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Florian Keller: Strukturelle Faktoren des Bildungserfolgs

Cover Florian Keller: Strukturelle Faktoren des Bildungserfolgs. Wie das Bildungssystem den Übertritt ins Berufsleben bestimmt. Springer VS (Wiesbaden) 2014. 388 Seiten. ISBN 978-3-658-05441-0. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.
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Thema

Bei der vorgestellten Monographie handelt es sich um eine quantitative Untersuchung der Transitionen junger Menschen von der Sekundarstufe I in die vom Autor sogenannte „nachobligatorische Ausbildung“ in der Schweiz unter Berücksichtigung individueller und struktureller Faktoren. „Strukturelle Faktoren des Bildungserfolgs. Wie das Bildungssystem den Übertritt ins Berufsleben bestimmt“ ist die Qualifikationsarbeit des Autors zur Erlangung des Doktorgrades, die 2013 an der Universität Zürich angenommen wurde.

Autor

Dr. Florian Keller ist – laut Klappentext des Buches – Bildungssoziologe und Senior Researcher am Institut für Bildungsevaluation, einem assoziierten Institut der Universität Zürich.

Aufbau und Inhalt

Die Monographie ist in drei Teile gegliedert.

  1. Im ersten Teil werden neben der Einleitung, dem Forschungsstand und der Herleitung der Forschungsfragen die theoretischen Ansätze für die Untersuchung diskutiert.
  2. Im zweiten Teil beschreibt der Autor die Erhebungsinstrumente, Durchführung und Stichprobe seiner Untersuchung und geht auf die Analysemethoden ein.
  3. Im dritten Teil erfolgt eine Darstellung der Ergebnisse anhand der Forschungsfragen, bevor eine Zusammenfassung und eine Diskussion der Ergebnisse im Licht prominenter bildungspolitischer Forderungen und empirischer Forschungen anderer erfolgt.

Im ersten Teil führt Keller zunächst in das Untersuchungsfeld ein und entwirft einen differenzierten Überblick über die Studienlandschaft, die sich mit der Wirksamkeit von Schulsystemen beschäftigt. Er stellt heraus, dass diese von Schulleistungsvergleichen dominiert wird und skizziert das Desiderat, welches er in der Messung des „Outcome“ von Schulsystemen sieht. Für die vorliegende Untersuchung definiert er als Outcome die erfolgreiche Transition in eine Ausbildung der Sekundarstufe II. Die Untersuchung wird von einer dreiteiligen Forschungsfrage geleitet, die nach individuellen Merkmalen für einen erfolgreichen Übertritt, nach der Bedeutung des Arbeitsmarkts und nach den Bedeutungen von Bildungssystemen in den verschiedenen Kantonen der Schweiz für eine erfolgreiche Transition fragt. Der theoretische Teil der Arbeit gliedert sich in einen Überblick über die Funktionen des Bildungssystems, die Diskussion verschiedener Effektivitätsmodelle von Bildungssystemen und des Konzeptes der Transition als Schlüsselstelle im Lebenslauf im Hinblick auf den Übergang in die Ausbildung.

Im zweiten Teil stellt der Autor zunächst die „eidgenössischen Jugendbefragungen“ (S. 123ff) vor, die den einen Teil seines Datensatzes stellen. Hierbei handelt es sich um eine Befragung im Rahmen der Militärdiensteignungsprüfung in der Schweiz. Weiter beschreibt er das zusätzliche Untersuchungsinstrument; einen weiteren Fragebogen für junge Frauen und Männer ohne Schweizer Staatsbürgerschaft, da die eidgenössischen Jugendbefragungen fast ausschließlich junge Menschen männlichen Geschlechts mit Schweizer Staatsbürgerschaft erreichen. Im darauffolgenden Kapitel werden die Stichprobe und die Durchführung beschrieben bevor dezidiert auf die gewählten Analysemethoden eingegangen wird.

Im dritten Teil stellt Keller zunächst die abhängigen Variablen vor, die für seine Untersuchung relevant gesetzt wurden. Er operationalisiert „erfolgreiche Transition“ sorgfältig und unter Diskussion empirischer Ergebnisse durch die Wahl der folgenden zwei abhängigen Variablen: Zum einen das Finden und den nahtlosen Wechsel in eine Ausbildung der Sekundarstufe II, zum anderen sollen die untersuchten Individuen mit 19 Jahren eine Ausbildung abgeschlossen haben oder sich in ihr befinden. Damit macht Keller deutlich, dass er eine erfolgreiche Transition an ein Konzept von Normalformerwartungen zurückbindet, nämlich den nahtlosen Übergang von der Schule in die Ausbildung. In den drei folgenden Kapiteln stellt er die empirischen Ergebnisse nach den drei Forschungs-Teilfragen gegliedert dar: die Bedeutung individueller Merkmale für die erfolgreiche Transition, die Bedeutung des Arbeitsmarktes und die Rolle von Schulsystemen für eine erfolgreiche Transition. In Kapitel 13 führt er die zentralen Ergebnisse zusammen, bevor er im letzten Kapitel die Ergebnisse anhand pointiert formulierter bildungspolitischer Fragen diskutiert und in die bestehende Forschung rückbindet.

Diskussion

Florian Keller hat eine sinnvoll gegliederte Studie zur Frage der Bedeutung von Schulsystemen und weiteren Rahmenbedingungen für die erfolgreiche Transition in die Ausbildung in der Schweiz vorgelegt. Die Frage der Bedeutung von Schulsystemen wird als eine von drei Teilfragen behandelt, was aufgrund des Titels des Buches zunächst irritiert, bei Durcharbeit der Studie jedoch stimmig ist. Enttäuscht wird jedoch, wer ausschließlich eine Darstellung zur Bedeutung von Schulsystemen für eine erfolgreiche Transition erwartet. Die Erweiterung um die Bedeutung lokaler Arbeits- und Ausbildungsmärkte und individuelle Merkmale sind empirisch anregend und greifen die Komplexität von Transitionen an der ersten Schwelle adäquat auf. Die Operationalisierung von Transition folgt einer Normalformerwartung von biografischen Verläufen und berücksichtigt keine Entwicklungen, die zu einer späteren erfolgreichen Transition nach dem 19. Lebensjahr führen.

Aufgrund des Schweizer Bildungsförderalismus und den kantondifferenten Systemen sind die Ergebnisse zu den Schulsystemen vor allem für Lesende mit einem Interesse an Schweizer Verhältnissen von Bedeutung. Die Ergebnisse zur Bedeutung der Arbeitsmarktstrukturen und der individuellen Faktoren für eine erfolgreiche Transition scheinen jedoch Geltung über die Schweiz hinaus zu haben und schließen aus Perspektive der Leserin an bestehende Forschungen an (z.B. Granato/Ulrich 2014). Die Diskussion dessen, was Keller als „individuelle Merkmale“ bezeichnet, erscheint unter einer sozialkonstruktivistischen Perspektive zu kurz gegriffen, da auch diese „individuellen Merkmale“ wie Migrationshintergrund, Gender und sozioökonomischer Status der Herkunftsfamilie strukturelle Beeinflussung erfahren und erst in einer spezifischen gesellschaftlichen Umgebung benachteiligend wirken (vgl. S. 320ff).

Fazit

Die Monographie richtet sich an ein Fachpublikum, das an quantitativen Perspektiven auf den Übergang von der Schule zum Beruf interessiert ist. Der sehr klare und transparente Aufbau der Arbeit macht sie auch für Lesende interessant, die nicht in Gänze mit einer regressionsanalytischen Auswertung vertraut sind. Besonders prägnant ist das Abschlusskapitel, das in zugespitzter Form häufig gehörte Forderungen der Bildungspolitik im Licht der Ergebnisse diskutiert. Die dabei gewählte Form, die an ein „FAQ“-Format erinnert, ist ungewöhnlich und bildet einen reizvollen Abschluss.

Literatur:

Granato, D. M., & Ulrich, D. J. G. (2014). Soziale Ungleichheit beim Zugang in eine Berufsausbildung: Welche Bedeutung haben die Institutionen? Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 17(2), 205-232. http://doi.org/10.1007/s11618-013-0469-y


Rezension von
Dipl. Soz.päd. Nina Erdmann
M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am FB angewandte Sozialwissenschaften FH Dortmund im Forschungsprojekt „Diversität und Bildung“
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Zitiervorschlag
Nina Erdmann. Rezension vom 09.04.2015 zu: Florian Keller: Strukturelle Faktoren des Bildungserfolgs. Wie das Bildungssystem den Übertritt ins Berufsleben bestimmt. Springer VS (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-05441-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18221.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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