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Stephanie Stadler Elmer: Kind und Musik

Rezensiert von Sabine Hirler, 23.02.2015

Cover Stephanie Stadler Elmer: Kind und Musik ISBN 978-3-642-41691-0

Stephanie Stadler Elmer: Kind und Musik. Das Entwicklungspotenzial erkennen und verstehen. Springer (Berlin) 2015. 216 Seiten. ISBN 978-3-642-41691-0. D: 29,95 EUR, A: 30,79 EUR, CH: 37,50 sFr.

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Thema

Wie eng musikalische Aktivitäten mit der Entwicklung des Kindes zusammenhängen und zum Beispiel die auditive Entwicklung, Sprache und Motorik beeinflussen können, wird vor allem interdisziplinär seit vielen Jahren diskutiert. Nach der sogenannten „Bastian-Studie“ (1992 – 1998) möchte damit vor allem die Musikpädagogik durch die sogenannten Transfereffekte musikalischer Bildungsprozesse eine möglichst breite Legitimation begründen. Dazu ist es natürlich immer von Vorteil, wenn die mit Musik initiierten Bildungs- und Lernprozesse durch Forschungsergebnisse eine wissenschaftliche Fundierung erhalten. Nicht desto trotz ist der Bildungsbereich Musik vor allem für Pädagogen ein äußerst relevantes Gebiet, da sich vor allem für das jüngere Kind große Entwicklungseffekte durch eine kindgerechte musikalische Bildung zeigen. Die Veröffentlichung von Stefanie Stadler Elmer greift diese Zielgruppe zum Thema Musik auf. Schon im Klappentext von „Kind und Musik“ wird auf den frühmusikalischen Entwicklungsbereich eingegangen. „Bei der Geburt ist der Säugling bestens vorbereitet, um sich an die Musik und die Sprache seiner Umgebung anzupassen. Er kann hören und die Stimme verwenden. Dabei nutzt er vor allem die musikalischen Eigenschaften, um innerhalb von zwei bis drei Jahren singen und sprechen zu lernen. Dazu benötigt das Kind eine anregende Umgebung. Welche Art von Musikverständnis ist förderlich für ein Kind?“ Wie die Autorin diese Fragen beantwortet, wird unter den nachfolgenden Rubriken Aufbau, Inhalt und Diskussion erörtert.

Autorin

Prof. Dr. Stefanie Stadler Elmer lehrt Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich. Sie forscht zur sprachlich-musikalischen Entwicklung, insbesondere über die Entstehung des Singens und Sprechens, das vokale Lernen, für akustisch-basierte Analysen von Vokalisationen und für die Anwendung von diesen Forschungsergebnissen in der Bildung. Sie lehrt und forscht im nationalen und internationalen Kontext. Ihre Veröffentlichungen über die musikalische Entwicklung haben sich im deutschsprachigen Raum als interdisziplinäre Standardliteratur in verschiedenen Studiengängen etabliert.

Aufbau

Nach einem Geleitwort von Hellgard Rauh, ihres Zeichens emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Potsdam, führt Stadler Elmer die Leser mit einem Vorwort in die Publikation ein. Dabei formuliert sie eine grundlegende Fragestellung: „Was geben wir den nächsten Generationen an kulturellen Werten und Inhalten weiter?“ (Stadler Elmer 2015, S. VII). Diese kulturpolitische Hinterfragung zeigt deutlich, dass die Autorin ihre fachliche Kernkompetenz in einem größeren Kontext eingebettet sieht und den Bereich Musik in der Frühen Kindheit nicht nur unter entwicklungspsychologischen Erkenntnissen betrachtet (siehe u.a. Kapitel 8: „Möglichkeiten und Vorteile früher musikalischer Bildung“, S. 199 ff). Dieser interdisziplinäre Ansatz ist in den einzelnen Kapiteln deutlich wiederzufinden:

  • Im 1. Kapitel stehen die Definition von Musik und die fachliche Abgrenzung inklusive Grundannahmen im Vordergrund. Dieses Kapitel hilft den Lesern die weiteren Kapitel im entwicklungspsychologischen Kontext zu erfassen.
  • Im 2. Kapitel wird die Funktion von Musik in der menschlichen Kultur betrachtet.
  • Die vier Grundeigenschaften von Musik – Lautstärke, Klangfarbe, Tonhöhe und Zeit – werden im 3. Kapitel unter kulturspezifischen Regeln und in Analogie zur Sprache behandelt.
  • Das Kinderlied als erste rituelle Kulturform steht im Mittelpunkt des 4. Kapitels und baut auf den Grundlagen des 3. Kapitels auf.
  • Die frühen Anfänge von Musikalität und ihre entsprechenden Aktivitäten wie Schallwahrnehmung, Vokalisation und Bewegungen werden im 5. Kapitel mittels einer Fallstudie vorgestellt.
  • In Kapitel 6 geht es um die weitere Entwicklung des Hörens, Singens und der Bewegungen.
  • Der Stand der Theoriebildung in Bezug auf die musikalische Entwicklung wird im 7. Kapitel herausgearbeitet.
  • Welche Fragen sich daraus für die Erziehungswissenschaft und die Entwicklungspsychologie ergeben, die vor allem bildungspolitische und fachdidaktische Relevanz besitzen, werden abschließend im letzten Kapitel behandelt.

Trotz der wissenschaftlichen, aber gut lesbaren Sprache und des platzausnützenden, dicht wirkenden Lay-outs hat sich der Verlag bemüht, die Unterkapitel übersichtlich zu gestalten. Die grau unterlegten Schilderungen aus der Praxis, die Boxen mit Tipps und Definitionen und die Abbildungen lockern die Seiten auf. Zu den Unterkapiteln gibt es jeweils ein Resümee. Nach jedem Kapitel folgt die thematisch relevante Fachliteratur. Durch das Stichwortverzeichnis eignet sich dieses Buch ebenfalls als Nachschlagewerk zur kindlichen musikalischen Entwicklung im Bereich Pädagogik, Psychologie und ihrer angrenzenden Disziplinen Musikpädagogik und Musikpsychologie.

Inhalt und Diskussion

Stadler Elmer stellt im Unterkapitel 1.6 mit der Betitelung „Grundannahme und Leitfrage“ ihre fachlichen Rahmenbedingungen und Eingrenzungen zu den weiteren Kapiteln des Buches dar. „Was in diesem Buch nicht explizit behandelt wird, sind Fragen danach, wie Musik auf Intelligenz, Persönlichkeit oder auf andere Faktoren wirkt. Auch Altersnormen oder Standards hinsichtlich musikalischer Fähigkeiten oder auch nur Anhaltspunkte in diese Richtung gebe ich nicht“ (Stadler Elmer 2015, S. 9). Falls der Leser genau diese Punkte erwartet hat, könnte er enttäuscht sein. Stadler Elmer bezieht sich unter anderem auf entwicklungspsychologische Erkenntnisse, die auf dem psychobiologischen Ansatz von Hanuš und Mechthild Papoušek beruhen und auf die erkenntnistheoretischen Arbeiten ihres Lehrers Thomas Bernhard Seiler (z.B. Seiler, 2012a, 2012b). Die Essenz ihrer eigenen Forschungen und des strukturgenetischen Ansatzes zur Entstehung von Musikalität im Handeln und Denken, fließen zum Beispiel in die Formulierung der Thesen zur musikalischen Entwicklung ein (vgl. Stadler Elmer 2015, S. 194f).

In den Kapiteln 2 und 3 geht es um die Frage „Warum machen Menschen Musik?“ und um musiktheoretischen Grundlagen.

In Kapitel 4 steht das Kinderlied als elementarste musikalische Kommunikationsform im Mittelpunkt. Seine Regeln und Aufbau geben Einblick in ein kulturelles Gut, dass sich zum Erlernen von Musik und gleichzeitig der Muttersprache hervorragend eignet.

In allen Kapiteln ist zu erkennen, dass Stadler Elmer keine Mühe scheute, die Erkenntnisse von Kollegen in den Kontext ihrer eigenen Ergebnisse zu setzen. Häufig stellt sie in einer kompakten Zusammenfassung die Forschungsergebnisse von Kollegen vor, wie dies zum Beispiel auch sehr anschaulich im Kapitel 5 „Anfänge von Musikalität“ und Kapitel 6 „Die weitere musikalische Entwicklung: Erwerb von Spielregeln und Konventionen“ geschieht. Dies ist für die Leser ein großer fachlicher Gewinn, um mit eigenen Fragestellungen weiter forschen zu können. Erkenntnisse aus der Hirnforschung und der Verarbeitung von Musik im Gehirn stehen zwar nicht im Mittelpunkt dieser Veröffentlichung, werden jedoch im Unterkapitel 5.1 „Biologische Grundlagen“ anschaulich und prägnant vor allem für das jüngere Kind dargestellt.

Im Unterkapitel 5.2 „Elementare Aktivitäten – musikalische Grundkompetenzen“ (vgl. ebenda S. 95) definiert die Autorin musikalische Grundkompetenzen. Für Musikpädagogen und Pädagogen der Frühen Kindheit ist dies durchaus von fachlicher Relevanz. Dabei bezieht sich Stadler Elmer auf die Entwicklung der Sensomotorik, die es dem Kind ermöglicht, Musik über das Hören, Bewegen und Vokalisieren zu erleben. Sie bezeichnet diesen Vorgang als universell und kulturunabhängig.

In Kapitel 6 geht Stadler Elmer auf „Die weitere musikalische Entwicklung: Erwerb von Spielregeln und Konventionen“ ein. Dabei betont die Autorin die Variabilität der musikalischen Entwicklung versus eines altersorientierten Verlaufs (vgl. ebenda S. 135). Stadler Elmer stellt die musikpsychologisch basierten aufeinander aufbauenden Phasen der musikalischen Entwicklung vor (vgl. ebenda S. 177) und spricht von elementaren und allgemeinen musikalischen Eigenschaften, die dem Säugling zur Verfügung stehen. Durch die frühe Verfügbarkeit dieser musikalischer Fähigkeiten wird über das vokale Lernen die sprachlichen Fähigkeiten von Säuglingen und Kleinkindern angebahnt. Im Gegensatz zu Steven Pinker (Pinker 1994) ist Stadler Elmer der Überzeugung, dass die Musik kein unwichtiges Nebenprodukt der menschlichen Entwicklung darstellt. Sie argumentiert mittels Mikroanalysen von frühen Vokalisationen (lautieren, singen, schreien) von Säuglingen, die zeigen, dass sprech- und singähnliche Vokalisationen nicht zu unterscheiden sind (vgl. Stadler Elmer 2015, S. 160). Stadler Elmers Argumentationslinie wird durch weitere von ihr durchgeführte Mikroanalysen von Kleinkindern bestätigt. Diese zeigen, dass 1 ½ Jährigen das Singen leichter fällt als das Sprechen (vgl. ebenda S. 120 ff).

In Kapitel 7 „Theorien zur musikalischen Entwicklung“ gibt Stadler Elmer den Lesern die Gelegenheit, sich mit unterschiedlichen Theorieansätzen auseinanderzusetzen und zeigt auch unter wissenschaftshistorischen Gesichtspunkten, wie es durch bestimmte theoretische Vorannahmen zu welchen Ergebnissen in diesem Forschungsbereich gekommen ist. Neben verschiedenen Theorieansätzen, wie z.B. dem nativistischen Ansatz (Chomsky 1966), gibt die Autorin viel Raum für „Die kognitive Wende: Piaget-Rezeption und Musik“ (vgl. Stadler Elmer 2015, S. 191f). Bis heute werden die missverständlichen Annahmen über das präoperational und operational denkende Kind in der Musik in Anlehnung an Piagets logisch-rationalen Denkens verbreitet, wie zum Beispiel zu welchem Zeitpunkt das Kind welche musikalischen Eigenschaften wahrnimmt. Dabei hat sich Piaget selbst nur in einem einzigen kurzen Aufsatz zur musikalischen Entwicklung geäußert und dabei vor allem ästhetische Fragen thematisiert (vgl. ebenda S. 193). Der bis heute aktuelle psychobiologische Ansatz von Hanuš und Mechthild Papoušek vervollständigt dieses Kapitel der theoretischen Ansätze.

Besonders interessant kann für Pädagogen das 8. Kapitel „Möglichkeiten und Vorteile früher musikalischer Bildung“ (vgl. ebenda S. 199ff) sein. Hier zeigt die Autorin ihre Erfahrungen, Gedanken und Fragen zu einer gelingenden frühen musikalischen Bildung in unterschiedlichen sozialen Kontexten auf und regt zu entwicklungspsychologischer und fachdidaktischer Forschung an. Eine Ergänzung, die die Zielgruppe der Leserschaft direkt anspricht und helfen kann, die eigenen theoretischen und praktischen Konstellationen zu überdenken.

Bei dieser detaillierten Aufschlüsselung von theoretischen Bezügen stellt sich die Frage, wo sich Stadler Elmer mit ihrer eigenen Arbeit theoretisch verortet? Aufschluss gibt dazu das erste Kapitel, wo sie ausdrücklich die Grundannahmen und Leitfrage der strukturgenetischen Theorie zuordnet, die in der Tradition von Piaget steht. Die abstrakten theoretischen Hintergründe sind jedoch weniger in dieser Veröffentlichung, als vielmehr in ihrem Buch „Kinder singen Lieder“ (Stadler Elmer 2002) zu finden. Dort stellt sie ausführlich den Bezug der strukturgenetischen Theorie zur Musik her, wobei sie sich insbesondere an den Arbeiten von Seiler (vgl. z.B. Seiler 2012a, 2012b) orientiert, der als „Post-Piagetianer“ bekannt ist.

Fazit

Die Leser sollten sich darauf einstellen, dass das Buch kein populärwissenschaftlich verfasstes Werk ist. Der Sprachduktus ist wissenschaftlich und zugleich verständlich, so dass sich die Leser auf fachlich hochkompetentem Niveau entwicklungspsychologische Forschungsergebnisse zum Themenbereich „Kind und Musik“ erschließen können. Dabei gelingt es Stadler Elmer neben eigenen Forschungsergebnissen relevante Forschungen von Kollegen ebenfalls in den jeweiligen fachlichen Kontext zu setzen (z.B. 5.3 Soziale Interaktion und seine Unterkapitel). Das Stichwortverzeichnis, die große Anzahl an Resümees zu den Unterkapiteln, aber auch Zusammenfassungen der Autorin, wie 7.3 Thesen der musikalischen Entwicklung (vgl. Stadler Elmer 2015, S. 194) zeugen vom Anliegen der Autorin, den Lesern ihr Fachgebiet auf möglichst profunde Weise zugänglich zu machen.

Der theoretische Ansatz Stadler Elmers fokussiert die Entstehung und Veränderung von sprach-musikalischen Strukturen, die Kommunikation und die psychischen und kulturellen Funktionen. In seiner Wissenschaftlichkeit und der umfassenden Behandlung des Themas ist diese Veröffentlichung einzigartig und macht sie zu einem ausgezeichneten Kompendium für Pädagogen und Psychologen, die grundlegendes und wissenschaftlich fundiertes Wissen in diesem Bereich suchen.

Literatur

  • Bastian, H.G. (2000). Musik(erziehung) und ihre Wirkung. Mainz: Schott. Chomsky, N. (1966). Cartesian Linguistics. New York: Harper & Row.
  • Papoušek, M./ Papoušek, H. (1981). Intuitives elterliches Verhalten im Zwiegespräch mit dem Neugeborenen. Sozialpädiatrie in Praxis und Klinik. 3, 229 – 238.
  • Papoušek, M. & Papoušek, H. (1994). Vom Schrei zum ersten Wort. Bern: Huber.
  • Papoušek, M. (1996). Intuitive parenting. A hidden source of musical stimulation in infancy. In: I. Deliege & J. Slobobda (Eds.): Musical beginnings. Origins and development of musical competence. Oxford: Oxford University Press. S. 88 – 112.
  • Pinker, S. (1994). The language instinct. London: Penguin Books.
  • Seiler, Th.B. (2012a). Evolution des Wissens. Band I: Evolution der Erkenntnisstrukturen. Berlin: LIT.
  • Seiler, Th.B. (2012b). Evolution des Wissens. Band II:. Evolution der Begriffe. Berlin: LIT. Stadler Elmer, S. (2000). Spiel und Nachahmung. Über die Entwicklung der elementaren musikalischen Aktivitäten. Aarau: HBS Nepomuk.
  • Stadler Elmer, S. (2002). Kinder singen Lieder: Über den Prozess der Kultivierung des vokalen Ausdrucks. Münster: Waxmann. Elektronische Version: https://uzh.academia.edu/StefanieStadlerElmer (zuletzt geprüft am 10.2.2015)

Rezension von
Sabine Hirler
M.A., Doktorandin Fachbereich Pädagogik an der TU Kaiserslautern, Musikpädagogin- und therapeutin, Rhythmiklehrerin, Fachautorin, Dozentin/ Referentin u.a. im Bereich Rhythmik in der Heilpädagogik, Wahrnehmungs- und Sprachförderung. www.sabinehirler.de
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ISSN 2190-9245