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Frank Kotterer: Der menschliche Lebenslauf als Entwicklungs­aufgabe

Cover Frank Kotterer: Der menschliche Lebenslauf als Entwicklungsaufgabe. Wie aus Schwäche Stärke wird. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2014. 378 Seiten. ISBN 978-3-8300-8135-7. D: 99,80 EUR, A: 102,60 EUR, CH: 135,00 sFr.
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Thema

Ausgangspunkt der Studie ist die Beobachtung, dass Lebensläufe heute immer weniger nach einem Standardmuster ablaufen; die traditionellen „Strukturgeber“ wie Erwerbs- und Familienleben haben sich verändert und mit ihnen sind die Lebensformen vielfältiger geworden. Für die Individuen bedeutet dies, dass sie ihre Biographie „selbstständig und eigenverantwortlich vorantreiben“ müssen. Der Lebenslauf wird zur Entwicklungsaufgabe. Vor diesem Hintergrund geht die Studie der Frage nach, wie ein Individuum unter gegebenen gesellschaftlichen Veränderungen „Deutungs- und Identitätsmuster aufbaut, um für sich Handlungsoptionen zu erkennen und Spielräume zu nutzen“ (S. 12). Dafür soll ein theoretischer Bezugsrahmen entwickelt und zugleich empirisch untersucht werden, ob, ab wann und wie Menschen mit ungünstigen lebensweltlichen Startbedingungen und biographischen Brüchen Selbstverantwortung hinsichtlich der eigenen Lebensplanung übernehmen (S. 105).

Entstehungshintergrund

Die Studie wurde im Jahr 2014 vom Fachbereich 02 Sozialwissenschaften, Medien und Sport der Johannes Gutenberg-Universität Mainz als Dissertation angenommen.

Aufbau

Die Arbeit umfasst neben der Einleitung und der kurzen Schlussbetrachtung drei zentrale Teile:

  1. die Darstellung des theoretischen Rahmens (Abschnitt C, 82 S.) und des methodischen Vorgehens (Abschnitt D, 16 S.),
  2. den empirischen Teil mit vier Fallstudien (Abschnitt E, 212 S.) und vier Biographie-Bildinterpretationen (Abschnitt F, 6 S.) sowie
  3. einen zusammenfassenden Überblick zu den Ergebnissen mit einer Kontrastierung der vier dargestellten Fälle (Abschnitt G, 16 S.).

Inhalt

Theoretischer Rahmen (Abschnitt C): Den theoretischen Rahmen bilden Elemente aus der Lebenslaufforschung und der Sozialisationsforschung. Als „grundlegende Bausteine“ der Lebenslaufforschung stellt der Autor zunächst die Leitbegriffe „Übergang“ und „Verlauf“ dar und diskutiert sie dann im Kontext der verwandten Begriffe „Wendepunkte“, „Gesamtverläufe“ („Karriere“) sowie „Sequenz“ als „eine Art Scharnier zwischen einzelnen Übergängen und gesamten Verläufen“. Im Bereich der Sozialisationsforschung macht sich der Autor gestützt auf Vorarbeiten von D. Geulen auf die Suche nach einem theoretischen Konzept, „in dem der sozialisierte Mensch einerseits als gesellschaftlich handlungsfähiges Subjekt verstanden wird und dessen Begrifflichkeit andererseits anbindungsfähig genug ist für empirische Forschung“ (S. 32). Er diskutiert dabei verschiedene Ansätze mit einem stärker am Subjekt orientierten Sozialisationsverständnis: Sozialisation als Prozess der Krisenbewältigung (U. Oevermann) – Individualisierung als neuer Sozialisationsmodus (U. Beck) – identitätstheoretische Ansätze sowie vor allem das Konzept der „Selbstsozialisation“ als „normative Kraft gesellschaftlicher Veränderung“ (S. 65ff.). Abgeschlossen wird der Theorieteil mit dem Blick auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen, in die der Lebenslauf eingebunden ist, integriert werden muss und „vergesellschaftet“ wird.

Auswertungsverfahren und Methodisches Vorgehen (Abschnitt D): Für seine empirische Forschung hat sich der Autor für den Ansatz einer qualitativen Sozialforschung entschieden. Erhebungsverfahren sind narrative Interviews, Auswertungsmethode ist der Ansatz der objektiven Hermeneutik von U. Oevermann. Dazu werden der theoretische Ansatz und die methodologisch-methodischen Prinzipien von Oevermann dargestellt (S. 98 ff.): Sein Interpretationsverfahren befasst sich mit Texten, in denen reale soziale Handlungen oder Interaktionen protokolliert und damit „versprachlicht“ werden. Oevermann geht dabei davon aus, dass „Lebenspraxis“ sich als Sequenz von krisenhaften Entscheidungen verstehen lässt, die eine typische Fallstruktur erzeugen, d. h. immer wieder nach bestimmten Regeln getroffen werden („Fallstrukturgesetzlichkeit“). Diese manifestieren sich in den (biographischen) Berichten und Erzählungen der Menschen und können somit umgekehrt aus den Protokollen bzw. Texten hermeneutisch rekonstruiert werden. Das vom Autor gewählte Untersuchungsdesign ist darauf abgestimmt: Narrative Interviews mit Interviewpartnern, die „ungünstige lebensweltliche Startbedingungen und schwierige familiale Konstellationen sowie bewegte Verläufe haben“ (S. 105). Von den sechs erhobenen Einzelinterviews mit einer durchschnittlichen Dauer von eineinhalb Stunden wurden in der Arbeit vier ausgewertet. Dafür wurde von jedem Interview jeweils ein Transkript im Umfang von ca. 60 Seiten (bzw. 1 x 80) angefertigt (vollständig dokumentiert und nachlesbar im Internet; Links und Passwort S. 373).

Fallstudien (Abschnitt E): Die vier Fallstudien betreffen zwei Frauen und zwei Männer, die in den 1960er Jahren geboren wurden, aus einem bildungsfernen (Arbeiter-)Milieu stammen und „teilweise abenteuerliche Entwicklungsverläufe“ (S. 339) mit viel- bzw. mehrfachen Krisen und biographischen Brüchen erlebt hatten und wieder Orientierung fanden. Sie waren zum Zeitpunkt der Interviews (2009) gut 40 Jahre alt. Einer dieser Fälle wird (auf insgesamt 75 Seiten) sehr ausführlich dargestellt, um „größtmögliche Nachvollziehbarkeit hinsichtlich der gewonnen Ergebnisse zu garantieren“ (S. 110). Dies beinhaltet neben einer Analyse und Interpretation der objektiven (biographischen) Daten eine ausführliche Darstellung der Analyse biographisch bedeutsamer (Interview-)„Sequenzen“ und der daraus generierten Hypothesen über die (implizite) Fallstruktur. Diese werden mit der Analyse von Prüf- und weiteren „identitätstheoretisch relevanten“ Sequenzen weiter „abgesichert“, sodass schließlich eine generalisierte „typische“ Fallstruktur bezogen auf die analysierte Person formuliert werden kann. Die anderen Fallstudien werden in gestraffter Form (36 – 52 S.) dargestellt: Objektive Daten und Kurzbiographie – biographisches Portrait – Zusammenfassung, Fallstruktur, Fallstrukturgeneralisierung.

Biographie-Bildinterpretationen (Abschnitt F): Den Interviewten wurden nach Abschluss der einzelnen narrativen Interviews sechs „Lebensbilder“ vorgelegt: Achterbahn – Expedition – Gondelfahrt – Gradwanderung – Stock-Car-Rennen – Kunstflug. Diese sollten die Befragten danach bewerten, in wie weit sie ihren Lebenslauf zutreffend repräsentieren, und dem entsprechend in eine Rangfolge bringen.

Zusammenfassende Fallkontrastierung – Zur Bedeutung von Prozessen der Selbst- und Fremdsteuerung und Selbstverantwortung im Lebenslauf (Abschnitt G): Bezogen auf die Ausgangsfrage nach der Bedeutung von Prozessen der Selbst- und Fremdsteuerung und Selbstverantwortung im Lebenslauf kommt die Untersuchung zum Ergebnis, dass die vier Fallstudien „divergente Strukturtypen“ mit einer je „spezifischen Haltung im Umgang mit Entscheidungskrisen der Lebensgestaltung“ verkörpern (s. 329). Dies wird zum einen im „zusammenfassenden Überblick über die biographischen und sozialisatorischen Ausgangsbedingungen“ herausgearbeitet. Zum anderen werden die analysierten Fälle abschließend typisiert als „Der biographische Heimwerker“, „Die beziehungsambivalente Karrierefrau“, „Das revolutionäre Gastarbeiterkind“, „Der biographische Lastenträger“.

Diskussion

Der Autor hat mit seiner Dissertation eine umfangreiche, in ihren theoretischen Bezügen ausgreifende und detailreiche Studie mit einer methodologisch anspruchsvollen und methodisch sehr aufwändigen empirischen Untersuchung vorgelegt. Sie liefert ein überzeugendes Plädoyer dafür, Lebensläufe von Menschen trotz ungünstiger Ausgangsbedingungen nicht als vorherbestimmt und festgelegt zu begreifen, sondern stattdessen auf das Potential zu achten, das in Prozessen der Selbststeuerung und der Selbstverantwortung liegt. Von ihrer Ausrichtung her ist die Studie im Bereich der Grundlagenforschung anzusiedeln. Sie versteht sich als Beitrag zur Sozialisationsforschung. Der Theorieteil ist breit angelegt, wobei gelegentlich die zentrale Fragestellung etwas aus dem Blick gerät, z. B. in den Ausführungen zur Lebenslaufforschung („Lebenslauf aus soziologischer Sicht“; S.28 ff.) oder zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (S. 82ff.). Die Stärke liegt in dem konsequenten Bezug auf die subjektorientierte Perspektive der Sozialisationsforschung. Analyse und Auswertung der Fallbeispiele nach dem Ansatz der objektiven Hermeneutik sind ausführlich und transparent dokumentiert.

Fazit

Die Studie von Franz Kotterer stellt für wissenschaftlich-theoretisch interessierte Leserinnen und Leser einen interessanten und lesenswerten Diskussionsbeitrag dar – einmal für den Bereich der Sozialisationsforschung, zum anderen aber auch für den Ansatz einer qualitativen empirischen Sozialforschung. Anregungen und Impulse für pädagogische oder andere entwicklungsfördernde Interventionen, die man aufgrund des ansprechenden Titels vielleicht erwartet, bietet die Studie nicht. Insofern wird – nicht nur wegen des hohen Preises – der Leserkreis auf einen spezifisch interessierten Kreis von Wissenschaftlern begrenzt bleiben.


Rezensent
Prof. Dr. Josef Eckstein
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Zitiervorschlag
Josef Eckstein. Rezension vom 10.08.2015 zu: Frank Kotterer: Der menschliche Lebenslauf als Entwicklungsaufgabe. Wie aus Schwäche Stärke wird. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2014. ISBN 978-3-8300-8135-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18234.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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