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Michael Fleißer: Führungshandeln in der Sozialen Arbeit

Cover Michael Fleißer: Führungshandeln in der Sozialen Arbeit. Eine qualitative Untersuchung in ausgewählten Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Tectum-Verlag (Marburg) 2014. 581 Seiten. ISBN 978-3-8288-3478-1. D: 44,95 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 59,90 sFr.
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Thema

Die Jugendhilfe sieht sich vielfältigen Veränderungen gegenüber. Von herausragender Bedeutung ist dabei die Modernisierung des Sozialstaats und die neue Reichweite ihrer Steuerungsimperative. Wandel und Anpassung an neue Anforderungen bedürfen, so die praktisch einhellige Meinung in der Literatur, einer flexiblen Organisation sowie fähiger Führungssysteme in den Einrichtungen und Trägerschaften. Gleichzeitig ebbt der Diskurs um Fachlichkeit und Effizienz in den Erziehungshilfen nicht ab. Diesen Ansprüchen und Diskursen steht ein Mangel an empirischem Wissen über Führung und Führungshandeln in sozialen Diensten gegenüber.

Entstehungshintergrund

Nach Angaben des Autors entstand die Arbeit aus der Idee, „herauszufinden wie sich Führungshandeln im Feld der sozialen Dienste ausgehend von den stationären Hilfen zur Erziehung angemessen rekonstruieren und konkretisieren lässt“. Analyseleitend sollen die Konzepte von Gouvermentalität und sozialpädagogischer Professionalität sein. Die vorliegende Publikation entspringt der Dissertation des Autors.

Autor

Michael Fleißer ist Pädagoge und Betriebswirt gestaltet aktuell Beratungs- und Vertriebsprozesse im Bereich genossenschaftlicher Banken und Bausparkassen. Er verfügt über eine mehrjährige Erfahrung im Bereich der Führungskräfteentwicklung in der Industrie, in der Arbeit mit Kinder- und Jugendlichen sowie über diverse Fach- und Führungstätigkeiten im Bereich der Finanzdienstleistung.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation enthält vier Teile.

Im ersten Teil erfolgt eine Einleitung, insbesondere die Forschungsfrage, die Forschungsrichtung und ihr Rahmen werden dabei skizziert. Wesentliche Bezugspunkte der Führung (als Macht, als Herrschaft, als Regierung, durch Strukturen sowie Personen) werden dargelegt und erörtert. Neben der Grundfrage der Untersuchung wird dabei auch deutlich, dass die Ergebnisse der Studie helfen sollen, Führungshandeln „erkennbarer werden zu lassen“.

Im zweiten Teil, vom Autor als Hauptteil I verstanden, erfolgt eine „Rekonstruktion von Führung als ein Handeln in Hierarchie und Kräftefeld“. Dieser Teil soll der Präsentation der Methode und der Ansätze der Untersuchung dienen, aber auch „Rechenschaft“ darüber ablegen, „wie sich Führungshandeln im Feld in den Zentralkategorien Hierarchie und Kräftefeld in seinem Verlauf konkretisiert“. Expliziert werden neben dem Forschungsdesign die Analyse der Empirie und die Akteure zielbezogener Einflussnahme. Ebenfalls dargelegt werden „Struktur(veränderungen) in wechselseitigen Beeinflussungskonstellationen“. Des Weiteren berücksichtigt werden die Relevanz von Fachlichkeit sowie die zielbezogene Einflussnahme als Intervention in Strukturen. In weiteren Unterabschnitten werden das „(Un)behagen in den Führungsverhältnissen“, „Freiräume als Arenen zielbezogener Einflussnahme durch die Experten“ sowie die zielbezogene Einflussnahme im Lichte der Ergebnisse der empirisch begründeten Rekonstruktion abgehandelt.

Der dritte Teil, vom Autor als Hauptteil II überschrieben, thematisiert theoretische Konkretisierungen von Führung und Bezüge zur Rekonstruktion von Führungspraxis. Ergebnisse aus dem vorherigen Abschnitt werden verwiesen auf Theorien unter anderem von Weber, Foucault und Giddens, aber auch auf Ansätze von Merchel. Im Fokus stehen dabei, wie vorstehend bereits angedeutet, insbesondere Macht, Herrschaft, Regierung, Strukturen und Person. Die gewählten Referenzen erweisen sich als durchaus tragfähig. Der Autor nimmt dabei auch Bezug auf eine „sozialpädagogische Professionalität“ in der Praxis, die sich seit bereits schon längerer Zeit auf einen Spagat zwischen Qualität, Fachlichkeit und Kosteneffizienz fokussieren muss. Damit erfolgt auch ein Bezug auf Führungshandeln im modernisierten bzw. in einem sich weiterhin modernisierenden Sozialstaat.

Den vierten Teil widmet der Autor schließlich dem Vergleich von empirisch begründeter Führungspraxis und Führungstheorie. Dargelegt werden ein Versuch einer abschließenden Würdigung der Ergebnisse, eine Skizze von Übereinstimmungen und Kontrasten sowie ein Fazit bzw. ein Ausblick. Unter anderem wird in diesem Teil der Schluss gezogen, dass „das Ziel des finanziellen Überlebens der Einrichtungen … die Handlungsentwürfe und Handlungsvollzüge innerhalb der jeweiligen Hierarchie … erklären kann“. Dieses Ziel beeinflusse fachliche Positionen, Entscheidungen und Einwände. Ebenfalls Erklärungspotenzial für Führungshandeln ist den fachlichen Anforderungen zuzuschreiben. Als verallgemeinbar im Hinblick auf die Position von Einrichtungsleitung, erzieherischer und Gruppenleitung sowie sozialpädagogischer Fachkraft erscheint dem Autor, „dass das Einsickern einer Logik der Kosteneffizienz eher hinderlich als förderlich ist, pädagogisch wertvolle Arbeit leisten zu können“. Zu vernehmen sind u.a. Befunde, wonach Akzeptanz für Veränderungen auf unterschiedlichen Hierarchieebenen durch Verfahren der Beteiligung angestrebt wird. Notwendigkeit für Veränderung ergibt sich aus „Erwartungen des Kräftefeldes“ wie Erwartungen der Hierarchie, Spannungen in Führungsverhältnissen ergeben sich aus Diskrepanzen in den Erwartungen.

Diskussion

Mit akribischem Blick werden in der vorliegenden Publikation Führungspraxis und Führungstheorie im Bereich der sozialen Hilfen analysiert bzw. gegenübergestellt. Die Untersuchung weist Anschlussfähigkeiten für weitergehende Studien auf. Von Bedeutung ist für uns unter anderem, dass die Zufriedenheit mit der Führungsposition bzw. Führungssituation als Konstellation von Hierarchie und Kräftefeld bzw. als wesentliches Bedingungsgefüge erfolgreichen sozialpädagogischen Wirkens gesehen werden können - oder gar müssen. Als Faktoren im Kontext der Herstellung gelingender Lebensverhältnisse der Adressaten sind dabei die Akzeptanz von fachlichen Positionen durch die Leistungsträger bzw. das Ringen um eine Balance von Kostengerechtigkeit und Fachlichkeit zu berücksichtigen. Zwei ebenso begründbare wie begründete Perspektiven sind zu akzeptieren und zu integrieren.

Fazit

Qualitativ gehaltvolle Analyse von Führungspraxis und Führungstheorie in sozialen Hilfen.


Rezension von
Prof. Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 18.02.2015 zu: Michael Fleißer: Führungshandeln in der Sozialen Arbeit. Eine qualitative Untersuchung in ausgewählten Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Tectum-Verlag (Marburg) 2014. ISBN 978-3-8288-3478-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18237.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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