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Melanie Verhovnik, Michael Trappe: School Shootings

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 28.01.2015

Cover Melanie Verhovnik, Michael Trappe: School Shootings ISBN 978-3-8487-1805-4

Melanie Verhovnik, Michael Trappe: School Shootings. Interdisziplinäre Analyse und empirische Untersuchung der journalistischen Berichterstattung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 414 Seiten. ISBN 978-3-8487-1805-4. D: 74,00 EUR, A: 76,10 EUR, CH: 105,00 sFr.
Schriftenreihe Aktuell. Studien zum Journalismus ; Bd. 9
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Why Kids kill?

Mit dieser Frage, die auch als Hilferuf zu verstehen ist, suchen Psychologen, Soziologen, Pädagogen, Kriminologen…Antworten auf Taten von Amokläufern in Schulen. Der US-amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Peter Langman untersucht in seinem Buch „Why Kids Kill“ die Lebenssituation und die Motive von zehn jugendlichen Amokläufern in den USA, die bei ihrer Tat zwischen 11 und 23 Jahren alt waren. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass die meisten School-Shooter aus soliden und intakten weißen Mittelschichtfamilien kommen (siehe dazu: Peter Langman: Amok im Kopf. Beltz Verlag, Weinheim / Basel 2009, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/7996.php). Zur Auseinandersetzung über die Frage, wieso es Amokläufe in Schulen gibt, wie die Verbrechen in das gesellschaftliche Muster von „Gut und Böse“ eingeordnet werden und letztendlich verhindert werden können, bezieht der Leiter des Forschungsschwerpunkts „Psychoanalyse und Gesellschaft“ am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut, Rolf Häupl, die Position, dass eine Analyse der School-Shootings zwangsläufig in die Mitte der Gesellschaft führe, die alles andere als friedlich und überdies nicht nur individuell, sondern vor allem strukturell gewalttätig sei. Auch der Frankfurter Soziologe Benjamin Faust stellt fest, dass die jugendlichen Amokläufer tief verstrickt in das gesellschaftliche Umfeld seien, in dem sich ihre Tat ereignet (siehe dazu: Benjamin Faust, School-Shooting, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9353.php), und der an der Universität Rostock am Institut für Soziologie und Demographie tätige Soziologe Robert Brumme zeigt mit soziologischen Analysen, dass bei der Betrachtung von Amokläufen und speziell von School.Shootings die gesellschaftlichen Zustände herangezogen werden müssen (Robert Brumme, School Shootings. Soziologische Analysen, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10717.php). Zahlreiche weitere Auseinandersetzungen über Taten und Täter füllen mittlerweile Bücherregale. In Schulen werden Bildungs- und Erziehungsprogramme entwickelt, wie School Shootings verhindert werden können.

Entstehungshintergrund

Ein wesentliches Echo auf School Shootings zeigt die journalistische Berichterstattung. Die Medienbeiträge reichen dabei von seriösen, objektiv formulierten, dargestellten, kommentierenden und wertenden Informationen, bis hin zur Sensationspresse. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen muss sich darum bemühen, die Wirklichkeiten kritisch und wahrheitsgemäß in einem öffentlichen Diskurs zu vermitteln und jeder Form von Sensationsmache aus dem Weg zu gehen. Über die deutsche Berichterstattung zu Amokläufen in Schulen gibt es bisher keine umfassende Darstellung der Ereignisse in den Print- und visuellen Medien.

Autorin

Die Kommunikations-, Politikwissenschaftlerin, Sozialpsychologin und Diplom-Journalistin Melanie Verhovnik ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Journalistik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt tätig. Mit dem vorliegenden Buch „School Shootings“ legt die Autorin ihre Dissertationsschrift vor.

Aufbau und Inhalt

Die umfangreiche, mit zahlreichen empirischen Quellenmaterialien ausgestattete wissenschaftliche Arbeit gliedert die Autorin, neben der Einführung, in der die Relevanz des Forschungsthemas erläutert und die Forschungsfragen thematisiert werden, und dem Resümee, in dem die Bedeutung der öffentlichen, medialen Berichterstattung zusammenfassend dargestellt wird, in weitere neun Kapitel.

Besonders Themen, die eine große öffentliche Aufmerksamkeit und Emotionalität bewirken, benötigen für die journalistische Berichterstattung ein hohes Maß an Begriffsklärungen und terminologischen Anwendungen, wie auch objektive, epistemiologische Nachforschungen; etwa zu Tatort, Tathergang, Täter und Opfer. Die Autorin schaut sich hierzu ausgewählte School Shootings an: Columbine / USA 1999; Meißen 1999; Erfurt 2002; Emsdetten 2009; Winnenden 2009; Ansbach 2009. Sie thematisiert daraus die Ursachen, die für die Gewalttaten ermittelt werden können und formuliert biopsychologische Erklärungsansätze und psychologisch-soziologische Theorien.

Um aussagekräftige und für die Analysebildung notwendige Schlussfolgerungen ziehen zu können, bedarf es der Betrachtung von individuellen und gesellschaftlichen Risikofaktoren, und zwar der individuell habhaftbaren bei den Tätern, wie auch die gesellschaftlich vorfindbaren und identifizierbaren, etwa beim Tatort Schule, als auch der Bedeutung von medialen Einflüssen auf die Tat. Trotzdem ist es nicht möglich, eindeutige, allgemein zutreffende Risikofaktoren und Befindlichkeiten bei School Shootern ausfindig zu machen: „School Shootings sind multikausale Ereignisse“. Diese Einschränkung freilich kann nicht bedeuten, dass es keinerlei Maßnahmen gegen School Shooting gibt; vielmehr bedarf es des intensiven Nachdenkens und -forschens nach Möglichkeiten der Prävention und Intervention. Dass dabei pädagogische und psychologische Aufmerksamkeit wichtig ist, um Entwicklungsstörungen und -veränderungen wahrzunehmen, bedarf dabei eigentlich keiner besonderen Betonung – verweist jedoch darauf, dass Bildungs- und Erziehungsprozesse ganzheitlich und human verlaufen sollten.

Im Kapitel „Frames und Framing“ wird der kulturwissenschaftliche Forschungsstand zu den Fragen nach den Prozessen der festen Einbeziehung von gesellschaftlichen Ereignissen in den öffentlichen Aufmerksamkeitsbereich und die öffentliche Wahrnehmung durch Medien diskutiert. Das hat insbesondere für die Betrachtung und Auseinandersetzung mit School Shootings eine besondere Bedeutung. Die Autorin benutzt für ihre Arbeit, anstelle der üblichen Clusterranalysen, ein zweistufiges Verfahren: „Zunächst werden über ein Gruppierungsverfahren Häufigkeiten (von Ursachenzuschreibungen, JS) ausgewertet und auf diese Weise die Anzahl wahrscheinlicher Cluster identifiziert… In einem zweiten Schritt wird eine Clusterzentrenanalyse durchgeführt, die Zahl der Cluster überprüft und die darin enthaltenen Merkmalskombinationen beschrieben“.

Die Forschungsergebnisse werden in einer qualitativen Inhaltsanalyse dargestellt, bei der in einem „Codebuch“ die Analyse- und Bewertungskriterien erfasst sind, die einen Gesamteindruck bei der Berichterstattung der School Shootings-Fälle ermöglichen, Mit einer quantitativen Inhaltsanalyse werden die Texte und Fernsehbeiträge zu den ausgewählten School Shootings in den Printmedien, Rundfunk- und Fernsehsendungen ausdifferenziert und bewertet. Die Analyse der inhaltlichen Kriterien der Berichterstattung auf Tatbezeichnung, Ursachenbeschreibung, Vorschlägen zu Interventions- und Präventionsmaßnahmen, Täter- und Opferdarstellungen wird mit einem Hypothesen-Katalog zusammengefasst, die sich zum einen auf die Untersuchung der qualitativen und quantitativen, medialen Berichterstattung über die ausgewählten School Shootings stützt, zum anderen, gewissermaßen als Kontroll- und Verifizierungsinstanz, durch die Einbeziehung von Aussagen von Schüler_innen und Student_innen in arrangierten Gruppendiskussionen, zu tragenden Empfehlungen für einen verbindlichen Leitkodex zur Medienberichterstattung bei School Shootings kommt.

Fazit

Die Untersuchung über den medialen Umgang mit School Shootings und den Wirkungen der Berichterstattung auf die Übernahme von Frames durch Rezipienten hat eine Fülle von Erkenntnissen zutage gebracht, die bisher in der wissenschaftlichen Forschung so nicht ermittelt wurden. Der Schwerpunkt der Forschungsarbeit liegt dabei auf der Betrachtung und Analyse der journalistisch formierten Adressaten-, Informations- und Meinungsbildungsinstanzen. Weil School Shootings multikausale Taten sind, bedarf es bei der wissenschaftlichen Betrachtung und Analyse der Problematik, das schlägt die Autorin auch vor, einer erweiterten, interdisziplinären Forschung, die Fachbereiche wie Pädagogik, Psychologie und Kriminalistik einbezieht.

Die Forschungsarbeit stellt, sowohl was die Methodik, als auch die Theorie-, Hypothesenbildungen und Ergebnisse anbelangt, einen wichtigen Beitrag zu den Fragen nach den Ursachen, wie den Interventions- und Präventionsmaßnahmen von School Shootings dar.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1548 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.01.2015 zu: Melanie Verhovnik, Michael Trappe: School Shootings. Interdisziplinäre Analyse und empirische Untersuchung der journalistischen Berichterstattung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-1805-4. Schriftenreihe Aktuell. Studien zum Journalismus ; Bd. 9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18288.php, Datum des Zugriffs 25.05.2022.


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