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Ueli Mäder: Raum und Macht

Cover Ueli Mäder: Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit ; Leben und Wirken von Lucius und Annemarie Burckhardt. Rotpunktverlag 2014. 303 Seiten. ISBN 978-3-85869-591-8. D: 43,30 EUR, A: 44,60 EUR, CH: 54,00 sFr.
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Thema

Die Frage ist nicht nur, wie sich Menschen Räume aneignen, um dort zusammen mit anderen ihre Bedürfnisse zu befriedigen oder Interessen zu realisieren und wie sie ihren Alltag gestalten im Kontext und unter den Bedingungen sozialräumlicher Gegebenheiten des Stadtquartiers oder Dorfes. Die Frage ist eher, wie sie Räume prägen, Interessen gegen andere durchzusetzen vermögen, Regeln zu definieren vermögen, die im Raum gelten sollen und auch Sanktionsmöglichkeiten zu haben, wenn sie nicht erfüllt sind. Oder einfacher ausgedrückt, ob sie die Macht haben, den Raum zu gestalten und zu prägen und Interessen durchzusetzen, notfalls auch durch die Androhung von Sanktionen.

Wem also gehört die Stadt, ihre öffentlichen Räume, Plätze, Straßen? Denjenigen, die sie beplanen und politisch oder ökonomisch beherrschen oder denen, die dort wohnen, ihren Alltag gestalten bzw. bewältigen, Bedürfnisse befriedigen und sich dort sozial verortet fühlen?

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Ueli Mäder ist Professor für Soziologie an der Universität Basel und der Hochschule für Soziale Arbeit.
  • Peter Sutter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Soziologie der Universität Basel.
  • Markus Bossert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Soziologie der Universität Basel.
  • Aline Schoch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Soziologie der Universität Basel.
  • Reto Bürgin ist hilfswissenschaftlicher Assistent am Seminar für Soziologie und am Department Umweltwissenschaften Humangeographie/Stadt- und Regionalforschung der Universität Basel.
  • Simon Mugier ist Assistent am Seminar für Soziologie der Universität Basel.

    Fachhochschule Nordwestschweiz

Autorinnen und Autoren

Die übrigen Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Stadtsoziologie, der Stadt- und Regionalforschung, der Kunstgeschichte, der Kulturwissenschaften, der Sozialgeographie und der Architektur.

Aufbau

Nach einem kurzen Vorwort und einer mit „Annäherung“ überschriebenen Einleitung gliedert sich das Buch in fünf große Kapitel mit verschiedenen Beiträgen.

  • Leben und Wirken
  • Verwandte Ansätze
  • Aquarelle
  • Engagierte Praxis
  • Reflexion und Vision

Jedem Beitrag sind noch Interviews zugeordnet.

Zum Schluss findet man einen Anhang mit Quellen und dem Verzeichnis der Autorinnen und Autoren. Außerdem befindet sich auf der Umschlaginnenseite eine DVD mit einem Rückblick in Gesprächen über Lucius und Annemarie Burckhardt.

Zu Annäherung

Mäder beschreibt hier die Intention des Buches. Eine Autorengruppe – bestehend aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Basel und der Fachhochschule Nordwestschweiz – gehen den Spuren von Lucius Burckhardt und Annemarie Wackernagel-Burckhardt nach, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Frage auseinandergesetzt haben, wer Räume gestaltet und wer daran beteiligt ist. Zentral ist dabei die Frage der Macht. Wie nahmen die Burckhardts in den Auseinandersetzungen mit den Mächtigen ihre eigene Position und Rolle wahr? Grundlagen sind Briefe, Fotos, Vorlesungsmanuskripte und Bilder auf der einen Seite und Interwies mit Begleiterinnen und Begleitern der beiden und mit Fachleuten die mit Lucius und Annemarie Burckhardt bekannt und vertraut waren. Die Methode der biographischen Forschung macht möglich zu rekonstruieren, was sich gesellschaftlich tat; sie stellt die Verbindung zwischen innerem Erleben und äußerer Realität her.

Raum und Macht werden als Begriffe und Konzepte theoretisch verortet. Macht wird in Anlehnung an Max Weber definiert. Die Raumdebatte ist etwas komplizierter, aber es geht um ein Raumverständnis nach dem „spatial turn“ in den Sozialwissenschaften. Es geht um den Begriff des sozialen Raums, des belebten Raums, des Raums als einer sozialen Konstruktion und gerade hier werden Fragen von Einfluss und Macht virulent. Die Besetzung von Räumen ist immer auch verbunden mit der Bedeutung, die die Besetzer dem Raum zuschreiben und das ist nicht immer kompatibel mit den Erwartungen, die andere außerhalb des Raums an die Besetzung oder Aneignung des Raumes haben.

Zu Leben und Wirken

Zu Lucius Burckhardt-Wackernagel (Peter Sutter)

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Biographie von L. Burckhardt. L. Burckhardt lebte von 1930 - 2012. In einem Briefwechsel mit seinem Jugendfreund Markus Kutter wird die intellektuelle Suche junger Studenten nach Orientierung in einer zerrissenen Welt am Ende des Zweiten Weltkriegs deutlich.

Der junge Student setzt sich mit dem Sozialismus auseinander, den er ablehnte, mit Ernst Jünger und mit der Moderne. Max Weber bleibt ihm mit dessen verstehender Soziologie fremd. Aber er lernt Alexander Mitscherlich kennen.

Ab 1948 kann man eine Hinwendung Burckhardts zur Politik beobachten; er trifft italienische Kommunisten, fährt auf den Haager Europa Kongress, der sich mit der Einigung Europas beschäftigt, nimmt anlässlich der Hundert-Jahr-Feier der schweizerischen Bundesverfassung an einem Sternmarsch teil und vieles mehr. Er publiziert in den Baseler Nachrichten und wendet sich in den 1950er Jahren mit drei Broschüren stadtsoziologischen und -politischen Themen zu.

Sutter beschreibt dann ausführlich, wie Burckhardt von seinen ehemaligen Studenten und Zeitgenossen beurteilt wurde.

Im weiteren Verlauf diskutiert der Autor, wie Burckhardts Kritik in die Planung hineinwirkte. Mit seinen Publikationen erreichte Burkhardt, sich in der Planung mit einer demokratischen Beteiligung ernsthaft auseinanderzusetzen. Zusammen mit Max Frisch und Markus Kutter diskutiert Burckhardt Fragen der Partizipation an der Stadtplanung und auch Fragen der Machtkonstellationen bei Entscheidungen in der Planung. Und es werden Fragen der Verbindung von Planungsvorstellungen und gesellschaftlichen Bedingungen des Lebens thematisiert.

Burckhardt wird Mitarbeiter der berühmten Sozialforschungsstelle an der Universität Münster, wo er über die Wohnsituation von Arbeitern im Ruhrgebiet forscht.

Schließlich diskutiert Sutter den von Burckhardt entwickelten Ansatz der Spaziergangswissenschaft, der den Fragen ästhetischer Wahrnehmung und Aneignung von Räumen durch Betrachtung nachgeht. Ausführlich wird zum Schluss das politische Wirken Burkhardts und sein politisches Schaffen gewürdigt.

Zu Annemarie Burckhardt-Wackernagel (Ueli Mäder)

Mäder zeichnet das Leben einer Tochter aus begütertem Hause nach, beschreibt wie er in einer Vielzahl von Interviews mit A. Burckhardt-Wackernagel eine reflektierte Person kennengelernt hat, die sich auch mit ihrem Reichtum und mit den Reichen kritisch auseinandersetzt und vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit anderen Milieus auch sich eher als linke Denkerin versteht.

Weiter beschreibt der Autor sehr ausführlich, wie Annemarie Burckhardt über ihren Mann Lucius denkt und wie die beiden miteinander umgehen. Und Mäder beschreibt auch, wie andere Annemarie Burckhardt-Wackernagel wahrgenommen haben.

Verwandte Ansätze

Zu Soziologische Perspektiven (Hector Schmassmann, Ueli Mäder)

Die Autoren beschreiben zunächst das Raumverständnis der Philosophie und der Naturwissenschaften, um dann etwas konzentrierter auf das soziologische Verständnis von Raum zu kommen. Dabei geht es um das Verhältnis von Raum und Gesellschaft, das stark von dem Verhältnis von Macht und Herrschaft einerseits zur Gesellschaft andererseits geprägt ist.

Burckhardt Raumbegriff ist stark vom Blick auf die Landschaft geprägt. Landschaft und Gesellschaftsstruktur sind dialektisch auf einander bezogen. Und dieses Verhältnis hat die Stadt- und Regionalsoziologie wiederum aufgenommen.

Zu Raum in Geographie und Sozialwissenschaften (Reto Bürgin, Aline Schoch)

Was die geographische und soziologische Stadtforschung verbindet, ist das Verhältnis von räumlichen und gesellschaftlichen Aspekten. Der verbindenden Tradition spüren Bürgin und Schoch nach. Der Bogen spannt sich von der Chicagoer Schule über das Konzept der funktionalen, technokratischen und autogerechten Stadt der 1960er Jahre, über die sozialen Fragen der fordistischen Stadt bis zur postmodernen Stadt und dem spatial turn. Allerdings sucht man vergebens nach Einlassungen von L. Burckhardt. Wenn überhaupt, wird sein Landschaftskonzept diskutiert und auf Fragen der Partizipation an Planung verwiesen.

Zu Architektur- und Stadtbaudiskurs heute (Stefan Kurath)

Der Autor sucht zunächst nach Gründen dafür, dass bei Architekten der jungen Generation Burckhardt nicht präsent ist. Er verweist auf die inner-universitären Auseinandersetzung im Zuge der 1968er Studentenbewegung und des damit gewachsenen Einflusses der Soziologie auf die Architekturausbildung.

Auch heute noch haben die Architekten - so der Autor – keinen Zugang zur Realgeschichte der Stadt, wenngleich sie die historische Stadtforschung kennen und eigentlich von daher auch in der Lage wären, Zusammenhänge zwischen Gesellschaftsentwicklung und bebauter Umwelt herzustellen.

Der phänomenologische Zugang zur Stadtwirklichkeit ist allerdings weiter fortgeschritten, die Beschäftigung mit Sieverts Konzept der Zwischenstadt rückt auch noch einmal den Gedanken der Stadtlandschaft in den Vordergrund. Und auch der Gedanke der Stadt als sozialem Organismus wird wieder virulent.

Zu Soziale Arbeit: Partizipative Planung (Stephanie Weiss, Matthias Drilling)

Auch wenn Burckhardt in der Sozialen Arbeit eher nicht rezipiert wird – sein Ansatz einer partizipativen Planung ist gerade für die Gestaltung des Sozialen einer Stadt bedeutsamer denn je. Weiss und Drilling diskutieren diesen Ansatz im Kontext des Instituts für Sozialplanung und Stadtentwicklung. Burckhardts Designbegriff wird wegbereitend für die Frage nach der sozialen Bedeutung, der gestalterischen Güte und der sozialpolitischen Umsetzung von Planung. Denn mit dieser Frage ist unmittelbar der Anspruch nach Beteiligung derer verbunden, die „beplant“ werden.

Zu Henri Lefèbvre(Hector Schmassmann)

In diesem Beitrag diskutiert der Autor Lefèbvres Werk, genauer den zeitgeschichtlichen Kontext seines Wirkens, das mehrdimensionale Verständnis von Raum und seine konkrete Utopie eines neuen Raums. Danach fragt der Autor nach den theoretischen und praktischen Verbindungen von L. Burckhardt und H. Lefèbvre.

Zunächst geht er auf das Leben Lefèbvres ein, auf seine Etappen und Meilensteine seines Denkens.

Dann diskutiert der Autor die Vielschichtigkeit des Raums bei Lefèbvre, die im Zusammenhang steht für das Interesse an der Stadt in einer kapitalistisch verfassten Gesellschaftsordnung. Der Raum ist Ergebnis und Voraussetzung gesellschaftlicher Produktionsprozesse, Instrument staatliche Planung und Kontrolle und ein Ort der Kreativität und der politischen Auseinandersetzungen.

Der soziale Raum stellt sich als dreigeteilte Einheit dar; die mentalen, physischen und sozialen Dimensionen des Raums sind mit einander verschränkt und in dieser Verschränkung entstehen unterschiedliche Ebenen.

Erstens geht es um die räumlichen Praktiken, Routinen und Erfahrungen des Alltags, mit denen der menschliche Körper unmittelbar verwoben ist: Verkehrsnetze und Wege.

Zweitens geht es um die Repräsentationen des Raums als Formen abstrakten Wissens, die sich mit Herrschaftspraktiken verbinden. Experten unterschiedlicher Disziplinen, Verwaltung und Politik gestalten den öffentlichen Raum.

Drittens stehen Räume der Repräsentation in engen Wechselbeziehungen gelebter Erfahrung. Räume der Repräsentation stellen Orte des Widerstands und der Gegendiskurse dar, die sich gegen die Gestaltungsmacht entwickelter Bürokratien zur Wehr setzen.

Ausführlich beschäftigt sich der Autor mit der politischen Utopie des urbanen Raums. Und die Stadt ist für Lefèbvre ein Ort der Utopie. Mit den der Stadt immer innewohnenden Widersprüchen, mit dem aus dem differenziellen erwachsendem Unerwartetem, mit ihren Ambiguitäten schafft die Stadt auch ein hohes Maß an Selbstorganisation und -bestimmung. Recht auf Stadt und Recht auf Differenz werden bei Lefèbvre zu konstitutiven Elementen einer Theorie der Stadt. Beide Aspekte werden ausführlich diskutiert und mit Problemaspekten verbunden, Segregation und die sozialräumliche Spaltung der Gesellschaft waren für Lefèbvre schon damals Aspekte einer kapitalistischen Stadt. Wohnen und die Aneignung von Räumen werden zunehmend mit der Forderung nach Partizipation und Selbstbestimmung verbunden – im Gegensatz zur Herrschaft von Markt und Politik.

Was verbindet nun Lefèbvre mit Burckhardt?

Beide verstehen den urbanen Raum als einen Ort konkreter Utopien. Wo Lefèbvre das Recht auf Stadt mit Selbstbestimmung verbindet, findet man bei Burckhardt mit seiner Spaziergangswissenschaft (Promenadologie) den Ansatz, sich ein eigenes Bild von der Gestaltung durch die Stadtplanung und die Architektur zu machen. Und beide begreifen den Raum als soziale Konstruktionen durch Beziehungen; Gesellschaft und Raum stehen in einem dialektischen Verhältnis zu einander.

Zu Spazieren als Wissenschaft (Markus Bossert)

Das von Burckhardt gegründete Fach soll anregen, soziale Realitäten sinnlich wahrzunehmen. Eine „Fahrt nach Tahiti“ macht dies deutlich. Tahiti ist ein im Raum Kassel liegendes Naturschutzgebiet, das zuvor Truppenübungsplatz der Bundeswehr war und inzwischen durch seinen exotischen Pflanzenbewuchs und andere Eigenarten an die Insel erinnert. Burckhardt lässt dort Texte von Georg Forster lesen, der die liebliche Landschaft der Insel und die dort herrschenden paradiesischen beschrieb. Die typische Landschaft ist ein Produkt der menschlichen Nutzung und kommt niemals ursprünglich daher. Das begründet der Autor ausführlich – auch mit Bildern.

Seine Spaziergangswissenschaft verbindet Burckhardt mit zwei erkenntnistheoretischen Fragen: Wie funktioniert das Wahrnehmen von Landschaft? Und: Wie wird aus Natur so etwas wie Landschaft?

Der Autor beschäftigt sich dann mit den Vorläufern dieser Fragestellungen: mit Sokrates und Jean-Jaques Rousseau, mit Robert E. Park und Walter Benjamin.

Promenadologie als Wissenschaft hat sich kaum etabliert; gleichwohl konnte Burckhardt in Kassel dieses Fach als Nebenfach anbieten. Um sich seine Umwelt anzueignen, sein Quartier, sein Dorf oder seinen Stadtteil zu erkunden und methodologisch strukturiert wahrzunehmen, hat sich allerdings die Praxis des Spaziergangs auch im akademischen Milieu durchgesetzt und bewährt. Darauf verweist der Autor mit Hinweisen, wo sich dies alles schon etabliert hat.

Zu Aquarelle

Zu Zu den landschaftstheoretischen Aquarellen von Lucius Burckhardt (Hannah Stippl)

Auf zwanzig Seiten werden Aquarelle dargestellt, in die die Autorin kurz einführt und zu den einzelnen Aquarellen Kommentare schreibt.

Warum ist Landschaft schön und wo beginnt Landschaft? fragt Burckhardt sich. Die Aquarelle manifestieren die Konstruktion der Landschaft, in die man möglichst nicht eingreifen sollte. Dies sollte durch die Darstellung einer Auswahl von Aquarellen dokumentiert werden.

Zu Engagierte Praxis

Zu Macht in der Stadtplanung (Markus Bossert)

Wer plant die Planung? fragte Burckhardt bereits als Student und Bossert knüpft daran an, wenn er danach fragt, wer die wichtigsten Akteure in der Stadtplanung sind und wie sie zusammenwirken.

Der Autor beschreibt zunächst Burckhardts Einsatz gegen die Pläne der Stadt Basel, einen mittelalterlichen Stadtkern wirtschaftlichen Interessen zu opfern. Um das Quartier autogerecht zu machen, müssten nämlich ganze Häuserreihen geopfert werden.

Danach kommt Bossert auf den Metropolitanraum Basel zu sprechen, wie er in einem kantonalen Richtplan verankert ist. Dieser Plan und seine Konsequenzen werden ausführlich erörtert. Danach stellt der Autor die Frage, wer die Planung macht und wie sie im Alltag umgesetzt wird. Den Großteil der Gebäude sind in privater Hand, ein kleinerer Teil in der Hand von Wohnbaugenossenschaften und ein weiterer kleiner Teil ist in der Hand von Institutionen, Versicherern, etc. Stiftungen und Vereine haben einen weiteren kleineren Anteil. Wie lässt sich unter diesen Bedingungen das Soziale einvernehmlich städtebaulich gestalten?

Der Autor führte Interviews mit fünf Personen, die nahe an der Immobilienwirtschaft dran sind und sich auskennen. Die Erkenntnisse lassen sich auf viele Metropolregionen übertragen: ein angespannter Wohnungsmarkt verdrängt ganze Bevölkerungsgruppen vom freien Zugang zu Wohnungen, Bevölkerungswachstum und Zuwanderung, sowie der gestiegene nachgefragte Wohnungsflächenbedarf verstärken diesen Trend. Damit setzt sich der Autor gründlich und kenntnisreich auseinander.

Die Logik der Kapitalverwertung im Kapitalismus schafft Gewinner und Verlierer. Dies veranschaulicht der Autor am Schweizer Pensionskassensystem und überträgt es auf den Immobilienbereich. Stattdessen wäre eine öffentliche Debatte über die Vision einer Stadtentwicklung notwendig, die auf die Probleme und die Bedürfnisse derer einginge, die sich nicht artikulieren können und von daher hätte die Stadtentwicklung ihre politische Legitimation. Auch diese Argumentation wird ausführlich dargestellt und begründet.

Zu Christoph Merian Stiftung (Aline Schoch, Markus Bossert)

Die Autorin und der Autor diskutieren in ihrem Beitrag die Rolle einer Stiftung, die mit dem Dreispitz ein wichtiges Entwicklungsgebiet in der Stadt Basel besitzt. Wichtig deshalb, weil hier in Teilen ein Industriegebiet zum Wohnquartier umgewandelt werden soll. Dieser Vorgang wird zunächst beschrieben, um dann auf den Charakter der Stiftung einzugehen, die sehr stark auf die Stadt Basel zugeschnitten ist und anfangs auch Stadtentwicklungsprojekte unterstützt hat und auch jetzt noch in bestimmten Projekten involviert ist.

Da kommt natürlich auch das Verhältnis von staatlichen Stellen und gemein- und privatwirtschaftlich orientierten Organisationen und Institutionen zu Sprache, das in der Regel sehr komplex und vielschichtig ist. Und es kommt auch die Frage nach Einfluss und Macht auf. Und diese Macht der Durchsetzung von Interessen ist auch kapitalorientiert.

Lucius Burckhardt hatte ein kritisches Verhältnis zu Stiftungen, vor allem was ihre Gemeinwohlorientierung angeht. Besonders kritisierte er den sozialen Wohnungsbau. Wohlfahrt beschneidet die Autonomie der Menschen. Das verwundert zunächst, ist doch Burckhardt selbst im Baseler Großbürgertum groß geworden, das im 19. Jahrhundert sehr wohlfahrtsorientiert war.

Zu Urban Gardening: Konkrete Utopien leben (Aline Schoch)

Am Beispiel bestimmter Projekte in Basel erläutert die Autorin die Idee der Umwandelung von Brachen und anderen Flächen in Grünflächen und Gärten.

Zunächst geht die Autorin der Frage nach, welche Gesellschaftsvorstelllungen durch die Praxis des urban gardening gelebt und realisiert werden. Dazu sucht sie Verbindungen von Burckhardt zu Lefèbvre, der ja in der Vorstellung von Gegenräumen eine Praxis aufzeigte, die sich den üblichen Planungsvorstellungen entziehen, ja sogar dagegen „planen“. Diese Beziehungen zwischen Burckhardt und Lefèbvre werden ausführlich dargestellt. Weiter wird die Idee des Gärtnerns im städtischen Raum aufgegriffen und unterschiedliche Facetten des urban gardening ausführlich diskutiert. Es geht nicht nur einfach um die Produktion von Essen, sondern um Nachhaltigkeit in der Produktion von Nahrungsmitteln. Und es geht auch um aktives Handeln und verantwortliches Mitgestalten der Umwelt. Dies wird auf weiten Strecken sehr ausführlich diskutiert und die politische Dimension des Gärtnerns erörtert.

Zu Wer entscheidet über die Klybeckinsel? (Markus Bossert, Reto Bürgin)

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit grundsätzlichen Fragen der Partizipation an Stadtplanungsprojekten größeren Stils. Dies wird an Hand der Hafenentwicklung in Basel dargestellt. Burckhardt veröffentliche zusammen mit M. Kutter 1953 ein Buch mit dem Titel „Wir selber bauen unsere Stadt“. Es geht um eine kritische Auseinandersetzung mit der Stadtplanung, verbunden mit dem Appell an den Laien, sich einzubringen in die Stadtplanung, Akteur zu werden im Prozess und nicht nur Objekt der Planung zu sein.

Die Autoren beschreiben zunächst, wie die Stadtplaner über die Hafenlobby triumphieren. Dann aber auch, wie Baurecht die Zukunftspläne blockieren und wie eine Testplanung mit Rheinhattan provoziert. Die Beschreibung der Entscheidungsfindung und der einzelnen Verfahren und Anträge ist dem Basel-Kenner vertraut, andere können sich vorstellen, wie es wohl zugegangen ist.

Die Autoren analysieren dann, wie Sachzwänge durch die Politik geschaffen werden und dadurch eine Chance verpasst wird. Dann aber regt sich Widerstand, der dann ganz schnell zu der Frage führt, wie Beteiligung an der Planung möglich gemacht wird. Die ist allerdings nur im Kleinen erwünscht.

Zu Zwischenräume und Zwischennutzungen (Franziska Matter)

In einem sehr kurzen Beitrag erläutert die Autorin das Konzept der Zwischenräume. Zwischenräume entstehen zwangsläufig dort, wo Städte oder Quartiere nur jeweils eine Funktion erfüllen, aber nicht alle. Arbeiten, Wohnen, Freizeit, Konsum sind getrennt und so entstehen unbeplante Räume, auf die auch Burckhardt aufmerksam gemacht hat, der sie als Wildwuchs der Natur verstanden hat.

Zu Wagenplatz (Dominique Guidon, Etienne Müller)

Die Autoren beschreiben vor dem Hintergrund eines Forschungspraktikums die Situation einer Ansammlung von mobilen Wohneinrichtungen, Wohn- und Bauwagen auf einem öffentlichen Platz: dem Wagenplatz. Sie gehen dabei dem Thema Raum und Macht nach.

Zunächst wird der Wagenplatz und seine Sozialstruktur erfasst, die Lebensform eines kollektiven Wohnens beschrieben und auf den Charakter des Wohnens eingegangen, wobei Wohnen mehr ist, als ein Dach über dem Kopf zu haben – auch für die Bewohnerschaft des Wagenplatzes.

Die Planung und die Politik scheinen im Umgang mit dem Wagenplatz und seiner Bewohnerschaft überfordert, ist doch für die Planung Wohnen etwas anderes als im Wohnmobil zu leben.

Die Bewohner verlangen eigentlich nicht viel von der Stadt: notwendige Strom- und Wasseranschlüsse und die Duldung ihrer Lebensweise. Dies wird erörtert und mit Zitaten unterlegt. In einem Interview, das ausschnittweise zitiert wird, legt einer der Bewohner die Gründe dar, warum sie so leben.

Zu Rückblick und Vision

Zu Rückblick (Ueli Mäder)

In seinem Rückblick nimmt Mäder noch einmal zu den einzelnen großen Kapiteln Stellung.

Zunächst geht es um den Zugang zu den Bezügen zwischen Raum und Macht bei Lucius und Annemarie Burckhardt.

In Leben und Werk werden die beiden portraitiert, auch gewürdigt als Personen aus wohlhabenden Verhältnissen mit einem liberalen Gedankengut, die sich öffentlich engagieren.

Zeitzeuginnen und -zeugen werden interviewt, die sie kritisch begleitet haben und den Burckhardts Anerkennung zollen.

In „Verwandten Ansätzen“ wird noch einmal deutlich gemacht, wie sich Raum und Gesellschaft wechselseitig durchdringen und welche Bedeutung die sinnliche Wahrnehmung des Raums für das Raumverständnis und die gesellschaftliche Konstruktion des Raumes hat.

Eine engagierte Praxis ist notwendig, die Menschen zu Akteuren macht, die sich als Teil einer res publica verstehen können und sie deshalb mitgestalten wollen.

Ausführlicher beschäftigt sich dann Mäder noch mit der konkreten Utopie. Es geht einmal um die Frage, wie Dorf als Gemeinschaft zur Stadt als Gesellschaft wird, wie also der Urbanisierungsprozess im ländlichen Raum Struktur- und Handlungsbedingungen, Kommunikationsformen und Bedingungen der Identitätssicherung verändern. Und es geht um das, was wir mit Urbanität umschreiben, mit der unvollständigen Integration in die Gesellschaft, mit Heterogenität, die Spannungen und Widersprüche erzeugt, die der urbane Mensch aushalten muss. Und dies wird auch die Zukunft sein – eine konkrete Utopie.

Dies alles wird von Mäder noch einmal ausführlich beschrieben und auf die beiden Burckhardts bezogen.

Zu den Interviews

Ueli Mäder und Peter Sutter haben 25 Interviews mit Zeitgenossen, Studenten, Kollegen und Begleitern der beiden Burckhardts geführt.

Hier soll auf drei Interviews exemplarisch eingegangen werden.

„Ein Glückfall für uns“

J. Herzog beschreibt in diesem Interview seine Begegnung mit L. Burckhardt als Student der Architektur. Burckhardt wird als Linker beschrieben, der zusammen mit Kollegen eine gesellschaftskritische Position einnahm. Vor allem hat er eine nicht-architektur-kompatible Meinung vertreten, die auch den Architekten zu schaffen gemacht hat.

Herzog hat im Hause Burckhardt auch Hans Schmidt getroffen – eine große Persönlichkeit als Architekt, der schon früh für die Nachhaltigkeit und den Erhalt der Ressourcen und des Bestehenden eingetreten war.

J. Herzog hat gelernt, dass Architektur nicht so sehr auf den Architekten verweisen sollte, sondern eine Art Selbstverständnis eines Ortes andeuten sollte; so, als wäre es schon immer so gewesen.

„Entwicklung ist mehr als Planung“

Der Stadtentwickler Thomas Kessler kannte Annemarie Burckhardt-Wackernagel aus der politischen Arbeit.

Im Zentrum der Planung stehen die Menschen und es gibt eine Verbindung zwischen der physischen Planung und den gesellschaftspolitischen Anforderungen an ein Quartier, die mit Themen der Wohnraumversorgung, der Migration, der Diversität und der Integration verbunden sind. Planung hat auch eine ethische Dimension; es geht der Planung inzwischen auch um die Wohnbauförderung, um benachteiligte Gruppen um genossenschaftlich organisierte Wohnraumversorgung.

Und es geht um Partizipation, die institutionalisiert ist und damit auch verbindlich wird.

Öffentliche Räume sind Sozialräume - so Burckhardt, Straßen und Plätze sind Räume, die Menschen verbinden und sie haben nicht nur die Funktion, Auto fahren und parken zu lassen. Die Machtfrage bleibt eigentlich. Die Wirtschaft bringt viel in Bewegung, die Politik entscheidet und auf die Politik hat die Verwaltung großen Einfluss.

„Gesellschaftspolitisches Interesse an der Architektur“

F. Schumacher kannte L. Burckhardt aus dem Studium in Kassel. Burckhardt lehrte dort und seine Arbeit über den Wohnungsbau im Kapitalismus war eine Publikation, die damals schon Furore machte und beeindruckte.

Schumacher hatte des Öfteren Kontakt zu Burckhardt und er war ihm eine große Hilfe, wenn man in der Position ist, zwischen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft entscheiden zu müssen.

Primat der Politik? Wie, wann und warum entstehen Bedürfnisse in der Stadtentwicklung – und wer beantwortet diese Fragen, Wirtschaft und Politik können das nicht alleine. Die Fachverwaltung hat immer einen Einfluss auf die Stadtentwicklung - und auf diejenigen, die ihren Widerstand anmelden. Bürokratien herrschen und üben ihre Verfahren auch Macht aus. Deshalb ist geradezu zwingend, dass sich diejenigen zu Wort melden, die von Planungen betroffen sind. Es geht nicht darum, ob sie stören, sondern, ob sie mitgestalten wollen. Und sicher dauert das auch immer etwas länger.

Diskussion

Das Buch ist keine Festschrift; es ist eine Auseinandersetzung mit zwei Persönlichkeiten, die in der Schweiz und in Deutschland Stadtgestaltungsgeschichte geschrieben haben. Es ist sicher eine Auseinandersetzung um das Verhältnis von Macht und Raum, genauer ist es eine Diskussion der Frage, wer den Raum beherrscht und wer durch den Raum herrscht. Die erste Frage ist die nach dem Machtpotential, das jemand hat, um im Raum seine Interessen durchzusetzen – notfalls unter Androhung von Sanktionen. Die zweite Frage ist, auf welche Weise man Macht und Einfluss auch außerhalb des Raums ausüben kann, weil einem der Raum gehört, ohne dass er von denen angeeignet und besetzt wird, denen er gehört.

Und wenn die Stadtplanung erreicht hat, dass sie versteht, warum Bewohnerinnen und Bewohner von Quartieren sich regen, mitgestalten wollen, gegen die Planung sich zur Wehr setzen, weil sie das Gefühl haben, dort sozialräumlich verankert zu sein und ihnen der Raum des Quartiers gehört, dann ist das ein erheblicher Erkenntnisfortschritt und ein guter Weg zu einer demokratischen Planung. Denn Stadtentwicklung geht nicht ohne die Entwicklung des Städters, der darin wohnt. Eben weil man nicht nur in einer Stadt lebt, sondern durch sie, durch ihren urbanen Habitus geprägt wird, ist die Frage berechtigt, wem eigentlich die Stadt gehört. Und wem sie gehört, der hat auch das Interesse, sich als Akteur einzumischen und er hat die Macht, sich durchzusetzen oder doch die Bereitschaft in Diskursen zu Aushandlungsergebnissen zu kommen.

Indem das Herausgeberteam das Leben und Wirken des Ehepaars Burckhardt nachzeichnet und gewürdigt hat, wird diese Diskussion qualitativ fortgesetzt.

Fazit

Das Buch macht Mut, sich in eine res publica einzumischen, zu der man auch gehören möchte und sie gerade deshalb mitgestalten möchte.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 30.03.2015 zu: Ueli Mäder: Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit ; Leben und Wirken von Lucius und Annemarie Burckhardt. Rotpunktverlag 2014. ISBN 978-3-85869-591-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18282.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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