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Bettina Bergau: [...] Intervention bei hochstrittiger Trennung und Scheidung

Cover Bettina Bergau: Lösungsorientierte Begutachtung als Intervention bei hochstrittiger Trennung und Scheidung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 260 Seiten. ISBN 978-3-7799-2983-3. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Thema des Buchs ist die lösungsorientierte Begutachtung als Intervention bei hochstrittiger Trennung und Scheidung.

Ziel dieses Buches und der in diesem publizierten sozialwissenschaftlichen Studie ist es, darzulegen, wie beauftragte Sachverständige hochstrittige Familien lösungsorientiert unterstützen können, sich einvernehmlich zu einigen, und ob dies ein erstrebenswertes Ziel ist oder nicht doch eine gerichtliche Entscheidung die bessere Alternative darstellt.

Entstehungshintergrund

Bettina Bergau veröffentlicht in diesem Buch ihre an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Frau Prof. Dr. Sabine Walper geschriebene Dissertation.

Eine wichtige Motivation für die dem Buch zugrunde liegende Studie dürfte auch aus der praktischen Tätigkeit als Gerichtssachverständige und dem Wunsch, die Wirksamkeit der lösungsorientierten Begutachtung zu beforschen, entstanden sein.

Aufbau und Inhalt

In den Kapiteln 1 und 2 wird mit einer knappen Zusammenfassung und Einleitung in die Thematik des Buches eingeführt und ein gesellschaftlicher und juristischer Rahmen gesteckt.

Im Kapitel 3 wird ein geschichtlicher Überblick über die Entwicklung des Scheidungsrechtes in Deutschland gegeben, wobei besonders den aktuellen Leitbildern der zunehmend psychosozial geprägten Konfliktlösungskultur der jüngeren Epoche Platz eingeräumt wird.

Kapitel 4 setzt sich intensiv mit dem Phänomen der Hochstrittigkeit auseinander, erläutert Erklärungsmodelle und Entstehungsbedingungen und skizziert mögliche Folgen von hochstrittigen Trennungsprozessen besonders für betroffene Kinder.

Kapitel 5 stellt grundlegende Überlegungen zu Interventionen bei Hochstrittigkeit an. Interventionsmöglichkeiten im FamFG-Verfahren werden vorgestellt.

Kapitel 6 widmet sich ausführlich der lösungsorientierten Begutachtung als Intervention. Das Modell der Statusdiagnostik, die Beauftragung der/des Sachverständigen durch das Gericht, Konzepte der lösungsorientierten Begutachtung werden vorgestellt, eine Erörterung der Chancen und Grenzen runden das Kapitel ab.

Kapitel 7 und 8 legen das Forschungsdesign der empirischen Studie und die zugrunde liegenden Fragen ausführlich dar. Sachverständige und betroffene Eltern werden in Telefoninterviews und mit Fragebögen zu ihren Erfahrungen mit der lösungsorientierten Begutachtung befragt.

Im Kapitel 9 werden die Ergebnisse zur Praxis der lösungsorientierten Begutachtung vorgestellt.

Das Kapitel 10 behandelt die Ergebnisse zur Wirkungsweise der lösungsorientierten Begutachtung, also wie eine lösungsorientierte Begutachtung auf ein elterliches Einvernehmen einwirken kann.

Und das Kapitel 11 schließlich legt die Ergebnisse zur Nachhaltigkeit der erzielten Einigungen dar. Zu diesem Zweck wurde eine zweite Befragung der Eltern acht Monate nach der ersten Befragung durchgeführt.

Im Kapitel 12 werden schließlich die Ergebnisse der Studie zusammengefasst und ausführlich diskutiert. Besonders die Implikationen für die Praxis mit konkreten Vorschlägen für die lösungsorientierte Arbeit der Sachverständigen versuchen die gewonnenen Ergebnisse den Sachverständigen nützlich zu machen.

Diskussion

Das Buch von Bettina Bergau besticht durch seine sozialwissenschaftliche Studie, in der eine profunde und sehr aufwändige Auseinandersetzung mit einer schwierig zu beforschenden Materie geschehen ist. Durch die sehr detaillierte Darlegung des Forschungsprozesses und der gewonnenen Ergebnisse, wissenschaftlich sehr exakt und mit vielen Tabellen versehen, ist das Buch für nicht in empirischer Sozialforschung ausgebildete LeserInnen eher schwer verständlich, möglicherweise für ExpertInnen in diesem Metier aber umso interessanter.

Da ausschließlich die deutsche Situation und Rechtslage beforscht und beschrieben wird und die Unterschiede auch in der verwendeten Terminologie z.B. zur österreichischen Situation doch erheblich sind, könnte es bei unreflektierter Übertragung auf andere Rechtssysteme doch zu Verwirrung und Missverständnissen kommen, obwohl die Autorin dies wohl kaum verhindern hätte können.

Die Grenzen der Studie werden von Bettina Bergau offen thematisiert: Indem die interviewten Sachverständigen die Fälle ausgewählt haben, könnte es zu einer „Selektion von Vorzeigefällen“ (S.199) gekommen sein, was die Repräsentativität und das sehr positive Ergebnis von ca. 50% Erfolgsrate der lösungsorientierten Begutachtung etwas relativiert.

Weitere Problembereiche, die angeschnitten werden, sind die fehlende einheitliche Ausbildung der Sachverständigen und damit verbunden ein gewisser „Methodeneklektizismus“, die unterschiedlichen Rollen des/der Sachverständigen als VermittlerInnen, BeraterInnen, aber auch VerfasserInnen eines entscheidenden Gutachtens, was mitunter durchaus zu Rollenkollisionen führen kann. Und schließlich der Faktor Zeit: Einerseits das Bestreben der Gerichte möglichst rasch eine Entscheidung zu finden, andererseits unterliegen Konflikte und Lösungsprozesse einer eigenen Dynamik in der auch Zeit Wunden heilen kann.

Fazit

Bettina Bergau hat in ihrer Dissertation Neuland betreten. Ein beeindruckend komplexes und sehr aufwändiges Forschungsdesign verschafft einen guten Einblick über Theorie und Praxis von lösungsorientierten Gutachten.

Dieses Buch ist wohl kaum als Ratgeber für betroffene Eltern geeignet – es sei denn, sie wären zufällig auch versierte SozialforscherInnen.

Für Sachverständige, RichterInnen, aber auch andere HelferInnenprofessionen in konflikthaften Trennungsprozessen ist es eine interessante und lesenswerte Lektüre, die einen ambitionierten Einblick in den bisher kaum beforschten, innovativen Bereich der lösungsorientierten Begutachtung als Intervention bei hochstrittiger Trennung und Scheidung bietet.


Rezensentin
DSA Dr. Marianne Gumpinger
Fachhochschule Oberösterreich, Campus Linz, Studiengangsleiterin des Fachhochschul-Studiengangs Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Marianne Gumpinger. Rezension vom 06.07.2015 zu: Bettina Bergau: Lösungsorientierte Begutachtung als Intervention bei hochstrittiger Trennung und Scheidung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2983-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18262.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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