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Bernard Brandchaft, Shelley Doctors u.a.: Emanzipatorische Psychoanalyse

Cover Bernard Brandchaft, Shelley Doctors, Dorienne Sorter: Emanzipatorische Psychoanalyse. Systeme pathologischer Anpassung – Brandchafts Konzept der Intersubjektivität. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2015. 340 Seiten. ISBN 978-3-95558-113-8. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Die Psychoanalyse hat sich seit ihrer Gründungszeit weiterentwickelt und differenziert. Hier wird aus der praktischen Erfahrung und der theoretischen Auseinandersetzung heraus ein Konzept vorgestellt, in das die Erkenntnisse der Ich- und Selbstpsychologie, später die Ergebnisse der Bindungsforschung und des Mentalisierungskonzepts eingeflossen sind, die Systemtheorie integriert wurde und zwar im Kontext fortlaufender Reflexion der psychoanalytischen Arbeit mit den Patienten. Dabei steht die Auffassung im Mittelpunkt, dass sich hier zwei Subjekte – Patient und Therapeut – begegnen, das meint Intersubjektivität. Entscheidend für die Einordnung des vorgestellten Ansatzes als emanzipatorisch ist Brandchafts „…Betonung der Fähigkeit der Patienten, auf der Basis seiner eigenen Wahrnehmungen und Gefühle denken und reflektieren zu können“. (S. 306) Damit bekommen Fragen des Widerstands und das theoretische Wissen des Therapeuten einen anderen Stellenwert.

Autor und Autorinnen

Bernard Brandchaft (1916 – 2013) war unter anderem Professor der Clinical Psychiatry an der UCLA School of Medicine und Lehranalytiker am Los Angeles Psychoanalytic Institute. Seit den 1980er Jahren entwickelte er zunächst zusammen mit George Atwood und Robert Stolorow den intersubjektiven Ansatz, den er später auch mit den Mitautorinnen weiter differenzierte.

Shelley Doctors und Dorienne Sorter, beide mit PhD ausgewiesen, sind Lehranalytikerinnen am Institute for the Psychoanalytic Study of Subjectivity, New York City.

Entstehungshintergrund

Doctors und Sorter haben über viele Jahre Brandchafts psychoanalytisches Verständnis im Rahmen von Tagungen und Supervisionen verfolgen können. Ihr Anliegen ist es, seine Arbeitsweise und sein theoretisches Verständnis, wie es sich über ca. 3 Jahrzehnte entwickelte, zusammenhängend zu präsentieren. Hieraus entstand das gemeinsame Vorhaben, Brandchafts Vorträge, Artikel, unveröffentlichte Papers durchzusehen, für die jetzt vorliegende Publikation zu bearbeiten und zu kommentieren. Hierdurch soll insbesondere das Konzept der „Domäne der Systeme pathologischer Anpassung“ (S. 312, kursiv im Original) einer breiteren Leserschaft vorgestellt werden.

Die beiden Übersetzer Gerhard Pawlosky und Armin Vodopiutz, zwei österreichische klinische Psychologen und Psychoanalytiker, haben es, angeregt durch ein Symposium zur Thematik, unternommen, das 2010 unter dem Titel „Toward an Emancipatory Psychoanalysis. Brandchaft`s Intersubjective Vision“ erschienene Buch ins Deutsche zu übertragen.

Aufbau und Inhalt

Doctors und Sorter leiten das Buch ein mit „Begegnung mit Brandchaft“, in dem wie auch im Schlusskapitel von persönlichen Begegnungen mit Brandchaft berichtet und der Aufbau der weiteren Kapitel dargelegt wird.

Sie stellen in einem weiteren Kapitel, „Theoretische Neubetrachtungen“, Brandchafts Auseinandersetzung mit der aus heutiger Sicht bereits klassischen Theorie dar und schließen das Buch ab mit einer Zusammenfassung, betitelt „Brandchafts intersubjektive Vision“, in dem Verbindungen zu gegenwärtigen psychoanalytischen Theorien und Praxis beleuchtet werden.

Des weiteren leiten sie auch jeweils die weiteren Kapitel 2 bis 13 ein, während die jeweiligen Texte aus verschiedenen Perioden von Brandchaft selbst stammen. Ihre Titel verdeutlichen seinen Fokus:

  • Auf dem Weg zu einer emanzipatorischen Psychoanalyse
  • Neubetrachtungen des psychoanalytischen Zuhörens
  • Ein Fall von hartnäckiger Depression
  • Bindungen, die fesseln, Bindungen, die befreien
  • Wessen Selbst ist es überhaupt?
  • Ko-Determinierung und Veränderungen in der Psychoanalyse
  • Die Befreiung des Geistes aus seiner Enge
  • Das Selbst und seine Objekte im Entwicklungstrauma
  • Zwangsstörungen – eine systemische Perspektive der Entwicklung
  • Systeme pathologischer Anpassung in der Psychoanalyse und
  • Reflexionen über das Unbewusste.

Ausgangspunkt für Brandchaft waren die Erfahrungen mit der Begrenztheit der damaligen Ansätze, die er in der psychoanalytischen Ausbildung in der Mitte des letzten Jahrhunderts gelernt hatte. Diese basierten wesentlich auf den Freudschen Lehre vom Unbewussten, dem Strukturmodell von Ich – Es – Über-Ich, der sog. Triebtheorie, den Abwehrmechanismen, der Übertragung und Gegenübertragung. Seine praktische Arbeit mit Patienten zeigte ihm, dass die „Doktrin des intrapsychischen Determinismus…ungeeignet ‚sei‘, die schweren Störungen zu erklären…“ (S. 19). Hierzu zählen insbesondere Zwangsstörungen, chronifizierte Depressionen und Störungen, die auf der Symptomebene als dissozial imponieren. Dabei erwies sich Winnicotts Auffassung, dass Mutter und Säugling eine Einheit bilden, als leitend, weil „sowohl psychische Entwicklung wie auch Pathogenese am besten in Begriffen der spezifischen intersubjektiven Kontexte konzeptualisiert werden, welche den Entwicklungsprozess formen und die Auseinandersetzung des Kindes mit kritischen Entwicklungsaufgaben und das erfolgreiche Durchlaufen von Entwicklungsaufgaben …fördern oder behindern.“ (S. 20) Egal wie der individuelle Entwicklungsprozess abgelaufen ist, prägt er Muster, von denen Brandchaft die „Systeme pathologischer Anpassung“ besonders beschäftigten. Hierbei handelt es sich um Systeme, die das Kind zum Erhalt der Bindung an die primären Bezugspersonen entwickelt, auch wenn deren Erwartungen inadäquat sind und nur unter Aufgabe der Selbstentwicklung erfüllt werden können. Damit rückt auch Traumatisierung in den Fokus der Aufmerksamkeit. Diese Muster zeigen sich im weiteren Leben sowohl im inneren Erleben wie in Interaktionen. So kann es auch in der psychoanalytischen Beziehung selber zu einer Anpassung an die unbewussten Erwartungen des behandelnden Psychoanalytikers kommen.

In den verschiedenen Fallbeispielen werden nun die Anzeichen einer solchen Verstrickung aufgedröselt, an denen der Psychoanalytiker ko-konstruktiv unbewusst beteiligt ist. In den Worten von Doctors und Sorter: „Zwei zeitgenössische und unterschiedliche theoretische Linien laufen hier in Brandchafts sepzifischer Synthese zusammen. Zum einen das Konzept von den präreflexiven unbewussten organisierenden Prinzipien…, dem Brandchaft …einen besonderen Dreh ‚gibt‘, indem er betont, dass präreflexive Prinzipien ein pathologisch-akkommodatives Band darstellen können, das unter den Bedingungen des relationalen Traumas geschmiedet wurde, um die Traumatisierung abzuwehren. Diese Betonung erinnert an die ‚Aufmerksamkeits-/Repräsentationszustände‘, die eine ‚gefühlte Sicherheit‘ (Scroufe & Waters, 1977) aufrechterhalten. Brandchaft will jedoch erkunden, welchen Preis diese ‚gefühlte Sicherheit‘ hat – eine Bindung, die behindert und um Angst herum organisiert ist. So wie wir alle unsere früheren Erfahrungen nutzen, um die gegenwärtigen zu interpretieren, damit wir die Zukunft antizipieren können (Pally, 2007), können in Angst begründete Muster durch fast unmerkliche Hinweise ausgelöst werden, die Traumatisierung ankündigen.“ (S. 310)

Diskussion und Fazit

Die Publikation leistet dreierlei:

  1. Sie stellt, ausgehend von den Freudschen Modellen, eine gründliche Darstellung der theoretischen Impulse dar, die sich nach Freud im Rahmen der Kleinianischen Auffassungen, dann der Selbstpsychologie im Kohutschen Verständnis sowie der Bindungsforschung und des Mentalisierungskonzepts ergeben haben.
  2. Die Publikation demonstriert, wie es durch eine konsequente, offene Haltung, die auch auf kleine affektive Verschiebungen achtet, gelingen kann, Patienten wieder einen Zugang zu den eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen zu ermöglichen (und nicht die unbewusst, quasi automatisch ablaufende Übernahme der Gefühle und Wahrnehmungen der Bezugsperson, in der Behandlung also des Therapeuten, unbewusst und damit nicht korrigierbar fortzusetzen). Dies setzt seitens des Therapeuten die Haltung einer kontinuierlichen empathisch-introspektiven Erkundung voraus. Hierbei ist die systemische Perspektive auf Patient und Therapeut rahmensetzend, insofern der psychoanalytische Prozess als Ergebnis der gemeinsamen, also auch vom Unbewussten des Psychoanalytikers einschließlich dessen theoretischer Vorannahmen, gestalteten Interaktion verstanden wird. Nur so „…kann die Arten des Seins, die für das eigene Überleben geschaffen wurden, in diesem psychischen Bereich …“ geklärt und verändert werden ( S. 312).
  3. Brandchaft fokussiert auf die Herausarbeitung von inter- und intrapsychischen Interaktionsmustern und deren Bedeutung und nicht auf deren Inhalte. Diese Sichtweise ist anregend und weiterführend.

Emanzipatorische Psychoanalyse bedeutet „…Brandchafts Ansatz der psychischen Befreiung von Patient und Analytiker von Theorien, die, wie elegant sie auch immer sein mögen, den klinischen Test nicht bestanden haben.“ (S.294) Dies setzt eine wissenschaftliche Grundhaltung und die Bereitschaft voraus, die eigene Fehlerhaftigkeit und die jeder Theorie als Voraussetzung zu akzeptieren und zu pflegen. Die Publikation zeigt, was das konkret im Leben einer Person – hier Brandchaft – bedeutet und fordert zugleich auf, auch diesen theoretischen Ansatz zu überprüfen – und das wird hiermit angeregt.


Rezensentin
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 31.08.2015 zu: Bernard Brandchaft, Shelley Doctors, Dorienne Sorter: Emanzipatorische Psychoanalyse. Systeme pathologischer Anpassung – Brandchafts Konzept der Intersubjektivität. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2015. ISBN 978-3-95558-113-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18205.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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