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Isabelle Meier: Großeltern – Große Eltern

Cover Isabelle Meier: Großeltern – Große Eltern. Archetypische und klinische Perspektiven der Großeltern-)Kind-Beziehung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2015. 184 Seiten. ISBN 978-3-95558-115-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Neben den Eltern üben auch Großeltern einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern aus. Beispielweise können schlechte (Bindungs-)Erfahrungen mit den Eltern durch gute Erfahrungen mit den Großeltern abgemildert oder sogar aufgefangen werden. Dieses Thema wird dabei in der Fachwelt aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, je nachdem welche Perspektive beim Zugang auf das Thema gewählt wird. So stellen sich die Möglichkeiten der Erkenntnisse und ihrer therapeutische Nutzbarmachung ebenfalls als recht vielfältig dar. In diesem Buch geht die Autorin dabei von der Analytischen Psychologie nach C.G. Jung aus.

Autor

Isabelle Meier ist promovierte Analytische Psychologin nach C.G. Jung und katathym-imaginative Psychotherapeutin, die eine eigene Praxis in Zürich führt. Zudem ist sie Dozentin, Lehranalytikerin und Supervisorin am ISAPZURICH (Internationales Seminar für analytische Psychologie in Zürich) und seit 2012 dessen Co-Präsidentin. Weitere Veröffentlichungen von ihr liegen in Fachzeitschriften und Buchpublikationen vor, wobei sie in der Kernredaktion der Zeitschrift: Analytische Psychologie tätig ist.

Entstehungshintergrund

Für die Autorin dieses Buches sind zum einen die eigenen Erinnerungen an die Rolle der Großeltern, verbunden mit den Erkenntnissen ihrer Ausbildung zur Analytischen Psychologin, zum anderen aber auch die in der Praxis und im Lebensalltag gemachten Erfahrungen Anreiz für diese Publikation gewesen. Hier habe sich häufig gezeigt, dass Klientinnen und auch Kolleginnen sich immer wieder auf ihre Großeltern bezogen und dies mehr oder weniger eine Wirkung auf diese hatte. Die Intention des Buches liegt daher in der Erkundung der Frage: was das Spezielle dieser Beziehung ausmacht und wie dies in der therapeutischen Arbeit nutzbar gemacht werden könne.

Aufbau

Die Publikation untergliedert sich in eine kurze Einleitung, zwei Teile, mit bis zu je 6 Kapiteln. Jedes Kapitel wiederum hat mehrere Unterkapitel mit Teilüberschriften.

Das Buch ist wie folgt untergliedert:

Einleitung

Teil 1: Theorie

  1. Archetypenkonzept und Emergenztheorie
  2. Symbole und die analytische Psychologie
  3. Altersbilder in Narrativen (Märchen, Mythen, Geschichten und Legenden)
  4. Innere Arbeitsmodelle, Komplexe und Intersubjektivität
  5. Archetypische Gegenwartsmomente
  6. Gesellschaftliche Bedeutung der Großeltern-Enkelkind-Beziehungen

Teil 2: Klinischer Teil

  1. Intersubjektivität in der klinischen Praxis
  2. Klinische Beispiele

In der Einleitung formuliert Meier Ausgangspunkt, Fragen und Erfahrungen zum Thema. Gleichzeitig werden die Struktur und der Aufbau der Publikation dargestellt

Teil 1 – Theorie

Erstes Kapitel. Aus Jungianischem Blickwinkel wird der aktuelle Forschungsstand, insbesondere bezogen auf den Begriff der Archetypen dargestellt.

Zweites Kapitel. Hier wird der Frage nachgegangen, ob Archetypen biologisch, kulturell, entwicklungspsychologisch oder ontologisch definierbar sind. Dabei wird auf die gegenwärtige Diskussion, insbesondere im angelsächsischen Raum Bezug genommen. Im Ergebnis dieser Betrachtungen steht für die Autorin ohne Zweifel, dass der Einzelne, Archetypen nur als archetypische Bilder oder Symbole erleben kann, wie sie z. B. in Märchen vorkommen.

Drittes Kapitel. Dabei werden sowohl positive als auch negative Narrative über männliche und weibliche Altersbilder beispielhaft dargestellt und z.B. danach gefragt, welche Auswirkungen solche Darstellungen auf die kindliche Psyche bezüglich innerer Erwartungs- und Bedeutungsmuster und allgemein innerer Arbeitsmodelle haben. Letztlich werden diese Bilder im impliziten Gedächtnis als bedeutungsvoll abgespeichert und je nach Situation aktiviert.

Viertes Kapitel. Dieses Kapitel widmet sich den bereits angedeuteten Speicherungsprozessen und fragt insbesondere nach den Wirkungen der Narrative. Dafür wird auf verschiedene Modelle eingegangen, u.a. auf den Begriff der inneren Arbeitsmodelle nach Bowlby, auf verinnerlichte Beziehungsmuster – Komplexe nach Jung und auf die Studien von Stern, die sich mit der Bedeutung der Gegenwartsphänomene und der intersubjektiven Phänomene auseinandersetzen. Intersubjektive Phänomene ermöglichen dabei eine Neugruppierung von Komplexen oder inneren Arbeitsmodellen.

Fünftes Kapitel. Wie diese angesprochene Neugruppierung geschieht, wird in diesem Kapitel, anhand einer Geschichte und eines Märchens dargestellt. Dabei wird gezeigt, wie ein Gegenwartsmoment, der die inneren Arbeitsmodelle oder Komplexe aktiviert und schließlich ändert, entstehen kann.

Sechstes Kapitel.

In diesem Kapitel wird ein Exkurs über die gegenwärtige Bedeutung der Großeltern-Enkelkind-Beziehung angeboten. Literatur und Diskussion seien dabei in den letzten Jahren so rapide angewachsen, dass versucht wurde, Gründe dafür aus einem sozialwissenschaftlichen Blickwinkel, unter Bezugnahme auf aktuelle Studien, darzustellen und die Bedeutung der Großeltern entwicklungspsychologisch in Umrissen nachzuzeichnen.

Teil 2 – Klinischer Teil

Erstes Kapitel. Ausgehend von den bereits in den voran gegangenen Kapiteln dargestellte Grundannahme, dass intersubjektive Vorgänge zwischenmenschliche Beziehungen prägen und archetypische Bilder auftauchen können, wird diese Erkenntnis nun auch auf die Arbeit mit Klienten angewendet und dargestellt. Dabei wird u.a. der Frage nachgegangen, was eine Begegnung überhaupt möglich macht und was eventuell grundlegende Austauschprozesse in einer Therapie sind.

Zweites Kapitel. Diese therapeutischen Ansätze beruhen auf einer intersubjektiven Herangehensweise, die ausführlich und anhand mehrerer Fallgeschichten in diesem Kapitel dargestellt werden. Das Kapitel und damit auch das Buch, werden mit der Großvater-Enkelkind-Beziehung väterlicherseits von C.G. Jung abgeschlossen. Und obwohl Jung selbst sein Großvater ihm nicht bekannt war, hatte dieser einen starken Einfluss auf ihn ausgeübt.

Diskussion

Die Autorin folgt in dem Buch konsequent der eingangs dargestellten Intention, Antworten auf die Frage was das Spezielle der Großeltern-Enkelkind-Beziehung ausmache, zu finden und Wege in der Nutzbarmachung für die therapeutische Arbeit daraus abzuleiten. Dabei geht sie von der analytischen Psychologie und Jungs Archetypenlehre aus, nutzt aber auch Bowlbys Konzept der inneren Arbeitsmodelle, den jungianischen Komplex-Begriff sowie Studien von Stern zu Gegenwartsmomenten. Für ihren therapeutischen Ansatz schlägt Meier eine intersubjektive Herangehensweise vor.

Fazit

Ein Fachbuch zum Nachdenken über die und zur Arbeit mit der Großeltern-Enkelkind-Beziehung aus psychoanalytischer Perspektive.


Rezensentin
Dr. phil. Oda Baldauf-Himmelmann
Ausgebildete systemische Therapeutin / Familientherapeutin, Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin und Kulturwissenschaftlerin. Arbeitet als Akademische MA an der Brandenburgisch-Technischen Universität Cottbus/Senftenberg (BTU CS)
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Zitiervorschlag
Oda Baldauf-Himmelmann. Rezension vom 16.06.2015 zu: Isabelle Meier: Großeltern – Große Eltern. Archetypische und klinische Perspektiven der Großeltern-)Kind-Beziehung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2015. ISBN 978-3-95558-115-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18204.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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