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Albert Scherr (Hrsg.): Diskriminierung migrantischer Jugendlicher in der beruflichen Bildung

Cover Albert Scherr (Hrsg.): Diskriminierung migrantischer Jugendlicher in der beruflichen Bildung. Stand der Forschung, Kontroversen, Forschungsbedarf. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 284 Seiten. ISBN 978-3-7799-3246-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Entstehungshintergrund

Der Herausgeber Albert Scherr schreibt in seinem Vorwort: „Entstanden ist die vorliegende Veröffentlichung im Anschluss an eine Tagung, bei der sich einschlägig ausgewiesene Wissenschaftler/innen zu einer Diskussion ihrer theoretischen Konzepte, ihrer Forschungsstrategien und ihrer Ergebnisse zusammenfanden“ (S. 8).

Thema

Im Vorwort wird das zentrale Anliegen genannt: „Jugendliche mit Migrationshintergrund sind in Förder- und Hauptschulen nach wie vor überrepräsentiert. Sie finden in der Folge erheblich seltener Zugang zu Studiengängen an Hochschulen. Damit sind sie für den Erwerb einer beruflichen Qualifikation mehrheitlich auf eine Ausbildung im dualen System oder an Berufsfachschulen angewiesen“ (S. 7). Die Frage, die sich daraus ergibt, ist, ob es ein ähnliches Problem sozialer Ungerechtigkeit im Bereich der beruflichen Bildung gibt. Dies ist auch eine integrations-politische Frage.

Die Leitfragen sind: „Findet beim Zugang zur beruflichen Bildung … eine Diskriminierung migrantischer Jugendlicher statt? Werden sie aufgrund ihrer nationalen Herkunft, ihres ggf. nicht typisch deutschen Aussehens oder ihrer Religion diskriminiert?“ (S. 7).

Aufbau

Das Buch ist entsprechend in drei Themenbereiche aufgeteilt:

  1. Theoretische Zugänge (zwei Beiträge);
  2. Ergebnisse empirischer Forschung über Ausmaß und Ursachen betrieblicher Diskriminierung (fünf Beiträge);
  3. Diskriminierungswahrnehmungen und Bewältigungsformen in der Ausbildung und in Betrieben (drei Beiträge).

Die einzelnen Kapitel sind aus dem Inhaltsverzeichnis ersichtlich.

Dem „offiziell“ empirisch-methodischen Teil widmet sich die Hälfte der Beiträge, wiewohl die Kapitel zur „Diskriminierungswahrnehmung“ ebenfalls empirisch orientiert sind, so dass die Theorie (41 Seiten) der Empirie (mit ca. 200 Seiten) vorangestellt ist, so dass man als Leser die heterogenen Ergebnisse recht gut „einsortieren“ kann, aber die Theorie wird am Ende – zur ex-post-Erklärung – nicht aufgegriffen.

Vorbemerkung: Ein Herausgeberwerk zu rezensieren, setzt sich der Problematik und Gefahr aus, nicht alle einzelnen Beiträge jeweils für sich genommen umfassend wiedergeben zu können, nicht allen gleichermaßen gerecht zu werden; es wird also „Abkürzungen“ und Vereinfachungen geben, aber so, dass der Gesamtkontext doch erkennbar bleibt.

Zum Einleitungskapitel

Das Einleitungskapitel stellt zunächst klar, dass die „politische Anerkennung Deutschlands als Einwanderungsgesellschaft“ (S. 9) auch die Frage nach der Integration von migrantischen Jugendlichen in den Beruf zur Folge hat. Und „die berufliche Bildung ist für die Mehrheit die entscheidende Weichenstellung für den Arbeitsmarktzugang und berufliche Karrieren“ (ebd.).

Es sind erhebliche Benachteiligungen von migrantischen Jugendlichen zu konstatieren, wobei osteuropäische weniger stark diskriminiert werden als türkisch-arabische oder afrikanische Zuwanderer.

Die Autoren spannen den Bogen von untersuchten Teilaspekten über kontroverse Ursachendiskussion, Forschungskonzeptionen sowie Ursachen und Gründe betrieblicher Diskriminierung bis hin zum Forschungsbedarf.

Zu Teil 1

Im theoretischen Teil werden zwei unterschiedliche Herangehensweisen zur Erklärung von Ausländerdiskriminierung bei der beruflichen Ausbildung / Ausbildungsplatzvergabe diskutiert, die grundsätzlich aber auf die gleiche Theorie (Rechtfertigungstheorie) rekurrieren, zumindest auf deren Vokabular.

In den bisherigen Erklärungen der entsprechenden Diskriminierung, so der erste Ansatz, fehlt der Aspekt, “wieso [Hervorhebung im Original] Arbeitgeber die Bewerber nach nationaler Zugehörigkeit, Geschlecht, oder dem Alter aussortieren und diskriminieren“ (S. 36). Der Autor Christian Imdorf interpretiert „drei für die Selektion von Auszubildenden wichtige betriebliche Welten in KMU“ (S. 40):

  1. „Die Konvention der industriellen Welt“ [Hervorhebung im Original], die sich bezieht auf die Qualität des Mitarbeiters, seinen produktiven Beitrag zum betrieblichen Erfolg und beinhaltet auch traditionelle Arbeitstugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordentlichkeit (S. 40).
  2. „In der marktlichen Welt [Hervorhebung im Original] wird das Beziehungsprinzip des Preises und der Konkurrenz … betont“, gemeint sind damit u.a. Sprache, Manieren, Erscheinung, Sozialkompetenzen, weil sie Einfluss haben können auf Kunden oder Kosten verursachen durch (vermeintliche) Ausbildungsabbrüche.
  3. „Schließlich bestimmen auch die Bedürfnisse und Anforderungen der häuslichen Welt [Hervorhebung im Original] eines Unternehmens, wer eingestellt wird“ (S. 41). Der Betrieb wird als „nachbarschaftlicher Raum“ gesehen, zu dem die Bewerber passen, den „Geist des Hauses“ mittragen müssen.

Diese drei Welten bilden die „Rechtfertigungsprinzipien … für die Beurteilung und Selektion von Auszubildenden“ (S. 42). Im nachfolgenden Teil werden Untersuchungen und Daten zusammengestellt, die diesen Erklärungsansatz – getrennt nach den drei „Welten“ - stützen.

„Ein vielversprechender Bewerber muss entsprechend seine industrielle, marktliche und häusliche Qualität während dem Rekrutierungsprozess unter Beweis stellen“ (S. 48). Da die Betriebe ihren Bestand sichern wollen, reproduzieren sich diese Welten und Bewerber haben somit Probleme, wenn sie sich als inefffizient, kaum produktiv erweisen (industrielle Welt), potentiell kostspielig werden, weil sie die Ausbildung abbrechen oder Kundenbeziehungen gefährden (marktliche Welt) oder sich nicht reibungslos in den Betrieb integrieren (häusliche Welt). Der Autor kommt nach Auswertung der verschiedenen Untersuchungen zu dem Schluss, „dass die Qualität von ‚ausländischen Jugendlichen‘ besonders in der häuslichen und marktlichen Welt in Frage gestellt wird“ (S. 50).

Der zweite Ansatz nimmt sich der Institutionen an, die die Bedingungen erfolgreichen Handelns vorgeben und die Erfolgsaussichten und -erwartungen der Jugendlichen beeinflussen, der migrantische Jugendliche benötigt also „institutionelles Kapital“ (S. 54). Unter Institutionen werden „sanktionierte soziale Regeln [verstanden], in denen festgelegt ist, wie bestimmte Dinge getan werden müssen“ (Beitrag von Gei/Granato, S. 217), „diskriminierende Praktiken [werden] in Anforderungen und Ablaufprozesse von Arbeits- bzw. Aufgabenorganisationen von Betrieben eingebettet“ (Beitrag von Mahl/Bruhns, S. 241). Entsprechende „Institutionen“ bestimmen also, inwiefern und für wen Angebote beruflicher Bildung Möglichkeiten oder Widerstände (Restriktionen) beinhalten. Der Autor Joachim Gerd Ulrich rekurriert auf die drei Welten des vorigen Kapitels und folgert, dass „bei der Auswahl ihrer Ausbildungsstellenbewerber Aspekte der fachlichen Eignung nur eine notwendige, keineswegs aber hinreichende Rolle“ spielen (S. 62) mit dem gleichen Tenor, dass diese „subjektiven Eignungstheorien … mit dem Ausbildungserfolg der gewählten Bewerber sogar noch eine scheinbare Bestätigung“ (S. 63) finden.

Die in Frage stehenden Institutionen unterliegen Gesetzen (u.a. BBiG, Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG)), sind aber auch eigenständige Regeln, die sie als Betriebe und Verbände erfolgreich verteidigen.

Will man nun den Zugangserfolg zahlenmäßig belegen, zeigt sich eine große Problematik in der Datenaufbereitung und der Zuordnung von anderen Maßnahmen („Übergangssystemen“), die eine berufliche Ausbildung vorbereiteten oder zeitlich verschoben (S. 67). Die „eingeschränkte Informationslage bei der Ausbildungsmarktbilanzierung“ (Kap. 2.2.1, S. 68) trägt durch die restriktive Berechnung (der erfolglosen Nachfrage) zu dieser Unklarheit bei.

„Ausbildungsgarantie“ für ausbildungsreife Bewerber (Hamburg setzt dies um) wäre eine Maßnahme zur Chancenverbesserung. Die außerbetriebliche Ausbildung ist meist lernbeeinträchtigten oder sozial benachteiligten Menschen vorbehalten, aber „erfolglose betriebliche Lehrstellenbewerber ohne Migrationshintergrund … [mündeten eher] in eine vollqualifizierende Berufsausbildung … als Bewerber mit Migrationshintergrund“ (S. 73); diese werden „auf das lediglich teilqualifizierende ‚Übergangssystem‘ verwiesen“ (ebd.). Dieses Verweisen erfolgloser Bewerber auf schulische oder außerbetriebliche Ausbildungsplätze sollte institutionalisiert werden. Darüber hinaus könnte der Aspekt der „Günstlingswirtschaft“ auf migrantische Bewerber angewandt werden, nämlich dass für den Betrieb vertrauenswürdige Dritte für den Jugendlichen verbürgen bzw. ihn während der Ausbildung begleiten; letzteres hat Ginnold (2008) in ihrer Dissertation bereits festgestellt.

Inwieweit dieser zweite Teil als eigenständige „Theorie“ mit größerer Reichweite zu bezeichnen ist, ist zumindest kritisch zu reflektieren; die Rechtfertigungstheorie ist vergleichbar dem „Institutionenansatz“ – zur ex-post-Erklärung entsprechender Daten – nützlich. Der zweite Beitrag bietet darüber hinaus auch Hinweise, dass man Zahlen durchaus hinterfragen muss, bevor man sie als Belege für spezifische Aussagen benutzt. Dieser methodisch hinterfragende Aspekt zieht sich durch das gesamte Herausgeberwerk.

Zu Teil 2

Die in den fünf Beiträgen zu Ergebnissen empirischer Forschung über Ausmaß und Ursachen betrieblicher Diskriminierung aufzufindenden Vorgehensweisen und Belege sind so vielfältig und methodisch ausgeklügelt mit solch unterschiedlichen Zugängen basiert, dass man erwarten könnte, klare Aussagen bzgl. Ausmaß und Ursachen von betrieblicher Diskriminierung zu erhalten. Dem ist nicht so; denn die Herangehensweisen sind nicht nur methodisch different, sondern betrachten auch recht unterschiedliche Aspekte.

Es werden – im Beitrag von Beicht - sechs bestehende (Groß-)Studien analysiert:

  1. Bewerberbefragung - schriftlich-postalisch 2008, 2010, 2012 mit 4-5.000 Befragten insgesamt;
  2. Schulabgängerbefragung - bundesweite Repräsentativbefragung mittels computergestützten Telefoninterviews, 2006 und 2012 mit je 1.500 Befragten;
  3. Übergangsstudien (jeweils BIBB) als repräsentative Längsschnittstudie von 18-24 jährigen als restrospektive Bildungs- und Berufsbiografie mittels computergestützen Telefoninterviews via Festnetz, 2006 mit 7.200 Befragten und 2011 mit 5.500 Befragten;
  4. Überganspanel (DIJ) – 2004 bis 2009, befragt wurden Hauptschulabgänger zu Ausbildungs- und Erwerbsverläufen: von 4.00 Befragten waren 3.000 zu Folgebefragungen bereit, 2008 nahmen dann noch 1.150 Personen teil (bei Paneluntersuchungen gibt es sogenannte Paneltote);
  5. Längsschnittuntersuchung von 2007 bis 2009 zur Bedeutung von Sozial- und Handlungskompetenzen (Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen) mit 280 Fällen;
  6. Sozioökonomisches Panel (SOEP), das jährlich bundesweit durchgeführt wird als Repräsentativbefragung zur Bildungs- und Erwerbstätigkeit; über 20.000 Daten liegen vor; diese Daten wurden zusätzlich analysiert nach Einmündungschancen Jugendlicher mit Hauptschulabschluss sowie mittlerem Abschluss bzgl. kognitiven Grundfähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften (2008) mit 400 Fällen; weiterhin wurde anhand der vorliegenden Daten der Übergang in Berufsausbildung analysiert von Jugendlichen mit maximal mittlerem Schulabschluss (2000 bis 2011) mit insgesamt 1.400 Fällen.

Schneider/Weinmann untersuchten mittels Korrespondenztest (zwei fiktive Bewerbungsunterlagen mit türkischem bzw. deutschem Namen), ob Diskriminierungen aufzufinden sind für zwei Berufsbereiche: Bürokaufmann und Kfz-Mechatroniker.

Seibert machte eine Sequenzanalyse (1999-2011) der Beschäftigungshistorik, unterschied dabei deutsche Staatsbürger, „problematisierte Fremde“ (türkische, arabische, afrikanische Staatsangehörigkeit) und „nicht-problematisierte Fremde“ (nicht-deutsche Staatsangehörigkeit – darunter europäische Auszubildende) in mittleren und großen Unternehmen mit mindestens 10 Auszubildenden in Westdeutschland.

Bahl/ Ebbinghaus interviewten Personalverantwortliche im Bäckereihandwerk und Versicherungswesen (24 Fälle).

Hunkler hatte einen Bewerberdatenpool zur Verfügung, der pro Jahr 10.000 Bewerber auswies, bei 800 Ausbildungsplätzen in 40 Ausbildungsfächern, der methodisch aufwendig analysiert wurde.

Um die Spannung für die jeweils gefundenen, stark differenzierten und differenzierenden Erkenntnisse nicht zu nehmen, sollen hier nur ausgewählte und zusammenfassende Erkenntnisse genannt werden:

  • Beicht fasst u.a. zusammen: „Diese Studien [gemeint sind die sechs Großstudien] können ‚nur‘ aufzeigen, wie viel schwieriger für Migranten im Vergleich zu Nicht-Migranten der Zugang zur betrieblichen Ausbildung ist, selbst wenn sie über die gleichen Ressourcen verfügen“ (S. 111).
  • Bei Schneider/Weinmann ist nachzulesen – sozusagen als Ergebnis und Handlungsempfehlung an Politik und Arbeitgeber: „Wenn qualifizierte Kandidaten nur deshalb nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden, weil ihr Name ausländisch klingt, geht dem angespannten Ausbildungsmarkt wertvolles Potential verloren“ (S. 139).
  • Seibert resümiert: „Offen für ausländische Jugendliche sind vor allem größere Betriebe in städtischen Regionen“, wenn kein Abitur verlangt wird und die Ausbildungsvergütung gering ist. „Abgeschottet scheinen hingegen vor allem kleinere Betriebe im ländlichen Raum“, wenn Abitur verlangt wird und eine höhere Ausbildungsvergütung gezahlt wird (S. 166). Aber: das „betriebliche Selektionsmuster bei der Lehrlingsauswahl [ist] nicht starr“ (S. 167).
  • Bahl/Ebbinghaus unterscheiden deutlich die Voraussetzungen für das Bäckerhandwerk und das Versicherungswesen, es „zeigt sich aber in beiden Fällen, dass formalen Qualifikationen wie Schulabschluss und Note im Auswahlverfahren eine vergleichsweise geringe Bedeutung zukommt. Viel wichtiger wiegen Persönlichkeitseigenschaften, motivationale Aspekte und die Affinität zur Branche aufgrund des sozialen Hintergrunds“ (S. 190).
  • Hunkler interpretiert seine Daten zusammenfassend: „Relevant für die maßgeblichen weiteren Entscheidungen in den untersuchten Betrieben sind … die spezifischeren eigenen Kompetenzmessungen und Wahrnehmungen auf Dimensionen, die durch die schulischen Qualifikationen offensichtlich nur sehr begrenzt abgebildet werden“ (S. 204). Und als Handlungsempfehlungen sind zumindest fünf herauszuheben: bei größeren Betrieben mit standardisierten Auswahlverfahren werden die Ausbildungsplätze leistungsgerecht vergeben; eine frühe Bewerbung hat höhere Chancen, berücksichtigt zu werden; Empfehlungsschreiben, Bewerbungstrainings und Vorbereiten auf Testsituationen helfen; die räumliche Nähe zwischen Wohn- und Ausbildungsort wäre aus Betriebssicht günstig und migrantische Jugendliche sollten sich nicht auf einen Ausbildungsberuf starr festzulegen, sondern ähnliche Ausbildungsberufe auch ins Kalkül zu nehmen (S. 205f.).

Zu Teil 3

Der Beitrag von Gei/Granato („Diskriminierungswahrnehmungen und Bewältigungsformen in Ausbildung und Betrieben“) untersucht und diskutiert mögliche Unterschiede zwischen Wunsch und Wirklichkeit in der beruflichen Ausbildung. Die Autorinnen gehen der Frage nach, inwieweit Ausgrenzungsprozesse in der Ausbildung wahrgenommen werden. Zwei Thesen sind zentral: die eine, dass sich soziale Ungleichheiten kumulativ reproduzieren vs. die These, dass sich diese negativen Effekte im Verlaufe des Ausbildungsprozesses kompensieren. Betrachtet werden unter dem Hauptpunkt „Ausbildungsqualität im Ausbildungsbetrieb“ die Unterpunkte (a) Organisation der betrieblichen Ausbildung, (b) Inhalte, Methoden und Lernklima der betrieblichen Ausbildung, (c) Eignung und Präsenz des Ausbildungspersonals. Als Datenpool dient eine repräsentative Untersuchung von Auszubildenden (BIBB), die gewonnen wurden aus einer „Klassenzimmerbefragung“ von ca. 5.900 Auszubildenden im 2. Lehrjahr, in 5 Bundesländern, „in 15 stark besetzten dualen Ausbildungsberufen“ (S. 218). Die Daten werden in fein differenzierten Aspekten nach Unterschieden und Übereinstimmungen zwischen Auszubildenden mit vs. ohne Migrationshintergrund ausgewertet. Bezogen auf die beiden Thesen kommen die Autorinnen zu dem Schluss, „dass Bildungsungleichheit unter Berücksichtigung der ethnischen Herkunft in der Bildungsetappe berufliche Ausbildung nicht kumuliert“ [Hervorhebungen im Original] (S. 233); zur Kompensationsthese weisen die Autorinnen darauf hin, dass auch dafür keine Hinweise zu finden sind.

Im zweiten Beitrag zu Diskriminierungswahrnehmungen gehen Mahl/Bruhns davon aus, dass die Bewerberauswahl nicht ausschließlich durch Leistungsunterschiede (meritokratisches Prinzip) geschieht, sondern sich auch andere Deutungsmuster in der Wahrnehmung abgelehnter Jugendlicher mit Migrationshintergrund festsetzen können. 38 Jugendliche mit Migrationshintergrund (7 mit marokkanischem, 9 mit türkischem Hintergrund) wurden interviewt; 14 davon waren selbst nach Deutschland gezogen, „24 Personen gehören der zweiten Zuwanderungsgeneration an“ (S. 245). Die Jugendlichen wurden 3x interviewt (pro Jahr einmal). Ablehnungen werden nicht unbedingt den Leistungen zugeschrieben und wenn doch, dann war die Bewältigungsstrategie: mehr Schule, mehr Bildung. Wenn dies auch nicht gelang, dann gab es im Vergleich mit anderen Mitbewerbern andere Deutungsmuster, die sich deutlich auf das Herkunftsland oder die Religion bezogen. Die Autoren schildern zwei Fälle intensiv.

Der dritte Beitrag von Schmidt widmet sich „der Frage nach herkunftsbezogener Diskriminierung in der Arbeitswelt“ bzw. der betrieblichen Kollegialität. Er analysiert die Ergebnisse aus Befragungen (n = 1.265 Fragebögen mit einer Rücklaufquote von insgesamt 44%) und Daten aus drei größeren Betrieben. Beschäftigte ausländischer Herkunft werden dort überwiegend im Arbeiterbereich beschäftigt, „der größte Teil im Bereich angelernter Tätigkeiten“ (S. 262). Die Eingruppierung wird analysiert – ohne Hinweis auf Diskriminierung. „Die betrieblichen Sozialbeziehungen heben sich von den nicht selten von Ressentiments und Vorurteilen durchdrungenen Meinungen positiv ab“ (S. 266). Das entspricht den sozialpsychologischen Erkenntnissen, dass Einstellungen nicht unbedingt tatsächliches Verhalten vorhersagen können. Schmidt nennt dieses Verhalten „pragmatische Zusammenarbeit“ (S. 267): Arbeitswelt und Alltagsleben werden getrennt. „Der Betrieb bleibt ein Ort, an dem herkunftsbezogene Ungleichheit zwar nicht hervorgebracht, doch auch nicht reduziert wird“ (S. 275). Schmidt diskutiert und reflektiert kritisch den Ansatz des Diversity Management (S. 276f.) und bietet Hinweise, wie die „Politik“ (auch die innerbetriebliche) zu einer gegenseitigen Wertschätzung beitragen könnte.

Diskussion

Das vorliegende Buch gibt methodisch vielfältige, aus unterschiedlichen Perspektiven und in der Praxis angewandte Forschungsansätze wieder, analysiert Forschungsergebnisse sehr differenziert, an verschiedenen Stellen werden auch umsetzbare Anregungen gegeben. Die theoretischen Erklärungen zu Anfang bieten einen Rahmen, mit dem es sich gelohnt hätte, in einem abschließenden wie auch zusammenfassenden Kapitel die doch recht unterschiedlichen Ergebnisse in diesem Licht zusammenzufassen. Die Diskussionen wie auch Ergebnisse sind für die akademische Forschung sicherlich richtungweisend. Inwieweit sie auch von Betrieben, von Betroffenen (wie auch Betriebsräten) umgesetzt und angewandt werden können, verbleibt, trotz zahlreicher Hinweise etwas im Dunklen. Da die Analysen zu großen Teilen die duale Ausbildung betreffen, wäre dieser Aspekt wünschenswert gewesen. So ist das Buch ein wichtiger Beitrag für die Forschung zu Diskriminierungen bei der Ausbildungssuche. Die Berücksichtigung praktischer Diskurse, wie sie in Offenbach stattfanden und veröffentlicht wurden (2012), bei denen auch praktische und pragmatische Umsetzungsmöglichkeiten diskutiert wurden, wäre interessant gewesen.

Fazit

Das vorliegende, von Scherr herausgegebene Werk ist im Anschluss an eine Tagung entstanden. Und wie der Herausgeber im Vorwort erklärt, zeigen die Beiträge deutlich, dass „sich unterschiedliche Einschätzungen zum Ausmaß betrieblicher Diskriminierung und zu den davon mehr oder weniger stark betroffenen Teilgruppen nicht gänzlich auflösen [lassen]“ (S. 8). Ein aber durchgängiges Ergebnis ist zu konstatieren: „Dass migrantische Jugendliche bei der Lehrstellensuche diskriminiert werden, wird … deutlich„; aber es wird auch darauf hingewiesen, „dass es durchaus Ansatzpunkte zur Überwindung solcher Diskriminierungen gibt“ (ebd.). Die unterschiedlichen Einschätzungen basieren auf unterschiedlichen Fragestellungen, Herangehensweisen, Methodenanwendungen und Datensätzen. Insofern bieten sie eine Fülle an methodischen wie auch inhaltlichen Materialien sowie auch weiteren Forschungsfragen. Dies deutet an, dass dieser Bereich ein weites Feld ist, das immer stärker differenzierte Ergebnisse hervorgebracht hat und hervorbringt, was es dem Praktiker nicht unbedingt leichter macht, einzelne Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Wer sich auf diesem Gebiet aber forschungsmäßig engagieren will, kann sich eines Fundus´ bedienen, der auch zur Überprüfung der Reduzierung von betrieblichen Diskriminierungen beizutragen in der Lage ist. Die beiden theoretischen Ansätze böten dafür einen Rahmen, in dem die zwar klaren (= statistisch signifikanten), aber im Detail doch recht heterogenen und vielschichtigen Ergebnisse einerseits gut einzuordnen, andererseits durch daraus abzuleitende Hypothesen überprüfbar wären.

Wenn dieser Rahmen auch für die „Einrahmung“ der Ergebnisse genutzt worden wäre, wäre das Buch sicherlich auch für die Praxis noch besser nutzbar; denn eine gute Theorie ist richtungsweisend für die Praxis. Insofern sollten sich zumindest die in entsprechenden Einrichtungen und Betrieben tätigen Sozialpädagogen / Sozialarbeiter mit diesen Gedanken auseinandersetzen und deren Umsetzung mit den im Buch angedeuteten Hinweisen angehen.

Literatur

  • Ginnold, A. (2008): Der Übergang Schule – Beruf von Jugendlichen mit Lernbehinderung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt
  • Stadt Offenbach, Amt für Arbeitsförderung, Statistik und Integration (Hrsg.)(2012): Berufsorientierung und Kompetenzen. Methoden – Tools - Projekte. Bielefeld, W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co.KG.

Rezension von
Prof. Dr. phil Ekkehard Rosch
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Zitiervorschlag
Ekkehard Rosch. Rezension vom 22.10.2015 zu: Albert Scherr (Hrsg.): Diskriminierung migrantischer Jugendlicher in der beruflichen Bildung. Stand der Forschung, Kontroversen, Forschungsbedarf. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3246-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18260.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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