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Özcan Karadeniz, Anja Treichel u.a.: Väter in interkulturellen Familien

Cover Özcan Karadeniz, Anja Treichel, Carina Großer-Kaya: Väter in interkulturellen Familien. Erfahrungen - Perspektiven - Wege zur Wertschätzung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2014. 203 Seiten. ISBN 978-3-95558-058-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Männer, die nach Deutschland eingewandert und hier Väter geworden sind, stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Sie sind das Thema, sie sind die Quelle von Information und sie sind auch vertreten unter den Verfassern der Beiträge, die in den hier vorgelegten Sammelband einbezogen wurden. Das Ergebnis ist so etwas wie ein 203-seitiger Werkstattbericht einer höchst engagierten Mannschaft, der die Lebenssituation der Väter genau bekannt ist: Sie stammen aus den Kulturen verschiedener Länder und begegnen nun in Deutschland allerlei Hindernissen auf dem Weg, Väter zu bleiben und immer besser zu werden.

Dabei ist die „Mannschaft“ der Verfasser sich der Größe ihrer Aufgabe bewusst; denn ihre Klienten haben „nur eine geringe Lobby zur Vertretung ihrer Interessen. Empowermentprozesse mit dem Fokus auf Männlichkeit und Vaterschaft, aber auch praktische Ansätze der sozialen Arbeit stecken noch in den Kinderschuhen.“ (S. 2). Die Ergebnisse, die nun vorgelegt werden, stützen sich auf Einsichten aus der Praxis kulturübergreifende Sozialarbeit und auf Daten, die in der Tradition der qualitativen Sozialforschung gewonnen wurden. Außerdem werden Resultate des „Projektes ‚Stark für Kinder – Väter in interkulturellen Familien‘“ (S. 187) einbezogen.

Aufbau und Inhalt

Nach Vorwort und Einleitung folgen als 1. Teil drei Beiträge zu dem genannten Projekt.

Im Vorwort mahnt Cem Özdemir den Leser, nicht zu vergessen, „dass es sicher mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen Vätern mit und ohne Migrationshintergrund gibt.“ (S. 7). Özdemir, dessen Vorfahren Türken waren, erinnert auch fast beiläufig daran, dass wir es im konkreten Fall oft nicht mit einer deutschen, sondern z.B. mit einer „schwäbischen Welt“ zu tun haben (S. 8). Hiltrud Stöcker-Zafari nennt in ihrer Einleitung die Notwendigkeit, zu erreichen, „dass veränderte Väter- und Männerbilder kommuniziert… werden.“ (S. 10).

Das Buch wird in „1.1 Zu diesem Buch“ vorgestellt: Anja Treichel (1.2) präsentiert die Entstehungsgeschichte des Projekts auf der Grundlage von „Erfahrungen mit Ratsuchenden, Supervisionen und intensiven Diskussionen mit“ Kollegen und Kolleginnen und legt eine Liste der für die Projektarbeit relevanten Themenbereiche vor. (S. 21) Özcan Karadeniz (1.3) beschreibt, wie im Verlauf des Projekts ein Perspektivenwechsel hin zu neuen Denkansätzen erfolgte (mit Bildern auf S. 35-38).

Im 2. Teil geht es um „Forschungsperspektiven und Praxis zu Vätern mit Migrationgeschichte“ Zunächst liefert Michael Tuncs (2.1) einen Überblick über die Väterforschung in Deutschland. Cengiz Deniz (2.2) sieht Väter mit Migrationshintergrund „als Zielgruppe der sozialen Arbeit.“

Bei weitem am umfangreichsten ist der empirische Teil 3: Carina Großer-Kaya (3.1) beschreibt des Vorgehen bei Interviews und Gesprächsrunden. In dem kurzen Abschnitt 3.2 stellen die acht Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Diskussionsrunden (die fast alle auch Verfasser der Beiträge zu diesem Buch sind) ihre Grundpositionen vor, von denen aus sie ihrer Selbstreflexion nach werten und urteilen. Es folgen 80 Seiten transkribierte Daten aus Interviews und Gruppengesprächen (S. 74 – 154) unter der überzeugenden Überschrift „Väter kommen zu Wort.“ Hieran könnten zahlreiche Sekundärauswertungen anschließen.

Anja Treichel (3.4) liefert einen weiteren Beitrag, diesmal zu dem wichtigen Thema „Dominanz“ als Ergebnis kultureller Voreinstellungen. Ausgrenzungsvorgänge aufgrund von Vorurteilen (und Möglichkeiten des Umgangs damit) beschreibt Daniel Bartel (3.5). An Schluss zeigt Eben Louw (3.6) auf, welche Probleme bei Versuchen auftreten, ein „Empowerment“ für Väter mit Migrationshintergrund zu ermöglichen. Hier taucht die Formel von „rassistisch motivierten Mikro-Agressionen“ (S. 182, Fußnote 35) auf. Der Beitrag enthält nützlich Definitionen sowohl dieser Formel als auch des Konzepts „Empowerment.“ Die drei auf der Titelseite des Buches genannten Verfasser schließen mit einer Zusammenfassung (S. 187-190).

Im Anhang findet der Leser Literaturhinweise, eine Liste der Institutionen, die interkulturelle Väterarbeit fördern und Kurzinformationen zu den Verfassern.

Fazit

Die Relevanz des Buches liegt auf drei Ebenen:

  1. Migration: Durch Migration wird sichtbar, dass Vertreter von Teilkulturen mit unterschiedlichen Traditionen lernen müssen, friedlich und erfolgreich zusammenzuleben.
  2. Familie: Diese Notwendigkeit betrifft alle Bereiche der Gesellschaft, insbesondere die Familie, in deren Kontext die Verfasser arbeiten.
  3. Vaterschaft: Am Beispiel der Lebenssituation von Vätern wird gezeigt, wie die Ebenen Migration und Familie aufeinandertreffen.

Nur angedeutet wird (mit guten Grund), dass Erkenntnisse aus dem hier vorhandenen Forschungs- und Arbeitsbereich keineswegs nur Personen mit Migrationshintergrund betreffen. Georg Simmel hat in seinem bekannten Exkurs über den Fremden gezeigt, dass „Fremdsein“ nicht die Qualität einer Person, sondern die einer sozialen Beziehung ist. Die Richtigkeit dieser Einsicht belegt dieses Buch. Es gehört in die Hände von Sozialarbeitern, Soziologen, Therapeuten, Richtern und Anwälten, und – last but not least – Politikern.


Rezensent
Prof. Dr. Horst Jürgen Helle
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Soziologie
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Zitiervorschlag
Horst Jürgen Helle. Rezension vom 22.07.2015 zu: Özcan Karadeniz, Anja Treichel, Carina Großer-Kaya: Väter in interkulturellen Familien. Erfahrungen - Perspektiven - Wege zur Wertschätzung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2014. ISBN 978-3-95558-058-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18240.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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