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Dominik Neumann: Bildungsmedien Online

Rezensiert von Prof. Dr. Werner Sauter, 20.07.2015

Cover Dominik Neumann: Bildungsmedien Online ISBN 978-3-7815-2008-0

Dominik Neumann: Bildungsmedien Online. Kostenloses Lehrmaterial aus dem Internet: Marktsichtung und empirische Nutzungsanalyse. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 199 Seiten. ISBN 978-3-7815-2008-0. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Kostenloses Lehrmaterial im Internet gewinnt zunehmend an Bedeutung. Mit Hilfe von empirischen Methoden untersucht der Autor diese Lehrmaterialien, indem er in einer Längsschnittstudie über drei Jahre hinweg diesen Bestand systematisch beobachtet und eine Online-Befragung unter Lehrkräften aller Fachrichtung durchführt. Damit soll ein sehr detailliertes Bild der aktuellen Nutzungspraktiken von Lehrmitteln im Schulunterricht entwickelt werden. Eine besondere Rolle spielen hierbei Urheberrechte und die Zugänglichkeit der Medien.

Autor

Dr. Dominik Neumann ist am Lehrstuhl für Pädagogik an der Universität Augsburg tätig. Außerdem leitet er seit 2009 das Projekt GamePäd – Professional Education zum Aufbau von Medienkompetenz.

Entstehungshintergrund

Die Open Educational-Resources-Bewegung entstand 2001 durch die Open Course Ware-Initiative des MIT und 2002 auf Anstoß der OECD. Mittlerweile werden auch in Deutschland eine Vielzahl von offenen Lehr- und Lernangeboten zur Verfügung gestellt. Open Educational Resources (OER) sind digitalisierte Lehr- und Lernmaterialien, die im Internet zur freien Verfügung stehen. Damit eröffnet sich die Möglichkeit für Lerner, Ziele und Inhalte sowie Wissensquellen selbst zu bestimmen und ihre Lernprozesse zu organisieren. Aber auch für die Lehre eröffnen diese freien Lernmedien eine breite Palette an Möglichkeiten.

Lehrer greifen zunehmend auf kostenloses Lehrmaterial zurück, das sie ergänzend zu den Schulbüchern einsetzen, obwohl Fragen des Urheberrechts, aber auch der Qualität häufig nicht ausreichend geklärt sind. Damit stellt sich die Frage, wie diese freien Materialien sinnvoll in die Lehr-Lern-Arrangements eingebunden werden könne.

Aufbau und Inhalt

Nach theoretischen Vorüberlegungen erläutert der Autor zunächst sein Forschungsdesign, die gesellschaftlichen und technologischen Rahmenbedingungen sowie den Forschungsgegenstand. Er betont hierbei, dass sich die Untersuchung nur auf Materialien bezieht, die über den Lehrer Eingang in den Unterricht der Schule finden und dort auch verwendet werden sollen. Deshalb müssen sie didaktisch aufbereitet sein. Durch diese Eingrenzung auf Lehrmittel wird der heute dominierende Bereich der OER, Lernmittel für selbstorganisierte Lernprozesse, bewusst nicht untersucht. Der Begriff der Medien wird dabei sehr weit gefasst, vom Video, Audiodateien, Lern-Software bis zu Computerspielen.

In den Jahren 2011 bis 2013 wurde dieser Markt systematisch gesichtet. Neben einer fachlichen und einer regionalen Struktur wurden auch die Anbieter in Kategorien, von Plattformen, Unternehmen, Vereinen, Stiftungen, Privatpersonen über kommerzielle Anbieter, die einen Vorgeschmack auf kostenpflichtige Angebote geben wollen, und öffentlichen Anbietern bis zu Verlagen oder Kirchen, eingeteilt.

Die Zahl der Angebote schwankt über die Jahre, wobei der Markt durch eine von einer Gemeinschaft getragenen Plattformen zu den Fächern Mathematik und Deutsch dominiert wird. Dabei wird nach dem Motto „Von Lehrern für Lehrer“ Material getauscht, vervielfacht, verbessert und weitergegeben. Dies geschieht in einer rechtlichen Grauzone, weil die Frage der Urheberschaft nicht immer eindeutig klar ist.

Die Frage, inwieweit diese Materialien tatsächlich im Unterricht eingesetzt werden, wurde in einer Lehrerbefragung mit geschlossenen Fragen untersucht. Dies schränkt die Aussagefähigkeit der Untersuchung naturgemäß gegenüber qualitativen Erhebungen deutlich ein. Obwohl es zum Untersuchungszeitpunkt 665.892 Lehrer gab, kamen nur 889 Bögen mit deutlichen regionalen Schwerpunkten, z.B. in Bayern, zurück. Der Autor bezeichnet diesen Wert als solide Grundlage, weil damit sämtliche statistische Verfahren angewandt werden können. Für den Leser verschwinden jedoch dadurch die Zweifel an der Aussagefähigkeit nicht wirklich. Verstärkt wird dieser Eindruck, weil es keine entsprechenden Vergleichsstudien gibt.

Betrachtet man einzelne Ergebnisse, so fällt auf, dass Schulbücher und Arbeitsblätter mit weitem Abstand die wichtigsten Medien im Unterricht sind, obwohl sie nicht in allen Fächern, z.B. Handarbeit, aber auch in Politik und Sozialkunde, die Rolle als Leitmedium haben. Insbesondere mangelnde Aktualität und fehlende Variabilität werden bemängelt. Danach werden Arbeitsbücher und -hefte sowie Bildern genannt. Bereits an 5. Stelle folgen Internetseiten, denen fast jeder zweite Lehrer eine wichtige oder herausragende Rolle zuordnet. Die hohe Nutzung der Schulbücher kann auch damit begründet werden, dass ihre Qualität eine relativ positive Einschätzung genießt, während die Lehrkräfte diesen Aspekt bei Lehrmitteln aus dem Internet sehr zurückhaltend bewerten.

Es zeigt sich, dass der Einsatz von Medien vom Schulfach, aber auch von der Struktur der Schule und der Person der Lehrenden abhängt. Hierbei spielen die Art der Anstellung, die Ausbildung oder regionale Aspekte eine Rolle, nicht jedoch das Alter der Lehrer.

Auf Basis von fünf Hypothesen untersuchte der Autor die voraussichtliche Entwicklung von kostenlosen Lehrinhalten im Internet. Das neue Angebot im Internet wird zwar in den Schulbehörden sehr wohl registriert, es wurden jedoch bisher daraus kaum Konsequenzen gezogen. Die Lehrinhalte im Internet weisen eine sehr große Bandbreite in Hinblick auf ihre Qualität auf. Von vielen Anbietern wird der neue Markt für kostenlose Lehrmaterialien aus dem Internet dazu verwendet, Werbung, Meinungen oder eigene Interessen in den Unterricht zu transportieren. Offene Lehrmaterialien aus dem Internet werden heute bereits „mittelstark“ im Unterricht eingesetzt. Die Frage, ob die Lehrer die notwendige Medienkompetenz besitzen, konnte mit der Studie nicht schlüssig beantwortet werden.

Insgesamt ist es damit nicht möglich einzuschätzen, ob kostenloses Lehrmaterial, das zwischenzeitlich ein fester Bestandteil des Unterrichts ist, einen positiven oder negativen Einfluss auf den Unterrichtsalltag hat. Der Autor hofft jedoch, dass diese neue Konkurrenz die Schulbuchautoren dazu zwingt, ihre Produkte zu überdenken und weiter zu entwickeln. Gleichzeitig fordert er einen rechtlichen Rahmen für diese neuen Lehrmedien, ohne diesen zu konkretisieren. Auch bleibt nach seiner Meinung offen, ob das Medium Buch und die freien Lehrmaterialien nebeneinander bestehen können. Das Buch schließt mit einer kritischen Würdigung der Probleme der empirischen Feldforschung sowie mit einem Ausblick ab, der sehr viele Fragen offen lässt.

Fazit

Der Leser dieses Buches bleibt etwas ratlos zurück, weil nach der Lektüre der Studie mehr Fragen offen bleiben als beantwortet wurden. Auch verschwinden im Laufe der Darstellung die Zweifel nicht, ob eine Untersuchung mit einer derart geringen Rückflussrate wirklich ein realistisches Bild der aktuellen Situation abgibt.

Obwohl der Titel sich auf kostenlose Lehrmaterialien im Internet bezieht, bildet das Schulbuch den Schwerpunkt der Analyse. Völlig vernachlässigt wird jedoch in dieser Studie, dass Open Educational Resources primär die Möglichkeit bieten, als Lernmedien in selbstorganisierten Lernprozessen eingesetzt zu werden, weniger als Lehrmaterialien. Die Frage, ob mit freien Lernmaterialien Lernarrangements in Schulen möglich sind, die durch mehr Selbstorganisation geprägt sind, wird überhauptvöllig negiert.

Damit geht diese Untersuchung völlig über den Kern dieser Entwicklung im Web und folglich auch über die Chancen hinweg, die sich für die Schulen ergeben können, wenn die Schüler, z.B. im Rahmen von Projekten, selbstorganisiert im Netz Wissen aufbauen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Wie sollen die Schüler Medienkompetenz aufbauen, wenn die Lehrer als Filter für diese freien Medien wirken. Der Autor geht ausschließlich vom Bild des fremdgesteuerten Unterrichts aus, der nunmehr mit freien Lernmedien „angereichert“ werden kann. Innovative Lernarrangements, wie Blended oder Social Learning, spielen für ihn offenbar keine Rolle.

Es ist schade, aber diese Studie liefert damit kaum Ansätze für eine Weiterentwicklung des Schulsystems, die sich an den aktuellen Entwicklungen in Gesellschaft und Arbeitswelt orientiert. Hinzu kommt, dass für die dargestellten Ergebnisse sicher auch ein Artikel in einer Fachzeitschrift ausgereicht hätte.

Rezension von
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
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Es gibt 66 Rezensionen von Werner Sauter.

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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 20.07.2015 zu: Dominik Neumann: Bildungsmedien Online. Kostenloses Lehrmaterial aus dem Internet: Marktsichtung und empirische Nutzungsanalyse. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. ISBN 978-3-7815-2008-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18216.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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