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Kerstin Duemmler: Symbolische Grenzen

Cover Kerstin Duemmler: Symbolische Grenzen. Zur Reproduktion sozialer Ungleichheit durch ethnische und religiöse Zuschreibungen. transcript (Bielefeld) 2015. 439 Seiten. ISBN 978-3-8376-2657-5. D: 36,99 EUR, A: 38,10 EUR, CH: 48,10 sFr.
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Thema

Im Zentrum des Buches stehen Fragen hinsichtlich der symbolischen Produktion von Ungleichheit und die Bedeutung von Ethnizität und Religion in Grenzziehungsprozessen unter Jugendlichen. Anhand einer telefonischen Befragung von Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren im Kanton Luzern und einer qualitativ-ethnografischen Forschung in vier Schulklassen wird eruiert, wie eine klare Grenzlinie zwischen den „Etablierten“ und den „unbeliebten Anderen“ zu Tage tritt.

Autorin

Dr. phil. Kerstin Duemmler arbeitet als Senior Researcher am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung in Lausanne. Sie forscht zu Migration, Diversität und Ungleichheit im Bildungssystem.

Entstehungshintergrund

Bei dem Buch handelt es sich um die Promotion zum Dr. phil. von Kerstin Duemmler. Sie wurde im Rahmen des vom Schweizer Nationalfonds finanzierten Forschungsprogramms „Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft“ (2007-2010) erstellt.

Aufbau

Das Buch umfasst die folgenden zwölf Kapitel:

  1. Symbolische Grenzen: Reproduktion sozialer Ungleichheit durch ethnische und religiöse Zuschreibungen (26 Seiten)
  2. Theoretischer Analyserahmen (59 Seiten)
  3. Fazit und Forschungsfragen (9 Seiten)
  4. Ein Mixed-Methods-Design (11 Seiten)
  5. Zur (De)-Institutionalisierung ethnischer und religiöser Grenzlinien (16 Seiten)
  6. Eine Annäherung über quantitative Daten: Grenzziehungen um Religion und Ethnizität (20 Seiten)
  7. Anpassungsparadigma in Grenzziehungen gegen „Ausländer“ (23 Seiten)
  8. Positionierungen gegenüber dem Anpassungsparadigma (36 Seiten)
  9. Gleichberechtigungsparadigma in Grenzziehungen gegen „Kosovo-Albaner“ (28 Seiten)
  10. Säkular und religiös legitimierte Grenzziehungen gegen Muslime (37 Seiten)
  11. Herstellung und Auflösung ethnischer und religiöser Grenzen durch die Schule (30 Seiten)
  12. Zusammenfassung und Schlussbetrachtungen (27 Seiten)

Das Buch enthält einen Anhang mir drei Tabellen mit Informationen zur Religionszugehörigkeit, Staatsangehörigkeit und der Herkunft der Eltern der 74 befragten Jugendlichen, sowie drei Tabellen mit den Ergebnissen der Regressionsanalysen. Die Bibliographie umfasst etwa 400 Literaturverweise.

Inhalt

Die sozialwissenschaftliche Forschung hat sich lange Zeit nur auf manifeste Formen sozialer Ungleichheit konzentriert. Die symbolische Produktion von Ungleichheiten weckte in der Forschung erst in den letzten zehn Jahren verstärktes Interesse. Zum Ineinandergreifen von symbolischer und sozialer Ungleichheit liegen mittlerweile eine Reihe von Studien vor. Dieses Buch widmet sich im Unterschied dazu ausschließlich symbolischen Grenzziehungen unter Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Die Institution Schule stellt für die Fragestellungen der Studie einen idealen Forschungsort dar, weil Schulklassen im Hinblick auf die Herkunft und die Religion meistens sehr heterogen zusammengesetzt sind.

In Kapitel 2 wird zunächst erläutert, was unter Grenzziehungen zu verstehen ist. Anschließend geht es um die wichtigsten Umverteilungsmechanismen mit Rekurs auf sozialpsychologische Theorien zur sozialen Identität.

Die zentralen Forschungsfragen der Untersuchung werden in Kapitel 3 präzisiert.

Bei der Untersuchung kam ganz bewusst ein Mix aus quantitativen und qualitativen Methoden zum Einsatz (Kapitel 4). Der quantitativ orientierte Erhebungsteil besteht aus einer standardisierten Telefonumfrage einer Zufallsstichprobe von 16 bis 18-jährigen Jugendlichen aus dem Kanton Luzern. Die Bruttostichprobe umfasste 2135 Personen. Realisiert wurden letztlich insgesamt 413 Interviews. Der qualitativ-ethnografische Teil der Untersuchung fand in einer gymnasialen Maturitätsschule und drei Berufsschulen statt. Folgende Methoden kamen zu Einsatz: Teilnehmende Beobachtungen, Gruppendiskussionen und Leitfadeninterviews mit den Schülern, sowie Experteninterviews mit Lehrenden, Beratungspersonen und Schulleitungen.

In Kapitel 5 werden die kontextuellen Rahmenbedingungen behandelt, unter denen die Jugendlichen und die Institution Schule ethnische und religiöse Grenzlinien verhandeln können. Im Einzelnen wird im Hinblick auf die Einwanderungs- und Integrationspolitik in der Schweiz auf folgende Aspekte eingegangen: Äußerlich revidiertes Assimilationsparadigma in Luzern, Auflösung der historischen Grenzlinie gegenüber Einwanderern aus Italien, Einwanderern aus dem Kosovo, „unbeliebte Andere“ par excellence, Auflösung der historischen Grenzlinie gegenüber der protestantischen Religion und muslimische Einwohnern, „unbeliebte Andere“ par excellence.

In den Kapiteln 6 und 7 wird der Versuch unternommen, die Frage nach Grenzziehungen um Religion und Ethnizität mit Hilfe einer quantitativen Datenanalyse anzugehen. Es zeigt sich, dass „Schweizer“ und „Italiener“ zu den beliebtesten Kategorien gehören, während „Ausländer“, „Albaner“ und „Muslime“ ganz anders wahrgenommen werden und sich von ihnen stark abgegrenzt wird.

In Kapitel 8 geht es darum, wie sich die „unbeliebten Anderen“ gegenüber dem Anpassungsimperativ positionieren. Durch die ausführliche Wiedergabe einer Reihe von qualitativen Interviews wird ersichtlich, dass bei den befragten Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine große Heterogenität hinsichtlich des Umgangs mit dem Anpassungsdruck besteht. Dieses Resultat konnte mittels der quantitativen Telefoninterviews nicht zum Vorschein gebracht werden.

Kapitel 9 hat das Ziel zu rekonstruieren, wie sich die Grenzlinie Kosovo-Albaner/Schweizer im Schulalltag manifestiert. In den drei Berufsschulen ist dieses Thema von besonderer Relevanz, weil es hier die meisten Jugendlichen mit Vorfahren aus dem Kosovo gibt. Gegenüber den Kosovo-Albanern gehen die meisten Schweizer Jugendlichen von unüberwindbaren kulturellen Differenzen im Hinblick auf die gleichberechtigte Gestaltung von Geschlechtsbeziehungen aus.

In Kapitel 10 befasst sich die Autorin mit säkular und religiös legitimierten Grenzziehungen gegenüber Muslimen. Die folgenden Aspekte werden in diesem Kontext behandelt: Moderate statt extreme Religiosität, individualisierte statt doktrinäre Religion, Einschreibung in ein christlich-religiöses Erbe, Grenzziehung gegenüber Muslimen aufgrund ihres antizipierten religiösen Extremismus sowie aufgrund von auferlegtem Zwang durch die muslimische Religion.

Die Frage nach den Möglichkeiten der Verminderung und Auflösung ethnischer und religiöser Grenzziehungen durch die Institution Schule steht im Mittelpunkt von Kapitel 11. Im Wesentlichen konnten die folgenden drei Konzeptionen beobachtet werden: Ethnische und religiöse Diversität als Bereicherung, Anpassungsparadigma und Verharmlosung der Grenzziehungen.

Im abschließenden Kapitel 12 werden die wichtigsten Ergebnisse in sieben Thesen zusammenfassend dargestellt, und es wird erörtert, welche möglichen Implikationen sich aus der Studie für die zukünftige Forschung ergeben.

Diskussion

Von besonderem Interesse ist das Mixed-Design der Studie. Insgesamt zeigt sich, dass der qualitative Teil weitaus mehr interessante Resultate zutage gefördert hat als der rein quantitative Ansatz. Allerdings ist es bedauerlich, dass unter den insgesamt 74 Befragten lediglich 5 Personen Muslime sind.

Zielgruppen

Zielgruppen für das empfehlenswerte Buch sind Lehrende, Forschende und Studierende der Soziologie und Kulturwissenschaften, sowie qualitativ-ethnografisch interessierte Wissenschaftler und Studierende.

Fazit

Eine sehr gut gelungene Dissertation. Das gilt für die theoretischen und empirischen Anteile gleichermaßen. Es geht in der Studie nicht in erster Linie um instrumentuelle Auseinandersetzungen um knappe Ressourcen und Lebenschancen, sondern es wird primär soziale Missachtung kommuniziert, und es wird untersucht, wie soziale Anerkennung verweigert wird. Erfahrbar wird dadurch, wie symbolische Ungleichheitsverhältnisse im Lebensalttag Gestalt annehmen können. Damit leistet Kerstin Duemmler einen wichtigen für die Integrationsthematik. Eine Stärke der Studie ist, dass es gelingt, der Frage der Integration mit der Frage der Produktion von symbolischen Ungleichheiten zu verknüpfen.


Rezension von
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 27.02.2015 zu: Kerstin Duemmler: Symbolische Grenzen. Zur Reproduktion sozialer Ungleichheit durch ethnische und religiöse Zuschreibungen. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2657-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18304.php, Datum des Zugriffs 19.09.2020.


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