Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Josef Freise, Mouhanad Khorchide (Hrsg.): WerteDialog der Religionen

Rezensiert von Prof. Dr. Renate Zitt, 21.04.2015

Cover Josef Freise, Mouhanad Khorchide (Hrsg.): WerteDialog der Religionen ISBN 978-3-451-33251-7

Josef Freise, Mouhanad Khorchide (Hrsg.): WerteDialog der Religionen. Überlegungen und Erfahrungen zu Bildung, Seelsorge, Sozialer Arbeit und Wissenschaft. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2013. 340 Seiten. ISBN 978-3-451-33251-7. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Die beiden Herausgeber Josef Freise und Mouhanad Khorchide haben zum Thema „Wertedialog der Religionen. Überlegungen und Erfahrungen zu Bildung, Seelsorge, Sozialer Arbeit und Wissenschaft“ einen 368 Seiten umfassenden Band in der Schriftenreihe der Georges-Anawati-Stiftung vorgelegt, die den interreligiösen Dialog fördert. Die Herausgeber betonen: „Dieses Buch will aufzeigen, dass die Pluralität der Religionen in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern eine Chance für die Gesellschaft darstellt, wenn die Religionen sich im gegenseitigen Respekt auf einen Wertedialog einlassen, und zwar auf den verschiedenen Ebenen des fachlich-intellektuellen Diskurses, des alltäglichen Miteinander in den Kommunen, Stadtteilen und den Religionsgemeinschaften vor Ort, im gemeinsamen Handeln und auch in der spirituellen Suche nach den tragenden Werten. In einem solchen gelebten Dialog erinnern die Religionen Europa dann an einen zentralen Wert, auf den sie sich seit der Französischen Revolution immer beruft: die Anerkennung von Gleichheit aller in ihrer Verschiedenheit.“(25f.) Dabei heben die Herausgeber – in der Tradition des Pragmatismus – hervor, „dass Werte in Interaktionen zwischen Menschen entstehen“ (28), die in einem Wertepluralismus Gespräche und Dialoge benötigen.

Herausgeber

Prof. Dr. Josef Freise, Diplomtheologe und Dr. paed. ist „Professor für Theorien und Konzepte der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule NRW in Köln mit den Schwerpunkten der Sozialen Arbeit in der Migrationsgesellschaft sowie der interreligiösen Bildung“ (363). Prof. Dr. Mouhanad Khorchide ist „Professor für Islamische Religionspädagogik, Koordinator des Graduiertenkollegs „Islamische Theologie“ der Stiftung Mercator sowie Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster“ (364).

An dem vielstimmigen Band haben neben den Herausgebern zwanzig weitere Autorinnnen und Autoren aus verschiedenen Bereichen von Wissenschaft, Hochschule, Kirche, Religion, Theologie, Sozialer Arbeit, Politik, interreligiöser und interkultureller Bildung, anwaltschaftlichem Engagement, Bildungsforschung und Bildungsarbeit im Hinblick auf theoretische und praktische Aspekte des interreligiösen Dialogs und seiner Verhältnisbestimmung zur Wertebildung und zum Wertedialog mitgearbeitet.

Entstehungshintergrund

Der facettenreiche Band dokumentiert einerseits die Ergebnisse eines Kongresses, der vom 26.-28. 11. 2012 in Köln zum „Wertedialog der Religionen in Bildung, Seelsorge, Sozialarbeit und Wissenschaft“ (9) unter der Federführung des Diözesan-Caritasverbandes des Erzbistums Köln unter Kooperation mit dem Referat Dialog und Verkündigung und dem Bildungswerk der Erzdiözese Köln, der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, der Synagogengemeinde Köln und dem Zentrum für Islamische Theologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, stattgefunden hat, andererseits führt er die Ergebnisse weiter und bilanziert sie.

Aufbau

Das Buch ist – nach Vorworten, Geleitwort und Einleitung der Herausgeber – in drei große Abschnitte untergliedert:

  1. zunächst geht es um „Werte und Wertebildung in einer pluralen Gesellschaft: Theoretische Beiträge“ (37ff.),
  2. dann um den „Wertedialog in Europa“ (113ff.) und schließlich
  3. in einem dritten, umfangreichsten Teil um „Lernorte: Wertebildung in der Praxis“ (181ff.).

Abschlussbetrachtungen im Sinnes eines Fazits der Herausgeber zum Thema „Wertebildung durch Religionen in der pluralen Gesellschaft“ (353ff.) und ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren beschließen den Band.

Inhalt

Im ersten Teil der theoretischen Beiträge skizziert David Bollag „Werte und Wertebildung in einer pluralen Welt aus jüdischer Sicht“ (39ff.), darauf antwortet aus muslimische Perspektive Mouhanad Khorchide (54ff.). Aus christlicher Sicht skizziert Clemens Sedmak Werte und Wertebildung (59ff.), darauf antwortet Jaron Engelmayer aus jüdischer Sicht. Katajun Amipur beschreibt „Werte und Wertebildung in einer pluralen Gesellschaft aus muslimischer Sicht. Islamische Begründungen für die Anerkennung des religiös Anderen“ (87ff.), darauf antwortet aus christlicher Sicht Josef Freise (107ff.) Im Band selber werden die dargestellten theoretischen theologischen Positionen von Jussra Schröer im Praxisteil in ihrem Artikel zum Umgang mit religiöser Pluralität in der Schule treffend zusammengefasst und gleichzeitig angewandt. Die Zusammenfassung soll hier zitiert werden, weil sie gleichzeitig die Leistung des Bandes deutlich macht, einen vielstimmigen Diskurs zu initiieren, in dem die Autorinnen und Autoren auch aufeinander Bezug nehmen: „Im Gespräch über Religionen können Schülerinnen und Schüler drei Wertehaltungen erlernen: Empathie, authentische Selbstdarstellung und das Aushalten von Ungewissheit (Ambiguitätstoleranz). In Bezug auf diese drei Haltungen beziehe ich mich auf die drei Hauptreferate des Kongresses zum Wertedialog. Clemens Sedmak erwähnte in seinem Vortrag, dass das Einüben von Empathie und Vorstellungskraft eine wichtige Voraussetzung für das Zusammenleben im Alltag sei. (…) Zu einem Wertedialog gehört es auch, einen eigenen Standpunkt kraftvoll zu entwickeln – und den Standpunkt des Anderen gleichzeitig zu respektieren. Rabbiner David Bollag sagte hierzu: „Du hast Recht, aber ich habe auch Recht!“ Wer immer auch Recht hat – Katajun Amipur betonte, wie wichtig es sei, Fragen offen zu halten: Allahu alam – Gott ist der Wissende“ (202f.)

Der zweite Teil bezieht sich stärker auf die Frage der Werte und des Wertedialogs in Europa, zu dem Josef Freise, Mouhanad Khorchide, Dan Sandu und Rita Süssmuth Beiträge verfasst haben. Josef Freise betont hierbei die Pluralismusfähigkeit, die auch eine „Versöhnung religiöser und nichtreligiöser Weltauffassungen“ (121) im Sinne universalistischer Werte wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – hier interpretiert als Verbundenheit, Solidarität und „compassion““ (123) – einschließt. Mouhanad Khorchide betont „einen spezifischen religiösen Wert im Islam“ (137), „religiöse Spiritualität“ (138). „Das Göttliche ist die absolute Verwirklichung von Liebe, Barmherzigkeit, Gnade, Verantwortlichkeit, Fürsorge usw. Das Hervorheben des Göttlichen im Menschen bedeutet somit das Hervorheben dieser Eigenschaften im Menschen.“ (142) Dies gilt auch für das Judentum und das Christentum, denn „bei dem jüdisch-christlich-muslimischen Gott“ handelt es sich „um den liebenden, barmherzigen Gott“, „der die Menschen aus seiner bedingungslosen Liebe und Barmherzigkeit heraus erschaffen hat, mit dem Ziel, ihn in seine Gemeinschaft, in die ewige Glückseligkeit aufzunehmen.“(149)

Der dritte und umfangreichste Teil des Bandes exemplifiziert Lernorte der Wertebildung in der Praxis an den Lernorten Kindergarten, Jugendarbeit, Soziale Arbeit, Krankenhaus, Erwachsenenbildung, Pilgern, Museum, Europäischer Austausch und Hochschule durch ausgewiesene Fachleute in ihren jeweiligen Bereichen. Die Leitfragen für interreligiöses Lernen, um deren konkrete Gestaltung sich m. E. auch die anderen Lernorte in der Praxis reihen und für die sie konzeptionelle Perspektiven und Handlungsanregungen entwerfen, fasst Mouhanad Korchide in seinem Beitrag zur Interreligiosität in der islamisch-theologischen Ausbildung folgendermaßen zusammen: „Wie gehen wir in unserer heutigen pluralen Gesellschaft mit dieser religiösen und kulturellen Vielfalt um? Wie schaffen wir Räume, in denen unterschiedliche Kulturen und Religionen nicht nur existieren, sondern miteinander in den Dialog treten können?“( 297) Die einzelnen Beiträge des dritten Teil zu den Lernorten in der Praxis zeigen unterschiedliche produktive Dialog- und Handlungsperspektiven auf.

In ihrem gemeinsamen Fazit zur „Wertebildung durch Religionen in der pluralen Gesellschaft“ (353ff.) betonen die Herausgeber Josef Freise und Mouhanad Khorchide für den Wertedialog in einer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft, die Ebene des Individuums und des Gewissens, die Ebene der Institutionen und die Ebene der Praktiken. Dabei ist ihnen wichtig: „Der Mensch ist in jüdischer, christlicher und islamischer Sicht mit Vernunft und damit mit Erkenntnis- und Unterscheidungsfähigkeit ausgestattet, um mittels seiner ratio Wertentscheidungen treffen zu können. Zwischen den säkularen und den religiösen Begründungen von Werten gibt es Verbindungslinien.“ (358) Verschiedene religiöse Deutungen und auch religiöse und nicht-religiöse Weltsicht sollen daher im Hinblick auf die gemeinsame Wertefrage und den Wertedialog nicht gegeneinander ausgespielt werden. Dies ist m.E. ein sehr wichtiges Ergebnis der theoretischen und praktischen Erörterungen des vorliegenden Bandes. Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist: „Dabei muss die Praxis, also die Alltagserfahrung der Menschen in den verschiedenen Institutionen und Begegnungsstätten, stärker in die Wertedebatte involviert werden. Denn Werte werden letztendlich nicht von oben aufgesetzt, sondern müssen in einer Gesellschaft und für sie wachsen.“ (358f.)

Fazit

In seiner Vielstimmigkeit und seiner Perspektivenvielfalt bietet der Band viele theoretische und praktische Informationen und Anregungen einerseits zum Wertedialog der Religionen und zum interreligiösen und interkulturellen Lernen, andererseits auch darüber hinaus, zu den Dialogperspektiven zwischen religiöser und nicht religiöser dialogischer Wertebegründung.

Rezension von
Prof. Dr. Renate Zitt
Professorin für Religions- und Gemeindepädagogik an der Evangelischen Hochschule Darmstadt
Mailformular

Es gibt 8 Rezensionen von Renate Zitt.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Renate Zitt. Rezension vom 21.04.2015 zu: Josef Freise, Mouhanad Khorchide (Hrsg.): WerteDialog der Religionen. Überlegungen und Erfahrungen zu Bildung, Seelsorge, Sozialer Arbeit und Wissenschaft. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2013. ISBN 978-3-451-33251-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18228.php, Datum des Zugriffs 09.08.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht