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Tina Hascher, Till-Sebastian Idel u.a. (Hrsg.): Bildung über den ganzen Tag

Cover Tina Hascher, Till-Sebastian Idel, Sabine Reh, Werner Thole, Klaus-Jürgen Tillmann (Hrsg.): Bildung über den ganzen Tag. Forschungs- und Theorieperspektiven der Erziehungswissenschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 324 Seiten. ISBN 978-3-8474-0657-0. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR, CH: 49,40 sFr.
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Thema

Grundsätzlich beschäftigt sich die vorliegende Veröffentlichung mit „Kompetenzen und Entwicklungspotenzialen der Erziehungswissenschaften zwischen gesellschaftlichen Anforderungen, theoretischen Entwürfen und empirischen Forschungsansätzen (…)“ (S. 9) – so die Herausgeberinnen und Herausgeber.

Entstehungshintergrund, Autorinnen und Autoren

Der vorliegende Band dokumentiert den workshop „Bildung über den ganzen Tag. Forschungs- und Theorieperspektiven“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Der workshop fand vom 10.-11. Oktober 2013 in Berlin statt. Aufsätze sind im Band veröffentlicht von Thomas Rauschenbach, Wolfgang Böttcher, Hans-Jürgen Kuhn und Klaus-Jürgen Tillmann, Katharina Maag Merki, Matthias Proske, Till-Sebastian Idel und Sabine Reh, Yvo Züchner, Falk Radisch und Nicolle Pfaff, Natalie Fischer und Kerstin Rubenstein, Christine Wiezorek, Thomas Markert und Hans Gängler.

Aufbau

Nach einer den Grundriss des Bandes skizzierenden Einführung durch die Herausgebergruppe gliedern sich die elf Beiträge in die Abschnitte

  1. „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik im Spannungsfeld“,
  2. „Neue Ansprüche an theoretische Zugänge“,
  3. „Empirische Herausforderungen“ sowie
  4. „Verständigung und Weiterentwicklung durch Transfer“.

Einige ausgewählte Beiträge sollen im Folgenden einen Eindruck über das bearbeitete Themenspektrum im Rahmen des workshops vermitteln.

Zu 1. Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik im Spannungsfeld

In dem ersten Beitrag des Bandes mit dem Titel „Ganztagsschule – ein Projekt ohne Konzept“ erörtert Thomas Rauschenbach, warum zum Thema Ganztagsschule (GTS) eine auffällige Debatten- und Konfliktarmut festzustellen ist und warum eine klare Konzeptfundierung fehlt. Die Antwort zur ersten Frage findet der Autor in der gesellschaftlichen Gemengelage der Bundesrepublik: u.a. kommt die GTS den Erwerbsinteressen der Eltern und Arbeitgeber entgegen, es werden keine Bildungsprivilegien angegriffen und es gibt hinreichend viele Alternativen bei der Schulwahl. Die Antwort auf die zweite Frage findet Rauschenbach in der „Erfolgsstory Ganztagsschule“, die er gerade auf eine beliebige und konturlose Entwicklungsdynamik zurückführt. Dadurch wird es ermöglicht, dass Bund, Länder, Schulträger und Schulen durch die vorherrschende Unbestimmtheit ihre jeweiligen Interessen gut bedienen können (z.B. durch Finanzmittel des Investitionsprogramms Zukunft Bildung und Betreuung) Auf diesem Hintergrund müssen folgende Fragen dringend geklärt werden, „Öffnungszeiten und Verlässlichkeit“, „Schulpflicht und Rechtsanspruch“, „Förderalismus und Zuständigkeit“ sowie „Ziel und Konzept“.

Der Folgebeitrag „Ganze Tage in der Schule – Politik und Wissenschaft zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ von Wolfgang Böttcher kann als Vertiefung der Ausführungen von Rauschenbach gelesen werden. Böttcher zeigt an den programmatischen Forderungen im Rahmen der GTS sowohl an der gewünschten individuellen Förderung als auch an der vermeintlichen Kooperation von Schule und Jugendhilfe (Sozialpädagogik), dass die Wirklichkeit anders aussieht; z.B. die genannten Kooperationspartner gar nicht die notwendigen Ressourcen besitzen. Der Autor wirft der Bildungspolitik, der Bildungsverwaltung und den beteiligten Wissenschaften vor, „plakative und emotional aufgeladene Ideen als Konzept“ (S. 51) auszugeben. Böttcher wendet sich scharf dagegen, solche zwiespältigen Problematiken auf die Schultern der schulischen Akteurinnen und Akteure abzuwälzen.

Klaus-Jürgen Tillmann und Hans-Jürgen Kuhn gehen in ihren Ausführungen zum Thema „Ganztagsschulentwicklung und Erziehungswissenschaft. Zur Rolle der Ministerien in der Forschungslandschaft“ von zwei unterschiedlichen Handlungslogiken aus: Bildungspolitik erarbeitet Entscheidungen und Erziehungswissenschaft erarbeitet Erkenntnisse. Erläutert werden auf diesem Hintergrund die Forschungsergebnisse von PISA 2000, die sowohl zum Ganztagsschulausbau führten als auch zum Ausbau ministerieller Forschungsförderung im großen Stil im Rahmen der Studie zur Entwicklung der Ganztagsschulen (StEG). Zwischen den Handlungslogiken kann es zu Interessenkollisionen zwischen der beteiligten Politik und der beteiligten Wissenschaft kommen und die Autoren untersuchen an StEG einen Kollisionsverlauf. Zunächst wird für das vom zuständigen Bundesministerium installierte Forschungsprogramm unabhängige wissenschaftliche Kompetenz (Forscher, Forschungsinstitute, Forschungsdesign) festgestellt, dann aber darauf verwiesen, dass landesspezifische Interessen Einschränkungen durchgesetzt haben. Und das sowohl bei der Ablehnung von Leistungstests als auch in der Ablehnung von Ländervergleichen. Hier kommt, wird Tillmann und Kuhn gefolgt, eine Interessenorientierung zum Zuge, die sich sich dem Bildungsförderalismus in der BRD verdankt. Dabei steht das die Forschung fördernde Bundesministerium für Bildung und Forschung in einer gewissen, die Entwicklungspraxis betreffenden, Verantwortungs- und Entscheidungsferne während die jeweiligen Bundesländer praxisrelevante Entscheidungen treffen und diese auch verantworten müssen.

Zu 2. Neue Ansprüche an theoretische Zugänge

Der Beitrag „Ein theoretischer Blick auf Ganztagsschulen“ von Maag Merki benennt zunächst die Merkmale der GTS und entwickelt dann Perspektiven sowohl zu Schulqualitätstheorien als auch zu Schulentwicklungstheorien. Die Schulqualität bei der GTS ist beispielsweise gekennzeichnet durch eine horizontale Vernetzung mit außerschulischen Partnern und unterscheidet sich darin deutlich von der „Normalschule“. Schulleitungen sind zentrale Akteure agieren als „driver for change“ auf dem Hintergrund einer tendenziellen Teilautonomie der Schule. Eine sich herausstellende Nutzungsverantwortung der GTS betrifft sowohl Schüler- als auch Elternschaft. Generell sind Schulqualitätstheorien auf die Ebene des Unterrichtes in der der Schule gerichtet und bedürfen, so die Autorin, der Weiterentwicklung. Schulentwicklungstheorien sind in ihrer Ausrichtung an Längsschnittbeobachtungen orientiert und dort z.B. auf die Differenz von bildungspolitischen Vorgaben und der realen schulischen Praxis bezogen. „Schulentwicklung dient daher der Verbesserung der schulischen Praxis“ (S. 88). Ein Beispiel hierfür ist die gebundene GTS, die eine bessere Plattform für multiprofessionelle Teams bietet, weil sich mehr Lehrkräfte an den erweiterten Lernangeboten beteiligen und somit die Verbindung zu unterrichtlichen Angeboten herstellen. „Insgesamt scheint es, dass Schulentwicklungstheorien ein etwas höheres Potenzial haben, die Veränderungen von Ganztagsschulen zu beschreiben (…)“ (S. 91).

Till-Sebstian Idel und Sabine Reh unterscheiden in ihrem Beitrag „Praxistheoretische Lesarten zur Transformation von Schule im Ganztag“ u.a. drei Diskursarenen. Den öffentlichen Ganztagsschuldiskurs (z.B. Leistungssteigerung auf dem Hintergrund von PISA), den schulpädagogischen Ganztagsschuldiskurs (z.B. Öffnung der Schule, Lebensweltbezug) und den einzelschulischen Ganztagsschuldiskurs. Letzter Diskurs behandelt auch die Erzählungen der Professionellen als eine symbolische Konstruktion. Solche Konstruktionen beziehen sich auf kulturpessimistische Zeitdiagnosen oder die Aufwertung reformpädagogischer Argumente. Diese Diskurse flankieren Grenzverschiebungen im pädagogischen Vollzug und betreffen den Bereich der Individualisierung, der Informalisierung (z.B. „einsickern“ von Handlungsmustern aus Familie und der Freizeit in den Schulalltag) und Formalisierung (z.B. Informations- und Wissensmanagement der Schülerinnen und Schüler). So zeigt die Individualisierung als hervorstechendes Merkmal die Praxis in Ganztagsschulen, Schülerinnen und Schülern die selbständige Gestaltung von Lernprozessen zu verlangen was wiederum zur Leistungsdifferenzierungen führt (Schnelligkeit und Kreativität vs. Langsamkeit und Hilfeanforderung). Idel und Reh sehen hier die gewünschte Leistungssteigerungen in der schulischen Praxis von Ganztagsschulen, die sich damit gesellschaftlichen und bildungspolitischen Forderungen anpasst, wie sie bereits im öffentlichen Ganztagsschuldiskurs vorhanden sind (s.o.). Die Analysen einer sich so darstellenden Praxis sind dabei auf eine praxistheoretisch-ethnographische Forschung angewiesen, deren Befunde Idel und Reh ihrem Beitrag zugrunde legen.

Zu 3. Empirische Herausforderungen

Im Artikel „Was ist eine Ganztagsschule. Ein Versuch zur begrifflichen und empirischen Systematisierung“ beabsichtigt Yvo Züchner eine Systematisierung der Vielfalt von Ganztagsschulmodellen in der BRD darzulegen und neue Kategorisierungen vorzuschlagen. Bereits die tabellarisch erfassten Bundesländer bestätigen ein erhebliches Spektrum der Differenzierungen. (u.a. nach Teilnahmeverbindlichkeit, Verpflichtungsgrad, Ort der Ganztagsschulbetreuung). Der empirische Blick auf die Ganztagsschullandschaft geschieht auf dem Hintergrund der Daten der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG). Die Verbindlichkeit der Ganztagsteilnahme und der Umfang des Ganztagsangebotes werden auf Schultypen bezogen dargestellt. Bei der Kooperation mit außerschulischen Partnern zeigt sich z.B., dass in der Primarstufe 41 Prozent der Schulen eine externe Trägerschaft für den Ganztagsbetrieb eingeführt haben (Gymnasien zu 24 Prozent und andere Schulen mit Sekundarstufe I zu 17 Prozent). Bei dem Einsatz von Lehrkräften im Ganztagsschulbereich stellt sich heraus, dass bei verbindlicher Teilnahme der Schülerinnen und Schüler ein Großteil der Lehrkräfte auch in die Nachmittagsangebote eingebunden ist. Dies ist auch als Indikator zur positiven Verschränkung von Unterricht und außerunterrichtlichen Aktivitäten zu sehen. Die umfangreiche und differenzierte Datenlage zeigt, so Züchner, dass es DIE Ganztagsschule nicht gibt.

Zu 4. Verständigung und Weiterentwicklung durch Transfer

In dem Aufsatz „Transfer – Zum Wissenstausch zwischen erziehungswissenschaftlicher Forschung und pädagogischer Praxis“ erörtert Christine Wiezorek unterschiedliche Transfermodelle. Transfer als Implementierung bezieht sich zunächst auf in Modellversuchen bewährte Maßnahmen. Transfer heißt in diesem Sinne die „Übernahme modellhaft erprobter und wissenschaftlich fundierter Entwicklungsansätze in die pädagogische Handlungspraxis“ (S. 202). Aber bereits anhand eines Bildungsmonitoring wird deutlich, dass eine einseitige Wissensübernahme Fragen aufwirft. „Denn Wissenstransferprozesse vollziehen sich auch von der Praxis in die Wissenschaft“ (S.207). Diese Auffassung führt zu einem dialogischen Transfermodell in dem Wissenschaft wissenschaftliche Wissen als Entscheidungsgrundlage/Handlungsempfehlung zur Verfügung stellt und die Praxis Praxiswissen als Datengrundlage aufgrund von Feldkenntnissen und ggf. von Sonderwissen. Wissenstransferprozess sind aber gleichzeitig abhängig vom jeweiligen Forschungsdesign. Wiezorek zeigt dies an Forschungen auf der Basis von teilnehmender Beobachtung, auf der Basis eines quantitativen Designs und auf der Basis von Expertengesprächen.

Diskussion

Der Ertrag des Bandes liegt in einer erziehungswissenschaftlichen Positionierung im Verhältnis von Wissenschaft und Politik und von Theorie und Forschung. Diese Form der Selbstvergewisserung ist sicherlich notwendig angesichts der ganz erheblichen Veränderungen im Bildungssystem getragen und gesteuert von einer entsprechenden Bildungspolitik. Die Herausgeberinnen und Herausgeber des Bandes sprechen von einem Systemumbau, der das professionelle Potenzial und disziplinäre Wissen herausfordert. Diese Positionierung ist einerseits gekennzeichnet durch eine wissenschaftliche Perspektivenvielfalt andererseits ist die kritische Frage unvermeidlich, wie diese Vielfalt mit dem aktuellen und zukünftigen Ganztagsschulentwicklungsprozess zusammen zu bringen ist. Die Ausrichtung der Veröffentlichung lässt eine praxisbezogene Nähe zur Ganztagsschulentwicklung und Ganztagsbildung in den Hintergrund treten. Hinweise zu Folgeforschungen hinsichtlich des Forschungsprogramms StEG werden kaum sichtbar.

Fazit

Der Band stellt ein erziehungswissenschaftliches Forschungs- und Theoriedokument dar, passend zu der recht kurzen aber sehr dynamischen Entwicklungsphase der Ganztagsschulen.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 02.12.2015 zu: Tina Hascher, Till-Sebastian Idel, Sabine Reh, Werner Thole, Klaus-Jürgen Tillmann (Hrsg.): Bildung über den ganzen Tag. Forschungs- und Theorieperspektiven der Erziehungswissenschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-8474-0657-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18280.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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ISSN 2190-9245

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