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Ueli Merten, Urs Kaegi (Hrsg.): Kooperation kompakt

Cover Ueli Merten, Urs Kaegi (Hrsg.): Kooperation kompakt. Professionelle Kooperation als Strukturmerkmal und Handlungsprinzip der Sozialen Arbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 280 Seiten. ISBN 978-3-8474-0658-7. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,00 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die beiden Herausgeber sind Professoren an der Hochschule für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Auch die Autorinnen und Autoren der Beiträge sind zumeist Lehrende in dieser Institution.

Die Veröffentlichung erhebt den Anspruch, ein Lehrbuch für Studierende und Praxisvertretende zu sein. Professionelle Kooperation bekommt in diesem Sammelband einen außerordentlichen Stellenwert als grundlegende Handlungsmaxime der Sozialen Arbeit. Kooperatives Handeln erstreckt sich demnach auf Klientinnen und Klienten, auf intra- und interprofessionelle sowie interorganisationale Formen der Zusammenarbeit.

Aufbau

Die Gliederung umfasst 14 Beiträge wobei der erste Beitrag von Ueli Merten einen Grundlagencharakter besitzt:

  • Ueli Merten, Professionelle Kooperation: Eine Antwort auf die Zersplitterung und Ausdifferenzierung sozialer Dienstleistungen.
  • Erika Spiess, Voraussetzungen für eine gelingende Kooperation.
  • Peter Zängl, Organisation: Ansätze, Theorien und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit.
  • Agnes Fritze und Beat Uebelhart, Wirkungsorientierung in der Kooperation.
  • Ursula Hochuli Freund, Multiperspektivität in der Kooperation.
  • Stefan Armenti, Partizipation als ethisches Leitprinzip von Kooperation.
  • Erika Götz, Kommunikation und Verhandeln in Kooperationsprozessen.
  • Urs Kaegi, Soziale Konflikte und Kooperation.
  • Urs Kaegi, Führung unterstützt kooperatives Verhalten.
  • Ueli Merten, Intraprofessionelle Kooperation und Teamarbeit- eine Herausforderung.
  • Marcello Schumacher, Projektmanagement erfordert Kooperation.
  • Jeremias Amstutz, Kooperation im Case Management
  • Beat Uebelhart, Netzwerkarbeit, Kooperation und Versorgungsketten.
  • Daniel Oberholzer, Kooperative Praxisentwicklung.

Im Weiteren wird auf fünf ausgewählte Beiträge eingegangen, um zumindest einen Einblick in die kompakte Materie zu geben.

Ausgewählte Inhalte

Der erste Beitrag von Ueli Merten begründet zunächst die zunehmende Bedeutung von Kooperation in der Sozialen Arbeit insbesondere aufgrund sich immer stärker ausdifferenzierender gesellschaftlicher Subsysteme. Auf diesem Hintergrund werden vorliegende Theorien und Konzepte zur Kooperation umfangreich analysiert und auf professionelles Handeln bezogen (eingegangen wird z.B. auf Otto Speck, Wendt, Lüssi, Schweitzer, Heiner). In einem dritten Schritt wird eine eigene Positionierung vorgenommen. Im Mittelpunkt dieser Positionierung stehen sieben Prinzipien: Professions-, Organisations- und Wirkungsorientierung, das Prinzip der Partizipation, das Prinzip der Multiperspektivität sowie die Prinzipien der Werte- und Kompetenzorientierung. Zum Schluss des Beitrages wird festgestellt: „Grundvoraussetzung für eine gelingende Kooperation ist die fachliche und personenbezogene Anerkennung, Akzeptanz und Vertrauensbasis des Kooperationspartners“ (S. 66).

Im Folgebeitrag von Erika Spiess zu einer gelingenden Kooperation wird die feldtheoretische Sichtweise von Kurt Lewin auf die Kooperation von Organisationen innerhalb der Sozialen Arbeit bezogen. Die Unterscheidung in persönliche und strukturelle Voraussetzungen ist grundlegend für die Analyse gelingender Kooperation. Zu den persönlichen Voraussetzungen gehören z.B. emotionale Stabilität, Offenheit und Verträglichkeit. Zu strukturellen Voraussetzungen gehören z.B. die Qualität der Führungskräfte und die Hierarchie innerhalb der Organisation. Ein Problem kann sich bei nicht kompatiblen Zielsetzungen ergeben z.B. die Verbindung von Nächstenliebe und Rentabilität. Spiess unterscheidet weiterhin die strategische Kooperation (rationales Handeln) von der empathischen Kooperation (Einverständnis mit Partnern) und von der Pseudokooperation (z.B. vermeintlich gemeinsames Handeln als Wahrnehmungsverzerrung). Gelingende Kooperation benötigt eine dynamische Betrachtungsweise, die beides, Person und Situation (Umfeld), im Blick behält und professionelles Handeln danach ausrichtet.

In dem Beitrag „Multiperspektivität in der Kooperation“ von Ursula Hochuli Freund wird Multiperspektivität als fachliches Konzept und Grundhaltung professionellen Handelns ausgewiesen. Denn „nur mit einem vielseitigem Zugang und einem zugleich ganzheitlichen Anspruch kann eine angemessene Unterstützung realisiert werden“ (S. 139). Dies gilt insbesondere für eine kooperative Prozessgestaltung gemeinsam mit Klientinnen und Klienten. Diese kooperative Prozessgestaltung erfasst die Autorin mit einem entsprechenden Modell: Situationserfassung, Analyse, Diagnose, Zielsetzung, Interventionsplanung, Interventionsdurchführung und Evaluation. Das Kernanliegen dieses Prozesses ist, die Wirklichkeitskonstruktion der verschiedenen Beteiligten einzubinden und durch entsprechende Reflexion professionelle Selbstdistanz zu ermöglichen. Mehrfach bemüht die Autorin in ihrem Aufsatz als anschauliches Beispiel die Wirkung von Vixierbildern: In einem Bild sieht die Person „A“ etwas völlig anders als die Person „B“.

In der Kooperationspraxis finden sich auch immer soziale Konflikte. Diese Konflikte sind aber keineswegs durchgängig negativ zu bewerten, denn sie bieten auch Chancen für Wandel und Innovation. Diesem Thema widmet sich Urs Kaegi in seinem Beitrag unter dem Aspekt der intersubjektiven Konflikte. Basiskompetenzen der Konfliktbearbeitung sind Selbst-, Fall- und Systemkompetenz. In der Arena der Konflikte wird unterschieden zwischen der mikrosozialen Arena (Personen), der mesosozialen Arena (Einrichtungen) und der makrosozialen Arena (z.B. Interessenverbände). Weiter Unterscheidungen betreffen „Heiße Konflikte“ (Überaktivität, Überempfindlichkeit) und „Kalte Konflikte“ (Lähmung, Frustration). Zu den dargestellten Analysen wird eine Übung im Rahmen eines Fallbeispiels angeboten und das konstruktive Konfliktgespräch und die Klärung von Streitpunkten umfangreich erörtert. „Mit einer sorgfältigen Analyse, wohlwollenden und klaren Interventionen lassen sich die vorhandenen Widersprüche erkennen, ausbalancieren und konstruktiv bearbeiten“ (S. 221).

Der letzte Beitrag von Daniel Oberholzer beschäftigt sich mit kooperativer Praxisentwicklung. Im Zentrum der Analyse stehen insbesondere stationäre und teilstationäre Einrichtungen. Der Autor unterscheidet zwischen Organisationen, die auch Lernprozesse entwickeln und Institutionen, die ihren Sinn aus ihrer Tradition beziehen und eben keine Lernfähigkeit entwickeln und in ihrer Selbstbestätigungskultur verharren. Diese Binnenorientierung ist dabei häufig an staatliche Versorgungsaufträge gekoppelt. In solchen Situationen stellt sich die Frage nach Qualität und Qualitätsentwicklung bezüglich der zu leistenden Arbeit ebenso wie die Frage nach der Beteiligung von Klientinnen und Klienten. Um einen dorthin führenden Entwicklungspfad zu begehen ist ein institutioneller Neuanfang eine probate Möglichkeit. Begonnen werden muss mit einer Auseinandersetzung mit den Zielen und den erreichbaren Wirkungen. Es sind also Kriterien und Indikatoren zu suchen, die eine Qualität beschreiben, die auch von den jeweiligen Praxen her nachvollziehbar ist. Ein solchermaßen ausgerichtetes Qualitätsmanagement braucht eine klare Strategie, die den Zusammenhang von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität aufzeigt und belegt.

Diskussion

Der vorliegende Band ist nicht nur kompakt sondern auch komplex. Ob er sich als Lehrbuch für Studierende eignet sei dahingestellt, denn die eingestreuten Praxishinweise und eingerahmten Merksätze sind begrenzt. Auch fällt auf, dass die Gliederung keine Struktur ausbildet, die dem Band eine transparente Basis gegeben hätte. Entstanden ist eher ein Handbuch zu Konzepten und Theorien der Kooperation in der Sozialen Arbeit; und dieses Buch ist sicherlich für Praktikerinnen und Praktiker wie auch für Lehrende in der Sozialen Arbeit hilfreich.

Eine Lücke ist darin zu sehen, dass Forschungsbeiträge zu dem Thema fehlen. Es finden sich keine Fallstudien und kaum empirische Befunde zu Kooperationsereignissen in der Sozialen Arbeit. D. h. eine Evidenzbasierung der gesammelten Beiträge ist wenig ausgeprägt. Dementsprechend ergibt sich ein erheblicher Forschungsbedarf zu diesem Thema.

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung bearbeitet das Thema Kooperation in der Sozialen Arbeit in einem sehr umfangreichen Spektrum und konzentriert sich vornehmlich auf Theorien, Konzepte und ihre Bedeutung für das professionelle Handeln.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 28.04.2015 zu: Ueli Merten, Urs Kaegi (Hrsg.): Kooperation kompakt. Professionelle Kooperation als Strukturmerkmal und Handlungsprinzip der Sozialen Arbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-8474-0658-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18281.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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ISSN 2190-9245

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