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Frank Henning: Oblomowerei - eine Vorstufe der Sucht? Oder

Cover Frank Henning: Oblomowerei - eine Vorstufe der Sucht? Oder: Die Metamorphose des Stolz. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2013. 330 Seiten. ISBN 978-3-86585-807-8. D: 28,90 EUR, A: 29,80 EUR, CH: 39,50 sFr.
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„Oblomow ist eine Parabel über persönliche, individuelle Reifungsprozesse“

Ein Buch zu besprechen, auf das erst einmal wegen des Titels Fachleute aufmerksam werden, und bei dem – zugegeben – der Rezensent im Wörterbuch nachschauen musste, ist für einen nicht psychotherapeutisch Geschulten ein Wagnis, oder auch eine Chuzpe! Es ist aber gerade der Titel und die Untertitelung des Buches – „Ausstieg und Fall des Ilja Iljitsch Oblomow als Beispiel einer großbürgerlichen Drogenkarriere. Eine Untersuchung des Phämomens ‚Oblomow‘, kommentiert aus anthropologischer Sicht“ – die das Interesse weckte, es zu lesen. Denn da war doch was? Vor vielen Jahren lag da mal in der Buchhandlung das Buch von Iwan Gontscharow, Oblomow, aus; und beim Überfliegen des Umschlagtextes war das Erstaunen groß, dass es sich dabei um „Weltliteratur“ handelt und um eine Lektüre, die „in Russland zum allgemeinen Wissensbestand eines ganzen Volkes“ und zur Pflichtlektüre von russischen Schülerinnen und Schülern gehört(e).

Der junge russische Gutsbesitzer Oblomow wird im Roman von Iwan Gonscharow als willensschwach, antriebslos, faul, träge, unentschlossen und apathisch geschildert. Er lebt in St. Petersburg in einer eher verwahrlosten Wohnung. Sein liebstes Kleidungsstück ist der Schlafrock. Im Nichtstun sieht er seinen Lebensinhalt. Er lebt von den Erträgen, die sein Gutsverwalter für ihn erwirtschaftet. Die Menschen, die ihm umgeben, profitieren von seiner Wohlhabenheit, nutzen seine Gutwilligkeit und Naivität aus und betrügen ihn, weil Oblomow jede Aktivität fehlt und ihm selbst eine persönliche Achtsamkeit zuviel ist. Lediglich seinem Freund aus seiner Jugendzeit, Andrej Karlowitsch Stolz, gelingt es gelegentlich, ihn aus seiner Apathie herauszuholen, ihn zum Bücherlesen zu bewegen und gesellschaftlichen Umgang zu pflegen. Bei einer der Gelegenheiten lernt er Olga kennen und lieben. Es scheint so, dass es ihr mit ihrer Zuneigung gelingt, ihn aus seiner Lethargie herauszuholen. Doch es kann nicht gelingen. Er beendet die Beziehung und fällt stärker als vorher in seine Unentschlossenheit und Bequemlichkeit zurück. Er stirbt an der Oblomowerei. Der Duden erklärt den Begriff als „lethargische Haltung, tatenloses Träumen“.

Das Buch von Iwan A. Gontscharow, Oblomow ist erstmals 1859 erschienen. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Die neueste Auflage in deutscher Sprache ist 2006 vom Insel-Verlag herausgegeben worden. Der Audio-Verlag hat 2003 den Roman als Hörbuch herausgebracht. Doch in der deutschen Literaturrezeption ist der Roman nicht besonders aufmerksam aufgenommen worden. Dabei mögen zwei Gründe eine Rolle spielen: Der eine Grund könnte darin liegen, dass der Autor in seiner Zeit mit dem Roman in einer ambivalenten Weise – Schilderung der feudalen und ausbeuterischen Verhältnisse der adligen Klasse in Russland des 19. Jahrhunderts, und die im Russischen als „Oblamawtschina“ bezeichnete phlegmatische Haltung der oberen Gesellschaftsschichten – die „russische Seele“ charakterisierte, die so gar nicht zu den deutschen Vorstellungen von Fleiß, Arbeitsamkeit und Zuverlässigkeit passen wollten. Zahlreiche Schriftsteller, wie etwa Stefan Zweig, haben die „Oblamawtschina“ zum Anlass genommen, den Zwiespalt zwischen einerseits Müßiggang, Phlegma, Träumerei, Faulheit und andererseits Fleißigkeit, Betriebsamkeit und Arbeitsamkeit aufzuzeigen. Es sind insbesondere die in der literarischen Vorlage dezidiert und vielschichtig aufgezeichneten Beziehungen der Romanfigur mit dem Freund Andrej Stolz, in denen die emotionalen und psychischen Nöte der Beiden deutlich werden und sich gewissermaßen als schicksalhaft darstellen.

Autor

Der Berliner Psychotherapeut mit einer Praxis für Psychotherapie und Psychosomatik und Leiter des Instituts für Gesundheitsförderung, Frank Henning, ist bei seinen Behandlungen bei Patienten mit Angst- und traumatischen Störungen auf die literarischen Schilderungen im Roman „Oblomow“ aufmerksam geworden. Dabei stellte er fest, dass zwar die Literaturrezeption in vielfacher Weise die romanhafte Thematik aufgenommen und diskutiert, jedoch in der psychotherapeutischen und -analytischen Theorie und Praxis bisher wenig Aufmerksamkeit findet, obwohl der Begriff „Oblomowerei“ sich als Fachbezeichnung für Störungen und Krankheitszuständen etwa von Lebensangst, Resignation, Menschenscheu und Infantilität durchgesetzt hat. Mit Blick auf diese Krankheitsbilder formuliert Henning seine These: „Es geht Gontscharow in seinem Roman nicht nur um Ilja Oblomow, es geht im vor allem um die Reifung und Verwandlung des Andrej Stolz, um die Entwicklung seiner Liebesfähigkeit und seines Tiefgangs“. Damit weitet er den Blick von der bisher eher auf die geschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen eines (russischen) untergehenden Adels und einer Herr-und-Knecht-Mentalität fokussierten, literarischen Betrachtung hin zu einer emanzipatorischen, psychoanalytischen, zeitgeschichtlichen wie aktuellen Analyse: „Oblomowerei ist heute so präsent wie damals, und für viele Menschen relevanter als sie wahrhaben wollen“.

Aufbau und Inhalt

Seine Auseinandersetzungen mit dem Entwicklungsroman „Oblomow“ und seine Parabel über die „Metamorphose des Stolz“ gliedert Henning in sechs Kapitel. Im ersten zeichnet er mit vielen Zitaten und Textstellen die Romangeschichte nach und bereitet damit den Leser auf die folgenden Analysen vor. Denn im zweiten Kapitel erläutert er seine Feststellung, dass es sich bei „Oblomow (um) eine Parabel für unterbrochene Entwicklungsprozesse“ handelt. Er spiegelt den Theorie- und Praxisdiskurs um „Oblomowerei“, indem er die vielfältigen, vorfindbaren psychischen, hirnphysiologischen, inneren und äußeren Entwicklungsprozesse, die Beziehungsaspekte und Zuwendungsformen thematisiert und sie mit Textstellen aus dem Roman verdeutlicht; Hinweise übrigens, die sich heute im Erziehungsprozess weiterhin als „Bannbotschaft“ finden lassen: „Werde nicht erwachsen! Bleib ein kleines Kind!“. Besonders die Bezüge, die der Autor bei der Lebensentwicklung der Menschen hervorhebt und belegt, wie etwa Wirkungen auf Sozialbeziehungen, Anerkennungs- und Motivationsstrukturen, aber auch die Gefahren, wie Traumverlorenheit, Abhängigkeit und Unselbständigkeit, sollten für Elternbildung und individuelle, schulische und gesellschaftliche Erziehungsprozesse beachtet werden. Denn es können Anzeichen sein, sowohl für ein gutes, gelingendes Leben, als auch für Suchtentwicklung.

Im dritten Kapitel setzt sich der Autor mit „Archetypischen Energien im Zwischenhirn“ auseinander. Er formuliert ein Modell für Persönlichkeitsentwicklung, indem er das Bild einer „geistigen Landkarte“ – Osten, Westen, Süden, Norden – als Raum- und Denkrichtung benutzt und Orientierungsrichtungen für Entwicklungsprozesse aufzeigt. Die achsige Ausrichtung auf Denk- („Ich bin, was ich denke“), Regel- („Ich bin so, wie Gott mich will“), Gefühls- („Ich bin, was ich fühle“) und Freiheitsaspekte („Ich bin, was ich tue“) bieten dem Autor die Möglichkeiten, um die vielfältigen Wegen hin zu einer gelingenden Persönlichkeitsentwicklung zu vollziehen und positive Formen, wie Zuwendung und Kommunikationsfähigkeit, und Störungen, wie Angst, darzustellen.

Das vierte Kapitel thematisiert „Oblomows Wesen, wie es lebt“. Damit rückt der Autor die im Roman geschilderten, historischen und gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit in den Fokus von Hier und Jetzt. Die Darstellungen von Oblomows Tagesablauf, seinen Kontakten zu seiner Umgebung, zu Olga, und natürlich insbesondere zum Freund Andrei zeigen die Not Iljas, etwa wenn er resignierend feststellt: „Das Leben fasst mich an“, und in den Antworten die unterschiedlichen Lebenseinstellungen und -aktivitäten deutlich werden.

Im fünften Kapitel vergleicht der Autor die „Entwicklungsphasen von Ilja Iljitsch Oblomow, Olga und Andrei“. Die Zitate bringen an den Tag, was in der Erzählung Gontscharows sich als „Kursbuch der russischen Seele“ zeigt, wie dies ein Leser im Internetblog zum Ausdruck bringt. Es sind zwei Liebesgeschichten, die perspektivisch und wirklich unterschiedlich verlaufen – und doch beide tragisch enden; es sind die verschiedenen, schwachen und starken Charaktere der Personen, und es ist das schicksals- und zwanghafte Scheitern von allen. Dass dabei in der Interpretation Hennings Andrei Stolz und nicht Ilja Oblomow mit Charaktereigenschaften belegt wird, die am ehesten Leben ermöglichen – Souveränität, Eigenständigkeit, Liebe, innere Größe, Respekt – überrascht und bedarf bei den weiteren Auseinandersetzungen um den Roman und den Versuchen, die geschilderten Ereignisse nicht nur literarisch zu betrachten, sondern sie als „Oblomowerei“ auch für eine aktuelle Zeit- und Gesellschaftsanalyse heranzuziehen, einer weiteren Beachtung.

Im sechsten und letzten Kapitel weist Frank Henning auf einige Denkansätze und Perspektiven hin, wie aus der Herleitung des literarischen Stoffs Verweise auf „Oblomowerei in ihrer heutigen Form“ gezogen werden können. Dabei setzt er sich intensiv und kritisch mit der Rezension des russischen Literaturkritikers Nikolai Alexandrowitsch Dobroljubow auseinander, die er kurz nach Erscheinen des Romans veröffentlichte und die in der Literaturrezeption prägend wurde. Mit vielen Textstellen zeigt er Missverständnisse und Fehlinterpretationen auf, und kommt schließlich zu der Frage: „Warum lesen alle über Andrei hinweg?“. Seine Antwort: Es könnte sein, dass der Nachnahme Andreis, Stolz, dabei eine Rolle spielt; sein Vater war Deutscher. Der Autor kommt dabei zu der (gewagten) These, dass die „deutschen Eigenschaften“ es sein könnten, die Andrei als Neben- und nicht als Hauptfigur in der Literaturvorlage werden lassen!

Fazit

Die eigenwillige, durchaus nachvollziehbare Interpretation des Romans „Oblomow“ von Iwan A. Gontscharow durch Frank Henning öffnet den Blick von der literarischen Erzählung hin zur psychoanalytischenTherapie. Neben den fachspezifischen Auslegungen und modellhaften Zuordnungen für die therapeutische Praxis dürfte vor allem der politische Ausblick des Autors eine Kontroverse eröffnen: „Der Roman ‚Oblomow‘ braucht Leser“, so schreibt er, „die … europäisch zu denken vermögen…“. Er stellt dabei in Aussicht, dass, gelänge dies, „eine Versöhnung, ein Wandel von Feindschaft, Sich-Fremdsein, Vorurteilen und Gleichgültigkeit – in eine Freundschaft von Herzen, ein tiefes Sich-Wiedererkennen“ möglich wäre.

Damit zeigt sich das Buch, das mit dem Titel „Oblomowerei – eine Vorstufe der Sucht?“ erst einmal nur Aufmerksamkeit für Fachleute suggeriert, als ein interessantes Experiment, ein literarisches Meisterwerk als Vorlage für einen Fingerzeig zu benutzen, in der aktuellen krisenhaften, lokalen und globalen Entwicklung nicht nur das eigene Denken und Verhalten auf den Prüfstand zu stellen, sondern auch „die erwachsenen, handlungsfähigen Menschen, die unsere Realität zu gestalten vermögen, zu läutern, ihren feinen Geist zu wecken“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.01.2015 zu: Frank Henning: Oblomowerei - eine Vorstufe der Sucht? Oder: Die Metamorphose des Stolz. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2013. ISBN 978-3-86585-807-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18191.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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