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Hans-Jürgen Burchardt, Olaf Kaltmeier u.a. (Hrsg.): Urbane (T)Räume

Cover Hans-Jürgen Burchardt, Olaf Kaltmeier, Rainer Öhlschläger (Hrsg.): Urbane (T)Räume. Städte zwischen Kultur, Kommerz und Konflikt. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 209 Seiten. ISBN 978-3-8487-1335-6. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 30,50 sFr.

Studien zu Lateinamerika, Band 28.
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Thema

Der Blick auf die lateinamerikanische Stadt ist seit der Fußballweltmeisterschaft und den Olympischen Spielen geschärft worden. Im Vorfeld dieser Ereignisse konnte man den Eindruck gewinnen, dass die davon betroffenen Städte mit Problemen und sozialen Fragen konfrontiert wurden, die sie nicht in den Griff bekamen, bzw. auf eine ungewöhnliche Weise bearbeitet und für sich gelöst haben.

Ist der lateinamerikanische Urbanisierungsprozess anders geartet als der europäische; ist vielleicht auch die lateinamerikanische Stadt anders strukturiert als die lateinamerikanische? Waren die Fußballweltmeisterschaft und die Olympischen Spiele erst der Auslöser eines Prozesses, der auf die Probleme dieser Städte aufmerksam machte, die diese schon länger kannten oder haben diese beiden Ereignisse die Probleme erst erzeugt, mit denen diese Städte konfrontiert sind?

Herausgeber

  • Prof. Dr. Hand-Jürgen Burchardt ist Leiter des Fachgebietes für Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen der Universität Kassel.
  • Prof. Dr. Olaf Kaltmeiner ist Professor für iberoamerikanische Geschichte und Direktor des Center for InterAmerican Studies der Universität Bielefeld.
  • Dr. Rainer Öhlschläger ist Leiter des Tagungshauses Weingarten der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Geschichtswissenschaft, der Soziologie, der Geographie, der Kultur- und Politikwissenschaften und der Lateinamerikaforschung. Sie sind zum Teil in Deutschland und zum Teil in Südamerika beheimatet.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung durch die Herausgeber folgen 13 Beiträge, die kurz vorgestellt werden sollen.

Zur Einleitung (Olaf Kaltmeier und Hand-Jürgen Burchardt)

Die Autoren verweisen zunächst auf die Eigenart der lateinamerikanischen Stadt als Kristallisationspunkt sozialer Probleme aber auch innovativer Projekte. Das Buch geht auf die unterschiedlichen urbanen Dynamiken ein, auf Integrations- und Ausgrenzungsdynamiken, sozialräumliche Segregationsprozesse, auf den Umgang mit dem öffentlichen Raum und auf Strategien der Städte hinsichtlich ihrer Wohnungs- und Verkehrspolitik.

Und es ist eine Frage des Stadtmarketings, solche Events so zu vermarkten, dass die Städte in Konkurrenz zu anderen einen Wettbewerbsvorteil erzielen. Dabei zielt der Wettbewerb auf die Gewinnung der globalen Eliten ab und die einheimische Bevölkerung bleibt auf der Strecke. Dies wird an Hand von Studien belegt.

Weiter gehen die Autoren auf urbane Bewegungen ein, die deutlich machen, dass die lateinamerikanischen Städte auch Orte sozialer Bewegungen und innovativer Projekte sind. Dabei stellt man fest, dass sich das Spektrum der sozialen Bewegungen erweitert hat und einen großen Bogen umspannt.

Zum Schluss gehen die Autoren auf die Stadtkultur ein und wie sich die Stadt einmal durch die unterschiedlichen Kulturproduzenten nach außen darstellt und andererseits durch die erfahrene Bewegung der Menschen dort reproduziert wird.

Zu: Zur Rolle lateinamerikanischer Metropolen in Globalisierungsprozessen (Christof Parnreiter)

Der Autor setzt sich zunächst mit der im deutschsprachigen Raum geführten Diskussion um das Verhältnis von Globalisierung und Stadtentwicklung und um die Rolle der lateinamerikanischen Städte in diesem Prozess auseinander.

Im Zentrum der Argumentation des Autors liegt die Auseinandersetzung mit der These der Belanglosigkeit der lateinamerikanischen Megastädte. Nimmt man die Bruttowertschöpfung als Indikator, stimmt diese These wohl. Dies wird an Hand einer Rangtabelle aufgezeigt. Allerdings nehmen diese Städte in der Organisation der Weltwirtschaft eine bedeutsamere Rolle ein.

Der Autor geht dann auf Mexico City ein - das Zentrum der mexikanischen Wirtschaft, beschreibt Mexico City in der Geographie ökonomischer Governance und geht dann auf die sozialen und räumlichen Auswirkungen der Global City-Bildung ein. Dabei spielen arbeitsmarktpolitische Argumente für die Erklärung einer zunehmend auseinander klaffenden Sozialstruktur eine zentrale Rolle. Damit verbunden ist auch die Ansiedlung von Unternehmen. Dies wird anschaulich dokumentiert.

Zu: Soziale Ungleichheiten, Sozialpolitik und innerurbane Segregation in Lateinamerika (Stefan Peters)

Der Verstädterungsprozess in Leitamerika ist der stärkste in der Welt. 80% der Bevölkerung wohnt in Städten. Hier werden die damit verbundenen für die Stadt typischen Prozesse wie Segregation und die fragmentierte Stadt diskutiert. Aber viel wichtiger erscheint dem Autor das Verhältnis von Sozialpolitik und Segregation in der Wohnbau- und der Verkehrspolitik.

Soziale Ungleichheit ist das zentrale Thema der Stadtanalyse in Lateinamerika. Der ungleiche Zugang zu Institutionen der Bildung, des Gesundheitswesens, zum Wohnungsmarkt oder zum Trinkwasser verstärken die Einkommens- und Vermögensungleichheit.

An Hand der Wohnungs- und Verkehrspolitik analysiert der Autor die sozialen Folgen von Segregation. Zunächst geht er auf die Wohnungspolitik ein und beschreibt die Prozesse in verschiedenen Ländern. Dabei reicht der Spannungsbogen von einem staatlich geförderten Wohnungsbaus für Benachteiligte bis zu einer vollständigen Kommodifizierung des Wohnungswesens. Das gleiche wird für die Verkehrspolitik beschrieben.

Segregationsprozesse in Lateinamerika laufen anders ab als in Europa und verlangen andere Antworten einer kommunalen Sozialpolitik.

Zu: „Hausmannisierung“ in den Tropen: Aktiver Urbanismus und infrastrukturelle Gewalt in Nicaragua (Dennis Rodgers)

Am Beispiel von Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, beschreibt der Autor die Dynamiken einer umfassenden Transformation der Infrastruktur dieser Stadt. Ähnlich, wie Paris im 19. Jahrhundert durch die „Hausmannisierung“ einen totalen Strukturwandel durchmachte, der interessengleitet war, hat ein solcher Prozess auch in Managua stattgefunden. Nach Erdbeben, Sieg der Revolution und Machtverlust kommt die Stadt seit den 1990er Jahren zu einem Punkt, wo Planungsprozesse die Stadt von einer chaotischen Stadt zu einer städtebaulich strukturierten Stadt allmählich veränderten. Wie diese Prozesse vonstatten gingen, wird ausführlich analysiert und beschrieben. Dabei ging es u. a. auch um die Vertreibung einer angestammten Bevölkerung und der Autor argumentiert mit dem Begriff der infrastrukturellen Gewalt.

Zu: Stadtwicklung der Mega-Events in Rio den Janeiro (Stephan Lanz)

Nun ist es ja kein Geheimnis, dass Städte die Chance nutzen, sich durch Großevents auch zu verändern, die Mittel einzusetzen für Stadterneuerungsprogramme oder Stadtentwicklungsprogramme. Das tat auch Rio de Janeiro. In diesem Beitrag möchte der Autor analysieren, wie eine solche Stadtentwicklungsstrategie der Urbanisierung entstand, die auf solchen Großevents beruht und die von einem spezifischen sicherheits- und ordnungspolitischen Konzept getragen war. Die durch De-Industrialisierung und wachsender sozialer Probleme gebeutelte Stadt sollte rekonstruiert werden. Am Beispiel des Hafenprojekt Porto Maravilha wird dies nachgezeichnet.

Gleichzeitig verweist der Autor auf eine Entdemokratisierung der Stadtplanung; durch Public-Private-Partnership-Projekte zentralisierte sich die Macht bei wenigen Akteuren der Stadtverwaltung.

Dann gab es eine Reihe von Projekten, die sich auf die Verbesserung der sozialräumlichen Integration bezogen. Es ging um die ökonomische Aufwertung von zentralen und randständigen Zonen, in denen hauptsächlich marginalisierte Gruppen wohnten; dann ging es um groß angelegte Verkehrsvorhaben und schließlich um einen staatlich subventionierten Wohnungsbau, der der sozialräumlichen Integration der Bewohnerschaft diente.

Weiter beschreibt der Autor ausführlich die Law-and-Order-Politik.

Sein Resümee bezieht sich auf die Kolonisierung der urbanen Peripherien, die nicht räumlich gedacht werden müssen, sondern sozial. Sie sind gekennzeichnet durch ihre schlechte Erreichbarkeit, durch soziale Distanzen und mangelnde Infrastruktur.

Zu: Die Retro-Kolonisierung der Stadt: Kulturerbepolitiken und Vertreibung im historischen Stadtzentrum von Lima (Olaf Kaltmeier)

Vor dem Hintergrund des Welterbeprogramms der UNESCO beschreibt der Autor die Entwicklungs- und Erneuerungsgeschichte der Altstadt von Lima, die für die Bevölkerung nicht unproblematisch verlief. Die Stadt Lima ist – so eine kleine Stadtgeschichte – auch städtebaulich durch die Kolonialzeit geprägt. Im 20. Jahrhundert hat sich die Stadt grundlegend gewandelt – auch die Globalisierung hat die Stadt erreicht. Und dann beschreibt der Autor die Stadt als Heritage-City. Im Rahmen eines interdisziplinären Diskurses, der von verschiedensten Organisationen initiiert wurde, diskutieren Vertreter der Soziologie, der Ökonomie und Planung das Kulturerbe der Stadt. Es geht um die Erhaltung der Bausubstanz auch mit einer gewissen Historisierung der städtebaulichen Gestalt. So kommt es zu einer Re-Kolonisierung der materiellen urbanen Substanz – so der Autor. Und es kommt zu einer Vertreibung und Umsiedlung von marginalisierten Gruppen aus dem historischen Stadtkern, der aber nicht ohne Widerstand hingenommen wurde. Dies erörtert der Autor ausführlich. Danach er setzt sich mit der kolonialen Nostalgie auseinander, die mit der Re-Kolonisierung der baulichen Gestaltung einhergeht.

Zu: Buenos Aires: Räumliche Grenzen und Politik in der Stadt (Alejandro Grimson)

Es geht hier um das Verhältnis von sozialem Raum und der Politik im Alltag in einem Stadtviertel (barrio). Im Stadtviertel verdichten sich Alltagserfahrungen und politisches Handeln und das barrio ist mehr als ein Verwaltungsbezirk - es ist ein sozialer Raum, in dem man sich auch sozial verorten kann. Der Autor hat auf der Basis ethnographischer Ansätze in der Metropolregion Buenos Aires geforscht und stellt hier seine Ergebnisse vor.

Zunächst setzt er sich vor dem Hintergrund klassischer soziologischer Arbeiten mit dem Charakter des barrio auseinander, geht dann ausführlich auf die sozialräumliche Verteilung der Bevölkerung auf der Basis sozioökonomischer Kriterien ein und diskutiert dann die Beziehung von Raum, sozialer Klasse und Alltagspraktiken, die er stark mit dem Neoliberalismus verbindet. Der Neoliberalismus hat die Grenzziehungen zwischen unterschiedlichen barrios verstärkt, was auch sichtbar wird, wenn höhere Mauern und Alarmanlagen das Quartier abschotten. Aber auch die Bedeutung, die Akteure einem barrio geben, schafft Grenzen. Dies wird ausführlich erörtert, wenn der Autor über räumliche und raumproduzierende Proteste berichtet.

Zu: Politische Anarchie oder kollektive Selbstverwaltung einer besetzen Stadt? Der Fall Oaxaca in Mexiko (Marco Estrada Saavedra)

Zunächst beschreibt der Autor die Situation eines Streiks der Lehrer, der sich zu einer Massendemonstration ausweitete und auf diese Weise von den Lehrern vorerst für sich entschieden werden konnte. Das Volk übernahm die Staatsmacht und die damit verbundenen Auswirkungen beschäftigen den Autor in diesem Beitrag.

Erstmal wird die Kommune von Oaxaca beschrieben; weiter geht es um die Beschreibung der Zunahme von öffentlicher Gewalt gegen die Demonstranten durch paramilitärische Einheiten. Die Auseinandersetzung zwischen den Demonstranten und der Staatsmacht im öffentlichen Raum werden ausführlich erörtert; Straßenkunst als Protestform kommt auf, öffentliche Gebäude dienen als Projektionsflächen. Weiter werden die besetzen Kommunikationsmedien genutzt, um in phantasievoller Weise zu informieren und zu diskutieren.

Zu: Memoria als öffentlicher Raum, Imaginario und Konflikt: das Beispiel Buenos Aires (Anne Hufschmid)

Wie erinnert sich Buenos Aires an sich selbst? Es geht in der Tat um die Erinnerungspraxis der Stadt und die Autorin führt die Leser zu konkreten Orten der Erinnerung. Zuvor stellt sie drei Thesen zur Diskussion:

  • Erinnerung wird verstanden als urbane Praxis, die zu einer Produktion von öffentlichen Räumen beiträgt.
  • Die sozial- und kulturwissenschaftliche Stadtanthropologie, wie sie sich in Lateinamerika herausgebildet hat, hat ein Konzept entwickelt, das eine Verschränkung von materieller Stadt und immaterieller Gewalterfahrung und -erinnerung ermöglicht.
  • Soziales Erinnern im öffentlichen Raum ist immer konfliktträchtig, interessengeleitet und gegenwartsgebunden.

Diese Thesen werden intensiv und ausführlich erörtert und mit Bildern unterlegt.

Zum Schluss fragt die Autorin, welche Funktion urbane Erinnerungsorte zwischen Heilen und Befrieden, Kontemplation und Gedenken überhaupt haben.

Zu: Neoliberale Stadtentwicklung und die Privatisierung von Planung: Macht, Wissen und die Rolle der „Harvard Boys“ in Chile (Michael Lukas)

In der Zeit der Militärregierung unter Pinochet wurden auch die Stadtentwicklungspolitik und die Stadtplanung mit dem neoliberalen Geist durchzogen. Liberalisierung, De-Regulierung und Privatisierung bestimmten die Entscheidungen. Dazu macht der Autor einführende Bemerkungen; sein Beitrag bezieht sich einmal auf die Rolle der Experten und Technokraten in einer neoliberal geprägten Stadtpolitik und -planung, dann geht es dem Autor um den Einfluss ökonomischer Gruppen auf die Stadtentwicklung.

Die Herrschaft der Technokraten ist sehr stark mit der Militärdiktatur verbunden. Mit der Rückkehr der Demokratie änderte sich allerdings nichts, was auch mit der Stellung der Technokraten nach dem Wechsel zur Demokratie zu tun hat. Dies wird ausführlich diskutiert und begründet.

Die Harvard Boys kommen dort ins Spiel, wo sich Widerstand gegen den Planungsstil der Konditionierten Planung regte und der mit dem New Urbanism verbunden ist. Auch dies wird ausführlich diskutiert. Mit den New Urbanism wird auch eine Forschungsrichtung relevant, die auf eine andere Diskurs- und Wissensproduktion setzt, was den Autor zu weiteren Überlegungen veranlasst.

Zu: Bogotá Humana – die Stadt der Müll und der Frieden (Manuel Rivera)

Zunächst geht der Autor ganz allgemein auf den lateinamerikanischen Urbanisierungsprozess ein, der der stärkste und zugleich der ungleicheste ist, was das Verhältnis von Stadt und Land angeht. Er beschreibt dann die Situation in Bogotá als eine schnell wachsende und sehr dicht besiedelte Stadt. Weiter erwähnt der Autor die wachsende Expansion der Stadt in die Savanne, was die Ungleichheit zwischen Stadt und Land noch verschärft.

Wofür steht Bogotá bespielhaft? fragt der Autor.

  1. Die Integration der Stadt mit ihrem Umland als politisches Projekt. Dabei geht es um die Frage eines urbanisierten Umlandes, das durch Pendlerströme gekennzeichnet ist.
  2. Ein Ineinander von Top-Down-Initiative und kulturellem Wandel. Wie wirkt das Fehlen einer sozialen Bewegung in Kolumbien auf die Durchsetzung von Macht und Interessen von unten?
  3. Diversität als Programm? Wie geht man mit Diversität in der Durchführung von Projekten um?

Diese Punkte werden vom Autor ausführlich diskutiert.

Zu: Urbane Visionen: Fußball und Erlösung im lateinamerikanischen Film (Joachim Michel)

Sozialanthropologisch spiegelt der Fußball das soziale Drama der Gesellschaft im Kleinen wider. Damit führt der Autor zunächst in seinen Beitrag ein. Dabei wird der Individualismus angesprochen und auf das Patriarchat eingegangen, das sich auch in den urbanen Zentren noch hält und den Fußball bestimmt.

Der Autor beschäftigt sich dann mit dem Fußball im Film. An zwei Beispielen will er zeigen, wie der Film den Fußball nicht nur als Verlängerung der gesellschaftlichen Ordnung begreift, sondern gerade in der urbanen Inszenierung punktuell mit jener Ordnung zu brechen vermag. Der eine Film heißt „El camino de San Diego“, der andere „Linha de passe“. Diese Filme werden ausführlich beschrieben und analysiert. Es sind zwei unterschiedliche Filme, die auf unterschiedliche Weise die Bedeutung des Fußballs für die Gesellschaft veranschaulichen.

Zu: Latinas/os in den USA: Eine historische Perspektive auf ethnische Gruppenbildung und Barrio-Organisationen in New York (Silke Hensel)

Die Autorin beschäftigt sich mit den lateinamerikanischen Migranten in den USA. Es geht ihr um die ethnische Gruppenbildung bei Migranten und Migrantinnen lateinamerikanischer Herkunft. Die Autorin will auf die Dynamiken und Akteure aufmerksam machen, die dabei eine Rolle spielen und in welchen Situationen eher eine nationale Grenzen überschreitende Identifizierung bei ihnen stattfand und wann die nationale Herkunft stärker betont wurde (180).

Zunächst wird die Geschichte und Struktur der Migration aus Lateinamerika in die USA beschrieben, um dann speziell auf die „Hispanos“ in New York zu sprechen zu kommen. Auch deren Situation und Struktur wird ausführlich erörtert. Es geht dann S. Hensel um die Frage, ob die Latinas/os eine neue ethnische Gruppe ist, die sich durch eine nationenübergreifende Identifikation auszeichnet.

Zu: Spirituelle Migration und urbaner Lifestyle: die danzanes prehispánicos in der CSA La Tabalera in Madrid (Eva Youkhana)

Die Autorin setzt sich mit einer Gruppe aztekischer Tänzerinnen und Tänzer in Madrid auseinander. Solche Tanzgruppen erfahren in den letzten Jahren einen Aufschwung, nachdem sie in der vorspanischen Zeit eine Bedeutung hatten. Der Charakter solcher Tanzgruppen wird zunächst beschrieben und dann in den urbanen Kontext von Madrid, speziell in den des Einwanderungsviertels Lavapiés gestellt. Die historische Altstadt ist der sozialräumliche Kontext; sie gilt als der repräsentativste Ort und ist urbanes Auffangbecken künstlerischer Akteure. Gleichzeitig soll das Quartier Lavapiés durch städtebauliche Maßnahmen besser an die Stadt angebunden werden, was auch zu einer Kontroverse über den Charakter der Altstadt Madrids geführt hat.

Die Autorin geht dann weiter der Frage nach, ob die danzantes prehispánicos eine neue soziale Bewegung mexikanischen Ursprungs ist. Dabei wird auch die Geschichte der Kolonialzeit virulent. Die Danzantes werden dabei als prähispanisches, nationalistisches und (post)modernes Phänomen beschrieben und auf einige Beispiele geht die Autorin ein. Ein zentraler Anlaufpunkt ist das Centro Social Autogestionade (CSA) La Tabalera, ein selbstverwaltetes Sozial- und Kulturzentrum. Dabei wird die Bedeutung dieses Zentrums und der Tanzgruppe für den Stadtteil ausführlich hervorgehoben. Die CSA bündelt Menschen und vernetzt sie, schafft Vertrauen und Zugehörigkeit und ist Ausgangspunkt einmal kreativer Prozesse, zu anderen aber auch von Protest. Die Gruppe der Guerrereos de Luz, die mit dem Sozial- und Kulturzentrum unmittelbar verbunden ist, bestimmt dabei auch das Geschehen im Stadtteil mit. Dabei spielen Spiritualität, kollektive Sinneswahrnehmung und kosmische Erfahrung eine zentrale Rolle. Damit setzt sich die Autorin ausführlich auseinander. Sie problematisiert dabei auch die Kommerzialisierung und Exotisierung der Tänze.

Diskussion

Unterscheidet sich die lateinamerikanische Stadt von der europäischen Stadt oder gleichen sich gerade Metropolen im Zuge der Globalisierung an? Sicher gibt es Ähnlichkeiten in der Struktur und Dynamik, mit der die Städte in Lateinamerika und Europa konfrontiert sind. Die ökonomische Kerndynamik der Metropolen wird aber auch eher gebrochen durch die jeweilige kulturelle und soziale Dynamik, die europäische Städte von lateinamerikanischen unterscheidet. Die Dynamik von Integration und Ausgrenzung hat in Lateinamerika ein anderes Gesicht; der städtebauliche Charakter der fragmentierten und sozialräumlich gespaltenen Stadt hat in Lateinamerika einen spezifischen Charakter, der sicher auch mit der Geschichte der Urbanisierung in der Kolonialzeit und davor zusammenhängt.

Die im Buch angeschnitten Aspekte städtischen Lebens zeigen ein breites Spektrum der für die lateinamerikanischen Städte typischen Prozesse, Strukturen und Praktiken städtischen Lebens. Sie verweisen aber auch auf urbane Phänomene, die typisch für jede Stadt sind und die wir in allen Städten der Welt kennen. Aber sie haben hier eine besondere soziale, historische und soziale Ausprägung.

Fazit

Das Buch bringt dem europäischen Leser die lateinamerikanische Stadt näher und man versteht auch besser, warum sie so funktioniert, warum sie so mit Events umgeht und wie man darin lebt.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 13.04.2015 zu: Hans-Jürgen Burchardt, Olaf Kaltmeier, Rainer Öhlschläger (Hrsg.): Urbane (T)Räume. Städte zwischen Kultur, Kommerz und Konflikt. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. ISBN 978-3-8487-1335-6. Studien zu Lateinamerika, Band 28. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18287.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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