socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Rainer Danielzyk (Hrsg.): Suchst du noch oder wohnst du schon?

Cover Rainer Danielzyk (Hrsg.): Suchst du noch oder wohnst du schon? Wohnen in polyzentrischen Stadtregionen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. 193 Seiten. ISBN 978-3-643-12540-8.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Den Wandel als Entgrenzung verstehen

In der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt verändern sich traditionelle Formen des Daseins rapide, und zwar sowohl individuelle, als auch gesellschaftliche und berufliche. Es sind die gesellschaftlich gemachten, den jeweiligen Strukturen unterliegenden Bedingungen und Voraussetzungen, die das Leben der Menschen zu einer Funktion der Gesellschaft machen, oder die Formen von Selbstbestimmung und Freiheit ermöglichen (Rainer Funk, Entgrenzung des Menschen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14189.php). Insbesondere die Urbanisierung hat weltweit zu Veränderungsprozessen geführt, die sich im philosophischen, kulturwissenschaftlichen und historischen Diskurs artikulieren (Michael Gehler,Hrsg., Die Macht der Städte. Von der Antike bis zur Gegenwart, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10743.php). Dabei kommen scheinbar selbstverständliche und anscheinend nicht hinterfragenswürdige Begrifflichkeiten ins Wanken, wie „Wahrheit“, „Falschheit“, „Recht“, „Religion“, „Mobilität“ und „Unveränderbarkeit“; und es definieren sich individuelle und kollektive Wertvorstellungen neu (Bruno Latour, Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17792.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

In der Geographie als sozialwissenschaftliche Disziplin gelangen in immer stärkerem Maße Fragen des sozialen Wandels in das Blick- und Forschungsfeld. Mobile Formen des Lebens, von beruflich bedingten Wohnortveränderungen bis hin zu globalen Wanderungsprozessen, bewirken immer öfter die Auflösung von traditionellen und etablierten Herkunfts- und Heimatgefühlen. Auf diesen Wandel kann der Mensch mit einem Entweder-Oder reagieren; entweder er entzieht er sich diesen Anforderungen, verzichtet und „steigt aus“; oder er nimmt die Herausforderungen einer mobilen Lebensweise an. Bei letzterem sind es die Wohnformen in den städtischen Räumen, die zu veränderten Wahrnehmungs-, Wohn- und Lebenssituationen der Bewohner führen. Gelangen in dieses Blickfeld die neu entstandenen Wohn- und Siedlungsstrukturen in den polyzentrischen Stadtregionen, so werden eine Reihe von Veränderungen zum traditionellen Zentrum-Periphierie-Modell deutlich, hin zu polyzentrischen Stadtregionen: „Mit der wachsenden Bedeutung technisch gestützter Kommunikation sowie der Entgrenzung der Alltagspraktiken bei immer noch zunehmender räumlicher Mobilität differenzieren sich aktionsräumliche Muster aus“.

Die Herausgeber, der als wissenschaftlicher Direktor des ILS-Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und seit Februar 2013 am Institut für Umweltplanung der Leibniz-Universität Hannover tätige Geograf Rainer Danieltzyk, der Direktor des Leibniz-Instituts für Länderkunde an der Universität Leipzig, Sebastian Lentz, und Claus C. Wiegand vom Geographischen Institut der Universität Bonn, haben mit ihren Teams von 2010 bis 2012 das Forschungsprojekt „Wohnstandortentscheidungen in polyzentrischen Stadtregionen“ durchgeführt, das auf vier Grundannahmen und Fragestelllungen beruhte: Wandel der Haushalts- und Lebensformen – neue Anforderungen in der Arbeitswelt – veränderte Mobilitätsmuster – neue Wahrnehmung und Images von Stadträumen. Das Forschungsprojekt umfasste die polyzentrischen Stadtregionen Köln/Bonn, Östliches Ruhrgebiet und Leipzig/Halle, mit den jeweils spezifisch zugeordneten, historisch und gesellschaftlich entstandenen polyzentrischen Entwicklungen. Die Ergebnisse werden mit jeweils erkenntnisleitenden Bedeutungszuschreibungen vor- und für weitere Forschungen bereitgestellt.

Aufbau und Inhalt

Die Dortmunder Geografin Jana Kühl präsentiert mit ihrem Beitrag „Faktoren der Standortwahl – Differenzierung von Wohnstandortanforderungen unterschiedlicher Nachfragegruppen“ die Forschungsergebnisse dahingehend, „welcher Standort für welche Nachfragegruppe besonders attraktiv ist… (und) welche Kriterien der Wohnstandortwahl bei der Suche nach einem geeigneten Wohnstandort entscheidend waren“. Unter Heranziehung von Lebenszyklus- und Lebensphasenkonzepten wird deutlich, dass soziodemographische Merkmale, wie Haushaltsform, Alter und Einkommen, maßgeblich für Wohnstandortanforderungen sind und ein attraktives Wohnumfeld vor Entfernungs- und Erreichbarkeitsaspekten liegt.

Die Bonner Geografin Rebekka Oostendorp stellt „Wohnstandortentscheidungen von Doppelverdienerhaushalten“ im Verhältnis von Arbeit und Wohnen vor. Dabei setzt sie die in der Forschung zu Wohnstandortentscheidungen von Doppelverdienerhaushalten“ vorliegenden Erkenntnisse in Beziehung zu den im Forschungsprojekt ausgewiesenen Fragestellungen nach der quantitativen Bedeutung, nach dem Stellenwert der beruflichen Tätigkeit als Umzugsmotiv, nach den Präferenzen und nach den Kombinationen von Arbeits- und Wohnorten.(in der Region Köln/Bonn). Die Ergebnisse lassen erkennen, dass sich – im Gegensatz zu den traditionellen Praktiken – bei Umzugsentscheidungen eher gleichberechtigte Ansprüche durchsetzen.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Leipziger Leibniz-Instituts, Karin Wiest, und der Geograf und Volkswirtschaftler vom Bonner Geographischen Institut, Sven Wörmer berichten über ihre Forschungsergebnisse zu „Raumbezogene Vorstellungsbilder und die Wahrnehmung von Stadträumen im Kontext der Wohnungssuche – Köln Sülz im Fokus“. Es sind Fragen nach Images und Vorstellungen, „wie städtische Teilräume wahrgenommen und erlebt werden, welche raumbezogenen Bilder in den Köpfen der Stadtbewohner existieren und mit welchen sozialen Botschaften materielle Raumstrukturen aufgeladen werden“. Die überwiegend positiven Raumbilder verweisen auf den in der Stadtregion sich vollziehenden sozioökonomischen Strukturwandel in Richtung „Gentrifizierung“.

Die Dortmunder Geographen Frank Osterhage und Claus-C. Wiegand zeigen mit dem Beitrag „Wohnstandorte und Aktionsräume“ Formen des Lebens zwischen Quartier und Region auf. Die in der Aktionsraumforschung erkennbaren Veränderungsprozesse, die sich durch den Wandel in der Arbeitswelt, die zunehmenden zeitlichen und räumlichen Entgrenzungen und die wachsende individuelle und gesellschaftliche Mobilität und Flexibilität ergeben, werden auf die drei Untersuchungsräume angewandt. Die interessanten und aussagekräftigen Analysen zum Verhältnis von Wohnstandort und Aktionsraum basieren auf der Interpretation, dass der Wohnstandort im eigenen Quartier als „Basisstation“ gilt, die weitgehend die individuellen und gesellschaftlichen Aktivitäten bestimmt.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Verkehrswesen und Verkehrsplanung an der Dortmunder Fakultät Raumplanung, Janna Albrecht, setzt „Aktionsräumliche Bezüge zum vorherigen Wohnstandort“ in Beziehung. Die durch differenzierte Entwicklungen sich darstellenden Tendenzen zur Reurbanisierung fordern auch die Aktionsraumforschung heraus. Die Autorin vermittelt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand und stellt ausgewählte Theorien und Ergebnisse vor. Die Analyse der Untersuchungsergebnisse zum Forschungsprojekt zeigen, „dass die Quartiersausstattung, d. h. die Versorgungs- und Erschließungsqualität, im Vergleich zu soziodemographischen und sozioökonomischen Merkmalen des Individuums eine größere Bedeutung für das aktionsräumliche Handeln besitzt“.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe Stadt- und Regionalforschung am Geographischen Institut der Universität Bonn, Laura Gebhardt, diskutiert mit ihrem Beitrag „Neue Stadtlust?“ Motive für urbanes Wohnen im Kontext der Reurbanisierungsdebatte. Sie stellt die im Rahmen des Forschungsprojektes durchgeführten Fallstudien zu den Wohnsituationen in Köln Sülz und Leipzig Südvorstadt vor. Der Vergleich der beiden west- und ostdeutschen Stadtregionen bringt eine Reihe von sowohl ähnlichen als auch unterschiedlichen Entwicklungstendenzen zutage. Mit ihrem Forschungsdesign bringt die Autorin drei Motivkategorien in den Forschungsprozess ein – Zeit- und Ressourcenmanagement, urbane Vielfalt, urbanes Lebensgefühl – und gewinnt damit neue Erkenntnisse, die sich als organisatorische, kompensatorische und identifikatorische Qualitäten für Wohnstandortentscheidungen herausstellen.

Den Schlussbeitrag setzen Rainer Danielzyk und Frank Osterhage, indem sie über „Wanderungsmotivforschung und Erkenntnistransfer“ referieren und die Frage stellen, ob die Kriterien notwendige Grundlagen für eine zielgruppenorientierte Quartiersentwicklung bereitstellen können. Die Überlegungen und Analysen über die Vor- und Nachteile einer zielgruppenorientierten Quartiersentwicklung machen deutlich, dass zum einen kommunale Akteure aufgefordert sind, sich kritisch-konstruktiv mit den Phänomenen auseinander zu setzen, andererseits in der Bevölkerung und Öffentlichkeit die Chancen und Risiken einer sozialen Mischung diskutiert werden.

Fazit

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Wohnstandsentscheidungen in polyzentrischen Stadtregionen“ vermitteln mit ihrer klug gewählten Auswahl der drei unterschiedlichen Stadtregionen – Köln/Bonn, Östliches Ruhrgebiet, Leipzig/Halle – interessante und für die Tendenz der Reurbanisierung bedeutsame Aussagen für Planungs- und Innovationsstrategien. Sie sollten nicht nur Stadtplanern Anregungen für praktisches Handeln bieten, sondern auch für die Ausbildung von Soziologen, Geographen, Psychologen und Bevölkerungswissenschaftler Beachtung finden. An mehreren Stellen der Ergebnisdarstellungen wurde darauf verwiesen, dass die im Forschungsprojekt ermittelten Fakten eine weiterführende Nachschau und kritische Betrachtung erforderlich machen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1327 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.01.2015 zu: Rainer Danielzyk (Hrsg.): Suchst du noch oder wohnst du schon? Wohnen in polyzentrischen Stadtregionen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. ISBN 978-3-643-12540-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18196.php, Datum des Zugriffs 25.05.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung