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Krista Warnke, Berthild Lievenbrück: Momente gelingender Beziehung

Cover Krista Warnke, Berthild Lievenbrück: Momente gelingender Beziehung. Was die Welt zusammenhält - eine Spurensuche mit Jesper Juul, Gerald Hüther, Gesine Schwan u.a. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 192 Seiten. ISBN 978-3-407-85761-3. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Funktionierende Beziehungen gelten als Erfolgsgaranten für politische Ziele, als Sozialkapital, dessen Wirkungsweise wirtschaftlichen Erfolg sicherstellt und als Basis einer funktionierenden Gesellschaft. In der Tagespresse jedoch überwiegen Informationen über krisenhafte weltpolitische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen. Ist es Zeit für eine neue Beziehungskultur?

In ihrem Sachbuch: Momente gelingender Beziehung. Was die Welt zusammenhält, erschienen im Beltz Verlag, greifen die Herausgeberinnen Krista Warnke und Berthild Lievenbrück das immer wiederkehrende und immer wichtiger werdende Thema auf und nähern sich der „[…] Kraft dieser Momente in ihrer Vielfalt“ und ihrer „Komplexität“ an (S. 8 f.).

Autorinnen

Krista Warnke wurde in Bruck an der Murr in Österreich geboren. Sie studierte Musikwissenschaft und Psychologie in Hamburg und war 30 Jahre lang als Professorin für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg tätig.

Berthild Lievenbrück studierte Schulmusik an der Hochschule für Musik und Theater HfMT in Hamburg und Englisch. Sie ist Oberstudienrätin an der Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg und gehörte als Saxophonistin dem Ensemble „Classic4Sax“ an.

Aufbau

In ihrem Buch geben Krista Warnke und Berthild Lievenbrück unterschiedlichen Betrachtungen Raum und nutzen für ihre Aufbereitung das journalistische Format der Befragung.

Überschriften ordnen vier Kapitel.

  1. Das erste Kapitel unterstreicht die Relevanz des Themas und geht auf Faktoren ein, die Beziehungen formen.
  2. Kapitel zwei enthält Sachinterviews mit fünf prominenten Vertretern aus Familientherapie, Neuro- und Politikwissenschaft, Wirtschaft und Entwicklungspolitik. Sie widmen sich den Themen „Hier bin ich – wer bist du?“ (Jesper Juul), „Mit unserem authentischen Selbst in Kontakt kommen“ (Gerald Hüther), „Beziehungen gelingen nicht selbstverständlich“ (Gesine Schwan), „Innovation braucht viel Einfühlungsvermögen“ (Wolf Dieter Grossmann) und „Deine Meinung, dein Rat, deine Empathie“ (Claudia von Braunmühl).
  3. Das dritte Kapitel stellt erfolgreiche musikpädagogische Projekte vor. Es umfasst Personen-Interviews mit Gino Romero Ramirez, „dem Geigenzauberer von St. Pauli“, und Magdalena Abrams, „Begründerin von ‚Musiker ohne Grenzen‘“. Ferner enthält es einen Bericht über Daniel Barenboims „West-Eastern Divan Orchestra“, einem Orchester, in dem jugendliche Musiker „aus verschiedenen Kulturen des Nahen Ostens“ miteinander musizieren (S. 8).
  4. Ein abschließendes viertes Kapitel gruppiert alle Elemente, die als notwendige Bestandteile für gelingende Beziehungen erfasst wurden, und bestimmt ihre Voraussetzungen.

Inhalt

Im ersten Kapitel führen die Herausgeberinnen ihre Leser und Leserinnen in die Thematik ein. Folgende zehnFragestellungen richten sie an ihre Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen:

  1. „Was sind Momente gelingender Beziehung?“ (S. 12 f.)
  2. „Können wir beziehungslos leben?“ (S. 14 f.)
  3. „Wie viel Vitamin B brauchen wir?“ (S. 15 f.),
  4. „Worauf beruht die Qualität einer Beziehung?“ (S. 17),
  5. „Was macht mein Fühlen, wenn ich denke, was mein Denken, wenn ich fühle?“ (S. 18 ff.),
  6. „Welchen Einfluss haben Gefühle auf unser Denken und Handeln?“ (S. 20 ff.),
  7. „Ist der Körper Bühne unserer Gefühle?“ (S. 23 f.),
  8. „Wie bedeutsam ist das unmittelbare In-Beziehung-Gehen?“ (S. 25 f.),
  9. „Erleben wir derzeit eine Krise der Beziehungskultur?“ (S. 26 ff.) und
  10. „Wie wichtig sind Momente gelingender Beziehung?“ (S. 30 ff.).

Mit einer Beschreibung von Alltagssituationen erläutern die Autorinnen anhand dieser Beispiele die Bedeutung gelingender Beziehungen und greifen wissenschaftliche Theorien auf. Sie beziehen sich beispielsweise auf den Ansatz der Affektlogik des Erkenntnistheoretikers Luc Ciompi: „Es gibt kein Fühlen ohne Denken, kein Denken ohne Fühlen“ oder auf die Emotionstheorie von Antonio R. Damasio, die besagt, dass Körper und Geist untrennbar miteinander verbunden seien (S. 18 ff.). Ferner verweisen sie auf den Biologen Manfred Wimmer, der Giacomo Rizzolatis und Vittorio Galleses neurologischen Nachweis von Spiegelneuronen anspricht (S. 24). Jedes menschliche Handeln werde körpersprachlich begleitet und löse im Gegenüber Gefühle aus. Ein Zusammenspiel von Gefühlen und Denken führe zu Rückschlüssen und nachfolgendem Handeln.

In Kapitel zwei kommen Jesper Juul (Familientherapeut und Konfliktberater), Gerald Hüther (Neurobiologe), Gesine Schwan (Politikwissenschaftlerin), Wolf Dieter Grossmann (Mathematiker und Systemwissenschaftler) und Claudia von Braunmühl (Politik- und Sozialwissenschaftlerin) zu Wort. Jesper Juuls therapeutische Wurzeln liegen in der Gestalttherapie von Fritz Perls, aus der er eigenständige Therapie- und Beratungsformen entwickelte. Für unsere Gesellschaft fordert Jesper Juul einen Umdenkungsprozess. Das In-Beziehung-Treten müsse an Bedeutung gewinnen, denn „[…] alles, was wir lernen können, geht […] über Beziehung“ (S. 36). Ebenso widerspricht er der Auffassung, dass Momente gelingender Beziehung zu viel Zeit in Anspruch nähmen und daher nicht alltagstauglich seien. Zentral für ein Gelingen oder Misslingen von Beziehungsmomenten stehe die persönliche Grundhaltung, die dem anderen entgegengebracht werde. Dabei kennzeichneten vier Komponenten gelingende Beziehungsmomente: „Gleichwürdigkeit, Authentizität, persönliche Verantwortung und Integrität“ (S. 50).

Weiterhin schlägt Jesper Juul anstelle der Begrifflichkeit „Beziehungsqualität“ die Bezeichnung „Beziehungskompetenz“ vor (S. 49). Ein Bestandteil von Beziehungskompetenz sei die Fähigkeit, zu kommunizieren. Es sei nicht so bedeutend, über seine Gefühle zu reden, wichtiger sei es, seine Gefühle ausdrücken zu können.

Anschließend befragen die Autorinnen Gerald Hüther. In seinem Interview verweist Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie in Göttingen, auf objektive Verfahrensweisen, die die Hintergründe gelingender Beziehungsmomente erklären. Mit authentischen Begegnungen bezeichnet er all jene Momente, in denen „das eigene Denken, Fühlen und Handeln identisch“ erlebt werden und die zu einem „authentischen Selbst“ führen (S. 54 f.). Eine menschliche Disposition sei es, dazugehören zu wollen. Aus diesem Grund orientierten sich Kinder an anderen Menschen und definierten sich über sie. Ihr dadurch erworbenes Ich sei nicht mehr authentisch. Es sei daher notwendig, mit Hilfe von äußeren Impulsen diesen Einschränkungen zu begegnen und wieder in Verbindung mit seinem „authentischen Selbst“ zu treten (S. 56). Nur eine Beziehung „auf Augenhöhe“ könne solche äußeren Impulse setzen (S. 58). Um in Beziehung zu treten sei es unerlässlich, dem Wesen des anderen anerkennend zu begegnen. Pädagogisch bedürfe es dafür zweier Fähigkeiten: Das Vermögen, Potenziale im anderen zu entdecken und zu entfalten und die Befähigung, Inhalte durch „emotionale Aufladung“ bedeutungsvoll zu gestalten (S. 59). Bedeutsamkeit werde jedoch nicht durch das Benutzen von Belohnungssystemen erreicht. Belohnungen seien wie Bestrafungen, sie seien „Dressur- und Abrichtungsmethoden“ (S 59). Die Gesellschaft brauche jedoch keine „abgerichteten Auswendiglerner“, sondern Menschen, die sich begeistern könnten. Was Schule lehren sollte, seien „Kreativität und Innovationsgeist“(S. 60). Ein Kulturwandel sei angebracht, weil Menschen aus eigenem Antrieb vertraute, auch ungünstige, Strukturen nicht verließen. Moderne Medien eigneten sich nicht für eine neue Beziehungskultur. Wesentlicher Bestandteil einer gelebten Beziehung sei die Tatsache, dass sie nicht per Knopfdruck beendet werden könne. Die körperliche Anwesenheit von Partnern sei zwar kein Garant für gelingende Beziehungen, die zeitliche Komponente des Sich-einlassen-Müssens jedoch könne viele Chancen eröffnen.

Den gesellschaftspolitischen Aspekt decken die Autorinnen durch ihr Gespräch mit Gesine Schwan ab. Gesine Schwan studierte Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaften. Sie tritt engagiert für humanistische Ziele aus Sicht Erich Fromms ein, im Sinne eines aktiven Austausches des Seins, und sieht in der Überwindung einer Diskrepanz den ersten Schritt für eine gelingende Beziehung. Wenn man sich verständigen wolle, sei man aktiv und offen und erwarte nicht nur Negatives. Die „Wettbewerbsmanie“ der heutigen Zeit stehe Verständigungen im Weg. Ein Konkurrenzgedanke schaffe nur „destruktives Potential“ (S. 68). Ein wettbewerbsorientiertes System benutze Kinder zur reinen Wissensaneignung, damit ginge „die Vielfalt der Wirklichkeit und der Kultur“ verloren (S. 69). In einer Atmosphäre der „vielfachen Bezogenheit“ müssten sich Menschen auf einander einstellen, um Hindernisse zu überwinden und Gemeinsames zu schaffen, so entstehe „Kreativität“ (S. 70). Für Gesine Schwan sind gesellschaftspolitisch zwei Faktoren relevant: Familie und Zeit. Eltern bräuchten Zeit, um sich um ihre Kinder kümmern zu können. Diese intensive kindliche Begleitung schaffe Urvertrauen, eine Grundvoraussetzung für den kindlichen Aufbau von Selbstvertrauen. Die Familie sei die „Keimzelle gesellschaftlichen Zusammenhalts“ (S. 72). Aus diesem Grund müsse der Staat ein Interesse daran haben, Familien zu finanzieren.

Grundvoraussetzungen, um mit Menschen in Beziehung treten zu können, sei ferner die Bereitschaft, zu vertrauen, aber auch die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Um zu vertrauen, müsse man sich einlassen können, was immer mit Risiken verbunden sei. Für gelingende Beziehungen benennt Gesine Schwan weiterhin die Bausteine Authentizität, Motivation, Gefühl, Verbundenheit, Dankbarkeit, Menschenliebe, Neugierde, Humor und einen angstfreien emotionalen Zustand (S. 76 ff.).

Das Interview mit Wolf Dieter Grossmann, einem Mathematiker und Systemwissenschaftler beleuchtet das Thema gelingende Beziehungen aus Sicht globaler wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Relevanz. Seiner Meinung nach müssen Systeme in einen „positiven Kreislauf“ eingebunden sein (S. 81). Systeme, die sich nicht gegenseitig unterstützten, seien instabil und hätten in einer Wettbewerbsgesellschaft kaum Aussicht auf Bestand. Ein Denken in Beziehungen nehme nicht nur eigene Belange wahr, sondern auch die der Umgebung mit all ihren „Eigenheiten, Erfordernissen, Stärken und Schwächen“ (S. 81). Als wichtige Grundwerte benennt Wolf Dieter Grossmann „Vertrauen, Wertschätzung, Offenheit, miteinander in Kontakt treten, aufmerksam sein, konstruktive Kritik empfangen und geben“ (S. 81). Diese Grundwerte seien nicht ausreichend entwickelt, man müsse anfangen sie bei Kindern zu fördern. Im Bereich „Neuer Medien“ sieht Wolf Dieter Grossmann große Vorteile. Ein Gewinn sei es, zeitlich unabhängig in Kontakt treten zu können. Folgt dann auch ein persönlicher Kontakt, eine Begegnung, könnten vorbereitete Momente tatsächlich in gelingenden Beziehungsmomenten enden, weil bereits ein „gewisses gemeinsames Fundament“ aufgebaut worden sei (S. 83). Misslängen solche Momente, weise das auf eine Überforderung der Menschen im Umgang mit den Neuen Medien hin. Als weiteren wichtigen Baustein gelingender Beziehungsmomente betrachtet Wolf Dieter Grossmann die Fähigkeit intuitiv zu handeln. Sich in etwas oder jemand anderes einfühlen zu können, sei die Voraussetzung von Innovation. Neue Entwicklungen könnten von Menschen nur mitgetragen werden, wenn diese empathisch vorgestellt würden, sonst verursachten sie Widerstand. Derjenige, der jedoch nur an den eigenen Machterhalt denke und nicht positive Symbiosen einginge, sei langfristig nicht überlebensfähig. So ist Wolf Dieter Grossman der Auffassung, dass gelingende Beziehungen auch wirtschaftlich zu einem größeren Wachstum führten.

Claudia von Braunmühl ist Politik- und Sozialwissenschaftlerin und mehrjährig in Entwicklungsprojekte eingebunden. In ihrem Gespräch mit Krista Warnke und Berthild Lievenbrück stellt sie die These auf, dass das Gelingen von Sach- und Beziehungszusammenhängen teilweise auf „strukturellen Missverständnissen“ beruhe (S. 95). Zwei Partner mit unterschiedlichen Positionen gäben den Anschein, sich zu verstehen, nach einer Weile gingen sie wieder auseinander und alles Bestehende zerfalle. Ein Grund liege darin, dass „unterschiedliche Logiken“ existierten, die unveränderbar seien (S. 96). In künstlerischen Bereichen sei der Handlungsrahmen an Gefühle gebunden, während es in der Entwicklungszusammenarbeit, in den Sozialwissenschaften und den Naturwissenschaften darum gehe, Gefühle herauszuhalten, nicht zu thematisieren bzw. nicht anzugehen. Im Entwicklungsgewerbe existierten Kommunikationsformen des „Wir“ und „Die“, in denen es häufig zu „Vorwärtsverteidigungen“ und anschließend zur „Sortierung der Kommunikationspartner“ komme (S. 98 f.). Menschen, die Vorrechte hätten, träfen auf unterprivilegierte Menschen. Daher sei die Frage nach gelingenden Beziehungen in sich problematisch, weil ihre Beantwortung auch von Standpunkten abhinge. Im Entwicklungsdienst würden oft Projekte als nicht gelungen angesehen, weil definierte Ziele nicht erreicht worden seien. Die Entwicklungsländer selbst sähen dies anders, denn sie hätten sich das aus den Projekten genommen, was sie zu diesem Zeitpunkt selbst als relevant eingeordnet hätten. Claudia von Braunmühl macht deutlich, dass es als Gutachterin wichtig sei, sich zu positionieren, sich einzubringen, ohne sich zu verlieren (S. 108 f.).

Das dritte Kapitel beschreibt Modellprojekte in der Arbeitsform des gemeinsamen Musizierens. Zunächst werden die Musikprojekte „Musica Altona“ von Gino Romero Ramirez und „Musiker ohne Grenzen“ von Magdalena Abrams vorgestellt. Mit ihren Personen-Interviews von Gino Romero Ramirez und Magdalena Abrams lassen Krista Warnke und Berthild Lievenbrück Persönlichkeiten zu Wort kommen, die sich engagiert für ein gelingendes Miteinander einsetzen. Anschließend folgt ein Bericht über die Arbeit des „West-Eastern Divan Orchestra“, in dem israelische und arabische Musiker gemeinsam musizieren und Momente gelingender Beziehungen erleben.

Im letzten Kapitel „Wie uns ‚Momente gelingender Beziehung‘ gelingen“ bündeln die Autorinnen alle mit ihren Gesprächspartnern diskutierten Elemente. Krista Warnke und Berhild Lievenbrück resümieren, dass, obwohl erhebliche Unterschiede bei individuellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen existierten, allen Momenten gelingender Beziehungen eines gemeinsam sei: ein „Repertoire kooperations- und bindungsschaffenden Fühl-Denkens sowie prosozialen Verhaltens“ (S. 158).

Diskussion

Den Herausgeberinnen ist es mit diesem Buch gelungen, ein gesellschaftlich, politisch wie wirtschaftlich brisantes Thema facettenreich aufzuarbeiten. Durch das gelungene Format der Befragung werden in Sach- und Personeninterviews komplexe Ansätze und Ansichten interdisziplinär und allgemeinverständlich aufbereitet. Auch die persönlichen Haltungen der Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen sowie ihre Erlebnisse fließen mit ein. Damit wenden sich die Autorinnen an eine Leserschaft, die neben Spezialisten auch Laien umfassen kann. Nach Meinung der Rezensentin geht es den Autorinnen nicht um eine Popularisierung wissenschaftlicher Ansätze, wie es auch den gewählten Gesprächspartnern und Gesprächspartnerinnen nicht um öffentliche Wirksamkeit geht. Angesichts vielfältiger politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Krisen wird eine interdisziplinär und öffentlich geführte Diskussion um unsere Beziehungskultur notwendig. Die Rezensentin ist in diesem Zusammenhang der Auffassung, dass ein Bezug zu existierenden, wissenschaftlich begründeten Ansätzen durchaus hilfreich ist. Mit Jesper Juul, Gerald Hüther, Gesine Schwan, Wolf Dieter Grossmann und Claudia von Braunmühl wählten die Autorinnen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner aus, die keine opportunen Meinungsbilder in die Runde werfen oder einem allgemeinen Trend folgen wollen. Im Gegenteil. Gerald Hüther beispielsweise setzt sich für eine Veränderung des Schulsystems ein und fordert mehr „Kreativität und Innovationsgeist“ – welch eine Aussage in einer Zeit entstehender leistungsorientierter Eliteschulen (S. 60). Mit Gesine Schwan wählten sie eine Persönlichkeit, die sich öffentlich für eine Familienbetreuung von Kindern einsetzt und sich gegen die von Politik und Wirtschaft geforderte Fremdbetreuung ausspricht. Die Interviews gehen auf aktuelle, interdisziplinäre Problemstellungen ein und helfen sie zu hinterfragen. Sie tragen so zu einer differenzierteren Meinungsbildung bei.

Die Gliederung des Buches ist zweckmäßig. Es werden Sachinterviews von Personeninterviews deutlich getrennt. Dies erscheint sinnvoll, da in Sachinterviews Inhalte im Vordergrund stehen, in Personeninterviews herausragende Persönlichkeiten mit ihren Projekten zu Wort kommen. Die Interviews selbst sind ausgewogen, kein Fachbereich wird hervorgehoben oder verkürzt. Allerdings wäre es aus Sicht der Rezensentin wünschenswert gewesen, nicht nur Projekte zu wählen, in denen Beziehungen über ein gemeinsames Musizieren zum Gelingen geführt werden. Die Arbeitsform des „Gemeinsamen Muszierens“ garantiert einen emotionalen Zugang, doch wäre es für das Buch nach Meinung der Rezensentin bereichernd gewesen, auch andere Arbeitsformen vorzustellen. Eine Möglichkeit hierfür wäre das Leben und Wirken des leider am 7. Februar 2015 verstorbenen Marshall B. Rosenberg gewesen. Sein Ansatz der „Gewaltfreien Kommunikation“ könnte sicherlich als ein weiteres bedeutsames Element für Momente gelingender Beziehungen angesehen werden.

Fazit

Die Autorinnen führen im Vorwort aus, dass das Buch die „Kraft“, die „Vielfalt“ und die „Komplexität“ von Beziehungsmomenten darstellen will (S. 8 f.). Diese Ankündigungen wurden eingehalten. Alle Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen konnten ihre Standpunkte vertreten und ihre Ansichten waren für die Leser und Leserinnen verständlich und nachvollziehbar formuliert. Das Buch ist einer breiten Leserschaft zu empfehlen, weil es geeignet ist, zu sensibilisieren. Es vermittelt ein Gefühl dafür, wie bedeutend ein achtsamer Umgang miteinander ist.


Rezensentin
Fides Podschun
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Zitiervorschlag
Fides Podschun. Rezension vom 06.12.2015 zu: Krista Warnke, Berthild Lievenbrück: Momente gelingender Beziehung. Was die Welt zusammenhält - eine Spurensuche mit Jesper Juul, Gerald Hüther, Gesine Schwan u.a. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. ISBN 978-3-407-85761-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18245.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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