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Diane Müller: Keine Panik,....Es ist doch nur Schule!

Cover Diane Müller: Keine Panik,....Es ist doch nur Schule! Autismus und Schule im Zeitalter von Inklusion Ein Erfahrungsbericht aus Sicht einer Schulbegleitung. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2014. 140 Seiten. ISBN 978-3-7347-3011-5. D: 11,99 EUR, A: 12,40 EUR, CH: 17,90 sFr.
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Thema

Die Autorin war drei Jahre lang als Schulbegleitung für ein Kind mit einer Autismusspektrumsstörung (Asperger Syndrom) tätig und berichtet über ihre Erfahrungen mit diesem Kind, mit den Rahmenbedingungen der Schule und ihrer Zusammenarbeit mit verschiedenen Lehrern und Lehrerinnen, die sich sehr unterschiedlich gestaltete.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin hatte in verschiedenen sozialen Bereichen in qualifizierten Tätigkeiten, unter anderem als Dozentin, gearbeitet, bevor sie sich als Schulbegleiterin bewarb, ursprünglich in der Hoffnung, „nur noch geringfügig zu arbeiten, ohne Stress, ohne in den Zwängen einer ‚Maschinerie‘ gefangen zu sein…“. Schon bald bemerkte sie allerdings, dass es sich um eine „hochsensible Beziehungsarbeit“ handelt, die ihr sehr viel abverlangte. Von Anfang an führte sie ein Arbeitstagebuch. Im Lauf der Zeit entstand bei ihr die Idee, ihre Erfahrungen in Buchform niederzuschreiben und zu veröffentlichen. Sie möchte die „unglaubliche Entwicklung“ dieses Kindes beschreiben, aber auch die Probleme und Hindernisse dieser Entwicklung. Darüber hinaus möchte sie Eindrücke und Erkenntnisse vermitteln über den Umgang der Gesellschaft mit Menschen, die „nicht in das Raster passen“, gerade auch in der Schule im Rahmen der Inklusion. Allen Betroffenen möchte sie Mut machen, aber auch „zum Nachdenken und Umdenken anregen, für Verständnis und Empathie werben und zur Übernahme von mehr Verantwortung auffordern“.

Aufbau

In der Einleitung geht es um die Definition der Aufgaben einer Schulbegleitung.

In den ersten beiden Kapiteln beschreibt sie, wie sie das Kind – Lukas – kennenlernt und stellt dann ihre dreiwöchige Beobachtungsphase des Kindes in der Schule dar.

Das dritte bis fünfte Kapitel bilden den Hauptteil: Im dritten Kapitel geht es um das zweite Schulhalbjahr der sechsten Klasse, in dem die Autorin ihre Tätigkeit als Schulbegleiterin begonnen hat, im vierten und fünften Kapitel werden das siebte und achte Schuljahr beschrieben. Ihre Danksagungen sind in das fünfte Kapitel integriert. Das fünfte Kapitel ist, vermutlich versehentlich, mit „4. Kapitel“ überschrieben, ich werde es im Verlauf dieser Rezension als „fünftes Kapitel“ beschreiben.

Inhalt

In der Einleitung definiert die Autorin die vielfältigen Aufgaben einer Schulbegleitung, wobei sie klarstellt, dass eine Schulbegleitung „keine Einzelbetreuung [ist], welche den unterrichtenden Pädagogen den Bildungs- und Erziehungsauftrag abnimmt“. Einerseits geht es darum, dem jungen Menschen Selbstvertrauen zu vermitteln, ihm zu helfen, seine Bedürfnisse und Befindlichkeiten zu erkennen und mit ihm Lösungsmöglichkeiten für Konflikte zu erarbeiten. Andererseits geht es auch darum, „sein Umfeld zu sensibilisieren, Individualität zu erkennen und zuzulassen“.

Im ersten Kapitel beschreibt sie das Kennenlernen des Kindes – Lukas – und seiner Familie, den langen, schwierigen Weg der Familie mit dem Kind bis zur Diagnose „Asperger Syndrom“. Anschließend beschreibt sie die Entwicklung des Kindes in der Grundschule, seine Anfänge in der Sekundarstufe bis hin zu der Entscheidung, eine Schulbegleitung zu installieren.

Im zweiten Kapitel beschreibt sie aufgrund ihrer anfänglichen Tagebuchaufzeichnungen ihre dreiwöchige Beobachtungsphase, in der sie erste Eindrücke darüber gewinnt, welche Rahmenbedingungen für Lukas günstig sind und unter welchen Bedingungen er dekompensiert. Sie stellt klar, dass ihre Schilderungen subjektiv sind, dennoch möchte sie dazu anregen, „Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu beurteilen und zu verstehen“. Ihre Zusammenarbeit mit den verschiedenen Lehrern gestaltete sich unterschiedlich, sie teilt die Lehrer in diesbezügliche Kategorien ein.

Im dritten Kapitel beschreibt die Autorin ihr erstes Schulhalbjahr mit Lukas. Lukas besucht eine KGS (Kooperative Gesamtschule) in Niedersachsen, was sie wegen der in den Ländern unterschiedlichen Rahmenbedingungen für Inklusion erwähnt. Es folgen Auszüge ihres Arbeitstagebuchs und eine detaillierte Beschreibung verschiedener Situationen und erster kleiner Fortschritte. Die Autorin betont die Bedeutung ihrer fruchtbaren Zusammenarbeit mit der Klassenlehrerin und der Sonderpädagogin, beschreibt aber auch Situationen, in denen es ihr schwer fällt, das pädagogische Konzept der Schule zu akzeptieren; teilweise vermisst sie ein „respektvolles Miteinander“, was sich unter anderem darin äußert, dass im Unterricht „lautstark geschwatzt, geschrien, (…) gerempelt, getreten“ wird.

Für Lukas wird ein Nachteilsausgleich erarbeitet, jedoch finden einige der Lehrer den angeblichen Vorteil für Lukas ungerecht den anderen Schülern gegenüber. Die Autorin vermisst bei diesen Lehrern die Bereitschaft, sich mit Lukas´ spezifischer Behinderung auseinander zu setzen, die im Gegensatz zu anderen Behinderungen nicht sichtbar ist aber dennoch für Lukas eine Beeinträchtigung bedeutet. Andere Lehrer zeigen sich zwar grundsätzlich aufgeschlossen, neigen aber dazu, die Verantwortung für Lukas komplett an die Schulbegleitung zu übergeben, was nach Ansicht der Autorin ebenfalls nicht zielführend ist. Sie würdigt dann ausdrücklich jene Pädagogen, die sich mit der Problematik auseinandersetzen, mit ihr konstruktiv zusammenarbeiten und dadurch einen positiven Beitrag zu Lukas´ Entwicklung leisten.

Die Autorin beschreibt am Beispiel des Kunstunterrichts typische Probleme von Lukas und Ansätze zu Erfolgen, beispielsweise in Sport und Religion. Daneben gibt es aber auch immer wieder chaotische Situationen im Unterricht und in den Pausen, die für Lukas schwer zu verkraften sind.

Lukas macht auch im Sozialverhalten erste Fortschritte, die Schulbegleiterin führt diesbezüglich sowohl mit ihm als auch mit seinen Mitschülern Gespräche. Dennoch gibt es auch Rückschläge. Lukas kann zur Teilnahme an einer Theater-AG motiviert werden, wo er Selbstvertrauen gewinnt.

Dieses Schulhalbjahr endet für Lukas mit einem leicht verbesserten Zeugnis, das „annähernd seinem wahren Leistungsvermögen“ entspricht. Er beginnt langsam, problematische Situationen zu erkennen, schafft es aber noch nicht, sich diesen Situationen zu entziehen. Auch in diesem Zusammenhang betont die Autorin die Bedeutung ihrer Zusammenarbeit mit den Lehrern.

Das vierte Kapitel beschreibt eine veränderte Situation im siebten Schuljahr: Lukas bekommt eine neue Klassenlehrerin, die im Gegensatz zu seiner bisherigen Klassenlehrerin keine Bereitschaft zu einer konstruktiven Zusammenarbeit mit der Schulbegleiterin zeigt. Die Autorin beschreibt die Auswirkungen dieser Haltung, die sie in diesem Schuljahr auch bei vielen Fachlehrern antrifft, anhand konkreter Beispiele, so betrachten beispielsweise etliche Lehrer die Entfernung von Lukas aus dem Unterricht als wesentlichste Aufgabe einer Schulbegleitung. Die Autorin realisiert, dass ihr Ziel unter diesen Umständen nicht mehr Inklusion ist, sondern Integration: Sie definiert ihre Aufgabe nun dahingehend, Lukas „so stark zu machen, dass er das System Schule aushielt, ohne Ängste und Aggressionen zu entwickeln“. Gleichzeitig intensiviert sie ihre Zusammenarbeit zu den Lehrern, die dazu bereit sind. Obwohl auch hier Konflikte entstehen, zeigen sich nach und nach Erfolge. Im zweiten Schulhalbjahr kann die Schulbegleiterin in einzelnen Stunden, die von den Lehrern gut strukturiert sind und das Arbeitsmaterial, wo nötig, an Lukas´ Bedürfnisse angepasst wurde, den Klassenraum verlassen; zunächst kurz und allmählich immer länger. In diesen Phasen, die sie in ständiger „Bereitschaft“ verbrachte, entsteht das vorliegende Buch.

Das fünfte Kapitel handelt von Lukas´ weiterer Stabilisierung und Selbständigkeit im achten Schuljahr. Die Schulbegleitung möchte sich selber im Sinne des Grundsatzes „Hilfe zur Selbsthilfe“ immer überflüssiger machen. Gemeinsam mit der Sonderpädagogin wird der Nachteilsausgleich angepasst, was nach Einschätzung der Autorin ungefähr 50% der Lehrkräfte zur Kenntnis nehmen. Weitere Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die Organisation der selbständigen Erledigung der Hausaufgaben für Lukas (dabei tauscht sie sich mit seiner Mutter aus) und die Organisation einer Berufsberatung für Lukas, die seinen Bedürfnissen angemessen ist. Ihre Erwartungen an diesbezügliche Unterstützung seitens der Schule erfüllen sich nicht, man gestattet ihr aber, die spezielle Beratung für Lukas zu organisieren.

Die Autorin beschreibt im weiteren Verlauf des Kapitels einen gelungenen Besuch des Weihnachtsmarktes mit Lukas und Lukas´ Berufspraktikum sowie die Bedingungen, die zum Gelingen der jeweiligen Aktivität beitrugen. Die Schilderung der in ihren Augen weniger gelungenen Stunden eines Fachlehrers, die Lukas aber dank ihrer Unterstützung vergleichsweise gut bewältigt, und die ausdrückliche Würdigung und Wertschätzung der Lehrkräfte, die mit ihr in den vergangenen Jahren konstruktiv zusammengearbeitet und damit Lukas´ Entwicklung maßgeblich unterstützt hatten, schließt das Kapitel ab.

Diskussion

Über die Schilderung ihres Alltags als Schulbegleiterin, die lebendig erzählten vielfältigen Situationen und ihre Reflexionen lässt die Autorin die Inklusion mit ihren Chancen und Problemen lebendig werden. Sie zeigt anhand dieser Situationen die Bedeutung einer konstruktiven Zusammenarbeit der Lehrkräfte mit der Schulbegleitung für die Inklusion klar auf und bezieht deutlich Position dagegen, die Verantwortung für das begleitete Kind vollständig auf die Schulbegleitung abzuwälzen.

Es handelt sich um eine Einzelfallbeschreibung, meiner Ansicht nach lassen sich die Beobachtungen und Analysen der Autorin jedoch auf viele Schulsituationen mit Kindern mit Autismusspektrumsstörungen übertragen. Spannend wäre es meines Erachtens, die Analysen der Autorin, beispielsweise ihre Kategorisierung der Lehrkräfte in Bezug auf ihren Umgang mit dem Kind und seiner Schulbegleitung und die Auswirkungen der verschiedenen Kategorien auf die Qualität der Inklusion, im Rahmen einer Forschungsarbeit zu überprüfen.

Fazit

Die Autorin schildert lebendig die Inklusion eines Kindes mit einer Autismusspektrumsstörung (Asperger Syndrom) in eine KGS und analysiert schlüssig die Bedingungen, die zum Gelingen oder – teilweise – zum Scheitern der Inklusion führen. Dieses Buch ist sehr empfehlenswert für alle, die mit der Inklusion zu tun haben.


Rezensentin
Ortrud Aden
M.A. Sonderpädagogik und Rehabilitationswissenschaften, z. Z. Tätigkeit in einer Autismusambulanz
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Zitiervorschlag
Ortrud Aden. Rezension vom 23.02.2015 zu: Diane Müller: Keine Panik,....Es ist doch nur Schule! Autismus und Schule im Zeitalter von Inklusion Ein Erfahrungsbericht aus Sicht einer Schulbegleitung. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2014. ISBN 978-3-7347-3011-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18214.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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