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Andreas S. Lübbe: Für ein gutes Ende

Cover Andreas S. Lübbe: Für ein gutes Ende. Von der Kunst, Menschen in ihrem Sterben zu begleiten ; Erfahrungen auf einer Palliativstation. Heyne Verlag (München) 2014. 316 Seiten. ISBN 978-3-453-20074-6. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Autor und Thema

„Meine Mitarbeiter und ich erleben täglich die Höhen und Tiefen unserer Arbeit, in die ich Ihnen im Folgenden einen Einblick gewähren möchte.“ (14) Das Anliegen des Palliativmediziners Andreas S. Lübbe ist es, den Menschen die Angst vor der Begegnung mit dem Sterben und dem Tod zu nehmen. Es ist die Angst vor dem Unbekannten und dem nicht Greifenden, Mystischen, das den Menschen oftmals sprach-und handlungsunfähig macht – diese Angst soll durch das Schildern der Abläufe auf einer Palliativstation abgemildert, das Unbekannte etwas greifbarer werden. Psychologische, psychosoziale und (palliativ-)medizinische Aspekte fließen gleichermaßen in die Erzählungen des Autors ein.

Aufbau

Das Buch unterteilt sich in fünf unterschiedliche Themenfelder, die alle mit zahlreichen Praxisbeispielen veranschaulicht werden.

  • Der erste Teil (11-27) stellt den Autor und seinen Werdegang zum Mediziner vor.
  • Die umfangreichen zwei nachfolgenden Abschnitte (29-232) widmen sich direkt der konkreten Palliativmedizin zu.
  • Anschließend daran werden die Möglichkeiten der Palliativmedizin bei der Linderung von Beschwerden vorgestellt. (233-306)
  • Der Autor beschließt das Buch mit neun persönlichen Anmerkungen „Für ein gutes Ende“. (307-313)

Inhalt

I. Der erste Teil des Buches leitet mit persönlichen, biografischen Bezügen das Thema ein. Andreas Lübbe schildert mit aller Offenheit die eigenen Ängste und die – auch negativen und bedrückenden – Erfahrungen als junger Mediziner, der dem Sterben und dem Tod von Menschen gegenüber gestellt wurde und diesen Konfrontationen oftmals nicht gewachsen war. Der Autor erinnert anhand von lehrreichen Begegnungen mit schwerst kranken und sterbenden Menschen seinen Weg vom jungen, unerfahrenen Arzt zum Mediziner, der als einer der ersten seiner Region 1998 eine Palliativstation eröffnet.

II. Im zweiten Abschnitt äußert sich der Autor zu den zentralen Prinzipien der Palliativmedizin (29-143). Ausgehend vom heutigen Umgang mit dem Sterben und dem Tod, wird die Verdrängung dieser Themen – selbst durch die Medizin – thematisiert. Beispielhaft wird die Tabuisierung der Sterblichkeit durch eine oftmals fehlende Aufklärungsarbeit bezüglich der Wirksamkeit von Therapien oder ihren Nebenwirkungen geschildert. In einem eigenen Kapitel wendet er sich der Krebserkrankung zu und erschließt Wissensbestände und Fragestellungen an Fallbeispielen. Erinnernd an die Pflichten des Arztes (42-61), macht er sich stark für eine bedingungslose Akzeptanz der Wünsche des Patienten, für eine absolute Ehrlichkeit und die Notwendigkeit einer „partizipative(n) Entscheidungsfindung“. (88) Gedanken zur Sterbehilfe und dem Recht des Patienten auf Selbstbestimmung (thematisiert am Beispiel der palliativen Sedierung; 117-143) schließen diesen Teil des Buches ab.

III. Dass Palliativmedizin mehr ist als Schmerztherapie, zeigt das Buch dem Leser praxisnah im dritten inhaltlichen Absatz auf. (145-232) Detailliert stellt der Palliativmediziner die verschiedenen Berufsgruppen auf einer Palliativstation vor und beschreibt ihre spezifischen Rollen und Aufgaben. Die Besonderheiten auf dieser Art von Station, wie bspw. die Notwendigkeit absoluter Ruhe und Sicherheit, werden herausgearbeitet. (152) Er berichtet ausführlich von den Herausforderungen der Begleitung der ganzen Familie („Der Junge, der nicht weinen durfte“; 157) und dem Erfordernis sich auch mit den kulturellen Hintergründen seiner Patientinnen und Patienten zu beschäftigen, denn: „Auf der Palliativstation befindet sich ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung, denn der Tod macht vor niemandem halt, und jeder Bürger hat das Recht auf eine stationäre (und ambulante) palliativmedizinische Versorgung.“ (165) Geschildert wird weiter der Tagesablauf auf der Station – mit seinen alltäglichen Höhen und Tiefen für alle Beteiligten. Fragestellungen von Religiosität und Spiritualität (176) stellt sich der Autor genau so, wie vielen anderen Aspekten wie der Bedeutung von Musik oder der Wichtigkeit von Supervision. (193-225)

IV. Der vorletzte Abschnitt wendet sich den körperlichen Beschwerden zu, die am Lebensende auf den Menschen zukommen können und erklärt mit der Hilfe von konkreten Krankheitsverläufen die Möglichleiten der Abhilfe. „Mehr noch als bisher kommen hier Details zur Sprache, die manchen Leser vielleicht schockieren. Bei aller palliativmedizinischen Zuversicht bin ich doch auch der Realität verpflichtet, und mir liegt sehr daran, nichts zu beschönigen.“ (233) Vorgestellt werden die Stimmlosigkeit aufgrund einer Kehlkopfentfernung und die Schwierigkeiten im Umgang damit für alle Beteiligten weil „Klangqualität, Tonhöhe und Sprechtempo wie andere typische Merkmale einem Menschen seine Individualität verleihen (…)“ (240). Der richtige Umgang mit der Wundversorgung findet ebenso Erwähnung wie die positiven Wirkungen der an die Belange der sterbenden Menschen orientierten Physiotherapie. (246-251) Die Behandlung von Übelkeit, Probleme im Magen-Darm-Trakt und Luftnot werden an Fallbeispielen erläutert. Hierbei kombiniert der Mediziner diese Symptome mit den zu bedenkenden Einflüssen weiterer Krankheiten, wie der Demenz (262-276), oder spricht intime Themen – beispielsweise der menschlichen Sexualität – offen an.

V. „Für ein gutes Ende“ – Neun Punkte die wichtig sind. Neun Impulse und Forderungen für ein gutes Ende regen zum Nachdenken an:

  1. „Für eine Gesellschaft, in der die Schwachen gut aufgehoben sind.“ (307)
  2. „Dankbarkeit für das Leben.“ (308)
  3. „Mehr Transparenz und Verantwortung im Gesundheitssystem.“ (308)
  4. „Eine zukunftsorientierte Ausbildung von Ärzten.“(309)
  5. „Vorbeugung ist lebenswichtig.“ (310)
  6. „Die Diagnose einer schweren Krankheit ist ein Anfang, nicht das Ende.“ (311)
  7. „Angehörige haben auch ihre Rechte.“ (312)
  8. „Palliativmedizinische Versorgung ist überall möglich.“ (312)
  9. „Gegen die Folgen der Krebsbehandlung kann man etwas tun.“ (313)

Zielgruppe

Empfehlenswert ist die Lektüre

  • für Menschen, die persönlich betroffen sind und sich in den erzählten Schicksalen wiederfinden.
  • Für Menschen, die ihrer eigenen Sterblichkeit durch Reflexion des und Annährung an das Thema bewusst begegnen möchten.
  • Für in der Pflege und Betreuung arbeitende Fachkräfte aller Disziplinen und Professionen, um sich in der Hektik des emotional fordernden Alltags immer wieder der Menschlichkeit und Einzigartigkeit – des fremden und des eigenen Lebens – zu erinnern.

Fazit

Das Buch beschreibt auf eine sensible und ehrliche Weise die Begegnung mit schwerst kranken und sterbenden Menschen. Alle Betroffenen – die kranken Menschen selbst, die Familienangehörigen und Freunde, die Pflegenden und Betreuenden – bekommen durch die anschaulichen Fallbeispiele ein individuelles Gesicht. Die menschlichen Schicksale werden nicht isoliert vorgestellt, sondern immer in ihrem sozialen Gesamtzusammenhang vorgestellt; in ihren Alltagsbezügen und den Beziehungsgeflechten. Dabei versteht es der Autor durch seine entwaffnende Offenheit und seine wertschätzende Art, dem Lesepublikum nahegehende Fakten und Biografien zuzumuten und intime Details nicht auszusparen. Er beschränkt sich nicht auf eine medizinische Sichtweise, sondern kommentiert die Zusammenhänge psychosozial und psychologisch. Seine individuelle Meinung legt er durch Argumente offen und lässt durch seine persönlichen Kommentierungen – der fachpolitischen, gesellschaftlichen oder religiösen – Entwicklungen, Freiraum für kritische Diskussionen.

Das Buch ist keine Fachlektüre, es zeichnet sich nicht durch strikte Wissenschaftlichkeit und Nüchternheit aus. Das Buch ist eine persönliche Erzählung eines Arztes, der Einblick gewährt in seinen Alltag und sich dabei wissenschaftlicher und sachlicher Argumente bedient, aber bei diesen nicht stehen bleibt. Dabei sind einige persönliche Meinungen diskussionswürdig, aber auch nachdenkenswert.


Rezensentin
Agnieszka Maluga
M.Edu.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Kiel


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Zitiervorschlag
Agnieszka Maluga. Rezension vom 05.07.2015 zu: Andreas S. Lübbe: Für ein gutes Ende. Von der Kunst, Menschen in ihrem Sterben zu begleiten ; Erfahrungen auf einer Palliativstation. Heyne Verlag (München) 2014. ISBN 978-3-453-20074-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18189.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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