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Alexander Mühlen: Rollenspiele für internationales Verhandeln

Cover Alexander Mühlen: Rollenspiele für internationales Verhandeln. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. 257 Seiten. ISBN 978-3-643-12526-2.
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Verhandeln ist lernbar!

Nicht erst in den Zeiten der Globalisierung, der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt, nimmt die Bedeutung zu, dass bei (Interessen- und ideologischen) Konflikten und Konfrontationen zwischen Volksgruppen und Völkern nicht Dominanz, Gewalt und Krieg adäquate Mittel zur Durchsetzung von legitimen Forderungen sein können, sondern „Grundsätze anzunehmen und Verfahren einzuführen, die gewährleisten, dass Waffengewalt nur noch im gemeinsamen Interesse angewendet wird“, wie es in der Charta der Vereinten Nationen heißt ( Deutsche UNESCO-Kommission, Menschenrechte. Internationale Dokumente, Bonn 1981, S. 19), und dass ein friedliches und gerechtes Zusammenleben der Menschen auf der Erde zum höchsten Gut gehört, das die Menschheit besitzt (Till Kössler / Alexander J.Schwitanski, Hg., Frieden lernen. Friedenspädagogik und Erziehung im 20. Jahrhundert, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17112.php, vgl. dazu auch: „Kein Mensch kann ein Volk hassen, von dem er mehrere Einzelpersonen zu Freunden hat“, 22.04.2014, www.sozial.de).

Entstehungshintergrund

Risiko- und Konfliktkompetenzen sind Möglichkeiten, sich über strittige Fragen friedlich und auf Augenhöhe auseinander zu setzen, und zwar sowohl in individuellen, als auch in lokalen und globalen Kontexten. In ersteren Fällen sind Konzepte und Methoden einsetzbar, wie etwa Mediation, Streitschlichtung, Training für Zivilcourage, u.a. Wenn in der internationalen Kommunikation personale und/oder institutionalisierte Unterhändler gefragt sind, wird oft von Diplomatie gesprochen. Die Kriterien, die sowohl bei charismatischen Personen, als auch bei legitimierten Gruppierungen und Einrichtungen bei Verhandlungsaktivitäten meist angelegt werden, sind zum einen die Fähigkeit, bestmöglich die definierten, zielsetzenden Vorgaben und Erwartungshaltungen zu vertreten, andererseits sich aber auch bewusst zu sein, dass die unbeirrbare Durchsetzung von maximalen Forderungen nur ganz selten und schon gar nicht nachhaltig zum Erfolg führen können. Deshalb hat sich bei internationalen Verhandlungen das 1981 von den US-amerikanischen Rechts- und Sozialwissenschaftlern Roger Fisher und William L. Ury entwickelte „Harvard-Konzept“ durchgesetzt, bei dem davon ausgegangen wird, dass bei sachgerechten Verhandlungen für alle Beteiligten ein Win-Win-Ergebnis angestrebt werden solle. Dazu gehört, dass die Verhandlungsbeteiligten nicht mit der Kalaschnikow oder mit der gefüllten Geldbörse am Verhandlungstisch sitzen, sondern sich im Diskussionsprozess „vertrauensbildende Maßnahmen“ entwickeln.

Eine professionell und mit wissenschaftlichem Anspruch durchgeführte Verhandlungslehre (auch als -training, -performance, -coaching oder -consulting bezeichnet) kann gelehrt und gelernt werden, und zwar sowohl in Hochschulseminaren, in der betrieblichen und beruflichen Fortbildung, als auch beim schulisches Lernen. Das Deutsche Nationalkomitee für internationale Jugendarbeit (DNK) hat 2005 ein Projekt initiiert, das mittlerweile an mehreren Hochschulen, Oberstufenschulen und Jugendorganisationen durchgeführt wird: Politisch interessierte junge Menschen aus vielen Ländern der Erde treten als Jugenddelegierte bei den Generalversammlungen der Vereinten Nationen auf und arbeiten bei den Einrichtungen und Sonderorganisationen der UN mit (www.dbjr.de).

Autor

Alexander Mühlen hat als Angehöriger des Auswärtigen Amts in Bonn und Berlin Erfahrungen auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen sammeln können. Als Botschaftsangehöriger, Botschafter und in weiteren Funktionen war er als Delegierter und Verhandlungsführer an verschiedenen Regierungsabkommen und Projektvereinbarungen beteiligt. Als Lehrbeauftragter an mehreren Hochschulen unterrichtet der die Themenbereiche Konfliktmanagement und Verhandlungsführung. Das 2010 herausgegebene Buch

„Internationales Verhandeln. Konfrontation, Wettbewerb, Zusammenarbeit – mit zahlreichen interkulturellen Fakten und Fallbeispielen“ wurde in mehreren Ausgaben aufgelegt und auch in einer englischen Fassung herausgebracht. Es hat sich zu einem Standardwerk für Studierende, Diplomaten und international tätige Experten und Geschäftsleute entwickelt. Gewissermaßen als Ergänzung bringt der Autor nun mit Schwerpunkt auf Methoden und Rollenspiele den Band „Rollenspiele für Internationales Verhandeln“ heraus.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch baut auf der aktuell-politischen, zukunftsorientierten Frage auf: „Was ist / könnte in der Realität geschehen?“. Ausführlich, mit Situations- und Hergangsbeschreibungen, geplanten und konkreten Abläufen und Bewertungen der Verhandlungsvorgänge, werden in neun Kapiteln insgesamt 15 Rollenspiele zu tatsächlich stattgefundenen, internationalen Projekten und Vorgängen dargestellt und didaktisch und methodisch so aufbereitet, dass ein Nachspielen im Unterricht oder in der Seminararbeit möglich ist.

Im ersten Kapitel führt der Autor in die Thematik ein, indem er nacherzählt, wie er ganz konkret zum Verhandeln kam. Daraus entwickelt er 10 Leitlinien, die als die Summe der Erfahrungen einer bilateralen Verhandlungstätigkeit betrachtet werden können. In den folgenden Kapiteln werden Übungen angeboten, die sich mit tatsächlich ereigneten, bi- und multilateralen Konflikten und Kontroversen beschäftigen, wie mit dem „EG-Bananenkonflikt“, mit Geber- und Ausbildungssituationen im israelisch-palästinensischen Konflikt und vom Autor getitelt werden: „Wie man 30 Mio? aufteilt“; einer Finanzierungsförderung für eine neue, osteuropäische Startup-Initiative: „Wie man 150.000? aufteilt“; einer Aufgabe zur Bewertung einer politischen und gesellschaftlichen Situation in einem Entwicklungsland; einem Vermittlungs- und Aufklärungsversuch beim Kampf gegen Korruption, Budgethilfe und Menschenhandel; zum Antrag eines Entwicklungslandes zur Lieferung eines Dialysegeräts; beim „Two-Ilands-Case“; einer internationalen Konferenzsituation, bei der eine Vereinbarung über „Tierversuche mit Kosmetika“ getroffen werden soll; auf der Basis der Verhandlungen des UN-Sicherheitsrats, wie mit den Versuchen Nord-Koreas, eine Atombombe zu bauen, international umgegangen werden soll. Die bi- und multilaterialen Rollenspiele werden jeweils mit einer Situationsdarstellung eingeleitet, mit Zielvorstellungen belegt, die Spielplanung wird mit Hinweisen auf Vorbereitung, Durchführung und Auswertung des Rollenspiels ausgestattet. In Einschätzungs- und Bewertungsskalen werden die Spielerinnen und Spieler aufgefordert, den Ablauf des Rollenspiels zu evaluieren.

Im zweiten, inhaltlich wie im Umfang gleichgewichtigen Teil des Buches (Anhänge 1-15) werden die für die Rollenspiele benötigten Informationen, wie Grafiken, Tabellen und Texte, in deutscher und teilweise englischer Sprache bereitgestellt, die Rollenverteilungen vorgenommen und. didaktisch-methodische Hinweise gegeben. Sie ermöglichen es den Spielleitern und Koordinatoren, das jeweilige Rollenspiel vorzubereiten und durchzuführen. Als didaktischer Anreiz wird jeder Fall mit einem Punktesystem ausgestattet, bei dem nicht der „Sieg“ der einen und das „Verlieren“ der anderen Gruppe, sondern das Erreichen eines „Win-Win“-Ergebnisses zählt. Wichtig ist dabei auch, die Verweigerer einer gemeinsamen Lösung nicht als die „Bösen“ und „Uneinsichtigen“, oder diejenigen, die potent oder hegemonial verhandelten, als „Sieger“ darzustellen, sondern ihre (begründbaren) Gründe als im Verhandlungsprozess liegenden „Fakten“- Lagen anzuerkennen.

Fazit

Die von Alexander Mühlen dargestellten, tatsächlich stattgefundenen Fälle und die Übertragung auf teilweise fiktive und anonymisierte Fallbeispiele, die sich als Nachvollziehen in Rollenspielen eignen, erfordern von den Spielerinnen und Spielern ein hohes Maß an Informations-, Kommunikations- und Lernkompetenz. Es dürfte wenig sinnvoll und damit wirkungslos sein, mit Schülerinnen und Schülern ohne Rollenspielerfahrung die im Buch angebotenen Verhandlungsfälle nachspielen zu wollen. Das bietet den Anlass, auf die Bedeutung der interkulturellen und politischen Bildung im schulischen und außerschulischen Lernen zu verweisen; und zwar sowohl als fachbezogenes, als und vor allem als fächerübergreifendes und projektorientierten Lernen (vgl. z. B. dazu: Benedikt Widmaier / Frank Nonnenmacher, Hrsg., Partizipation als Bildungsziel. Politische Aktion in der politischen Bildung, www.socialnet.de/rezensionen/12104.php; sowie: Horst Leps, Lehrstücke im Politikunterricht, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15758.php).

Für alle diejenigen, die aufgeschlossen und eingeführt in internationales politisches und transkulturelles Denken sind, ist das Buch „Rollenspiele für Internationales Verhandeln“ eine echte Fundgrube und Entdeckungsraum für eigene Versuche, sich mit den einfachen Ja-Ja- oder Nein-Nein-Antworten nicht zufrieden zu geben, sondern in den Auseinandersetzungen um gute, gemeinsame Wege für ein humanes Zusammenleben der Menschen auf der Erde zu finden, Kompromisse auf Augenhöhe zu schließen – um so das höchste Gut, das alle Menschen besitzen, die Menschenwürde, zu bewahren!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.02.2015 zu: Alexander Mühlen: Rollenspiele für internationales Verhandeln. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. ISBN 978-3-643-12526-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18194.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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