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Friedbert Ottacher, Thomas Vogel: Entwicklungs­zusammenarbeit im Umbruch

Cover Friedbert Ottacher, Thomas Vogel: Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch. Bilanz – Kritik – Perspektiven. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2015. 176 Seiten. ISBN 978-3-95558-111-4. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Thema des besprochenen Buchs ist eine Bilanzierung der bisherigen Entwicklungszusammenarbeit.

Entstehungshintergrund

Das europäische „Jahr der Entwicklung“ 2015 ist gleichzeitig das Jahr, in dem die Ablösung der Millennium Development Goals durch die Sustainable Development Goals, also die Nachhaltigen Entwicklungsziele. Zu diesem Anlass legen Friedbert Ottacher und Thomas Vogel einen schmalen Band vor, der über die Grundzüge und Veränderungen der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) informieren soll. Dazu heißt es im Klappentaxt, dass dieses Buch „allen entwicklungspolitisch Interessierten und Engagierten einen klaren Blick auf das komplexe Thema der Entwicklungszusammenarbeit bieten soll.“

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus einem sehr kurz gefassten Einführungsteil, vier inhaltlichen Kapitel sowie einen ausführlichen Anhang mit Statistiken, Glossar und Hinweisen zur weiterführenden Literatur.

In der Einleitung wird das Anliegen der Autoren verdeutlicht, sich anhand der „wechselvollen Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit“ mit kritischen Positionen und auch Klischees auseinander zu setzen, um letztlich auch Aussagen über eine mögliche Zukunft treffen zu können. Gleichzeitig postulieren sie für 2015 einen Wendepunkt in der „traditionelle(n) ‚Entwicklungshilfe‘“.

Wichtig ist der ebenfalls in der Einleitung formulierte Hinweis an die Forschergemeinde, welche sich intensiver mit dem Thema EZA befasst, sich nicht an der vereinfachten, einer besseren Verständlichkeit geschuldeten Darstellung der unterschiedlichen Entwicklungstheorien zu stören. Damit ist von vornherein deutlich, dass das Buch auf ein breiteres Zielpublikum gerichtet ist und sich nicht explizit als wissenschaftlicher Beitrag in der Entwicklungsdiskussion versteht.

Mit dem Bild des sich aus der Raupe entwickelnde Schmetterlings beginnen Ottacher und Vogel den Abschnitt zu den Entwicklungstheorien, in dem sie zunächst die Frage stellen, wer sich eigentlich wie entwickeln soll? Mit knappen Worten werden hier wichtige Entwicklungskonzeptionen mit ihren Kernelementen benannt. Ebenso wird dargelegt, wie der (im deutschsprachigen Raum) begriffliche Übergang von Entwicklungshilfe zu Entwicklungszusammenarbeit auf einem veränderten Verständnis von einem eher paternalistischen hin zu einem partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Geber- und Nehmerländern beruht. Die Motivation, überhaupt Hilfe zu leisten, erklären Autoren mit Altruismus auf der einen, Eigennutz auf der anderen Seite. Dabei schreiben sie die erstere Motivation eher Einzelpersonen und – vor allem – religiösen Hilfswerken zu, während sie hinter der zweiten Motivation „eher kurzfristig angelegte politische und außenwirtschaftliche Ziele“ der Industriestaaten vermuten.

Wie in der Einleitung angedeutet, folgt ein überblickartiger Abschnitt zu Entwicklungstheorien, welche das politische und ökonomische Handeln im Zusammenhang mit dem Entwicklungsdiskurs beeinflussten. Anhand von besonders prägnanten Konzepten wie der Modernisierungs- und der Dependenztheorie sowie der Debatte um einen post-kolonialen Ansatz werden wichtige Stationen markiert und durch die Erwähnung des prägenden Einflusses des Neoliberalismus ergänzt. Letztlich – so das Fazit – habe sich keine der Theorien durchsetzen können und sie seien in neuerer Zeit durch Ideen wie dem Human Development Index (HDI) des Inders Amartya Sen sowie der Idee eines „Guten Lebens“ abgelöst worden. Diese seien letztendlich bei der Entwicklung der Millennium Entwicklungsziele mit berücksichtigt worden.

Nach diesem Einstieg stellen die Autoren die historische Entwicklung der EZA entlang der auf die Planungen von UNO und Weltbank zurückgehenden „Entwicklungsdekaden“ dar, die jeweils von einer vorherrschenden Idee geprägt waren, wie Entwicklung auszusehen habe und welche Ziele im Mittelpunkt stehen sollten.

Ein deutlich umfangreicherer Teil widmet sich anschließend der Organisation und Funktionsweise des EZA-Systems. Das Verhältnis von Geber- und Nehmerländern wird dabei genauso angeschaut wie supranationale Organisationen (UNO, IWF, Weltbank) und die zunehmend an Gewicht gewinnenden Nichtregierungsorganisationen (NROs). Erwähnung finden dabei auch die Finanzierungsmodelle der EZA (Staat, Stiftung, privat etc.). Dabei wird auch die angesichts der Unübersichtlichkeit viele Menschen bewegende Frage angesprochen, bei welchen Organisationen die eigene Spende in guten Händen ist. Mit einem kleinen Blick hinter die Kulissen zeigen sie die individuellen Akteure der EZA, bei denen das Expertentum zunehmend das Bild vom Philanthropen verdrängt hat.

Der gerade in der gegenwärtigen Weltlage immer wichtigeren „Humanitären Hilfe“ wird als „schnellem Bruder der Entwicklungszusammenarbeit“ lediglich ein kurzer Abschnitt gegönnt, bevor das nächste Kapitel mit den „Lehren aus der Vergangenheit“ aufgeschlagen wird. Hierin geht es um die Grundprinzipien der EZA, wo neben den Menschenrechten die Hilfe zur Selbsthilfe, Partizipation, letztlich Nachhaltigkeit und Politikkohärenz im Mittelpunkt stehen.

Nachdem ebenfalls in aller Kürze wichtige Querschnittsthemen der EZA dargestellt werden (Umwelt, Gendergerechtigkeit, HIV/Aids, Capacity Development u.a.) darf in einem solchen Buch natürlich die Auseinandersetzung mit kritischen Positionen gegenüber diesem System nicht fehlen. Anhand wichtiger Kritikpunkte legen Ottacher und Vogel dar, wie differenziert diese Kritik geübt wird und wie diese von grundsätzlich ablehnenden ideologischen oder neoliberal-ökonomischen Positionen bis zur berechtigten Kritik an verschiedenen Verfahren und Projekte reicht.

Das letzte Kapitel widmet sich der Frage „Wie lange … es Entwicklungszusammenarbeit noch (braucht)“. Diese Frage wir mit einem klaren „noch lange“ beantwortet, verbunden mit dem Hinweis darauf, dass die EZA sowohl in ihrer Struktur wie in ihren Ansätzen den Situationen der einzelnen Länder und Regionen entsprechend stärker ausdifferenzieren muss, um weiter eine Berechtigung zu haben.

Der Textteil des Buches schließt mit einem Appell an die einzelne Leserin, den einzelnen Leser, beim Thema Entwicklung genauer hinzuschauen, die Potentiale zur Unterstützung auch im Alltagshandeln (z.B. dem Einkauf) sowie politischer Stellungnahme zu erkennen und zu nutzen.

Der Überblick über die EZA wird im Anhang ergänzt durch vergleichende Statistiken zu den Entwicklungsaktivitäten von Österreich, Deutschland und der Schweiz sowie dem obligatorischen Abkürzungs- und Literaturverzeichnis.

Diskussion

Der Leser, der erwartungsvoll das Buch aufgrund seines Titels „Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch“ zu Hand nimmt, erwartet zunächst eine Enttäuschung. Ausser in Bezug auf die Notwendigkeit, dass sich in der Praxis der EZA etwas ändern muss, findet eigentlich keine Auseinandersetzung bzw. Diskussion darüber statt, ob es einen Umbruch gibt bzw. wie denn dieser aussieht bzw. aussehen könnte. Allein die Nennung des Jahres 2015 mit dem Ausrufen der Nachhaltigen Entwicklungsziele als Wendpunkt in der EZA reicht argumentativ nicht aus. Darüber hinaus wäre es trotz der einleitenden Hinweise darauf, dass es sich um eine Einführung handelt, an manchen Punkten etwas mehr Genauigkeit wünschenswert. So z.B. bei dem mehrfachen Verweis auf das Konzept des „Guten Lebens“, die ohne die Nennung der Ideengeberin Marta Nussbaum auskommen. Auch kommt die Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus und dessen Wirkungen (nicht nur) auf die EZA recht zahnlos und scheint nahe zu legen, dass diese Phase überwunden ist. Die globale Dimension und die Grundcharakteristik des Neo-Liberalismus, die sich vom historischen Liberalismus der Freiheit deutlich unterscheidet, wird in keiner Weise deutlich bzw. durch Plädoyer für Liberalismus als eine freiheitliche Idee völlig verwischt.

Weiterhin erscheint die Unterscheidung von EZA und Humanitärer Hilfe anhand der Langfristigkeit der einen und der Kurzfristigkeit der anderen nicht haltbar. Erstens gibt es inzwischen eine Vielzahl von langfristigen humanitären Programmen und Projekten und zweitens sind sowohl die organisatorischen wie die Handlungslogiken beider Bereiche trotz stückweiser Annäherung nach wie vor sehr unterschiedlich. Damit verbunden ist die Tatsache, dass es kaum Übergänge von der einen Struktur in die andere gibt und damit häufig eine nachhaltige Wirkung der Katastrophen- bzw. Humanitären Hilfe nicht sicher gestellt werden kann. An dieser Stelle wäre ein Umbruch sicher notwendig.

Fazit

Friedbert Ottacher und Thomas Vogel haben ein flüssig lesbares und gut verständliches Buch vorgelegt, welches für allgemein an der Entwicklungszusammenarbeit Interessierte einen schnellen und allgemeinen Überblick über dieses sehr differenzierte und kontroverse Thema gibt. Anders als in wissenschaftlichen Darstellungen liegt hier der Fokus stärker auf einem Alltagsbezug der Ausführungen. Mit dem Buch ist einerseits eine allgemeine theoretische Verortung der Frage, was Entwicklung bedeutet und warum sie ohne Zusammenarbeit schwer zu bewerkstelligen ist, möglich. Andererseits wird mit den Bezügen zur praktischen Umsetzung der unterschiedlichen Ideen zur Entwicklung deutlich, dass es sich hierbei nicht um lineare und vornehmlich von ethisch-moralischen Vorstellungen angetriebenen Ausgleich zwischen unterschiedliche reichen Weltregionen handelt. Vielmehr werden die Komplexität und auch viele Widersprüche (ökonomische, politische, ideologische, kulturelle, organisatorische etc.) deutlich und ebenso die unterschiedlichen Ebenen, auf und zwischen denen sich EZA abspielt.


Rezension von
Prof. Jan Zychlinski
Berner Fachhochschule Soziale Arbeit, Dozent Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Jan Zychlinski. Rezension vom 10.08.2015 zu: Friedbert Ottacher, Thomas Vogel: Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch. Bilanz – Kritik – Perspektiven. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2015. ISBN 978-3-95558-111-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18201.php, Datum des Zugriffs 25.01.2020.


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