Kanzlei Mainz, Dr. Sylvia Schaller aus Mannheim, Prof. Dr. med. Barbara Schneider, LVR Klinik Köln und Dr. Uwe Sperling, Universitätsklinik Mannheim. Die Publikation richtet sich an alle Professionelle als auch an Interessierte, die mehr über die Suizidalität im Alter erfahren möchten.

Aufbau

Das Buch ist neben einem Vorwort in drei Teile mit Kapiteln unterschiedlicher Länge und einem Serviceteil untergliedert.

Im Vorwort wird auf die Entstehungsgeschichte des Buches verwiesen. Deren Herausgeber und Autoren engagieren sich in einer Arbeitsgruppe „Alte Menschen des Nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPro)“.

Zu Teil 1„Hintergründe, Basisdaten und Grundlagen“

Der erste Teil beginnt mit Kapitel eins „Suizidalität im Alter. Die gerontologische Perspektive“ von Norbert Erlemeier und Uwe Sperling. Das Alter und Altern zeige gegenwärtig sein Doppelgesicht – einerseits böten sich Chancen und Entwicklungspotentiale, andererseits gäbe es Abbauerscheinungen und Verluste. Altern sei nach Baltes als Plastizität, Variabilität und biografische Individualität gekennzeichnet.

Kapitel zwei „Epidemiologie“ von Sylvia Schaller und Norbert Erlemeier verfasst, widmet sich zunächst den indirekten suizidalen Handlungen, die beispielsweise durch Nichtbefolgen ärztlicher Maßnahmen, Über- oder Unterdosierungen von Medikamenten oder durch das Einstellen der Nahrungszufuhr oder des Trinkens induziert werden. Der Anteil an Suiziden älterer Menschen habe sich in den letzten Jahren überproportional erhöht. So betrage der Anteil der über 60 jährigen Männer an der Gesamtbevölkerung 24%, an den Suiziden aber 42%. Bei Frauen vollziehe sich diese Entwicklung verstärkt, der Anteil an der Gesamtbevölkerung betrage 30%, der an den Suiziden50%, so dass jeder zweite Suizid von einer Frau über 60 Jahren begangen werde. Eine Besonderheit sei auch, dass bei Alterssuiziden weniger Abschiedsbriefe gefunden würden, was auf einen geringeren Appellcharakter suizidaler Handlungen schließen würde. Des Weiteren seien ältere Suizidenten häufig verwitwet oder geschieden und lebten in der Regel allein. Tage vor der eigentlichen Handlung würden sie signifikant häufiger als sonst ihren Hausarzt kontaktieren.

Mit „Einflussfaktoren für Suizid und Suizidalität im Alter“ ist das dritte Kapitel dieses Abschnitts überschrieben. Bearbeitet wurde es von Barbara Schneider, Claus Wächtler, Sylvia Schaller, Norbert Erlemeier und Rolf Hirsch (S. 35). Es wird erörtert, dass in westlichen Ländern psychische Erkrankungen die wichtigsten Risikofaktoren für Suizide seien. So würde eine Schizophrenie ein mehr als achtfach höheres Suizidrisiko mit sich bringen.

Das vierte und damit letzte Kapitel von Teil I wurde mit dem Titel „Erklärungsansätze“ überschrieben und wurde von Sylvia Schaller, Martin Teising, Reinhard Linder und Claus Wächtler erarbeitet. Zur theoretischen Fundierung werden psychoanalytische und Verhaltenstherapeutische Ansätze sowie das transaktionale Erklärungsmodell vorgestellt.

Zu Teil II „Erkennen, Vorbeugen, Krisenhilfe und Behandeln“

Im Abschnitt II sind sieben Unterkapitel verfasst worden, wobei mit Kapitel fünf die „Diagnostik der Suizidalität im Alter“ von Barbara Schneider, Claus Wächtler, Sylvia Schaller, Reinhard Lindner, Uwe Sperling und Rolf Hirsch herausgearbeitet wurde. So sei ein älterer Mensch, der über körperliche Symptome klage, die aber daraus nicht erklärbar seien, der den Schwung an Lebensfreude verloren habe oder der sich frage, warum er überhaupt noch lebe, besonders suizidal gefährdet.

Suizidprävention im Alter“ ist der Titel von Kapitel sechs, das von Barbara Schneider, Claus Wächtler und Reinhard Lindner geschrieben wurde und die eine Evidenz basierte Strategie zur Suizidprävention bezüglich Älterer vorschlagen.

Kapitel sieben ist der „Krisenintervention und Gesprächsführung“ gewidmet. Inhaltlich ausgestaltet wurde es von Hans Wedler, Martin Teising und Reinhard Lindner. Es werden sowohl die Elemente der Krisenintervention als auch die Phasen dieser sowie die Beziehungsgestaltung der Gesprächsführung vor und nach begangenem Suizid thematisiert.

Im achten Kapitel „Psychiatrische Behandlung und Psychotherapie“ von Barbara Schneider, Claus Wächtler, Sylvia Schaller und Reinhard Lindner verfasst, wird der aktuelle Stand der Versorgung und die stationäre sowie ambulante psychiatrische Behandlung erörtert (S. 91).

Der „Hilfen für Hinterbliebene“ ist das neunte Kapitel gewidmet. Barbara Schneider, Reinhard Lindner und Uwe Sperling verdeutlichen, dass Hinterbliebene in erster Linie Opfer seien, die einen schwierigen Trauerprozess vor sich hätten.

Norbert Erlemeier, Rolf Hirsch, Reinhard Lindner und Uwe Sperling sind die Verfasser von Kapitel zehn „Ältere Menschen in stationären Einrichtungen“. Sie belegen anhand von ausgewählten Studien, dass psychosoziale Belastungen, körperliche und seelische Erkrankungen gepaart mit Hoffnungslosigkeit und dem Wunsch, nicht mehr länger leben zu wollen, suizidale Handlungen begünstigten.

Die „Teamkoordination in stationären Einrichtungen“ beleuchten Rolf D. Hirsch und Reinhard Lindner. Interessant ist der Aspekt, dass die Suizidgefährdung von Mitarbeitern nicht unterschätzt werden dürfe, weil bekanntlich die Suizidrate von Ärzten und pflegenden Berufen erheblich höher sei als bei der Allgemeinbevölkerung (S. 124).

Zu Teil III „Religiöse, ethische, rechtliche und gesellschaftspolitische Aspekte“

Teil III wird mit Kapitel 12 „Ethische Aspekte der Suizidprävention“ von Hans Wedler, Martin Teising und Daniela Hery eingeleitet. Es werden ethische Argumente pro und kontra den Suizid herausgearbeitet. Als Alternative zur Lebensbeendigung durch Suizid biete sich die palliative Sedierung an.

In Kapitel 13 „Juristische Aspekte“ von Hans Wedler und Daniela Hery geschrieben, würden beschleunigende Schmerztherapien, Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen und tiefe Sedierung in den meisten Staaten als unverzichtbarer Teil moderner ärztlicher Sterbeerleichterung anerkannt (S. 149). Im Anhang des Kapitels befinden sich eine Formularhilfe zur Anregung einer gesetzlichen Betreuung und einer Patientenverfügung.

Das vorletzte Kapitel von Teil III „Religiosität und Spiritualität als Einflussfaktor“ von Uwe Sperling thematisiert Theorien zum Zusammenhang von Religiosität und Suizidalität. Durkheim beispielsweise hat aus soziologischer Perspektive erklärt, dass die Suizidrate einer Konfession umso geringer ausfalle, je höher der Grad ihrer Integrationskraft sei und dass der Suizid stärker ein soziales denn ein individuelles Problem sei. Insgesamt geht der Autor von einem schützenden Zusammenhang zwischen Religiosität und Spiritualität aus.

Norbert Erlemeier, Reinhard Lindner und Martin Teising sind die Verfasser des letzten Kapitels fünfzehn „Gesellschaftspolitische Aspekte der Suizidprävention im Alter“. Sie verweisen auf eher marginale Berichterstattungen auf Bundes- aber auch auf Länderebene. Nur ein Altenbericht würde dieses Thema kurz streifen.

Fazit

Es ist eine tiefgründige theoretische Betrachtung eines Themas, das inzwischen nicht mehr so stark tabuisiert wird. Diese Tiefgründigkeit zeichnet diese Publikation aus und kann nur erreicht werden, wenn eine Thematik von vielen wissenschaftlichen Perspektiven her betrachtet wird. Es ist für alle, die in Einrichtungen der Altenhilfe beschäftigt sind ein Muss, diese Lektüre zu lesen und natürlich auch für all jene, die im Alltag mit Älteren leben und arbeiten. Positiv hervorzuheben sind auch die Merksätze, die fett gedruckt, wirklich Nennenswertes betonen und das vorbildliche Design, das übersichtlich vor jedem Kapitel auf deren Inhalte verweist. Leider fehlt bei vielen Kapiteln eine Zusammenfassung und es wäre angebracht gewesen, Tests, auf die an diversen Stellen verwiesen wurde, in den Serviceteil aufzunehmen.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 27.03.2015 zu: Reinhard Lindner, Daniela Hery, Sylvia Schaller, Barbara Schneider, Uwe Sperling (Hrsg.): Suizidgefährdung und Suizidprävention bei älteren Menschen. Eine Publikation der Arbeitsgruppe „Alte Menschen“ im Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland. Springer (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-662-44011-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18177.php, Datum des Zugriffs 21.09.2017.


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