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Jochen Hirschle: Soziologische Methoden

Cover Jochen Hirschle: Soziologische Methoden. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 220 Seiten. ISBN 978-3-7799-2998-7. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,30 sFr.
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Thema

Quantitative Methoden spielen in der Sozialforschung und damit auch in der Soziologie eine wichtige Rolle. Zum einen werden Bestandteile von Theorien mit Hilfe empirischer Daten auf ihre Robustheit hin überprüft. Zum anderen werden mit quantitativen Verfahren (soziale) Zusammenhänge erklärt, nachgewiesen oder vorhergesagt. Der Band gibt einen einführenden Einblick in wichtige Aspekte quantitativer Untersuchungs- und Auswertungsstrategien.

Autor

Der Autor lehrt quantitative soziologische Methoden an der Universität Innsbruck. Er hat am Lehrstuhl für Empirische Sozial- und Wirtschaftsforschung der Universität zu Köln promoviert. Zwischenzeitlich war er als Projektleiter in der quantitativen Marktforschung in Frankfurt, Aachen und Köln tätig. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Analyse sozialen Wandels.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Kapitel untergliedert.

Zu I: Methodologische und wissenschaftstheoretische Grundlagen. Zunächst wird das Konzept der „sozialen Tatsache“ von Émile Durkheim als Gegenstandsbereich der Soziologie skizziert. Dann wird auf den Methodologischen Individualismus eingegangen um anschließend den Unterschied zwischen dem erklärenden und dem verstehenden Ansatz in der empirischen Forschung zu erläutern. Der Autor grenzt die deduktive von der induktiven Methode der Erkenntnisgewinnung ab und verweist dabei auf das Problem des reinen Induktionsschlusses. Er geht kurz auf das deduktiv-nomologische Erklärungsschema von Hempel und Oppenheim ein und erläutert den probalistischen Charakter empirischer Untersuchungsergebnisse. Zuletzt setzt er sich kritisch mit der Vorstellung Karl Poppers vom wissenschaftlichen Fortschritt als dynamischem Prozess auseinander.

Zu II: Von der Theorie zur Empirie. Der Verfasser geht auf das Verhältnis von Theorie und Hypothese ein, beschreibt den Prozess der Operationalisierung, erklärt die unterschiedlichen Skalenniveaus und erläutert die Gütekriterien empirischer Untersuchungen. Er beschreibt die empirische Testung von Hypothesen und zeigt Fehlerquellen bei der Datengewinnung auf. Schließlich grenzt er experimentelle, quasiexperimentelle und nichtexperimentelle Untersuchungsdesigns voneinander ab.

Zu III: Erhebung von Beobachtungsdaten. Zunächst werden unterschiedliche Fragetypen anhand inhaltlicher und formaler Gesichtspunkte unterschieden. Dann werden Trennschärfeermittlung, Interne Konsistenz und Faktorenanalyse als Strategien zur Validierung von Fragebögen vorgestellt. Als nächstes werden Strategien der Stichprobengewinnung und das Prinzip der Signifikanz erläutert. Schließlich werden Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Durchführungsformen von standardisierten Befragungen aufgezeigt und Querschnitts-, Längsschnitt- und Trendanalysen erklärt.

Zu IV: Auswertungsverfahren. Nach einem Exkurs zu den Lage- und Streuungsmaßen werden als einfache Verfahren der Hypothesentestung der Chi-Quadrat-Test, der Mittelwertevergleich und die bivariate lineare Regression vorgestellt. Dann geht der Autor ausführlicher auf die multivariate Regressionsanalyse ein, um schließlich mit der Fixed-Effects-Methode ein Verfahren zur Anwendung der Regression bei Längsschnittuntersuchungen aufzuzeigen. Abschließend wir auf das Prinzip der Mehrebenenanalyse bzw. hierarchischen linearen Regression eingegangen.

Diskussion

Die Stärken des vorliegenden Bandes liegen in Struktur und Stil. Der Aufbau des Buches ist schlüssig, der Text läßt sich gut lesen, die Sprache ist gut verständlich. Die zur Erläuterung dargestellten Beispiele sind anschaulich und nachvollziehbar. Es werden wichtige Aspekte der quantitativen Forschung beleuchtet, insbesondere die Herausarbeitung der Bedeutung regressionsanalytischer Methoden für die Soziologie verdient Beachtung.

Inhaltlich weist das Werk aber einige Schwächen auf, beispielhaft seien genannt:

  • Bei den Erläuterungen zur Validität werden weder die interne noch die externe Validität erwähnt. Erstere spielt bei den Voraussetzungen des experimentellen Designs eine wichtige Rolle, Letztere bei den Strategien der Stichprobenziehung.
  • Die Auflistung der Bedingungen des Experimentes ist unvollständig, ebenso die Gegenüberstellung von experimentellem, quasiexperimentellem und nichtexperimentellem Design.
  • Bei den Methoden zur Validierung von Fragebögen wird lediglich auf Cronbachs Alpha als Verfahren der Reliabilitätsmessung verwiesen.
  • Auch die Ermittlung der Itemschwierigkeit als Strategie der Fragebogenkonstruktion bleibt unerwähnt.
  • Bei den Streuungsmaßen fehlt nicht nur die Erklärung des Unterschiedes zwischen durchschnittlicher Abweichung und Standardabweichung und warum Letztere der Ersteren vorgezogen wird.
  • Die Varianz als Grundlage für die Bildung der Standardabweichung wird falsch dargestellt als Summe der Abweichungen aller Messwerte vom arithmetischen Mittel, geteilt durch die Anzahl aller Werte. Richtig wäre: Die Varianz ist die Summe der quadrierten Abweichungen aller Messwerte vom arithmetischen Mittel, geteilt durch die Anzahl aller Werte. Dementsprechend ist auch die Formel für die Standardabweichung nicht korrekt.

Nicht zuletzt ist der Titel des Buches etwas irreführend, zumindest aber ungenau. Der Band gibt lediglich eine Einführung in quantitative Methoden der Soziologie. Diejenigen, die sich schon etwas länger mit der Materie beschäftigen, würden aufgrund des Titels erwarten, dass auch qualitative Strategien besprochen werden. Für Studienanfänger oder interessierte Laien könnte hingegen der falsche Eindruck entstehen, dass qualitative Methoden nicht in der soziologischen Forschung angewendet werden. Auch wenn quantitative Verfahren ein deutlich stärkeres Gewicht in der Sozialforschung haben, so nimmt die Bedeutung qualitativer Verfahren, insbesondere bei Untersuchungen auf der Mikro- und Mesoebene auch in der Soziologie zu.

Fazit

Obwohl das vorliegende Werk aufgrund seines logischen Aufbaus, seiner verständlichen Sprache und seiner anschaulichen Beispiele zunächst als Einführungsliteratur für quantitative Methoden in der Soziologie gut geeignet erscheint, verspielt es seine Ambitionen wegen der zum Teil unpräzisen und unvollständigen Ausführungen.


Rezensent
Dipl.-Psych. et Theol. Gerald Jose
Akademischer Rat, Dozent für empirische Forschungsmethoden, Psychologie und Ethik, Hochschule Coburg
Homepage www.hs-coburg.de/ueber-uns/fakultaeten/soziale-arbe ...
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Zitiervorschlag
Gerald Jose. Rezension vom 12.04.2016 zu: Jochen Hirschle: Soziologische Methoden. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-2998-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18259.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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