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Volker E. Amelung, Susanne Eble u.a. (Hrsg.): Patienten­orientierung. Schlüssel für mehr Qualität

Cover Volker E. Amelung, Susanne Eble, Helmut Hildebrandt, Franz Knieps, Ralph Lägel (Hrsg.): Patientenorientierung. Schlüssel für mehr Qualität. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2015. 281 Seiten. ISBN 978-3-95466-137-4. D: 54,95 EUR, A: 56,60 EUR, CH: 66,00 sFr.

Weitere AutorInnen: Susanne Ozegowski | Rolf-Ulrich Schlenker | Ralf Sjuts.
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Thema

Seit einiger Zeit stellt sich für unterschiedliche Dienstleister im Gesundheitssystem die Frage, wie des gelingen kann, die Patientinnen- bzw. Patientenorientierung in den unterschiedlichen sektoralen Versorgungsstrukturen zu stärken. In diesem Buch gehen über 76 Autorinnen und Autoren der Frage nach, inwiefern die Versorgungsqualität durch Einbeziehung subjektiver Sichtweisen von Patientinnen und Patienten optimiert werden kann. Die Autorinnen und Autoren kommen größtenteils aus den Bereichen Pharmaindustrie, gesetzliche und private Krankenkassen, Versorgungsmanagement, Universitäten (Medizin und Psychologie) und Gesundheitswirtschaft.

Die Veröffentlichung orientiert sich an der Grundausrichtung des Bundesverbandes Managed Care (BMC) eines „markt- und leistungsorientierten Wettbewerbs im Gesundheitswesen im Kontext des solidarisch finanzierten Gesundheitssystem“ (www.bmcev.de).

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in zwei Hauptbereiche und beinhaltet untergeordnete Kapitel:

Grundlagen:

  1. Systemperspektive
  2. Strukturen
  3. Instrumente
  4. Methodik.

Praxis:

  1. Versorgungsmodelle
  2. Versorgung psychischer Erkrankungen
  3. Arznei- und Hilfsmittel
  4. Informationstechnologie.

In dem Kapitel Grundlagen wird aus struktureller Perspektive die Notwendigkeit der Einbeziehung von Patientinnen- und Patientenerfahrungen thematisiert. Dabei steht das Gesundheitssystem als Wirtschaftszweig außer Frage und der Kundenbegriff spielt eine zentrale Rolle (3). Es werden vielfältige Aspekte diskutiert, die die Gesundheitsversorgung in Deutschland beeinflussen und verkomplizieren. Die gesundheitswirtschaftliche Betrachtung speist sich aus der Kopplung von Patientenzufriedenheit mit dem wirtschaftlichen Erfolg von Gesundheitsdienstleistern. Es werden unterschiedliche Entwicklungen und Ideen vorgestellt, wie die Versorgungsqualität nachhaltig verbessert werden kann. Dabei geht um eine Spannweite von Patient Journeys über einen Vergleich mit britischen Versorgungsformen bis hin zur Frage, wie konkret die Interessen von Patientinnen und Patienten eingebunden werden können. Interessant ist die Vorstellung von Instrumenten und Methodik, die Anreize zur erhöhten Patientenpartizipation setzen und zur Kompetenzerweiterung für Patientinnen und Patienten führen können. Zurecht wird darauf hingewiesen, dass in der aktuellen Versorgung empirisch gewonnene Erkenntnisse über Patientenpräferenzen bspw. bei Erstattungsentscheidungen kaum berücksichtig werden (105). Allerdings erschließt sich beim Lesen nicht so ganz die Zweckmäßigkeit der vorgestellten Zugänge in der praxisorientierten Versorgung durch die Gesundheitsfachberufe.

Das Kapitel Praxis nimmt Versorgungsmodelle in den Fokus und dabei spielt die Qualitätsperspektive eine zentrale Rolle. Am Beispiel der Integrierten Versorgung und damit verbundener Partizipation von Patientinnen und Patienten wird überzeugend dieser positive Einfluss auf die Mortalitätsreduktion dargestellt (123ff.). Weiterhin wird in Modelle eingeführt, bei denen nichtärztliche Professionen mit erweiterten Qualifikationen ärztliches Fallmanagement unterstützen. Auch die Möglichkeiten telemedizinischer Unterstützung bei der Diabetesbehandlung werden in einem Beitrag beschrieben. Detailliert werden weiterhin Versorgungsmodelle vorgestellt, die Integrierte Versorgung bei Rückenschmerzen ebenso beinhalten wie Qualitätsaspekte bei der Rheumabehandlung und die Frage, inwieweit Patientinnen und Patienten in medizinische Entscheidungen aktiv eingebunden werden. Dabei wird Patientencoaching als mögliche Intervention zur Verbesserung gesundheitsorientierter Selbstwahrnehmung und eigener Handlungskompetenzen diskutiert (158).

Mit einem spezifischen Blick auf die Versorgung psychischer Erkrankungen werden dann Aspekte von guter Praxisorganisation und Praxismanagement (166) und die Möglichkeiten von teilhabeorientiertem Adherence Coaching thematisiert (169-174). In weiteren kurzen Beiträgen werden Koordinationsmodelle zur gestuften Versorgung psychisch kranker Menschen und Möglichkeiten der Onlineberatung und Telefoncoaching vorgestellt.

Strukturelle und organisatorische Perspektiven auf die Optimierung von Schnittstellen zwischen medizinischer Versorgung und Heil- und Hilfsmittelerbringung zwecks elektronischer Rezepte erfolgen am Beispiel der Gesundheitsversorgung in der Schweiz. Aber auch die vermehrte Nutzung elektronische Behandlungsinformationen sollen dazu beitragen, patientinnen- bzw. patientenorientierter im Spannungsfeld ambulanter und vollstationärer Versorgung zu behandeln. Aus Sicht eines pharmazeutischen Unternehmens werden im folgenden Kapitel Ansätze zur Verbesserung des Patientinnen- und Patientenoutcomes in der Gesamtbehandlung diskutiert. Es stehen insbesondere komplexe Behandlungssettings wie bei Hepatitis C und Schizophrenie einschließlich einer folgenden Outcomemessung anhand epidemiologischer Daten und empirischer Befunde im Fokus (208-209). Die nächsten Kapitel beschäftigen sich mit dem Fortschritt in der Tumorbehandlung durch personalisierte Medizin einschließlich der immer besseren Identifikation von Risikofaktoren, optimierte Hilfsmittelversorgung in der Schlaganfallversorgung und technologische Innovationen. Dazu gehören die digitale Patientenquittung (223ff.) zur Erhöhung der Transparenz von Behandlungskosten ebenso wie IT-gestütztes Nachsorgemanagement mit dem Hinweis auf Entwicklungen in USA (229). Daneben gibt es noch die Vorstellung eines telemedizinischen Versorgungsangebotes, IT-Entwicklungen zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Ärztinnen, Ärzten und Patientinnen und Patienten in der ambulanten ärztlichen Behandlung. Schließlich erfolgt noch die Darstellung einer Homepage, die Patientinnen- und Patientenerfahrungen erfasst und damit Nutzungsmöglichkeiten für Betroffene aber auch Professionelle und Wissenschaftlerinnen bzw. Wissenschaftler schafft.

Diskussion

Der Sammelband plädiert schon im Titel für eine stärkere Patientinnen- und Patientenorientierung in der gesundheitlichen Versorgung und in Anbetracht der komplexen Versorgungslandschaft erscheint diese Intention richtig und nachvollziehbar. Somit beleuchtet dieses Buch aus der Schriftenreihe des BMC ein relevantes Thema. Allerdings führt die etwas unübersichtliche Vielzahl von Artikeln mit unterschiedlichen Ausrichtungen zur Frage, wem eigentlich die Patientinnen- und Patientenorientierung nutzen soll, solange das Gesundheitssystem sich eher als Reparatursystem versteht und subjektive sowie soziale Krankheitsaspekte im Kontext der jeweiligen Lebenswelten komplett vernachlässigt werden. Einige Artikel wirken daher mehr als Werbebeiträge und lassen kritische Diskurse vermissen. Das Gesundheitssystem als ständig wachsender Markt weckt immer mehr Begehrlichkeiten bei professionellen Anbietern und Patientinnen und Patienten sind in einer dienstleistungsorientierten Marktlogik als Kundinnen und Kunden zu verstehen. Somit erfüllt dieses Buch den eigenen Anspruch, aus Sicht des Care-Managements Patientinnen- und Patientenorientierung zu thematisieren. Eine pluralistische Sichtweise auf das Thema ist aber nur bedingt gelungen.

Fazit

Diese Veröffentlichung ist gut geeignet, den gegenwärtigen Entwicklungsstand der Patientinnen- und Patientenorientierung aus Sicht von Institutionen, Anbietern und Professionellen im Praxisfeld Managed Care zu verstehen. Insofern empfehle ich das Buch insbesondere Profis aus den Gesundheitsfachberufen in Leitungsfunktionen nicht ohne den Hinweis, sich Gedanken darüber zu machen, wie lebensweltorientierte Patientinnen- und Patientenpartizipation konkret in den jeweiligen Institutionen gelingen kann. Dabei wird dieses Buch kaum weiterhelfen können.


Rezensent
Prof. Dr. phil. Stephan Dettmers
M.A. Klinische Sozialarbeit, Dipl. Sozialarbeiter
Fachhochschule Kiel
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Zitiervorschlag
Stephan Dettmers. Rezension vom 17.06.2015 zu: Volker E. Amelung, Susanne Eble, Helmut Hildebrandt, Franz Knieps, Ralph Lägel (Hrsg.): Patientenorientierung. Schlüssel für mehr Qualität. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2015. ISBN 978-3-95466-137-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18277.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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