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Götz Eisenberg: Zwischen Amok und Alzheimer

Cover Götz Eisenberg: Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2015. 292 Seiten. ISBN 978-3-95558-108-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

„Zwischen Amok und Alzheimer“ ist eine Zeit- und Sozialkritik. Thema sind die Pathologien, vor allem der Narzissmus unserer Gesellschaft. Es ist eine Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse eines „entfesselten Kapitalismus“ und deren psychosozialer Effekte in der Tradition der Kritischen Theorie Adornos und Horkheimers. Vorbild ist aber insbesondere Peter Bruckners Sozialpsychologie des Kapitalismus von 1972. Das Buch ist eine Ausarbeitung/Fortsetzung der Überlegungen zum Narzissmus, die im Online-Magazin Auswege in sieben Teilen unter dem Titel „Unter dem Strich zähl ich“ erschienen sind sowie weiterer online-Texte, denen ihre Flüchtigkeit durch die Buchform nun genommen werden soll.

Autor

Götz Eisenberg, Jahrgang 1951 studierte Politikwissenschaft, Soziologie und psychosomatische Medizin an der Universität Gießen. Er promovierte über die Geschichte sozialer Bewegungen und ist ausgebildeter Familientherapeut. Seit 1993 arbeitet er als Gefängnispsychologe und hat 2002 ein Buch über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium veröffentlicht.

Aufbau und Inhalt

Das essayistisch-fragmentarisch verfasste Buch umfasst knapp 290 Seiten.

Ziemlich abrupt werden Leser und Leserinnen in Kapitel I mit ersten Beobachtungen konfrontiert, die schnell klarmachen, wohin die Reise geht. Hegel, Sartre, Horkheimer und Adorno aber auch Foucault werfen ihr Licht voraus. Hinzu kommen explizite Selbstverortungen, u.a. die Begründung, warum Eisenberg dieses Buch schreibt (21ff.). Auf Seite 27 erscheint dann doch noch ein ‚nachträgliches Vorwort‘. In diesem kommen die Entstehung des Buches und seine collageförmige Gestalt noch einmal zur Sprache und es wird deutlich, was der Leser bereits ahnte: Es geht um Kritik am Kapitalismus, vor allem am Konsum sowie den Rückbau des Sozialstaates und der Demokratie zugunsten freier Märkte und dem, was diese Entwicklungen im sozialen Miteinander auslösen. Es werden aber ebenso Überlegungen zu Alternativen entwickelt.

Das Buch ist insgesamt in zehn Kapitel gegliedert, wobei das Inhaltsverzeichnis bereits optisch die Collageform anzeigt. Die Überschriften verweisen auf die Basis der Reflexionen: Alltagsbeobachtungen, Meldungen aus Nachrichten und Zeitungen, eben das, was jeder kennt bzw. uns täglich ereilt.

Aufgrund der Form des Buches erscheint es sinnvoll, den Inhalt, also die „…Reflexionen … und … Kommentare zum Zeitgeschehen“ (28) hier nur kurz vertiefend und dann schlaglichtartig darzustellen. Die Kapitel bestehen aus Abhandlungen unter ‚normalen‘ Überschriften und kursiv gesetzten Reflexionen zu Alltagsbeobachtungen, sogenannte „Ethnologien des Inlands“.

Nach dem verspäteten Vorwort in Kapitel I folgt eine solche Reflexion über den „Hype um den Harlem Shake“, die etwas ausführlicher skizziert wird. Nach einer Phänomenbeschreibung wird eine historische Parallele zuerst zum mittelalterlichen Phänomen des Veitztanzes (Tanzwut; nicht Chorea Huntington!), dann zur Jugendkultur schwarzer Ghettobewohner in den USA gezogen. „Dann reißen sich Tanz und Musik von ihren rebellischen Ursprüngen los und entwickeln sich zu einem Modetrend unter gelangweilten europäischen Mittelschichtkids und Studenten. Aus der Revolte der Nachfahren der Kolonialisierten und Versklavten wird ein sinnentleerter Exzess der Spaß- und Konsumgesellschaft.“ (35) Diesen kritisiert Eisenberg, weil er „lediglich albern ist und von politischer Ohnmacht zeugt“ (35). Er kritisiert, dass Jugendkultur keine Gegenkultur mehr ist, sondern mit der der Erwachsenen kurz geschlossen sei. Jugendliche wollen, was Erwachsene wollen, „aber bitte subito“ (35). Zudem werden die medialen Hintergrundmechanismen des Sich-Treffens und des anschließenden Hochladens von Videos beschrieben, die erst die Sichtbarkeit ermöglichen, die heute lebenswichtig sei. Im nächsten Schritt der Reflexion geht es dann doch um mehr: „Der Sozialstaat hatte aus der kapitalistischen Welt immerhin so etwas wie eine bewohnbare Behelfsheimat gemacht aus der wir nun in die Kälte der Märkte und der entfesselten Konkurrenz vertrieben werden.(…) Bindungen an Orte, Firmen, Nachbarn, Freunde werden im Namen von Flexibilität und Mobilität gelockert und aufgerieben. Viele Junge Leute sind von dem Risiko bedroht, ins Leere hinein zu lernen und sich ins Ungewisse zu entwerfen. (…) Die Welt, die wir kannten, ist in Auflösung begriffen, und eine neue ist nicht in Sicht“(36). Darum, so Eisenberg, tanzen sich die Jugendlichen den Boden unter die Füße – auch wenn sie es nicht wissen. Zugleich wird relativiert, dass diese Interpretation dem Gezappel zu viel Ehre erweise, denn wahrscheinlich gehe es doch nur um Selbstdarstellung und kollektive Infantilisierung, frei von Subversivität und gerichtet auf Zerstreuung, Spaß und Konsum. Zwar deutet Eisenberg an, dass es um einen Generationenkonflikt gehen könnte (analoge vs. digitale Sozialisation), zugleich weiß er, dass den Jugendlichen gesagt werden muss, wenn sie sich „zu Wegbereitern einer dümmlichen Spaßkultur machen, die das Vergnügen als Ware auf den Markt bringen und daran verdienen will“ (37). Die Ausführungen enden mit dem Wissen aus Seminar-Vorstellungsrunden einer ihm bekannten Universitätsdozentin über Lehramtsstudierende, die jenseits der Universität vornehmlich ‚Party machen‘ („Synonym für exzessives Saufen und Drogenkonsum“ [39]) und chatten. Mit Verweis auf die Hattie-Studie drohe also Ungemach. Zudem wären solche Freizeitbeschäftigungen zu Eisenbergs Studienzeiten kaum denkbar gewesen: „Wer eingestanden hätte, sein Leben bestünde in Partymachen und Spaß haben, hätte sich unmöglich gemacht. Schon die Frage nach Hobbys hätten wir empört zurückgewiesen und als Ausdruck von Entfremdung kritisiert. (…) Wir hätten auf Adorno verwiesen… Getrunken haben wir natürlich auch ab und zu, aber wir haben es nicht zum Programm und Lebenssinn erhoben.“ (39)

Ähnlich werden im Folgenden private Erlebnisse und Beobachtungen reflektiert, regionale Entwicklungen sowie nationale und internationale Ereignisse aus Rundfunk und Fernsehen aufgegriffen und kommentiert.

In Kapitel II geht es um den (Kampf im) täglichen Straßenverkehr, von der Be- oder Missachtung der Ampel bis zum SUV, also den inzwischen im Straßenverkehr stets präsenten Halbjeeps. Gedeutet wird u.a. mit Adorno und Freud.

In Kapitel III gelangt Eisenberg ausgehend vom Regionalen, nämlich der geplanten Privatisierung des Gießener Wochenmarktes zur Thematik „Heimat und Entfremdung“ (67) und entwickelt Überlegungen, die die Heimat – semantisch eher politisch rechts verortet – dem ‚linken‘ Denken wieder zugänglich machen. Zudem findet sich ein Abschnitt „Max Horkheimer zum Gedenken“ (99), in dem einige Zitate erfolgen und es um das heute – hier – fehlende Bewusstsein „linker Intellektueller“ geht, dass man jederzeit „eingekerkert“ werden könnte (100).

Das kurze Kapitel IV widmet sich Messerattacken im Job Center Neuss.

Kapitel V greift den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium auf, blickt dann zurück auf einen Amoklauf im Jahre 1913 und endet mit Anders Behring Breivik.

Kapitel VI schlägt dann einen weiteren Bogen zum Titel des Buches. Es geht um Demenz und Alzheimer (141ff.), die jedoch nicht klar unterschieden werden (Soweit dem Rezensenten bekannt, dürften die Überlegungen eher auf Demenz zutreffen als auf Alzheimer). Eisenberg konstatiert, dass es sich um die „Krankheit des Jahrhunderts“ (141), um ein „Sinnbild unserer Gesellschaft“ (ebd.) handelt. Unter Bezug auf Edward Shorter sowie Christoph Türcke, der für ADHS zeigte, wie Krankheiten kultureller Ausgestaltung unterliegen heißt es: „Die Demenz gedeiht auf dem Nährboden einer Gesellschaft, die den Gedächtnisverlust treibhausmäßig züchtet, indem sie ihre soziale Integration über den Modus des Konsums regelt und die Erinnerung in Apparate auslagert. Ihr Motto lautet: ‚Speicher es ab und vergiss es!‘“ (142). Später greift Eisenberg die Logik des Speicherns im Netz und der „Unfähigkeit der Erfahrungsbildung“ auf die einer „strukturellen Halbdemenz“ (144) zuarbeitet.

Kapitel VII identifiziert unser Zeitalter als das des Narzissmus. Hier wird noch einmal auf die Eröffnungsszene des Buches rekurriert, die Beobachtung, dass das ‚Handy‘ der Eltern mehr Aufmerksamkeit ‚genießt‘ als die Kinder, die zu Störfaktoren der innigen Eltern-Telefonbeziehung werden. Zentral für die Gesellschaft ist: Wer nicht online ist, ist unsichtbar oder „Ich telefoniere – oder simse, chatte, maile -, also bin ich.“ (153). Neben Überlegungen zum Narzissmus folgen auch Überlegungen zu den heute verbreiteten exotischen Vornamen.

Kapitel VIII „Der Konsumismus“ folgt dem Kerngedanken, dass sich „im Namen des Konsums ein grenzenloser Individualismus Bahn [bricht], der nur noch das Recht des Dschungels kennt.“ (170) Eingeleitet über die Beobachtung eines schreienden Kindes im Kaufhaus wird Konsum als „Selbstwertprothese“ (171) identifiziert. Er „reduziert die Menschen auf ein dumpfes, formloses Präsenz.“ (176). Mit Marcuse und Adorno verweist Eisenberg darauf, dass aber Erinnerung wesentliche Basis für Kritik sei. Befürchtet wird dank technischer Unterstützung ein kollektives Vergessen, alles bleibe oberflächlich: „Halbdemenz scheint ironischerweise das Prinzip der sogenannten Wissensgesellschaft zu sein.“ (183)

Kapitel IX beschreibt ein anderes Muster des Narzissmus, das des Gesehen-werdens bei Gewalttaten, wie z.B. im Falle der U-Bahn-Attacken, die entweder selbst gefilmt werden oder von Überwachungskameras, die laut Eisenberg Teil des Planes sind (195), zitiert wird an dieser Stelle ein Text des Autors von 2011. Wieder geht es um Konsum und die Erziehung zu diesem sowie den Narzissmus, den das Internet, welches uns „zum Mittelpunkt des Universums“ (221) mache, da die Welt zu uns und nicht mehr wir zu ihr kommen. Letztlich sei das Ganze aber „reale Ohnmacht“ bei ‚gefühlter‘ „virtueller Allmacht“ (220).

Das Buch endet mit Kapitel X, dem umfassendsten des Buches: „Narziss geht, die Psychopathen kommen“ (223). Hier wird der DSM, also das Diagnose Handbuch für psychische Krankheiten der American Psychiatric Association auf- bzw. angegriffen. Geplant sei, die ‚narzistische Persönlichkeitsstörung‘ zu streichen. Dies sei folgerichtig, da, so Eisenberg, dieses – dann ehemalige – Krankheitsbild gewünschte Normalität westlicher Gesellschaften sei (223f.). An dieser Stelle wird auch auf die Wirkung der narzistischen 68´er verwiesen, derer sich – im Rückspiegel betrachtet – der Kapitalismus bedient zu haben scheint. Der DSM 2013 enthielt dennoch benannte Störung und Eisenberg sieht dies darin begründet, dass man in einer „Übergangszeit“ (225) lebe. Weiterhin wird die Rolle der Psychologie im flexiblen Kapitalismus beleuchtet und unter anderem konstatiert: „Von den Psychopathen lernen, heißt siegen lernen!“ (244). Der DSM V wird als „Meilenstein in der Psychiatrisierung der Welt“ identifiziert (262) und auch der Fall Mollath wird an dieser Stelle aufgegriffen. An ihm werde deutlich, wie ‚störende‘ Menschen „verräumt“ (174) werden können. Als letztes geht es um die Finanzkrise. Das Buch endet mit einem Zitat aus Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ und der Möglichkeit einer „Heimat“ als geahnten, aber noch nicht dagewesenem Ort.

Diskussion

Der Rezensent hat sich hier – nicht ganz freiwillig – auf Neuland begeben. Es handelt sich um kein wissenschaftliches Buch, vielmehr ist es eine Sozialkritik, die sicherlich von der Kritischen Theorie geprägt und auch sonst belesen ist, doch bleibt das Ganze extrem subjektiv. In der Sache ist es leicht zugänglich. Die Alltagsbeobachtungen und Pressemeldungen kennt vermutlich jeder, wobei gelegentlich der Eindruck der Belanglosigkeit geweckt wird. Auch der eine oder andere Gedanke mag nicht fremd sein, der hier ausgesprochen wird. Dennoch ist es vor allem Meinung und eine m.E. eher unterkomplexe, vereinfachende Sichtweise. Es stellt sich die Frage, ob sie es wert ist, in dieser Form kundgetan zu werden. Hinzu kommt der wissende Habitus mit moralisierendem Unterton (siehe oben Kapitel I). Das Buch erscheint als linksintellektuelle Presseschau. Doch ob Zeitungsmeldungen gepaart mit persönlichen Erfahrungen und Anekdoten Grundlage für eine überzeugende Sozialkritik sind, darf bezweifelt werden. Vor dem Hintergrund der Referenzen ist die Kritik vielfach vorhersehbar bzw. kann sie auch ohne diese geübt werden und wird vermutlich auch von Nicht-Anhängern linksliberaler Positionen, also schlicht ‚Konservativen‘ geteilt. Dies ist Folge einer eigenartigen Entmischung der Lager, denn auch Kritik in der Tradition der 68er ist heute gut-bürgerliche Kritik. Der verallgemeinernde Charakter dieser bleibt jedoch problematisch, ebenso wie die Tatsache, dass vielfach auch alternative Interpretationen der Ereignisse ebenso plausibel vorgenommen werden können.

Ein Beispiel: Den Straßenverkehr zum ‚Gradmesser für die Zivilisiertheit einer Gesellschaft‘ zu machen (51) halte ich für fragwürdig, insbesondere, wenn dann auf die DDR als ‚Paradies der Ruhe‘ rekurriert wird: Wäre der Trabant 200 km/h gefahren, wäre auch im ‚real existierenden‘ Sozialismus vermutlich ‚Krieg auf den Straßen‘ gewesen. Solche Argumentation überzeugt kaum.

Hinzu kommen implizite Annahmen über ein besseres Früher, wie z.B. der alte Sozialstaat als Behelfsheimat, die auch nicht überzeugen beim Blick in die Geschichte und im Hinblick auf eine Übergangszeit gerade für Menschen aus dem „Osten“ Fragen aufwerfen. Obschon auch Eisenberg reflektiert, dass es seine Generation war/ist, nämlich die Babyboomer und 68er, die Entwicklungen, die er heute kritisiert, in Gang gesetzt haben (143f.). Doch wer von denen? Die normalen und nicht engagierten oder waren es gerade die engagierten und was bedeutet das im Hinblick auf Gegenkultur?

Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit dem Erfurter Amokschützen, der zehn Jahre nach der Tat einen – so Eisenberg – ‚posthumen Erfolg‘ (116) durch die Nennung seines Namens feiere, wollte er doch – wenn man dem ‚Bekannten‘ glauben darf, dass ihn eines Tages alle kennen. „Die Medien erweisen sich als mächtige Komplizen [jeder andere der darüber schreibt so betrachtet im Übrigen auch – S.G.] von Tätern, die auf Anerkennung aus sind. Der Täter produziert den Schrecken in der sicheren Gewissheit, dass die Medien ihn verbreiten.“ (117) Doch Eisenberg weiß: „ Im Zeitalter des Narzsissmus besteht nur dann Hoffnung auf eine Eindämmung des School Shootings, wenn die mediale Resonanz möglichst gering ausfällt und jede Heroisierung der Täter unterbleibt.“ (117)

Kritisch bleibt zu fragen: Wie wäre in diesem Fall die Ignoranz solcher Phänomen von Eisenberg bewertet worden? Es würde wundern, wenn – wie vorgeschlagen – die Amokläufe von Schülern auf „Seite sieben der Lokalzeitungen landen“ würden (117), nicht die Kritik aufkäme, dass gerade dies der Höhepunkt von Desinteresse am Anderen und sozialer Kälte wäre. Wären Kochrezepte auf Seite eins der Tageszeitung als wesentlich für das elementare Überleben akzeptabel?

Eine letzte Anmerkung zum ausführlich beschriebenen Beispiel aus Kapitel I (Der Rezensent wusste anfangs gar nicht recht, worum es beim ‚Harlem Shake‘ ging; die These vom belanglosen Gezappel dürfte inzwischen zudem bestätigt sein). Eisenberg erinnert hier daran, dass man auch mit Adorno ‚falsch‘ liegen kann, denn auch dieser wusste den Jazz zu bewerten … (letzterer hat allerdings Geschichte geschrieben).

Der Verdacht, dass einige der kritischen Beobachtungen im Buch auch Ausdruck eines uns immer begleitenden Generationenkonfliktes sind, liegt nahe. Insgesamt ist – vermutlich gerade durch die medialen Entwicklungen – viel sichtbarer, wie andere – nicht nur Generationen – anders sind als man selbst.

Das vom Rezensenten (ebenso wie der Titel) eher als reißerisch wahrgenommene Coverbild von Jacques-Armand Cardon und der Kommentar Eisenbergs dazu runden den Gesamteindruck ab. Er empfand das Bild schockierend, als er es zum ersten Mal sah: „Eine schockartige Erfahrung versucht man zu bannen, indem man sie versprachlicht. Die Zeichnung führt uns drastisch vor Augen, was passiert, wenn man sich als Mensch ohne Stacheln oder Panzerung unter ‚Normalungetüme‘ (Adorno) begibt. Der Cartoon legt den Kern von Gewaltförmigkeit im sozialen Frieden der bürgerlichen Gesellschaft frei. Die Menschen sind gezwungen, in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression zu leben, das sie einander zu Konkurrenten und Gegenmenschen werden lässt.“ (33)

In diesem ‚Weltschmerz‘ bewegt sich das Buch. Der Sehende als letztlich Leidender (beim Blick in die Zeitung oder aus dem Fenster), gequält von den anderen, denen mit dem falschen Bewusstsein. Der dann aber dieses Leiden doch ordentlich zelebriert, um die Wahrheit über ‚die‘ Gesellschaft zu verkünden. Das Buch – das räumt Eisenberg ein – dient eben auch der Katharsis (21f.). Es ist ein persönliches Buch, eine Verarbeitungsstrategie.

Fazit

Man mag die Kritik Eisenbergs am Narzissmus und Konsum im Kapitalismus teilen, dennoch ist vieles zu banal, nur ein bunter Mix aus persönlichen, journalistischen und philosophischen Versatzstücken, die den Eindruck der Beliebigkeit erwecken und zur Überbewertung tendieren. Vielleicht ist Eisenberg angesichts der ‚empirischen‘ Quellen selbst Opfer medialer Fokussierungen und Gewichtungen von Ereignissen.


Rezension von
Dr. Steffen Großkopf
Friedrich-Schiller-Universität Jena Institut für Bildung und Kultur Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik
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Zitiervorschlag
Steffen Großkopf. Rezension vom 18.07.2015 zu: Götz Eisenberg: Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2015. ISBN 978-3-95558-108-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18200.php, Datum des Zugriffs 04.12.2021.


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