socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Nicole Göler von Ravensburg (Hrsg.): Perspektiven für Genossenschaften [...]

Nicole Göler von Ravensburg (Hrsg.): Perspektiven für Genossenschaften aus Sicht der Sozialen Arbeit. 2003. 104 Seiten. ISBN 978-3-926553-33-1. 12,00 EUR.

Institut für Genossenschaftswesen an der Philipps-Universität Marburg.
Recherche bei DNB KVK GVK.


Einführung in das Thema

Der Sozialsektor in Deutschland befindet sich insgesamt in einer wenig beneidenswerten Lage: Einer großen und intuitiv eher zunehmenden Aufgabenvielfalt steht eine begrenzte und tendenziell eher abnehmende Bereitschaft (und wohl auch Fähigkeit) der öffentlichen Hand gegenüber, diese Aufgaben zu finanzieren. Vor diesem Hintergrund erklärt sich das Bestreben von Organisationen und Mitarbeitern aus dem Bereich der sozialen Arbeit, nach möglichen Alternativen zu suchen.

Aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte, die starke Wurzeln im Bereich der Bekämpfung sozialer Not aufweist, ist dabei in jüngster Zeit die Rechts- und Organisationsform der Genossenschaft stärker in den Blickpunkt der verschiedenen Akteure gerückt. Beispielhaft hierfür steht eine einschlägige Tagung der Fachhochschule Frankfurt, durchgeführt vom Fachbereich für Soziale Arbeit und Gesundheit, deren Verlauf und Ergebnisse im Rahmen des vorliegenden Buches vorgestellt werden.

Aufbau und Inhalte des Buches

Das Buch zeichnet den Tagungsverlauf detailliert nach, was sich in den insgesamt sechs Teilen des Buches widerspiegelt.

  1. Teil eins besteht aus mehreren Grußworten von Vertretern der Fachhochschule Frankfurt (Wolf Rieck, Herbert Swoboda und Nicole Göler von Ravensburg).
  2. Teil zwei eröffnet die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Materie, nämlich der Eignung von Genossenschaften zur Übernahme von Aufgaben aus dem Spektrum der sozialen Arbeit. Eingeleitet wird dieser Part durch Burchhard Bösche, der als Vertreter eines Genossenschaftsverbandes die Genossenschaft als Rechts-, Organisations- und Wirtschaftsform vorstellt, ihre Besonderheiten er im Vergleich zu GmbH und Verein erläutert und ihre Vorteile hervorhebt. Diese noch eher allgemein auf Genossenschaften bezogenen Ausführungen werden danach von Burghard Flieger aufgegriffen, der auf der Basis seiner langjährigen wissenschaftlichen und praktischen Erfahrungen die Genossenschaft als eine Alternative zu anderen Organisationsformen im Sozialbereich skizziert und anhand einiger Beispiele aufzeigt, welche Perspektiven sie für soziale Organisationen bieten kann. Eine Art Kontrapunkt zu diesen Ausführungen setzt Conrad Skerutsch, der vor dem Hintergrund seiner umfangreichen Erfahrung mit Verwaltung und Politik Sozialgenossenschaften aus diesem Blickwinkel betrachtet. Dabei gelangt er zwar ebenfalls zu der Ansicht, dass Sozialgenossenschaften eine wichtige Alternative zu den derzeit weit verbreiteten Organisationsformen darstellen können. Zugleich weist er aber auf zwei Probleme hin, die deren Verbreitung behindern können: Zum einen setzen Genossenschaften als Selbsthilfeorganisationen voraus, dass Politik und Verwaltung bereit sind, zumindest in Ansätzen auf ihren Macht und ihren Einfluss zu verzichten und den Organisationen mehr Selbstbestimmungsrecht einzuräumen. Zum anderen bezweifelt er, ob Genossenschaften wegen der relativ hohen Ansprüche an Engagement und Mitwirkungsbereitschaft für bestimmte Klientel wie geistig Behinderte, Obdachlose oder Drogenabhängige eine geeignete Organisationsform darstellen; er fürchtet hier eine Überforderung dieser Adressaten.
  3. Die drei Vorträge sind auf der Fachtagung Anlass einer intensiven Diskussion gewesen, die dankenswerterweise von den Herausgebern mitgeschnitten und im dritten Teil wieder gegeben wurde. In ihrem Verlauf wird deutlich erkennbar, dass gerade die von Skerutsch angesprochen Frage der "gegenseitigen Eignung" von Genossenschaft und speziellen Klientelgruppen auch unter Fachleute kontrovers diskutiert wird. Zugleich werden Vorbehalte gegenüber einem staatlichen Rückzug aus dem Sozialbereich wie auch gegenüber einer Ökonomisierung des Sozialsektors sichtbar, die zumindest vereinzelt auch zu einer Abwehrhaltung gegenüber der Organisationen in und von Genossenschaften führen kann.
  4. Teil vier besteht aus zwei Praxisberichten von Genossenschaften. Hier stellt Peter Ottmann die Genossenschaft "made in hasenbergl" aus München vor, die eine Verbindung von Stadtteilgenossenschaft und Arbeitslosengenossenschaft darstellt. Georg Dudaschwili berichtet danach, warum die Spastikerhilfe Berlin sich aus einem eingetragenen Verein in eine Genossenschaft umgegründet hat, wo sie die Vorteile sieht und wo Nachteile bestehen. Hierbei wird deutlich, dass Sozialgenossenschaften eine längere Vorlaufzeit vor der Genossenschaftsgründung haben, entweder als konzeptionelle Vorbereitungsphase oder durch die Existenz einer Vorbereitungs- oder Vorgängerorganisation.
  5. Daran anknüpfend greift Nicole Göler von Ravensburg im fünften Teil im Rahmen ihres Referates verschiedene Diskussionsstränge aus den Fach- und Praxisvorträgen auf und bindet diese in eine Gesamtperspektive ein. Dabei geht es einerseits um sozialpolitische Problemstellungen, andererseits um die Organisationsvielfalt, aber auch um sehr praktische Fragen wie jene nach den Zielgruppen, der Finanzierung und der Sichtweise von GründerInnen. Sie gelangt unter Abwägung dieser verschiedenen Facetten zu dem Ergebnis, dass Genossenschaften eigentlich eine sehr attraktive Rechtsform für viele soziale Dienstleister und Betroffene bieten müsste. Dass dennoch bis heute nur vereinzelt Sozialgenossenschaften entstanden sind führt sie auf einen Mangel an Genossenschaftspromotoren zurück.

Die Tagung selbst wie auch das vorliegende Buch enden mit einer Abschlussdiskussion, in der noch einmal die verschiedenen Teilnehmer der Veranstaltung die Gelegenheit ergreifen konnten, die Sichtweisen der Referenten zu kommentieren oder zu kritisieren. Dabei kristallisierte sich die Frage einer möglichen Steuerbefreiung von Rücklagen als ein Punkt heraus, der nach Ansicht mehrerer Diskutanten wie in Italien ggf. die Gründung von Sozialgenossenschaften befördern könnte.

Fazit und Anmerkungen

Das Buch stellt eine ebenso knappe wie informative Einführung in die Diskussion über die Eignung der genossenschaftlichen Rechts- und Organisationsform dar. Deutlich werden nicht nur die organisatorischen Besonderheiten sowie die Vor- und Nachteile, sondern auch die Befindlichkeiten und teilweise das Misstrauen der im Sozialbereich Tätigen gegenüber der Ökonomisierung ihres Arbeitsbereichs, die die Meinungsbildung mit beeinflussen. Deutlich wird auf jeden Fall, das Genossenschaften in der Tat Chancen im Gebiet der Sozialen Arbeit bieten, dass aber auch noch viele Frage offen sind, z. B. hinsichtlich Gemeinnützigkeit, Steuerbefreiung oder der Mitwirkungsmöglichkeiten bestimmter Betroffenengruppen.


Rezensent
Prof. Dr. Jost W. Kramer
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre Hochschule Wismar, Forschungsgruppe für Kooperation, Netzwerke und Unternehmenstheorie Adjunct Professor für Sozialwirtschaft, insbesondere Genossenschaftswesen, Universität Kuopio (Finnland)


Alle 49 Rezensionen von Jost W. Kramer anzeigen.


Zitiervorschlag
Jost W. Kramer. Rezension vom 29.06.2004 zu: Nicole Göler von Ravensburg (Hrsg.): Perspektiven für Genossenschaften aus Sicht der Sozialen Arbeit. 2003. ISBN 978-3-926553-33-1. Institut für Genossenschaftswesen an der Philipps-Universität Marburg. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1823.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Business Development Manager/in, München

Hauptamtlicher Vorstand (w/m/d), Düren

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung