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Barbara Grubner, Veronika Ott (Hrsg.): Sexualität und Geschlecht

Cover Barbara Grubner, Veronika Ott (Hrsg.): Sexualität und Geschlecht. Feministische Annäherungen an ein unbehagliches Verhältnis. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2014. 200 Seiten. ISBN 978-3-89741-363-4. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Autorin

Autorin Barbara Grubner, Dr.in phil., Studium der Kultur- und Sozialantropologie, ist heute wissenschaftliche Geschäftsführerin des Zentrums für Gender Studies und Feministische Zukunftsforschung der Philipps-Universität Marburg.

Herausgegeben wurde das vorliegende Buch von Veronika Ott, Soziologin, promoviert im internationalen Promotionsprogramm „Demokratie, Wissen, und Geschlecht in einer transnationalen Welt“ an der Goethe-Universität Frankfurt. Das Buch erschien in der Reihe „Geschlecht zwischen Vergangenheit und Zukunft“, des Zentrums für Gender Studies und Feministische Zukunftsforschung der Philipps-Universität Marburg. (Band 5)

Aufbau

Das vorliegende Buch ist ein Sammelband, basierend auf einer interdisziplinären Ringvorlesung. Anliegen der Vortragsreihe war es, die aktuellen Entwicklungen im Feld der feministischen Wissenschaften zu beleuchten und dabei auch die Perspektiven von NachwuchswissenschaftlerInnen breit vertreten zu haben.

Die AutorInnen wurden gebeten auf folgende drei Orientierungspunkte zu fokussieren:

  1. Verdeutlichen, wie der Begriff Sexualität von ihnen analytisch gefasst wird, z.B. verschiedene Wissenschaftstraditionen.
  2. Verwobenheiten von Sexualität und Geschlecht mit anderen gesellschaftlichen Strukturen, wie z.b. Nationalität, Religion, Behinderung.
  3. Die feministische Kernfrage nach dem Ort von Sexualität für ein Verständnis gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse.

Inhalt

1. Der Sammelband beginnt mit zwei Beiträgen, die einen Überblick über feministische Thematisierungsweisen von Sexualität anbieten.

  • Susanne Maurer, „UnVerschämtes. (De)Thematisierungen von Sexualität in Frauenbewegungen um 1900 in der Perspektive von Handlungsfähigkeit“ . Maurer schreibt u.a. rund ums Gebot der Anständigkeit und wie sich Begrenzungen zum Trotz, schon früh zentrale Themen abzeichnen, die FeministInnen bis heute beschäftigen.
  • Barbara Grubner „Sexualität und feministische Wissenschaft. Schwerpunkte, Kontroversen und Blickwechsel in der Theoriebildung“ Brennpunkte der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Sexualität, angefangen von frühen analytischen Entwürfen bis hin zu aktuellen queerfeministischen Positionen, mit Beispielen und Bezugnahmen angelehnt an Anthropologie und Psychoanalyse.

2. Zwei Beiträge nehmen Michel Foucaults „Geschichte der Sexualität“ zum Ausgangspunkt, um seine grundlegenden Thesen in zwei signifikanten Punkten aus postkolonialer Perspektive zu erweitern.

  • Der Beitrag von Denise Bergold-Caldwell, „Der weisse Blick – Rassifizierungen Schwarzer Frauen über und durch Imaginationen des Sexuellen“ setzt sich mit der Frage auseinander, auf welche Weise sich das von Foucault herausgearbeitete moderne Sexualitätsdispositiv auf eine spezifisch weiss definierte Sexualität bezieht.
  • Gundula Ludwigs Text „Staatstheoretische Perspektiven auf die rassisierende Grammatik des westlichen Sexualitätsdispositivs. Kontinuitäten und Brüche“, thematisiert die Intersektionalität von Sexualität, Geschlecht und Rasse vor dem Hintergrund aktueller Selbstbeschreibungen westlicher Staaten, in denen Toleranz gegenüber und Inklusion von sexuellen Minderheiten zu Schlüsselbegriffen geworden sind.

3. Drei Beiträge verhandeln Sexualität in Bezug auf die Spezifika konkreter Wissenschaftsdisziplinen und Forschungsfelder.

  • Juana Remus fokussiert im Beitrag „Die Entwicklung des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung. Ein Beispiel für Regulierung und Normierung von Sexualität im Recht“, auf die Ambivalenzen von Anerkennung und Regulierung von Sexualitäten aus der Perspektive der feministischen Rechtswissenschaft. Anhand der Beispiele, Vergewaltigung in der Ehe, Transsexualität, Homosexualität als Asylgrund und Sexualassistenz für Menschen mit Behinderung, beleuchtet Remus u.a. die Rolle der Rechtssprechung zwischen Repression und Autonomie.
  • Marcia Elisa Moser macht sich auf die Suche einer Verhältnisbestimmung von Sexualität und Religion. Ihr Beitrag: „Religion und Sexualität: so nah – und doch so fern“.
  • „Prostitution und die Ordnung des Sexuellen“ von Veronika Ott, bewegt sich im Spannungsfeld der Narrative „patriarchale Gewalt“ und „sexuelle Minderheiten“. Dabei hat z.B. der Aspekt „Konzeptionen des Authentischen und Inszenierten“, in der bisherigen Prostitutionsforschung wenig systematische Aufmerksamkeit erhalten.

Sowohl Ott als auch Moser zielen darauf ab, Sexualität aus einer engen inhaltlich bestimmten Definition zu lösen und sie im Anschluss an neuere poststrukturalistische und queertheoretische Debatten in ihre jeweiligen Forschungsfelder zu integrieren.

Abschluss Den Abschluss des Sammelbandes bilden zwei Texte, die mediale, literatur- und filmwissenschaftliche Repräsentationen von Sexualität im Feld des Erotischen und Pornografischen in den Blick nehmen.

  • Thomas Anz, weist in seinem Beitrag „Sexualität, Geschlecht und Literatur: Was Literaturwissenschaft immer noch von der Psychoanalyse lernen kann“, auf die vielfältigen Bezugnahmen von erotischer Literatur auf psychoanalytisches Wissen hin und schlägt psychoanalytische Konzepte des Verschweigens, Tabuisierens und Verhüllens als Inspiration für eine systematischere literarische Darstellung von Sexualität vor.
  • Nina Schumacher, „We all know porn is just ONE thing…Porn Studies zwischen Ent-Pornografisierung und Pluralisierung“. Sie beobachtet u.a. einen Wandel des Pornografie-Begriffs, der sich langsam von sexuellen Inhalten wegbewegt und immer mehr zur Metapher gesellschaftlich-moralischer Grenzüberschreitung wird.

Der Band endet mit einem Anhang zu den AutorInnen

Diskussion

Ein Buch das Einblicke und Annäherungen in und an den interdisziplinär feministisch Wissenschaftlichen Umgang mit dem Thema Sexualität (und Geschlecht) gibt. Geeignet für Menschen, die es gewohnt sind wissenschaftliche Texte zu lesen. Die anderen auch an der Thematik Interessierten, bleiben leider ziemlich auf der Strecke.

Ich zitiere aus den einleitenden Bemerkungen von Barbara Grubner und Veronika Ott „…Wenn es zutrifft, dass wir heute in Bezug auf Sexualität und Geschlecht weniger mit einem Abbau, sondern vielmehr mit einer Umarbeitung und Absicherung von Herrschaftsverhältnissen zu tun haben, oder wenn wir gegenwärtig das Hegemonialwerden eines neuen Sexual Contract beobachten können, dann ist es hoch an der Zeit, wieder über Sexualität nachzudenken.“

Einverstanden. Aber wer soll über Sexualität nachdenken? Die Wissenschaft, die sich hinter ihren Fachausdrücken, Zitaten und sogenannten Studien verschanzt und so die Mehrheit der Frauen und Männer ausschliesst und ausgrenzt? (Ich frage mich, ob Ausgrenzung der Sinn von Feminismus ist, der von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, Veränderungen anstrebt) Oder sollen sich alle auf die Thematik Sensibilisierten und an der Thematik Interessierten am Nachdenken beteiligen? Oder die von Benachteiligungen Betroffenen? Oder gar eine ganze Gesellschaft – da alle Menschen sexuelle Wesen sind und sich in der einen oder anderen Form sexuell betätigen oder ihr ausgesetzt sind? Meiner Meinung nach hätte die Wissenschaft diesbezüglich die Aufgabe, ihre Erkenntnisse in Alltagssprache zu übersetzen, vom Zitaten- und Studienballast zu befreien und allen zugänglich zu machen. So erst könnte ein wirklicher Dialog stattfinden, ein Nachdenken an dem alle beteiligt sind.

Gerade Beiträge wie „Der Weisse Blick“ (das ist der lesbarste und mit der haarsträubenden Geschichte der Sarah Baartmans auch für Nichtfachmenschen nachvollziehbarste Text des Buches), oder „Die Entwicklung des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung“ sind gesellschaftsrelevante Themen, die einer breiten Öffentlichkeit weder bewusst noch bekannt sind. Und so wie diese Themen hier und anderswo oftmals abgehandelt werden, ist es schlichtweg abschreckend einmal hin zu hören, geschweige denn sich darauf einzulassen, denn das sind „Probleme von Studierten“, höre ich des öfteren.

Schade fürs Buch, schade für den Feminismus. Also bitte übersetzen!

Fazit

Wertvolle Einblicke und Annäherungen in und an den interdisziplinär feministisch Wissenschaftlichen Umgang mit dem Thema Sexualität, geeignet für Menschen, die gerne wissenschaftliche Texte lesen.


Rezensentin
Marlise Santiago
Praxis für Körper, Beziehung, Sexualität
Homepage www.beraten-und-beruehren.ch
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Zitiervorschlag
Marlise Santiago. Rezension vom 09.06.2015 zu: Barbara Grubner, Veronika Ott (Hrsg.): Sexualität und Geschlecht. Feministische Annäherungen an ein unbehagliches Verhältnis. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2014. ISBN 978-3-89741-363-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18236.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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