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Gerhard Mayer, Michael Schetsche u.a. (Hrsg.): An den Grenzen der Erkenntnis

Cover Gerhard Mayer, Michael Schetsche, Ina Schmied-Knittel, Dieter Vaitl (Hrsg.): An den Grenzen der Erkenntnis. Handbuch der wissenschaftlichen Anomalistik. Schattauer (Stuttgart) 2015. 490 Seiten. ISBN 978-3-7945-2922-3. 79,99 EUR.
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Thema

Anomalistik beschreibt die wissenschaftliche Einkreisung von „außergewöhnlichen“ Phänomenen, die als solche durch das Netz der etablierten akademischen Disziplinen fallen. Es handelt sich also um Geschehnisse, die nicht oder nicht ohne weiteres mit dem Mainstream-Instrumentarium der Wissenschaften erklärt werden können. An den Rändern der Normalwissenschaft tut sich diesbezüglich ein Schnittstellenfeld auf, das von der Psychologie, von Naturerklärungsinstanzen, von religiösen Elementen und vom gesellschaftlichen Zeitgeist geprägt ist. Diesem Feld widmet sich das vorliegende Handbuch.

Herausgeberteam

Die Herausgeber sind in verschiedenen Positionen am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg tätig.

Entstehungshintergrund

Das Handbuch, das erste seiner Art auf dem deutschsprachigen Buchmarkt, ist ein gemeinsames Projekt des IGPP und der Gesellschaft für Anomalistik e.V.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Hauptabschnitte:

  1. Historische Entwicklung und theoretische Debatten
  2. Forschungsfelder
  3. Methodologie und Methodik

Die einzelnen Abschnitte weisen jeweils zwischen 5 und 20 Beiträge auf. Insgesamt liegen auf beinahe 500 Seiten eine Einleitung, 35 Texte und ein Sachverzeichnis vor.

Inhalt

Eine derart umfassende Auseinandersetzung mit den „Grenzfälle[n] unserer Alltagswelt“ (1) muss zwingend heterogen ausfallen, und diesem Anspruch wird das Handbuch zweifellos gerecht. Das Themenspektrum reicht von den wissenschaftstheoretischen, anthropologischen und medialen Aspekten der Anomalistik über konkrete Diskurse wie Geistererscheinungen, Nahtoderfahrungen, Homöopathie, Astrologie und Kornkreise bis hin zu methodischen Reflexionen über die Qualität verschiedener Erkenntniswege auf der Bandbreite zwischen Laborexperiment, Feldforschung und Interview.

Eine zentrale Unterscheidung wird gleich zu Beginn angesprochen. Es ist überaus bedeutsam, ob anomalistische Phänomene als „intersubjektive geteilte Evidenzerfahrung“ (6) angesehen und tradiert werden können oder nicht – denn wer sich sicher ist, ein außergewöhnliches Erlebnis tatsächlich empfunden zu haben, agiert anders als jemand, der den eigenen Erfahrungen zunächst einmal misstraut und nach einer „normalistischen“ Erklärung sucht. Da gerade Berufswissenschaftler Skepsis und ein kritisches Bewusstsein zumindest theoretisch verinnerlicht haben sollten, verläuft zwischen der Gruppe derjenigen, die von lebensweltlichen Vorkommnissen zu berichten wissen, und der Gruppe derer, die als Experten die Validität dieses Geschehens beurteilen sollen werden, oft eine tiefe Kluft. Nun lässt sich dagegen halten, dass verbindliche Wirklichkeitsordnungen letztlich Mechanismen der sozialen Kontrolle sind, zumal selbst die Arbeitsweisen und Denkschemata in den Wissenschaften längst pluralisiert sind (vgl. 26). Und doch ist die Frage häufig genug diese: Handelt es sich bei der Erforschung (und somit in gewisser Hinsicht: bei der Wertschätzung) anomalistischer Phänomene um Wissenschaft – oder um Pseudo-Wissenschaft?

In der Bevölkerung scheint die Sache insofern geklärt, als ein hoher Prozentsatz offenkundig an die Möglichkeit und Wirklichkeit „außergewöhnlicher Erfahrungen“ glaubt (47). Wie sehr solche Haltungen mit der soziostrukturellen Position der Auskunftgeber zusammen hängen, ist indes unklar (53f.). Überhaupt liegt ein Theoriedefizit der paranormalen Forschung vor: sie wirkt aktionistisch und weiß sich als interessant, allemal als unterhaltsam zu inszenieren (oder wird von außen so betrachtet), aber ihr fehlt es an einer – auch methodischen – verbindenden Klammer, die die Vielfalt der anomalistischen Ereignisse zu fassen vermag.

Forschungsfelder wie Hypnose, Meditation oder alternative Bewusstseinszustände sind somit als „Alltagsphänomene“ im Prinzip besser etabliert, denn als Elemente legitimen wissenschaftlichen Forschungsinteresses. Sie sind altbekannte Strategien der „Weltflucht“, die nicht einmal zwingend als solche in Frage stehen, sondern vor allem hinsichtlich der konstituierenden Faktoren, die ihr Vorhandensein (und sei es nur als Kommunikationsinhalt) überhaupt erst ermöglichen. Dass neben dem Spuk z.B. auch die Zauberei zur Sprache kommt, ist so gesehen nur konsequent; auf Ablenkung, und nicht auf verborgenen anomalistischen Vorkommnissen aufbauend, ist die Diskurskarriere der Bühnenmagie gleichwohl eine ähnliche.

Die zahlreichen Artikel sind zum Teil mit Tabellen, Grafiken, Fotografien und Erlebnisberichten ausgestattet, aber gleichwohl kompakt und in jedem Fall lehrreich. Dass es 1921 in Wien ein „Institut für kriminaltelepathische Forschung“ gab, hört sich hundert Jahre später fast zu märchenhaft an, um wahr zu sein; aber solche Erkenntnisse zeichnen die Artikel des Handbuches aus. In ihnen wird ernst genommen und einander gegenüber gestellt, was sonst nur punktuell und orientiert an Einzelaspekten betrachtet – und nicht selten belächelt wird.

Diskussion

Es geht bei jenen Diskursfeldern, die für die Anomalistik relevant sind, um das Nicht-Alltägliche, das zur Klärung seiner Abweichung von der Alltäglichkeit geradezu aufruft. Jedoch weckt dieser Ruf nicht alleine Wissenschaftler, sondern auch (und vielleicht stärker) Laien, von denen nicht wenige im Dunstkreis der Anomalistik ihre große Stunde gekommen sehen. Private Geisterforscher, Kryptozoologen mit selbsternannter Expertise, vermeintliche Ufo-Entdecker, Verschwörungstheoretiker und andere „Überzeugte“ jedweder Couleur glauben – dank WWW mit globaler Vernetzungsoption – heute stärker denn je an eine „geheime Wirklichkeit“, derer die institutionalisierten Wissenssysteme nicht Herr werden bzw. aufgrund eigener Verstrickungen nicht Herr werden wollen oder dürfen. Das Spektrum der möglichen oder tatsächlichen Verhüllungen ist, wie das vorliegende Handbuch beweist, breit – breit genug, um als Ausweis einer generellen Fehldarstellung der Naturgegebenheiten oder gar der „Weltordnung“ (was auch immer das sein mag) instrumentalisiert zu werden. Aktionismen, die das Wissenschaftswissen als bornierte Ideologie enttarnen und ein wesentlich bornierteres „Alternativdenken“ postulieren, schädigen leider die Integrität wissenschaftlicher Recherchen. Insofern wäre es womöglich aufschlussreich gewesen, im Rahmen des Handbuchs auch die „Laien-Wissenschaften“ kritisch zu würdigen. Lohnenswert ist die Beschäftigung mit den hier besprochenen Randthemen, ja überhaupt mit den „Schmuddelkindern“ der etablierten Disziplinen ohnehin schon wegen der alltagstranszendierenden Wissenskonzepte, die dabei entstehen oder gepflegt werden. Dieses Feld sollte man den Dilettanten nicht überlassen.

Der im Handbuch gewählte Zugriff, Natur- und Sozialwissenschaften mit der Psychologie zu verbinden, ist ein sinnvoller interdisziplinärer Ansatz. Die Naturwissenschaft ist notwendig, um Sachverhalten ihre Objektivität zuzusprechen; die Sozialwissenschaften und insbesondere die Soziologie sind hingegen imstande, die epistemologischen Schwerpunktsetzungen anderer akademischer Fächer und überhaupt die „Wissenschaftlichkeit“ von Wissenschaftsprozessen zu bewerten. Die Psychologie wiederum ist für anomalistische Angelegenheiten traditionell zuständig (C. G. Jung promovierte über okkulte Phänomene, Psychologen wie J. B. Rhine oder Hans Bender haben die Parapsychologie universitätstauglich gemacht). Der Fokus auf die wissenschaftliche Absicherung erzwingt allerdings einen weiten Sprung weg vom Niveau der Alltagsdiskurse, in denen außergewöhnliche Phänomene üblicherweise besprochen und mitunter auch kritisch hinterfragt werden (letzteres leistet z.B. James Randi).

Außerdem transportiert ein solches Handbuch zwangsläufig einen pluralistischen Anspruch, zeigt es doch auf, dass homogene Deutungen an ihre Grenzen stoßen können. Was in der Postmoderne-Debatte der 1980er Jahre schon umfangreich angedacht worden ist – nämlich die Parallelität mehrerer Wahrheits- und Richtigkeitsverständnisse in einer immer vielschichtiger schimmernden Welt – wird von den Herausgebern, aus einer ganzen anderen Stoßrichtung her kommend, auf die Probe gestellt. Die Frage lautet nun: Ist die Realität heterogen geworden – oder haben sich Mess-, Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata verändert?

Letztendlich waren Begriffe wie „Magie“ oder „Transzendenz“ immer schon Etiketten für die Präsenz eines anderen Denkens, welches sich von den dominierenden Überzeugungen einer Kultur unterschied. Dadurch, dass es im Laufe der Geschichte der Wissensdurchsetzung immer wieder zu Delegitimationen anderen Denkens gekommen ist, sind die Lücken für anomalistische Konzepte erst entstanden. Das Handbuch von Mayer et al. schaut sich diese Nischen auf tiefgründige und umfassende Weise an. Darüber, wie etwas über den Wissenschaften Schwebendes, etwas wahrhaft Unerforschbares aussieht, das sich methodischer Zugriffe per se passiv entzieht oder gar aktiv widersetzt, gibt es im Prinzip aber keine Antwort – denn gäbe es eine, wäre damit bereits eine feststehende Tatsache über etwas postuliert, das keine Tatsachen zulässt.

Fazit

Es wird ein umfassendes Panorama bislang wissenschaftlich ungeklärter oder zumindest rätselhafter Phänomene geboten, aber es wird kein klares Ja und kein deutliches Nein ausgesprochen. Vielmehr geht das Handbuch über die Ebene der bloßen Behauptung bzw. der gläubigen Kolportage hinaus, indem es die psychosozialen Dynamiken betrachtet, die bei der Anomalistik im Spiel sind. Das ist in dieser Form in deutscher Sprache bislang einzigartig. Wer sich für die Thematik interessiert und die Inhalte der Texte nicht telepathisch aus den Köpfen der Autoren herauslesen kann, kommt um den Band nicht herum.


Rezension von
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 27.10.2015 zu: Gerhard Mayer, Michael Schetsche, Ina Schmied-Knittel, Dieter Vaitl (Hrsg.): An den Grenzen der Erkenntnis. Handbuch der wissenschaftlichen Anomalistik. Schattauer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-7945-2922-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18241.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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