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Alfie Kohn: Der Mythos des verwöhnten Kindes

Cover Alfie Kohn: Der Mythos des verwöhnten Kindes. Erziehungslügen unter die Lupe genommen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 340 Seiten. ISBN 978-3-407-85757-6. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 31,80 sFr.
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Thema

Das Bild vom Kind hat sich im Laufe der Jahrtausende immer wieder verändert, vom „kleinen Erwachsenen“ bis hin zur Entdeckung des Kindes im „Jahrhundert des Kindes“. Im pädagogischen Diskurs um die richtige Erziehung hat sich eine schier unüberwindliche, in jedem Fall aber festgebaute Mauer gebildet, deren Fundament aus riesigen Felsbrocken mit Namen „Wahrheit“, „Sicherheit“ und „Natürlichkeit“ besteht. Das Bindemittel für die „Einmauerung“ wird zusammengemischt aus Traditionalismen (Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php) und Bedrohungsszenarien über den Untergang der Kultur. Deshalb wird selten über die je unterschiedlichen, individuell und kulturell verfassten Grundsätze diskutiert, sondern es werden apodiktisch und unverrückbar „Erziehungsratgeber“ produziert, wie z. B. die so genannte „Streitschrift“ Bernhard Buebs „Lob der Disziplin“ (2006). Passende Antworten darauf liegen vor, etwa: Rudolf Dreikurs / Pearl Cassel / Eva Dreikurs Ferguson, Disziplin ohne Tränen, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8140.php sowie: Alex Aßmann, Erziehung als Zumutung und Emanzipationsvorhaben. Eine kleine Einführung in die Pädagogik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/13846.php. Gewissermaßen wie eine einheitliche Linie zieht sich dabei die Auffassung, dass ein Kind, um gesellschaftsfähig zu werden, sich anpassen müsse an die von den Erwachsenen vorgegebenen Diktionen. Der Sozialphilosoph und Pädagoge Theodor Litt (1880 – 1962) hat dies mit der Spannweite „Führen oder Wachsen lassen“ (1927) bezeichnet, ein Spagat, der sich in den folgenden Jahrzehnten bis heute in unterschiedlichen und konträren Bildungs- und Erziehungskonzepten entwickelt hat.

Entstehungshintergrund und Autor

„Werdet so wie wir“, diese Einstellung gilt als Garant für den Fortbestand einer Kultur und Gesellschaft; darauf baut die Aufnahme und Weitergabe von Werten und Normen auf, die individuelle und kulturelle Identität bestimmen; sie kann aber gleichzeitig eine Trennwand sein für Integration und Inklusion. Erich Fromm hat in seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ (1966) darauf hingewiesen, dass der Mensch bei seinem Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Leben sich im Zwiespalt von Unabhängigkeit, Kritikfähigkeit, Selbstherrlichkeit und Abhängigkeit, Anpassungsbereitschaft und Einsamkeit befinde. Die Zivilisierung der menschlichen Existenz mache, so Norbert Elias in seinem „Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation“ (1989), den gesellschaftlichen Zwang zum Selbstzwang notwendig. Dass es dazu des Bewusstseins zur Subversion bedürfe, darauf hat Bertrand Russel in seinem Buch „Freiheit ohne Furcht. Erziehung für eine neue Gesellschaft“ (1975) hingewiesen; und der Schweizer Menschenfreund Hans A. Pestolozzi (1929 – 2004) hat dies in seinem Aufruf „Nach uns die Zukunft“ (1979) als „positive Subversion“ bezeichnet. Der Frankfurter Philosoph, bewusster Prolet und Mitglied des Jakobinerclubs, Rainer Lehmann, plädiert dafür, bei Erziehungs- und Lebensprozessen die Fähigkeit zu entwickeln, alternativ zu denken: Wissen und Gewissen müssen sich gleichzeitig entwickeln, sonst geraten Mut und Moral, Skepsis und Vertrauen in eine Schieflage, die Unfreiheit hervorbringt (Rainer Lehmann, Aufforderung zum Ungehorsam, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16098.php).

Der US-amerikanische Schriftsteller und Autor von zahlreichen Veröffentlichungen zu Bildungs- und Erziehungsfragen, Alfie Kohn, ist in seinem Heimatland als „sanfter Rebell“ bekannt, dem es darum geht, vorgefasste Meinungen, übernommene „Gewissheiten“, landläufige Vorstellungen über Erziehungsziele und -konzepte und Erziehungsmythen in Frage zu stellen; und zwar nicht, indem er anderen Ideologien seine eigene Ideologie entgegen setzt, sondern international vorliegende Forschungsergebnisse zu Rate zieht und sie in einen Argumentationszusammenhang bringt. Das 2014 publizierte Buch „The Myth of the Spoiled Child. Challenging the Conventional Wisdom about Children and Parenting“ wird nun vom Beltz-Verlag in deutscher Sprache herausgegeben. In seinem Vorwort fragt Claus Koch: „Warum liegt eine solche wissenschaftlich gestützte Kritik an traditionellen Erziehungsgrundsätzen, wie sie auch bei uns gang und gäbe sind, im deutschsprachigen Raum nirgendwo vor?“. Dabei stellt er fest, dass es zum einen sowieso nur wenige Forschungsbemühungen auf diesem Gebiet gäbe, zum anderen vermisst er eine deutlichere unabhängigere Praxis bei Forschungsvorhaben gegenüber scheinbar unabänderlichen und populistischen Einstellungen zur Erziehung hierzulande.

Aufbau und Inhalt

Alfie Kohn ärgert sich! – über Aussagen wie: „Eltern erlauben ihren Kindern alles. Scheitern ist nützlich. Die Jugend von heute ist narzisstischer als die früheren Generationen“, über Behauptungen: „Kinder, die übermäßige Zuwendung erfahren, werden es als Erwachsene schwer haben. Das Fehlen von Wettbewerb fördert Mittelmäßigkeit“, und Urteile wie: „Selbstwertgefühl muss man sich verdienen. Eltern sollten ihre Kinder vor allem zu Selbständigkeit erziehen“. Er macht sich daran, diese eher apodiktisch formulierten Behauptungen durch ein „reflektiertes Dagegenhalten“ zu hinterfragen. Dazu gliedert er seine Argumentationen in acht Kapitel.

Mit der Provokation „Früher war alles besser“ diskutiert er im ersten Kapitel Klischees, wie sie sich in Ratgebern und Studien finden: „Von nachgiebigen Eltern, verwöhnten Kindern und anderen altbekannten Buhmännern“. Dabei gräbt er wissenschaftliche Untersuchungen aus, die diese Zuschreibungen und Schreckensprognosen in Frage stellen, relativieren und einen anderen, umfassenderen Blick auf die vermeintlich schlimmen Entwicklungen ermöglichen und einfache Schlüsse verhindern können.

„Kinder sollen tun, was ihnen gesagt wird“, das ist auch so eine Einstellung, die von Erziehungsberechtigten ohne Einschränkung genannt wird. Dabei, so im zweiten Kapitel, könnte es um etwas ganz Selbstverständliches und Menschliches gehen, nämlich den Wunsch junger Menschen zu respektieren, „über ihr Leben mitreden zu wollen und mit Respekt behandelt zu werden“.

Das Schlagwort von der „Helikopter-Erziehung“ geistert durch fast alle Erziehungsratgeber. „Überfürsorge“ ist ein neues Schreckenswort, vor dem es zu warnen gilt und deren Folgen für das eigene und gesellschaftliche, gegenwärtige und zukünftige Leben der Kinder als katastrophal und schädlich hingestellt wird. Kohn zeigt im dritten Kapitel auf, dass sich vordergründige Beobachtungen über „Verhätscheln“ und „Laissez-faire“ bei genauerer Betrachtung als Kontrolle herausstellen und deshalb unter diesem Aspekt diskutiert werden sollten: „Die Schlüsselvariable, die eine Voraussage darüber zulässt, ob elterliche Unterstützung sich als positiv erweisen wird, ist nicht, wie viel davon angeboten wird, sondern ob diese Unterstützung vom Empfänger gern angenommen oder als Zumutung empfunden wird“.

Mit der Frage „Wofür soll Scheitern gut sein?“ greift der Autor im vierten Kapitel eine vielbenutzte Argumentation auf, dass Wettbewerb und Konkurrenz zur Lebensbewältigung gehörten und Motivationsantrieb wären, während das Fehlen davon zu Einstellungen führten wie: „Warum sich anstrengen, wenn sowieso jeder eine Belohnung bekommt?“. Dabei argumentiert er nicht gegen „Leistung“ als Wert, sondern als Ideologie: „Wenn wir einem allgemeinen Ideal der Selbstständigkeit oder der abstrakten Überzeugung frönen, Scheitern sei gut für Kinder, anstatt uns um die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes zu kümmern, dann beschädigen wir möglicherweise die Beziehung, die wir zu unseren Kindern haben“.

Im fünften Kapitel setzt sich Kohn mit dem „Unsinn von Strafen, Noten und Wettbewerb“ auseinander, von Auffassungen im übrigen, die im deutschen (dreigliedrigen) Schulsystem zu einem Tabuthema wird, wenn, wie etwa in den Integrierten Gesamtschulen, auch nur andeutungsweise die scheinbar bewährte, jedoch unsinnige und zudem unnütze Notenbewertung in Frage gestellt wird. Seine Argumentation und Beweisführung gegen die Ideologie, die er abgekürzt BMGSD nennt, nämlich: „Um Kinder auf die schmerzhaften Dinge vorzubereiten, die ihnen später möglicherweise widerfahren, ist es am besten, sie eine Menge Schmerzen spüren zu lassen, solange sie klein sind“, zeigt eine Reihe von Alternativen dazu auf: „BMGSD ist ein Rezept für Fügsamkeit. Es hilft Kindern nicht, mit unangenehmen Dingen fertig zu werden, es erhöht nur die Wahrscheinlichkeit, dass wir für immer und ewig von unangenehmen Dingen umgeben sein werden“.

Im sechsten Kapitel begibt sich der Autor auf eine rutschige Ebene. Er diskutiert die (für pädagogische Wertepostulate) ungemein wichtige Frage: „Ist das Selbstwertgefühl wirklich so wichtig?“; vieldeutig deshalb, weil darauf allzu schnell und triumphierend mit autoritären und konservativen Argumentationen geantwortet werden könnte. Kohn jedoch setzt sich mit den konservativen Vorwürfen auseinander, die in der Erziehung vor „übersteigertem Selbstwertgefühl“ warnen, und er widerlegt die Einstellung, dass man sich ein gutes Selbstwertgefühl verdienen müsse; und er zeigt an Forschungsergebnissen auf: „Wie gut man etwas macht, sollte nebensächlich, nicht ursächlich sein dafür, wie man sich selbst sieht“.

In diese Argumentationsreihe passt auch das im siebten Kapitel thematisierte Korrekturbeispiel: „Warum Selbstdisziplin überschätzt wird“. Dabei führt der Autor in entlarvender Weise vielfach unhinterfragte und scheinbar selbstverständlich postulierte Einstellungen vor, die dabei sofort aufkommende Verdächtigungen, „dass persönliche Verantwortung unwichtig sei oder dass Unterschiede in Einstellungen und Temperament keine Rolle bei Verhaltens- oder Handlungsweisen spielten“ ad absurdum führen. Es geht ihm vielmehr um die Beantwortung der Frage: „Wer profitiert wirklich?“, wenn „Disziplin“ gefordert wird. Und damit um Veränderungen und Perspektivenwechsel: „Wer den Mangel an Selbstdisziplin zum zentralen Problem der Kinder erklärt, der will, dass sie sich an einen Status quo anpassen, der selbst ungeprüft bleibt und sich daher auch nicht ändern wird“.

Im achten, letzten Kapitel nimmt Alfie Kohn die gängigen Vorwürfe von falschem, schädlichem Erziehungsverhalten auf und widerlegt die in Erziehungsratgebern bereitgestellten Rezepte, die sich wie eine Litanei und Gebotsanweisung lesen: „klare Erwartungen formulieren, strenge Grenzen setzen und die Kinder dann auch zur ‚Verantwortung ziehen‘, sie möglichst früh zur Selbständigkeit anhalten, ihnen klar machen, dass Selbstwertgefühl und positive Kommentare verdient werden müssen, ihnen viele Erfahrungen mit Wettbewerb und Versagen ermöglichen, Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen fördern“. Er unterbreitet sein Konzept von der „Erziehung zur sanften Rebellion“, indem er dazu ermuntert: „Wir sollten junge Menschen dazu ermuntern, sich um die Bedürfnisse und Rechte anderer zu kümmern; sie sollten die Praktiken und Institutionen, die einer Verbesserung der Lebensumstände aller Menschen im Weg stehen, kritisch überprüfen und den Mut aufbringen, das, was ihnen gesagt wird, infrage zu stellen – und manchmal auch die Regeln durchbrechen“.

Fazit

Es ist kein Nihilismus und keine Abwertung von Werten, die den provozierenden, aber richtigen und notwendigen Aufforderungen zugrunde liegen, dass eine „vernünftige Alternative zu übermäßiger Zuwendung ( ) nicht weniger Zuwendung (ist), sondern bessere Zuwendung“. Wie war das? Wir müssen Kinder zu selbstbewusstem und selbstbestimmtem Lernen anleiten und nicht vorbestimmen und erzwingen. Das aber kann nur gelingen, wenn die Erziehungsberechtigten ihre eigenen Erziehungsvorstellungen reflektieren, kritisch befragen und quer denken.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.04.2015 zu: Alfie Kohn: Der Mythos des verwöhnten Kindes. Erziehungslügen unter die Lupe genommen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. ISBN 978-3-407-85757-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18248.php, Datum des Zugriffs 27.04.2017.


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